Skip to Content

André Pitz

Leipzig, Germany

journalist by trade, cinephile at heart

1365 posts

Posts by André Pitz

Gesehen: The Loveless (1981)

Gesehen: The Loveless (1981)
(c) Pioneer Films

Wer sich wie ein Faschist benimmt, der ist auch ein Faschist – ob nun mit oder ohne Hakenkreuztattoo. Etwas ausführlicher formuliert: Hier wird die Annäherung der Gesellschaft bei der Herausbildung faschistoider Züge gezeigt. Ja, land of the free, aber nur für diejenigen, die nach unserem sehr engen Regelwerk spielen. Und das ist natürlich Freiheit für niemanden. Wer bestimmte Lebensentwürfe nicht als gesellschaftsfähig oder gar lebenswürdig betrachtet und die eigene Gemeinschaft derart überhöht, der darf sich den Faschismusvorwurf schonmal anhören.

Was aber davon abgesehen auch zur Wahrheit dieses Films gehört: Alles ist unfassbar spröde und gestelzt ausformuliert und auch entsprechend gespielt. THE LOVELESS ist viel zu starr, will nie so richtig in einen Fluss kommen und arbeitet letztlich doch mit zu unkonkreten Figuren.

★★½☆☆

US, R: Kathryn Bigelow, Monty Montgomery, D: Willem Dafoe, Robert Gordon, Marin Kanter, J. Don Ferguson, Tina L’Hotsky, Bob Hannah, Trailer, Wikipedia

Johannes Franzens großartiger Text über den Statusverlust der Kritik

Johannes Franzens großartiger Text über den Statusverlust der Kritik
(c) Stephan Rückert / Unsplash

Johannes Franzen hat in der FAZ anhand des nun wieder aktuell gewordenen Beispiels des Choreografen Marco Goecke, der im vergangenen Jahr einer Kritikerin Hundekot ins Gesicht schmierte, einen wirklich großartigen Text über den Statusverlust professioneller Kritik geschrieben.

Wie das Kunstsystem sich das Kunsturteil vom Hals schafft

CO2-Fußabdruck: Gedruckte Bücher vs. E-Books

CO2-Fußabdruck: Gedruckte Bücher vs. E-Books
(c) Harper Collins
Berners-Lee, the author of The Carbon Footprint of Everything, said the average e-reader has a carbon footprint of around 80 pounds. "This means that I've got to read about 36 small paperback books-worth on it before you break even," he said.

Diese Erkenntnis drüben bei NPR ist natürlich nicht sonderlich überraschend. Aber darum geht es mir hier gar nicht. Vielmehr bin ich im Beitrag darüber gestolptert, dass druckende Verlage etwa mit klimafreundlicheren Schriftarten – also Fonts, die weniger Tinte und Platz auf dem Papier brauchen – experimentieren.

Was das in Zahlen ausgedrückt bedeuten kann, hat Fast Company im April einmal aufgeschrieben.

In an effort to reduce the carbon footprint of each book, they’re tweaking fonts, layout, and even the ink used. The goal is to pack more into each page, while ensuring that the pages are as readable as ever. And so far, these subtle, imperceptible tweaks have saved 245.6 million pages, equivalent to 5,618 trees.

Gesehen: Mies vailla menneisyyttä (2002)

Gesehen: Mies vailla menneisyyttä (2002)
(c) Pandora Film Verleih

Genau wie Aki Kaurismäki dieses Themas nie wirklich müde geworden ist, genauso hebe ich es auch immer wieder gerne hervor: Es ist ein so großes Fest, dabei zuzusehen, wie offen und wie auf Augenhöhe er immer wieder armutsbetroffenen Menschen begegnet und mit großartig trockenem Humor eine Vorurteilsmauer nach der anderen einreißt. Er lässt sich zudem niemals dazu herab, sein Publikum selbstgerecht anzuklagen, sondern nimmt es wohlwollend an die Hand. Zynismus lässt Kaurismäki auch hier nicht in die Welt seiner Figuren drängen, obwohl der zu jeder Gelegenheit versucht, einzudringen. Aber die Menschen wissen, dass sie mehr sind als du Nummer ihres Girokontos – sofern sie überhaupt eins besitzen. In der Gemeinschaft wird die Menschlichkeit am Leben gehalten.

Was ein bisschen nach Kumbaya klingt, sollte jedoch nicht darüber hinwegsehen lassen, dass natürlich auch dieser Film hochpolitisch ist und aufzeigt, dass es praktisch illegal ist, arm zu sein. Das deutsche Äquivalent wäre: Das Arbeitsamt liegt am anderen Ende der Stadt. Zum Termin schafft man es nur rechtzeitig mit der Straßenbahn, weil die Kinder vorher noch zur Schule gebracht werden müssen. Aber die Fahrkarte kann man sich nicht leisten, also fährt man schwarz. Ausgerechnet an diesem Tag wird kontrolliert und für das Begleichen des Bußgeldes reicht das Geld nicht. Also wird eine Ersatzfreiheitsstrafe verhängt. Zack, Knast.

