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Feuilleton & Firlefanz

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Ostwärts (1991) - Im Zwielicht

Ostwärts (1991) - Im Zwielicht
Bild: DFFB
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DE · R: Christian Petzold · Letterboxd · IMDb

Wenn das Licht schwindet, es dunkel wird und die von der Kamera eingefangenen Bilder zu rauschenden, konturlosen Schemen verkommen, wenn diese Welt kaum noch fassbar ist, scheint sie am erträglichsten zu sein. Sobald der erste Lichtstrahl wieder Form in die Welt bringt, werden Geschäftspläne ausgeheckt, weil diese Welt Glauben gemacht hat, dass es nicht auch anders gehen könnte.

Yalda (2019) - Brot und Spiele

Yalda (2019) - Brot und Spiele
Bild: Lighthouse Home Entertainment, Julian Atanassov, Jba-Production
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IR/FR/DE/CH/LU/LB · R: Massoud Bakhshi · D: Sadaf Asgari, Behnaz Jafari, Babak Karimi, Fereshteh Sadr Orafaee, Arman Darvish, Fereshteh Hosseini · Trailer · Letterboxd · IMDb · JustWatch · Wikipedia

Was für ein absurdes wie folgerichtiges Szenario, das YALDA hier anrührt. Tod, Vergebung und Rechtsprechung werden zum Massenspektakel. Brot und Spiele. Die Verantwortung, die Entscheidungsgewalt über Leben und Tod wird scheinbar dem Volk™ auferlegt.

Was bleibt, ist die Illusion von Selbstbestimmtheit und Vertrauensverlust in sowie Zersetzung von Gemeinschaft. Und ein terrorgestütztes Regime, das dabei zusehen kann, wie die Menschen sich lieber gegenseitig anstelle der Unterdrücker:innen zerfleischen.

★★★½☆

Camp X-Ray (2014) - Sein und Nichtsein

Camp X-Ray (2014) - Sein und Nichtsein
Bild: Plaion Pictures
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US · R: Peter Sattler · D: Kristen Stewart, Payman Maadi, Lane Garrison, J.J. Soria, John Carroll Lynch, Cory Michael Smith · Trailer · Letterboxd · IMDb · JustWatch · Wikipedia

Der Film ist viel zu sehr damit beschäftigt, Dinge nicht sein zu wollen, und verpasst deshalb, etwas zu sein. Hier bleibt einfach alles derart vage, dass man ihm auch nicht mehr zugestehen könnte, seine Themen vorrangig implizit zu verhandeln. Er entzieht sich eher aus falschen Motiven jeglicher Verantwortung.

★½☆☆☆

Our Little Sister (2015) - Ein Ort der Geborgenheit und Urteilsfreiheit

Our Little Sister (2015) - Ein Ort der Geborgenheit und Urteilsfreiheit
Bild: Pandora Film Verleih
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JP · R: Hirokazu Kore-eda · D: Haruka Ayase, Masami Nagasawa, Kaho, Suzu Hirose, Ryō Kase, Ryōhei Suzuki · Trailer · Letterboxd · IMDb · JustWatch · Wikipedia

Es ist die selbst noch heranwachsende Halbschwester, die den drei bereits erwachsenen Schwestern ermöglicht, selbst einen Teil der eigentlich vergangenen Kindheit und Jugend noch einmal zu erfahren, nachzuholen, zu vollenden. Nun, nicht mehr getrieben davon, erwachsen werden zu müssen, scheinen sie sich zum ersten Mal richtig Fragen danach stellen zu können, was sie sich vom Leben erhoffen, wovon sie träumen dürfen, wovon sie sich lösen können und was/wem sie vielleicht zu Unrecht nachgetrauert haben.

Sehr einfühlsam beobachtet ist die Rolle des Hauses, in dem erst die drei, dann die vier Schwestern zusammenleben. Denn das ist nicht nur ein austauschbares Dach überm Kopf oder zweckdienliches Erbstück, es ist Protagonist mit klarem Profil und gewissermaßen selbst eine der Schwestern, Teil der Familie. Ein Ort der Geborgenheit und der Urteilsfreiheit.

