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Filmkritik

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Gesehen: Capernaum (2018)

Gesehen: Capernaum (2018)
(c) Alamode Filmverleih

Konsequent ist, wie der Film die ökonomischen Zwänge, Einbahnstraßen und Sackgassen herausarbeitet, in denen sich so viele Menschen im Nahen Osten befinden, herausarbeitet. Aber vor der Systemfrage scheut der Film zurück – jedoch aus gutem Grund. Denn warum weiter an einem System arbeiten, wenn es bereits unrettbar kaputt ist? Die letztlich durch den Film gestellte Frage ist schließlich noch einmal viel existenziellerer Natur und außerdem universeller, als dass der Westen sich dem entziehen könnte.

Wirklich verhandelt – im wortwörtlichen und im übertragenden Sinne – wird diese Frage jedoch nur bedingt. Wir sehen stattdessen viele Bilder, die zwar einerseits sehr berühren, sich andererseits aber auch sehr oft gefährlich nahe an der Grenze zum Armutsporno bewegen und deshalb leider eben auch oft manipulativ auf mich gewirkt haben. Und das hat es mir schwer gemacht, mich vollends auf diesen Film einzulassen.

Insgesamt bewegt sich CAPERNAUM mit angezogener Handbremse, weil er aus seinem das Geschehen einrahmenden „Gimmick“ nichts macht und sich dieser dort aufgeworfenen Frage nicht wirklich stellt.

★★★½☆

FR/LB/GB/US, R: Nadine Labaki, D: Zain Al Rafeea, Boluwatife Treasure Bankole, Kawsar Al Haddad, Fadi Yousef, Cedra Izzam, Nadine Labaki, Trailer, Wikipedia
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Gesehen: Speak No Evil (2022)

Gesehen: Speak No Evil (2022)
(c) Plaion Pictures

Wie der Film mit dem aus einem Leben mit angezogener Handbremse auf den immer gleichen Fahrwegen entwachsenden Unbehagen spielt, wie er ein Aufbrechen dieser verkrusteten Strukturen in scheinbar greifbare Nähe rückt und wie er diese Verheißungen noch vor dem eigentlichen Kipppunkt des Plots schließlich dekonstruiert, das hat mir gefallen. Bis zu diesem Kipppunkt fordert der Film nämlich mit permanenten Ambivalenzen immer wieder heraus und zwingt das Publikum wiederholt dazu, eine eigene Position zu entwickeln und Stellung zu beziehen.

Leider löst sich diese Vielschichtigkeit mit dem letzten Akt in Wohlgefallen auf. Denn hier werden klare Fronten geschaffen, bei denen nicht mehr zur Diskussion stehen kann, auf welcher Seite man nun eigentlich steht. Es löst praktisch jede Spannung auf, obwohl die Wendung vermutlich genau das gegenteilige Ziel verfolgt. Diesen Karren zieht dann auch das letzte, biblisch angehauchte Motiv, das wieder einen größeren Interpretationsspielraum zulässt, nicht mehr aus dem Dreck.

★★★☆☆

DK/NL, R: Christian Tafdrup, D: Morten Burian, Sidsel Siem Koch, Fedja van Huêt, Karina Smulders, Liva Forsberg, Marius Damslev, Trailer, Wikipedia
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Gesehen: Wasp

Gesehen: Wasp
(c) Cowboy Films, UK Film Council, Film4 Productions

Bei sozialem Realismus aus dem Herzen Englands ist ein Vergleich mit Ken Loach eigentlich unumgänglich. Dem hält Andrea Arnold mit Leichtigkeit stand und findet hier eindeutig eine eigene Handschrift – vor allem durch die im allerbesten Sinne penetrante Handkamera. Die schafft einen filmischen Kontext für den Stress, unter dem in Armut lebende Menschen stehen. Die Kinder müssen ernährt werden, brauchen Kleidung und Dinge für die Schule, während die Werbung ihnen das Gefühl vermittelt, nie genug zu haben, immer mehr zu brauchen, was den sozialen und finanziellen Druck nur noch weiter erhöht. Und wo bleibt da eigentlich noch Raum, selbst in Würde Mensch, wenn gleichzeitig noch gesellschaftlichen Erwartungen ins Bild rücken, die finanziell jedoch realistisch nicht erfüllbar sind. Es folgt soziale Isolation und die Spirale dreht sich immer weiter abwärts.

GB, R: Andrea Arnold, D: Natalie Press, Danny Dyer, Jodie Mitchell, Molly Griffiths, Kaitlyn Raynor, Danny Daley, Lizzie Colbert, Wikipedia
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Gesehen: Blink Twice (2024)

Gesehen: Blink Twice (2024)
Foto: Warner Bros. Entertainment

Ob der ganzen wohlwollenden Kritiken und positiven Bewertungen frage ich mich, ob ich irgendwie einen anderen Film gesehen habe… Die gütigste Formulierung, die mir einfällt: Ich finde diesen Film aufs Übelste irritierend. Denn es geht hier nicht darum, dass die Anordnung ein immer größeres Unbehagen erzeugt, weil etwas auf mysteriöse Art und Weise nicht stimmt.

+++Spoiler+++

Eigentlich ist relativ schnell klar, dass um Missbrauch und wahrscheinlich sogar konkret um Vergewaltigung geht. Daraus für das Publikum dann ein Spiel à la „Vergewaltigung oder nicht? Geben Sie jetzt ihre Tipps ab!“ zu machen, finde ich ekelhaft.

Davon abgesehen gelingt dem Film nicht mal eine befriedigende Rachefantasie. Denn letztlich dreht die von Naomi Ackie gespielte Protagonistin Frida am Ende den Spieß um und bedient sich zumindest in Teilen ähnlich missbräuchlicher Methoden, die sie bereits erfahren hat. Schlag den Typen doch einfach zu Brei und lass den Zweck nicht diese Mittel heiligen. Das ist Rache für gänzlich Moralbefreite.

