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Feuilleton & Firlefanz

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The Toxic Avenger (2023) - Herrschende Counterculture

The Toxic Avenger (2023) - Herrschende Counterculture
Bild: Capelight Pictures
US · R: Macon Blair · D: Peter Dinklage, Jacob Tremblay, Taylour Paige, Kevin Bacon, Elijah Wood, Julia Davis, Sarah Niles · Trailer · Letterboxd · IMDb · JustWatch · Wikipedia

Kann als jemand ohne bisherige Berührungspunkte mit dem ganzen Tromaversum, damit auch mit dem originalen THE TOXIC AVENGER und letztlich ohne nostalgische Gefühle sagen: Mit dem hier hatte ich eine (erstaunlich?) gute Zeit.

Ich mochte, wie diese Dystopie nicht nur durch die Zuspitzung sowieso schon hyperkapitalistischer Zustände gezeichnet wird, sondern gleichzeitig auch von radikalem Nihilismus und zügellosem Hedonismus als Resultat des Versagens des vermeintlichen Sozialstaats und der Implosion der Solidargemeinschaft lebt.

In der Welt des Toxic Avengers sind die Punks die mörderischen Vasallen des Kapitals. Das einstige Anti-Establishment ist Teil des Establishments geworden. Genau das ist auch in unserer Realität zu beobachten: Das einst in der Counterculture verwurzelte Silicon Valley ist zum Hort einer mächtigen antidemokratischen Klasse geworden. Die Techbros, die von Orten der Gegenöffentlichkeit träumten, greifen nun nach der Macht, zu der vorher ein Gegengewicht geschaffen werden sollte.

Eher nicht so interessant ist die narrative Struktur des Films, die weitestgehend diffus anmutet und ständig wie ein Golden Retriever mit Aufmerksamkeitsdefizit zwischen satirischer Dystopie, Superheld:innenpersiflage und Buddy-Cop-Comedy hin- und herspringt, ohne mal einen Gedanken wirklich konsequent zu entwickeln.

★★★☆☆

Cloud (2024) - Kategorisches Number Go Up

Cloud (2024) - Kategorisches Number Go Up
Bild: Nikkatsu
JP · R: Kiyoshi Kurosawa · D: Masaki Suda, Kotone Furukawa, Daiken Okudaira, Amane Okayama, Yoshiyoshi Arakawa, Masataka Kubota · Trailer · Letterboxd · IMDb · JustWatch · Wikipedia

Schon der Titel verrät das Offensichtliche, dass wir hier die physische Manifestation der verbalen und psychischen Gewalt, die sich in digitalen, algorithmisch befeuerten Räumen hochschaukelt und ergießt, erleben. Es ist die filmische Entsprechung von Elon Musks Twitter.

Kiyoshi Kurosawa zeigt eine Welt, in der geschäftliches und zwischenmenschliches Miteinander ersetzt wurde durch Grifting. Es geht nur noch darum, abseits jeglicher Moral und Skrupel, Gewinn zu machen. Number go up wird zum Fundament eines neuen kategorischen Imperativs, zum High nach der Nadel mit dem griftgewordenen Heroin.

CLOUD zeigt, wie die völlig enthemmte Kommunikation im digitalen Raum überspringt in durch und durch sinnlose Gewalt, bei der es längst nicht mehr um irgendein vages Gerechtigkeitsempfinden geht, sondern nur noch darum, Dominanz zu demonstrieren.

Ich würde behaupten: Im Rahmen seiner Anordnung übersieht Kurosawa nicht etwa die Nutznießer*innen und Konstrukteur*innen, die Mächtigen dieses Systems, er blendet sie bewusst aus. Die sich dadurch auftuende Leerstelle wird dann im Optimalfall vom Publikum ganz automatisch mit der Hinterfragung der Verhältnisse gefüllt.

★★★★☆

Ente, Ente, Ente, Ente, Gans am 21. März 2026 Featured Post

Ente, Ente, Ente, Ente, Gans am 21. März 2026
Bild: Sebastian Oberreiter / Unsplash

Börsenverein-Vorsitzender Sebastian Guggolz zu Weimer in der ersten Reihe: „Ich bin stolz auf die Buchbranche, weil wir Ihren fragwürdigen autokratischer Gestus nicht akzeptieren“.

