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Feuilleton & Firlefanz

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In the Mouth of Madness (1994) - Wirklichkeit als Verhandlungsmasse

In the Mouth of Madness (1994) - Wirklichkeit als Verhandlungsmasse
Bild: Warner Bros., Plaion Pictures
US · R: John Carpenter · D: Sam Neill, Julie Carmen, Jürgen Prochnow, David Warner, Charlton Heston, John Glover · Trailer · Letterboxd · IMDb · JustWatch · Wikipedia

Wirklichkeit ist kein feststehendes Konstrukt, sondern Gegenstand permanenter Aushandlung und letztlich Ergebnis dessen, worauf wir uns kollektiv geeinigt haben. Deshalb müssen wir als Menschheit einander vertrauen, um unserer Wirklichkeit trauen zu können. Die Abkehr von Vernunft und Aufklärung bedeutet daher Realitätsverlust und den Abstieg in den sprichwörtlichen Wahnsinn.

Das Drehbuch verknüpft das eng mit (institutionalisierter) Religion, und Carpenter verleiht dem nicht nur durch die tatsächliche Kirche in der Mitte des Films Ausdruck, sondern auch in der Art und Weise, wie er die Psychiatrie inszeniert. Die oberen Hallen dieses Gebäudes sind in Reinheit vorgaukelndes Weiß gehüllt und unendlich hoch wie ein Kirchenschiff, Lautsprecherdurchsagen erfolgen wie die Predigt von der Kanzel.

Doch im verliesartigen Keller zeigt sich die wahre Fratze der „Kirche“, des Opiums des Volkes. Dort wird jegliches evolutionäres oder gar revolutionäres menschliches Potenzial erstickt.

★★★★☆

The Secret Agent (2025) - Ringen um Familie und Geschichte

The Secret Agent (2025) - Ringen um Familie und Geschichte
Bild: Port-au-Prince Pictures, Central Film Verleih
BR/FR/NL/DE · R: Kleber Mendonça Filho · D: Wagner Moura, Tânia Maria, Maria Fernanda Cândido, Gabriel Leone, Alice Carvalho, Udo Kier · Trailer · Letterboxd · IMDb · JustWatch · Wikipedia

Das Ringen um die eigene Familie wird zum Ringen um die eigene Geschichte. Beides konnte während der Militärdiktatur in Brasilien von einem Moment auf den anderen ein Ende finden. Wie in Walter Salles' I'M STILL HERE ist das Motiv der Zeug*innenschaft zentral für den Film. Die Tonaufnahmen der zahlreichen Gespräche sind nicht unbedingt Absicherung, sondern Versicherung, dass die Geschichten dieser Leben nie einfach wie möglicherweise die Menschen einfach verschwinden, sondern die Zeit überdauern und irgendwann zu Ende erzählt und auch rekonstruiert werden können.

THE SECRET AGENT gelingt der Slow Burn außerordentlich gut und konstruiert entlang der Handlung viele kleine Momente, in denen sich spiegelt, wie eine Gesellschaft unter autoritärer Herrschaft kippt und umgekippt wird – etwa über die Alltäglichkeit und die folgende Desensibilisierung von zunehmend grotesker Gewalt; oder über die Herbeiführung ökonomischer Zwänge, um Korruption zugunsten von Regimegewalt um sich greifen zu lassen.

★★★★☆

Scrollscrollscroll am 08. März 2026 Featured Post

Scrollscrollscroll am 08. März 2026
Bild: Borna Hržina / Unsplash

„Heute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag, habe ich mir einfach mal überlegt, welche Möglichkeiten und Privilegien Männer haben, die ich für uns auch gern hätte“, schreibt Jasmin Schreiber. Man(n) liest und scrollt sehr lange.

Privilegien, die ich als Frau auch gern hätte — JASMIN SCHREIBER
Heute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag, habe ich mir einfach mal überlegt, welche Möglichkeiten und Privilegien Männer haben, die ich für uns auch gern hätte. Abends einfach die Kopfhörer aufsetzen und joggen gehen, ohne vorher den Weg abzuwägen und den Park im eigentlich sicheren V

Die (Almost) Dailies sind mein kuratierter Blick auf das Internet – irgendwo zwischen (Pop-)Kultur, Medien, Politik und dem ganzen anderen Wahnsinn. Wenn du magst, auch in deinem Postfach!

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Klaus sucht für seine (immer tollen und stets unfassbar aktuellen) Mediathekenperlen weibliche Unterstützung!