Dem gegenüber stehen dann jedoch zwei ziemlich starke Momente: Geena Davis, die sich sinngemäß resigniert auf die „Boys will be boys“-Position zurückgezogen hat und deshalb lieber vergessen möchte, weil sie glaubt, die Struktur, in der sie steckt, sowieso nicht ändern zu können. Damit offenbart BLINK TWICE mit nur einer Handvoll Dialogzeilen ein komplettes, von innen heraus verrottendes System.

Dann gibt es Channing Tatums Schlusstirade, in der er proklamiert: „There’s no forgiveness, only forgetting.“ Das ist eigentlich ein kluger und vor allem treffender Kommentar auf unsere Gegenwart, in der gefühlt jeden Tag links und rechts Influencer*innen mit irgendwelchem Fehlverhalten auffliegen, dann drei Monate lang in der Versenkung zu verschwinden und plötzlich wieder auftauchen, als wäre nie etwas gewesen – ohne ehrliche Reue, ohne Demut und ohne Selbstreflexion. Und alle haben es vergessen, weil derweil schon die nächste Sau durchs Dorf getrieben wurde.

Die restliche Gegenwartsbeobachtung des Films bewegt sich eher auf GLASS ONION-Niveau. Und das ist nicht sonderlich hoch.

★★☆☆☆

🇺🇸, R: Zoë Kravitz, D: Naomi Ackie, Channing Tatum, Adria Arjona, Alia Shawkat, Liz Caribel Sierra, Trew Mullen, Christian Slater, Simon Rex, Haley Joel Osment, Levon Hawke, Geena Davis, Kyle MacLachlan, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Warner Bros. Entertainment

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A ★★ review of Blink Twice (2024)
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Gesehen: Das merkwürdige Kätzchen (2013)

Gesehen: Das merkwürdige Kätzchen (2013)
(c) Peripher Filmverleih

Wie Ramon Zürcher hier die Poesie aus dem Alltäglichen und der alltäglichen Sprache herausschält, ist wirklich ganz großes Kino. „Was sind Lungenflügel?“, fragt das Mädchen. „Das sind die beiden Flügel der Lunge, damit sie im Notfall wegfliegen kann“, antwortet die Frau.

Die Kamera widmet sich jeder Figur gleichberechtigt und wortwörtlich auf Augenhöhe. Auf keine Figur wird herabgeschaut und keine Figur wird auf ein sprichwörtliches Podest gehoben, sodass die Kamera zu ihr aufschauen muss. So hängt jeder Figur nicht nur eine eigene Perspektive, sondern eine ganz eigene Welt an.

Gekriegt hat mich außerdem wie schon in DAS MÄDCHEN UND DIE SPINNE (2021) der Zürcher-Brüder, wie leise und dadurch fast schon unbemerkt sich die Spannung im Geschehen aufbaut. Wie Blicke und Leerstellen davon zeugen, dass es unter der Oberfläche zunehmend brodelt. Zwischenzeitlich habe ich an Thomas Arslans fantastischen FERIEN (2007) denken müssen, der ebenfalls sehr viel gekonnt mit dem Umschiffen des Konkreten in alltäglichen Momenten am Abgrund arbeitet.

★★★★½

DE; R: Ramon Zürcher, D: Anjorka Strechel, Jenny Schily, Matthias Dittmer, Luk Pfaff, Monika Hetterle, Kathleen Morgeneyer, Gustav Körner, Leon Beiersdorf, Armin Marewski, Mia Kasalo, Trailer, Wikipedia
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Gesehen: Wolfs (2024)

Gesehen: Wolfs (2024)
(c) Apple TV+

Ich will nicht leugnen, dass es schon auch ein bisschen cool ist, diesen beiden alternden Stars in diesen Rollen zuzuschauen. Denn das sind im Prinzip zwei Figuren, die nicht an völliger Selbstüberschätzung und Selbstüberhöhung leiden, sondern sich regelrecht darin suhlen. George Clooney und Brad Pitt spielen Figuren, die lieber irgendwo im Nirgendwo am Wegesrand verdursten würden, als jemanden nach dem Weg zum nächsten Brunnen zu fragen – gewissermaßen Typen, die aufgrund ihres Gehabes schon zu Recht aussortiert werden sollen.

Was Jon Watts jedoch um dieses Sujet herum veranstaltet, fühlt sich eher nach einem an einem Wochenende zusammengeschobenen Studentenprojekt als nach „Prestige“-Streaming an. Klar, Clooney und Pitt lässt sich nicht absprechen, dass sie einen gewissen Rapport miteinander haben und auch die ihnen vorgelegten Gags mit einer abgeklärten Schnittigkeit spielen können. Nur ist der Humor genauso abgenutzt wie die Bandscheiben der beiden Wölfe.

Außerdem bin ich mir nicht sicher, warum die Entscheidung getroffen wurde, ausgerechnet in der Millionen-Metropole New York City fast keinen einzigen Menschen außerhalb der Figuren mit Dialog zu zeigen. Metaphorisch betrachtet lässt sich hier natürlich irgendwas à la die Vereinsamung der Wölfe in der Anonymität der Großstadt herauslesen. Unterfüttert wird das letztlich jedoch kaum. Auf jeden Fall nicht genug. Wohin dieser Film will? Keine Ahnung 🤷‍♂️

★★½☆☆

US, R: Jon Watts, D: George Clooney, Brad Pitt, Amy Ryan, Austin Abrams, Poorna Jagannathan, Trailer, Wikipedia
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