Ich liebe, wie Hirokazu Kore-eda all das mit einer unendlich behutsam durch die Szenen gleitenden Kamera einfängt. Fast nie bewegt sie sich in den Raum hinein oder hinaus, vollzieht nur elegante Parallelbewegungen. Aber genau dadurch, durch den entstehenden Parallax-Effekt, entsteht eine räumliche Tiefe, die die emotionale Tiefe andeutet und behutsam unterstreicht.

★★★★☆

The Life of Chuck (2024) - Produktive Vorwegnahme

The Life of Chuck (2024) - Produktive Vorwegnahme
Bild: Tobis Home Entertainment
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US · R: Mike Flanagan · D: Tom Hiddleston, Chiwetel Ejiofor, Karen Gillan, Mark Hamill, Mia Sara, Jacob Tremblay, Benjamin Pajak, Matthew Lillard · Trailer · Letterboxd · IMDb · JustWatch · Wikipedia

Achronologische Aktstrukturen wie hier geben mir – und letztlich auch den Filmen – nur selten etwas. Mike Flanagan verlässt sich jedoch darauf, dass er ein Ende vorwegnehmen und dennoch produktiv bleiben kann. Dadurch gelingt ihm hier ein positiver Nihilismus, gepaart mit einer Art melancholischem Zynismus.

Letztlich entsteht ein Plädoyer für das Leben, das wir alle trotz der Gewissheit unserer Endlichkeit, der des Planeten und des Universums, als Kaninchen vor der Schlange führen müssen. Ein Leben, in dem die, in ultimativer Konsequenz, Sinnlosigkeit aller Taten ein Quell großer Erleichterung sein kann.

Es geht nicht darum, dem Ende entgegenzutrauern, sondern es im übertragenen Sinne mit offenen Armen anzunehmen.

★★★☆☆

Gelesen: „Der Vorweiner“ (2023) von Bov Bjerg

Gelesen: „Der Vorweiner“ (2023) von Bov Bjerg
Cover: Claassen, Foto: Harald Krichel unter CC BY-SA 4.0
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237 Seiten, erschienen bei Claassen, ISBN 978-3-546-10038-0

Durch diese Geschichte zieht sich eine melancholische und ganz merkwürdig hoffnungsvolle Stimmung, obwohl eigentlich vom hinausgezögerten, aber letztlich unweigerlichen Ende erzählt wird.

Vielleicht liegt es daran, dass hier eine Gesellschaft beschrieben wird, die jegliche Menschlichkeit outgesourct hat. Die jegliche Bezüge zu Zeit, Körper und Gefühlen gekappt hat und damit gar nicht mehr in der Lage ist, den Schrecken des hausgemachten Endes wahrzunehmen. Die verkannt hat, dass der Mensch ohne den Schmerz – oder zumindest die Möglichkeit des Schmerzes – verkümmert.

Schmerz und Trost sind so eng miteinander verbunden, dass die Abwesenheit von Schmerz unendliche Trostlosigkeit nach sich zieht.

Das verwebt Bov Bjerg mit jeder Menge kleiner präziser Beobachtungen zu Klasse, die alles in allem darauf hinauslaufen: Eine soziale Oberschicht, die sich durch ökonomische Überlegenheit definiert, grenzt sich nicht durch Eigentum ab, sondern durch die genutzten Codes – Codes, die mitunter einer sogenannten Niederschicht entrissen wurden.

Zentrales Merkmal dieser Oberschicht ist das Wissen um die Nutzung dieser Codes. Doch da die Bedingungen dafür aus eben jener Oberschicht heraus definiert werden, die Regeln jederzeit verändert werden können, ist ein Aufstieg aus der Niederschicht aus eigener Kraft unmöglich.

★★★½☆