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Feuilleton & Firlefanz

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F1 (2025) - Unrettbar verlogen

F1 (2025) - Unrettbar verlogen
Bild: Warner Bros., Apple TV
US · R: Joseph Kosinski · D: Brad Pitt, Damson Idris, Javier Bardem, Kerry Condon, Tobias Menzies, Kim Bodnia · Trailer · Letterboxd · IMDb · JustWatch · Wikipedia

Ästhetisch profitiert der Film natürlich enorm von der Nähe zum Formel-1-Zirkus. Dieses visuelle, in seiner Schärfe nahezu hyperreale Feuerwerk sieht (wirklich richtig gut und) um Längen besser aus als der andere große Vertreter aus der Reihe Rennsportpropaganda, GRAN TURISMO, von Neill Blomkamp.

Damit sind wir schon beim Thema: F1 ist durch eben diese Nähe unrettbar kompromittiert und vereinnahmt. Denn als Formula One Group würde mir diese filmgewordene Reinwaschung natürlich auch verdammt gut schmecken. Joseph Kosinski inszeniert nämlich undurchsichtige, finanzstarke Konglomerate als wahre Antagonisten, als Feinde der armen, selbstverständlich nur auf sportliche Höchstleistungen abzielenden Formel 1. Bequemerweise vergisst der Film zu erwähnen, dass die Formel 1 ein ebenso undurchsichtiges, finanzstarkes Konglomerat ist, das Spektakel statt Spitzensport verkauft.

Dabei will ich gar nicht in Abrede stellen, dass Formel-1-Fahrer Spitzensportler sind. Aber sie sind Teil einer geschlossenen Liga, in die es folglich keine direkte sportliche Aufstiegsmöglichkeit gibt. Wer in die höchste Rennklasse „aufsteigt“, tut das also auch, weil er exzellent vernetzt ist und Reichweitenpotenzial mit sich bringt.

Es ist verlogen, dass F1 diese Zustände kritisiert, ohne zu benennen, dass der Gegenstand der eigenen Inszenierung unbestreitbarer Teil dieser Zustände ist. Joseph Kosinski ist hier nicht viel mehr als ein nützlicher Tölpel und sein Film angesichts der Milliardenumsätze der Formula One Group ein vergleichsweise günstiger PR-Move, der mit lauwarmen Klischees hantiert (und obendrein eine groteske Verachtung der Presse gar nicht erst zu verbergen versucht).

★★☆☆☆

Cure (1997) - Das innere Monster

Cure (1997) - Das innere Monster
Bild: Eureka Entertainment, Eye See Movies, Crunchyroll
JP · R: Kiyoshi Kurosawa · D: Kōji Yakusho, Masato Hagiwara, Tsuyoshi Ujiki, Anna Nakagawa, Yukijiro Hotaru · Trailer · Letterboxd · IMDb · JustWatch · Wikipedia

Funktioniert für mich als Film über die Monotonie des Alltags und der Arbeit, über das Ersticken inmitten der kapitalistischen Logik, über die Alltäglichkeit der Gewalt und die Indifferenz ihr gegenüber, weil sie in (unsere) fremdbestimmte Leben drängt, die sowieso nicht als erfüllend betrachtet werden.

Das ist der Abgrund, mit dem uns Kiyoshi Kurosawa konfrontiert – und mit der permanent unter dem Film schwelenden Tatsache, dass diese Gewalt vielleicht auch in jedem einzelnen Menschen angelegt und deshalb unausweichlich ist, ihr nur die richtige Tür in unserem Unterbewusstsein geöffnet werden muss, um einen Exzess zu entfesseln.

Die Gewalt steht hier außerdem klar für ein der kapitalistischen Gesellschaftslogik inhärentes Eskalationspotenzial, für ein Ausbrechen aus dem Trott, aus den immer gleichen Abläufen im Dienste der Erträge anderer.

Die Gewalt ist Erlösung, Genugtuung, verbotene Frucht, verführerisch, erotisch und das Monster in uns allen zugleich.

★★★★½

Two People Exchanging Saliva (2024) - Nonmention Elon Musk

Two People Exchanging Saliva (2024) - Nonmention Elon Musk
Bild: Misia Films
US/FR · R: Natalie Musteata, Alexandre Singh · D: Zar Amir Ebrahimi, Luàna Bajrami, Aurélie Boquien, Vicky Krieps (Stimme), Nicolas Bouchaud, Mitchell Jean · Trailer · Letterboxd · IMDb · JustWatch · Wikipedia

Status und Klasse werden darüber definiert, wie sehr man sich selbst ramponiert, respektive ramponieren lässt. Empathie ist „the fundamental weakness of Western civilization“. Wer Nähe zulässt, lässt Verletzlichkeit zu. Wer sich verletzlich zeigt, ist unerwünscht, ist schwach und muss zum Wohle der Gesellschaft aussortiert werden.

TWO PEOPLE EXCHANGING SALIVA ist ein Film über die Welt von Elon Musk.

Zwei gute Texte – einer über Hochhäusler, einer über Jarmusch

Zwei gute Texte – einer über Hochhäusler, einer über Jarmusch
Christoph Hochäusler (Martin Kraft unter CC BY-SA 4.0) und Jim Jarmusch (Harald Krichel unter CC BY-SA 4.0); Collage inkl. Zuschnitt von mir

Wer Cuts (und auch die Specials bzw. deren Teaser vor der Paywall) hört, der kommt regelmäßig in den Genuss der Einführungen von Lucas Barwenczik. (Zum Beispiel hier für Kelly Reichardt.) Aktuell sind auch zwei Texte von ihm erschienen, die ich euch ans Herz legen möchte.