Alexander Moritz (@dermonologist.bsky.social) 2026-03-18T18:38:15.923Z

Um es auch noch mal hier festgehalten zu haben: BKM Wolfram Weimer (parteilos) hat beim Festakt zur Eröffnung der Leipziger Buchmesse vor vollem Gewandhaus – absolut zu Recht – ordentlich Gegenwind bekommen. Ein starker Moment, hier festgehalten vom DLF-Korrespondenten in Sachsen, Alexander Moritz, war verpackt in die Rede von Sebastian Guggolz, dem Vorsteher des Börsenvereins des Buchhandels.

Das Sphere der Politik und der Geheimdienste wurde deutlich gezeigt, dass wir ihre Stigmatisierung und ihre begriffliche und weltanschauliche Verengung der Vielfalt, ja, ihren fragwürdigen autokratischen Gestus nicht klaglos aktzeptieren.

Anschließend der Kameraschwenk auf Wolfram Weimer und den neben ihm sitzenden und klatschenden Leipziger Bürgermeister Burkhard Jung (SPD), Chef's Kiss!


Die (Almost) Dailies sind mein kuratierter Blick auf das Internet – irgendwo zwischen (Pop-)Kultur, Medien, Politik und dem ganzen anderen Wahnsinn. Wenn du magst, auch in deinem Postfach!

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Felix Stephan hat in der Süddeutschen außerdem aufgeschrieben, wie souverän Sebastian Guggolz seine Rolle im nun unverhofften Rampenlicht ausfüllt und welches Programm er gerade abreißt.

Sebastian Guggolz auf der Leipziger Buchmesse: Er gibt Wolfram Weimer ordentlich Kontra
Der Chef des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels ist auf der Messe in Leipzig allgegenwärtig. Und siehe da, eine Branche entdeckt sich gerade neu als gesellschaftspolitischer Akteur.

Ebenfalls in der Süddeutschen: Ronen Steinke hat in seinem Podcast mit İlker Çatak über die von Weimer heraufbeschworene Stimmung der Angst gesprochen. (Naja, „Podcast“, weil wenn du nur über Apple Podcasts und Spotify, aber nicht über einen frei zugänglichen RSS-Feed zugänglich bist, dann solltest du dich eigentlich nicht mit diesen Federn schmücken dürfen. Aber das ist ein anderes Thema...) Außerdem erzählt Çatak nebenbei, dass ihm THE HOUSEMAID angeboten wurde.

SZ-Podcast: „Ich habe Angst, vom Verfassungsschutz überwacht zu werden“
İlker Çatak über die Frage, wie man als Filmemacher unabhängig bleiben kann – trotz einer besorgniserregenden Tendenz.

Und im Politikpodcast des Deutschlandfunk spricht Nadine Linder mit Vladimir Balzer, kulturpolitischer Korrespondent im Hauptstadtbüro des DLF, und Stefan Koldehoff, Chefreporter Kultur im DLF, über die Gemengelage, die Weimer angerührt hat.

Kulturstaatsminister - Was treibt Wolfram Weimer?
Von Buchhandlungspreis bis zur Berlinale. Die Liste der Konflikte um Wolfram Weimer ist lang, der Protest aus der Kulturszene laut.

Drüben habe ich mir Gedanken über die Enshittification der Streamingbranche gemacht.

Die aktuellen Entwicklungen auf dem Streamingmarkt zeigen, dass die verschiedenen Anbieter ziemlich gewissenhaft an ihrem eigenen Niedergang arbeiten. Sie scheinen dabei vergessen zu haben, dass ihr Geschäftsmodell nicht auf besonders guten Inhalten, sondern einzig und allein darauf fußt, einen winzigen Hauch bequemer als illegales Streaming zu sein. Und es wirkt auf mich so, als ob es sich bald ausgehaucht hat.
Unbequemer als illegal?
Streamingdienste waren mal eine Befreiung. Heute scheinen sie gewissenhaft an ihrem eigenen Niedergang zu arbeiten. Wollen wir das noch?