Viel mehr würde ich mich aber noch freuen können, wenn ich hier mehr davon lesen könnte. Zustimmung ist immer schön. Einspruch oder Widerspruch ist aber eigentlich viel wertvoller. Und, ganz ehrlich, manchmal schreibe ich hier auch über Dinge (also Filme) über die ich vielleicht gar nicht schreiben sollte, sondern viel besser eine Frau!(?)
In eigener Sache: „Blogger sucht Frau(en)“ – NexxtPress

Die japanische Schauspielerin Kinuyo Tanaka hat in den eher nicht so emanzipierten 1950er und 60er Jahren selbst sechs Filme inszeniert. Arte hat die nun alle(!) in der Mediathek.

Kinuyo Tanaka war eine der bedeutendsten japanischen Schauspielerinnen. Mit über 250 Filmen blickt sie auf eine über 50-jährige Karriere zurück. Sie drehte mit den besten japanischen Filmemachern ihrer Zeit. Zwischen 1953 und 1962 drehte sie sechs Spielfilme und war damit die einzige aktive Filmemacherin im Goldenen Zeitalter des japanischen Kinos.
Filme von Kinuyo Tanaka - Kino | ARTE
Kinuyo Tanaka war eine der bedeutendsten japanischen Schauspielerinnen. Mit über 250 Filmen blickt sie auf eine über 50-jährige Karriere zurück. Sie drehte mit den besten japanischen Filmemachern ihrer Zeit. Zwischen 1953 und 1962 drehte sie sechs Spielfilme und war damit die einzige aktive Filmemacherin im Goldenen Zeitalter des japanischen Kinos.

Ayşe Polats unbedingt sehenswerter IM TOTEN WINKEL ist übrigens auch mal wieder in der Mediathek (bis 13.06.26) zu sehen.

Im toten Winkel - hier anschauen
Ein packender Politthriller in drei Kapiteln: Ein Dorf im Nordosten der Türkei, ein verschwundener Sohn, ein Kind mit verstörenden Visionen. Was als Filmdreh beginnt, wird zur gefährlichen Konfrontation mit Schuld, Angst und Macht. Mit Katja Bürkle, Ahmet Varlı, Çağla Yurga u. a. | Buch: Ayşe Polat | Regie: Ayşe Polat

Was geschah am 8. März nach Wikipedia?

1976 – Loriots Sauberer Bildschirm, die erste Folge der Sendereihe Loriot, wird mit Sketchen wie Studio­interview, Film­analyse und Der Lottogewinner im deutschen Ersten Pro­gramm ausgestrahlt.

Dazu Inhalte in der ARD-Mediathek: 0. Verpasste Chance. Schade.


Nach İlker Çataks Berlinale-Sieg mit GELBE BRIEFE haben wir uns drüben™ übrigens dieser Tage mit dem deutsch-türkischen Kino beschäftigt und dabei eine ganz gute Einstiegshilfe formuliert, wie ich nicht ganz unparteisch finde.

Aber der Weg bis hierhin war lang, und ebenso die Liste der Wegbereiter, die wir im Folgenden würdigen wollen. Und dabei feststellen, dass Çataks Berlinale-Gewinner GELBE BRIEFE nun auch auf einen möglichen Grund fürs häufige Übersehen des deutschtürkischen Kinos hinweist: Es ist oftmals Deutschlands unangenehmes schlechtes Gewissen – ein Kino, das zeigt, was die Mehrheitsgesellschaft allzu gerne verschweigt und verdrängt.
News | Themen | Deutschlands schlechtes Gewissen: Das deutsch-türkische Kino
Die einzigen deutschen Berlinale-Hauptpreis-Gewinner in diesem Jahrhundert heißen İlker Çatak und Fatih Akin. Zum Kinostart von „Gelbe Briefe&quo…

(Meine Gedanken zu GELBE BRIEFE stehen schon drüben auf Letterboxd. Bin nur noch nicht dazu gekommen, die auch hier im Blog zu verarzten.)


Und auch unser kritischer Blick auf die öffentliche Persona von Timothée Chalamet und sein schaffen ist uns recht gut gelungen, obwohl wir das alle unabhängig voneinander geschrieben haben.

News | Themen | Becoming Supreme: Die Entwicklung Timothée Chalamets
Gewinnt er dieses Jahr den Oscar? Timothée Chalamet hat endgültig den Hollywood-Mainstream durchdrungen. Wir wollen seine Entwicklung als Schauspiel…

Mr. Nobody Against Putin (2025) - Kontrolle durch Upload

Mr. Nobody Against Putin (2025) - Kontrolle durch Upload
Bild: ZDF, Arte, Made in Copenhagen
DK/CZ/DE/UK · R: David Borenstein, Pavel Talankin · Trailer · Letterboxd · IMDb · JustWatch · Wikipedia

Dass zwischen Entstehungszeit und Veröffentlichung des verwendeten Videomaterials so viel Zeit lag, lässt sich dem Film natürlich nur schwer zum Vorwurf machen. Aber es hat dennoch zur Folge, dass diese Aufnahmen wenig neue Erkenntnisse produzieren. Der totalitäre Eingriff der russischen Regierung in das Bildungssystem war derweil nämlich Gegenstand unzähliger journalistischer Arbeiten.