Einmal ist da ein Porträt des Kinos von Christoph Hochhäusler beim Filmdienst, dessen neuer Film DER TOD WIRD KOMMEN morgen in den deutschen Kinos anläuft.

Das Kino von Christoph Hochhäusler ist eines der latenten Wahrnehmungen. Es zeigt nicht große, plötzliche Veränderungen, sondern Figuren, die jene Transformationen zur Kenntnis nehmen müssen, die sich schon seit Jahren vollziehen. Nicht unmerklich, aber mit einem fremdartigen Rhythmus, der jeden ins Stolpern bringt, der sich ihm anpassen will. Die Welt ist im Wandel. Die Menschen werden andere, und das Kino muss sich ebenfalls ändern. „In guten Filmen findet Gegenwart Form, kristallisiert sich im Schnittpunkt zweier Fragen“, schreibt Hochhäusler 2008 in seinem Blog „Parallel Film“: „Was ist wirklich?“, „Was ist möglich?“
Christoph Hochhäusler und seine Filme
Der 1972 geborene Christoph Hochhäusler studierte vor seiner Regie-Ausbildung Architektur und ist mit seinem Blog „Parallel Film“ und als Mitherausgeber der Zeitschrift „Revolver“ auch als Filmpublizist bekannt. Beides prägt seine Regiearbeiten wie aktuell den Film noir „Der Tod wird kommen“. Hochhäusler inszeniert nahe am Genrefilm, lässt in seinen Geschichten aber zugleich durchscheinen, dass sie Illusionen sind. Dadurch kommt ihm im deutschen Kino eine einzigartige Stellung zu.

Und dann ist da noch die Ergründung des Kinos von Jim Jarmusch, das anlässlich des Kinostarts von FATHER MOTHER SISTER BROTHER vor zwei Wochen erschienen und drüben über meinen Schreibtisch gewandert ist.

Natürlich hat Jarmusch etwas mit der schwer greifbaren Sozialfigur des Hipsters zu tun. Mit Avantgarde und Bohemien, mit Außenseitertum, der No Wave, Beat-Poeten, Post Punk und Slackertum. Die Menschenmassen im ersten Film? Der Mainstream. Jarmusch ist ein Nostalgiker, aber eine besondere Art dieser Spezies. Er fragt sich jeden Tag aufs Neue, welche Zeit schon immer die beste war. Er hängt nicht sklavisch an dem, was war, sondern erkennt in jeder Zukunft das Potenzial für eine neue Vergangenheit. Zeitgeistigkeit, nur eben latent.
News | Themen | Sehnsucht nach Seitengassen: Über das Kino von Jim Jarmusch
Er ist schon ein Elder Statesman des US-Indie-Kinos, doch noch immer zeichnet sein Kino ein zersplitterter Blick auf die Welt aus, Menschen und Bilder…

So geht hin und schmökert!

Podcasttipp: Die Lieblingsschülerin – „Wie kann das unbemerkt passieren?“

Ein Team des Deutschlandfunks hat eine beeindruckende, bedrückende und beharrliche Recherche über sexualisierte Gewalt an Schulen, von Lehrern an Schülerinnen, in knapp fünf Podcaststunden verarbeitet.

Drei Schülerinnen sind 15 Jahre alt, als ihre Lehrer mit ihnen eine Beziehung beginnen. Viele Jahre später fragen sich die Frauen, warum dieser emotionale und sexuelle Missbrauch an ihren Schulen lange unbemerkt stattfinden konnte. Der Podcast „Die Lieblingsschülerin“ erzählt von ihren persönlichen Erfahrungen und legt die strukturellen Probleme im Schulumfeld offen. Er fragt, wie Pädagoginnen, Lehrkräfte und Gesellschaft verantwortungsvoller mit Nähe, Macht und Sexualität umgehen können.

Ich finde, dem Podcast gelingt durch die Entscheidung, drei Geschichten parallel zu erzählen, eine sehr gute Gratwanderung. So wird einerseits mit der Mär von den bedauerlichen Einzelfällen gebrochen, andererseits reichen die drei Fälle wiederum, um abstrahieren und Schlüsse auf systemische Probleme ziehen zu können.

Vieles davon mag nicht neu sein. Aber das ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass es immer noch derartiger Recherchen bedarf, weil von den zuständigen Behörden kaum mehr als Lippenbekenntnisse zu kommen scheinen.

Die Lieblingsschülerin
Drei Schülerinnen sind 15 Jahre alt, als ihre Lehrer mit ihnen eine Beziehung beginnen. Heute fragen sie sich: Wie konnte der emotionale und sexuelle Missbrauch lange unbemerkt bleiben? Ein Podcast über sexualisierte Gewalt an Schulen und die Folgen.

Warum die Lust an der Gewalt? (Neues von Contrapoints)

Die Durststrecke hat praktisch ein ganzes Jahr angedauert, aber nun hat uns Natalie Wynn endlich wieder mit einem neuen Video bedacht! Entlang der SAW-Filmreihe setzt sie sich über anderthalb Stunden hinweg mit der filmischen Inszenierung von Gewalt auseinander und fragt sich, warum wir als Publikum bestimmte Gewalt abstoßend, andere anziehend oder gar befriedigend finden.

Das Essay funktioniert natürlich auch, wenn man keinen einzigen SAW gesehen hat. Ich zum Beispiel habe mir das – und anderen Torture-Porn – bisher nicht angetan und plane es eigentlich auch nicht. Mir erschien die Gewalt in der Reihe von außen betrachtet immer sehr beliebig, zynisch und eben auch grotesk und schlicht eklig.