Nach dem Tod des großen Frederick Wiseman kam schnell die große Ernüchterung: Digital war in Deutschland kein einziger Film von ihm auf legalem Wege zu bekommen, DVDs uund Blu-rays musste man teuer importieren. Aber jetzt hat Mubi absolut geliefert und eine kleine Retrospektive zusammengetragen.

Als Frederick Wiseman im Februar 2026 starb, verlor das amerikanische Kino einen seiner Giganten. Fast 60 Jahre lang reiste der Dokumentarfilmer mit minimaler Ausrüstung: ein Mikrofon und ein Tonrekorder, die er selbst bediente, während sein langjähriger Kameramann eine leichte Kamera führte. Aus diesen einfachen Mitteln erschuf Wiseman ganze Galaxien – weitläufige Gefüge unscheinbarer Momente, die sich zu einer kollektiven Pracht verdichten.
FREDERICK WISEMAN: AMERICAN LIVES
Erlebe großes Kino. Egal, wo du bist. Von ikonischen, preisgekrönten Regisseuren bis hin zu aufstrebenden Autorenfilmern. Bahnbrechende Filme aus der ganzen Welt. Im Stream oder offline. Starte jetzt dein kostenloses 7-tägiges Probeabo.

World of Tomorrow (2015) - Ewige Kindheit

World of Tomorrow (2015) - Ewige Kindheit
Bild: Don Hertzfeld
US · R: Don Hertzfeldt · D: Julia Pott, Winona Mae, Sara Cushman · Trailer · Letterboxd · IMDb · Wikipedia

Hat an treffender Zukunftszeichnung und damit an Aktualität auch mehr als zehn Jahre nach Release eigentlich nichts eingebüßt.

Die Risiken unregulierten und ungebremsten Wachstums liegen klar ausbuchstabiert vor uns. Aber wir als Menschen bleiben selbstvergessene Kleinkinder ohne Weitsicht.

Kritisch anmerken ließe sich, dass das uns natürlich ein viel zu großes Maß an Naivität zugesteht. Ausgleichend: Mehr kindliche Fantasie würde uns wiederum gut helfen, glaube ich.

Texas – Doc Snyder hält die Welt in Atem (1993) - Entblättern bis die Fetzen fliegen

Texas – Doc Snyder hält die Welt in Atem (1993) - Entblättern bis die Fetzen fliegen
Bild: Turbine Medien
DE · R: Ralf Huettner, Helge Schneider · D: Helge Schneider, Andreas Kunze, Peter Berling, Peter Thoms, Helmut Körschgen, Buddy Casino · Trailer · Letterboxd · IMDb · JustWatch · Wikipedia

Zuerst war der Western. Dann die Parodie des Westerns. Dann die Parodie der Parodie des Westerns. Und so weiter und so fort. Helge Schneider unterläuft sich mit jeder Szene sich selbst, seinen eigenen Film, die Konventionen des Genres und der Parodie immer ein bisschen mehr.

Es wird entblättert, bis überall nur noch Fetzen herumliegen, die wiederum neu zusammengeschustert werden. Das Ergebnis ähnelt dann mal mehr und mal weniger zufällig Monty Python und ist ein absolut dadaistisches Chaos, das sich über sich selbst kaputtlacht.

★★★★☆

Taste of Cherry (1997) - Schmerzhafte Poesie

Taste of Cherry (1997) - Schmerzhafte Poesie
Bild: Kiarostami Foundation
IR/FR · R: Abbas Kiarostami · D: Homayoun Ershadi, Abdolrahman Bagheri, Afshin Khorshid Bakhtiari · Trailer · Letterboxd · IMDb · JustWatch · Wikipedia

Ich habe die meiste Zeit über den freien Willen nachgedacht. Ein freier Wille, durch den das Begreifen der Welt als Ort voller herzenswarmer Menschen, voller umwerfender Natur und berührender Sonnenaufgänge nicht im Gegensatz dazu steht, genau auf dieser Welt nicht mehr leben zu wollen. Das ist schon schmerzhaft poetisch.

★★★★☆