Spannend (und tatsächlich neu) war für mich ein Detail: Es gibt Regierungsserver, auf die angefertigtes Videomaterial der in der Schule umgesetzten Propagandamaßnahmen hochgeladen werden muss. Das zeugt natürlich umso mehr von einem von der blanken Angst des Kontrollverlusts getriebenen Regime. Wie so oft sind in diesem Material genau die Stellen interessant, in denen geschwiegen wird. Die Leerstelle wird zum Ausdruck einer unterdrückten Haltung.

Doch es gibt durchaus auch Stellen, in denen offene Ablehnung der russischen Regierung dokumentiert wird. Mal sind es nicht näher benannte Stadtbewohner*innen, mal Lehrer*innen und mal junge Schüler*innen – und zwar nicht unkenntlich gemacht. Das ist angesichts der drohenden, im Zweifel tödlichen Konsequenzen für die klar oder zumindest sehr leicht Identifizierbaren ethisch untragbar. Es wirkt skrupellos-ausbeuterisch bis hin zu masturbatorisch ob der seltenen Aufnahmen, die der Produktion hier in die Hände gefallen sind.

Vielleicht gab es entsprechende Vorkehrungen, um die abgebildeten Menschen zu schützen oder sie zu unterstützen. Ob dem so ist, wird nicht verraten. Und das hinterlässt einen extrem bitteren Nachgeschmack.

your ai slop bores me

Irgendwer wird bestimmt einen Weg finden, ein LLM anzuschließen und damit alles kaputtzumachen. Aber bis dahin haben wir diese kleine weirde, toll Ecke des Internets noch für uns – etwa mit your ai slop bores me.

in a world looming with the threat of ai stealing your job, save humanity by stealing ai's job.

Wer im Chatbot-Interface eine Frage stellt oder zum Malen auffordert, bekommt Antwort von einem echten Menschen. Jede Anfrage muss mit einem Credit bezahlt werden, Credits bekommt man, indem man als AI „larped“ und die Prompts anderer Menschen beantwortet. So kann man sich nicht nur bedienen, sondern auch zurückgeben und das kleine digitale Kleinod am Leben halten.

humans make mistakes because that's what makes us human

In diesem Sinne: Have a banana!

No Bears (2022) - Dokumentierter Widerspruch

No Bears (2022) - Dokumentierter Widerspruch
Bild: Peripher Filmverleih
IR · R: Jafar Panahi · D: Jafar Panahi, Naser Hashemi, Vahid Mobasseri, Bakhtiyar Panjeei, Mina Kavani, Reza Heydari · Trailer · Letterboxd · IMDb · JustWatch · Wikipedia

Ich finde es immer wieder toll, wie Jafar Panahi stets auch einfach „nur“ Dokumentarist iranischen Lebens ist, das jedoch niemals zulasten der Schärfe seiner unermüdlichen Kritik an den iranischen Zuständen geht und auch niemals dazu führt, dass Menschen aus der Haftung genommen werden und zu leicht davonkommen.

NO BEARS dokumentiert und ist gleichzeitig Ausdruck der enormen Widersprüche, denen die Menschen in Iran und Jafar Panahi als vom Regime sanktionierter Kunstschaffender ausgesetzt sind, die auch in ihnen existieren und von ihnen fortgeschrieben werden.

Es ist die Auflage, das Land nicht verlassen zu dürfen und sich gleichzeitig aus freien Stücken dazu zu entscheiden, zu bleiben. Zu bleiben, um hinzusehen, Zeuge zu sein. Um dem Regime und seinen Vasallen über den Film sinngemäß ins Gesicht zu sehen: „Schaut her, ihr könnt mir gar nichts, ich finde immer einen Weg und werde Zeuge eurer totalitären Mangel sein!“

Dieses Zeugnis legt Panahi hinter mehreren, immer wieder gebrochenen, immer mal mehr und mal weniger durchlässigen Filmebenen ab. Fiktion wird Wirklichkeit, Wirklichkeit wird Fiktion, Blicke gleichzeitig geschärft und verschleiert – immer unter Lebensgefahr, immer gewillt, nicht einfach die Flucht zu ergreifen.

★★★★☆