★★★★☆

FI/FR/DE, R: Aki Kaurismäki, D: Markku Peltola, Kati Outinen, Trailer, Wikipedia
Der Mann ohne Vergangenheit - Stream: Online anschauen
Wie und wo du “Der Mann ohne Vergangenheit” online auf Netflix und Prime Video ansehen kannst – einschließlich kostenloser Optionen.

Der LADY VENGEANCE-Score geht mir nicht mehr aus dem Kopf

Der LADY VENGEANCE-Score geht mir nicht mehr aus dem Kopf
(c) capelight pictures

Es ist nun schon ein paar Tage her, dass ich Park Chan-wooks LADY VENGEANCE gesehen habe, aber mehr als der Film hallt bei mir irgendwie immer noch der großartige Score nach.

Schon während des Films habe ich Shazam angeschmissen und konnte erst gar nicht glauben, dass es sich bei dem Score tatsächlich um eine zeitgenössische Komposition handelt, die als Anlehnung an den Barock erdacht wurde und nicht wirklich aus den Federn von Johann Sebastian Bach und Co. stammt.

Ein sich wiederholendes Thema ist außerdem sehr nah dran an Elvis Presleys Can't Help Falling in Love, das sich wiederum auf Jean-Paul-Égide Martinis Komposition für Jean-Pierre Claris de Florians Liebeslied Plaisir d’amour stützt.

Und irgendwo musste ich auch an Smetanas Moldau denken.

(Ich habe überhaupt keine Ahnung von klassischer Musik, liebe es aber, diese ganzen Querverbindungen zu entdecken.)

Dir gefallen meine Texte? Dann gib mir doch einen Kaffee aus!

Gesehen: La stanza del figlio (2001)

Gesehen: La stanza del figlio (2001)
(c) Studiocanal

Ich habe es sogar als ein bisschen skurril empfunden, hier dieser so ausufernd liberalen Familie zuzuschauen; wie vertraut sie miteinander sind, wie offen, warm und ehrlich interessiert sie miteinander umgehen und welche Wärme das ausstrahlt.

Umso herzzerreißender ist dann der plötzliche Tod des Sohnes, der einfach ein gefährlich großes Loch in dieses Gefüge reißt und dadurch Fragen aufkommen, was diese Familie und auch die Liebesbeziehung der Eltern überhaupt zusammenhält. Und hier kommt Nanni Moretti meiner Meinung nach zu einem sehr berührenden Schluss: Dieser tragische Moment offenbart nicht, dass man nur noch wegen der Kinder zusammen war und sich eigentlich gar nicht mehr liebt. Er offenbart, dass aus dieser anfänglich romantischen, zweisamen Liebe etwas noch größeres, noch intensiveres und kaum mit Worten zu Beschreibendes erwachsen ist. Und diese empfundene Vollkommenheit wird auf die wohl schlimmstmögliche Probe gestellt, da klar ist, dass sie niemals wiederhergestellt werden kann.

Man kann sich daran stören, dass hier etwa ökonomische Faktoren keine Rolle zu spielen scheinen, die Familie bestens situiert ist, sich eigentlich um nichts Gedanken machen muss und so genug Raum für die Trauerarbeit hat. Aber das wäre meiner Meinung nach zu kurz gegriffen. Denn Moretti zeigt hier, was für ein singuläres Ereignis der Tod eines Kindes ist, auf das – unabhängig von sozioökonomischen Faktoren – niemand ausreichend gewappnet sein kann. Es geht hier nur um den unmittelbaren Impact dieses Ereignisses und nicht um den Rattenschwanz an daraus folgenden Problemstellungen wie etwa das Aufkommen für die Bestattung.

Bis zum Schluss bewahrt sich der Film seine unglaubliche Wärme, die nicht nur aus den Taten seiner Figuren resultiert, sondern ihren Ursprung natürlich auch in den warmen Bildern, im wohltuenden Score und der rührenden Musikwahl hat. Das große Aber kommt für mich dann bei Nanni Moretti selbst. Mir scheint, dass er hier schauspielerisch an eine Grenze geraten ist, er sich nur selten wirklich auf die Gefühlsebene der Trauer begeben konnte. Und das hat mich leider eher mehr als weniger herausgezogen.

★★★½☆

FR/IT, R: Nanni Moretti, D: Nanni Moretti, Laura Morante, Jasmine Trinca, Giuseppe Sanfelice, Trailer, Wikipedia
Das Zimmer meines Sohnes - Stream: Jetzt online anschauen
Wie und wo du “Das Zimmer meines Sohnes” online auf Netflix und Prime Video ansehen kannst – einschließlich kostenloser Optionen.