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Filmkritik

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Posts tagged with Filmkritik

Gesehen: Neustadt. Stau - Der Stand der Dinge (2000)

Eine junge Frau in blauem Pulli sitzt vor einer hölzernen Schrankwand am Tisch u. hat vor sich 3 Bilder von ihren 3 Kindern.
(c) ÖFilm, Stiftung Deutsche Kinemathek

Die Ampel bleibt rot – das ist das letzte Bild des Films vor der Schwarzblende. In meinem Kopf hindert sie den letzten Zug daran, Halle-Neustadt zu verlassen. Wer an die Zukunft dachte, saß in einem der vorherigen Züge. Wer in der Vergangenheit schmorte, kam zu spät.

Thomas Heise wird hier mit seiner Kamera Zeuge der Ursachen und Folgen eines radikalen Braindrains innerhalb der Stadtteilgesellschaft. Natürlich hat das auch mit den wirtschaftlichen Folgen der Wende für Sachsen-Anhalt zu tun. Aber eben auch damit, dass Rechte – von Konservativen bis zu Neonazis – sich unter anderem großflächig an diesem Punkt überschneiden: die Verachtung von Bildung. Denn Bildung bedeutet Fortschritt und Fortschritt stellt den Status quo infrage und ist nie rückwärtsgerichtet.

Wer ein Buch statt die Bild liest, wird nicht als Mensch wahrgenommen, der seinen Horizont erweitern und Dinge über die Welt lernen möchte, sondern als jemand geframt, der sich über andere stellen und andere Menschen abwerten will. Doch das scheint reine Projektion, denn das eigene Handwerk, die eigene Arbeitsmoral und die seit Jahrzehnten unveränderte Weltsicht werden als Maß aller Dinge erachtet, nach der sich alle anderen richten müssen.

P.S.: Einer der Neonazis im bürgerlichen Gewand hat sich eine Kopie eines von Hitler gemalten Bildes in die Wohnung gehängt – weil er es interessant findet, dass diese „Führungspersönlichkeit" auch vorher ein Privatleben hatte. Als ob massenmordender Faschist nur ein Job wäre, den man nach 17 Uhr einfach auch mal Job sein lassen kann. Das kannst du dir nicht ausdenken.

🇩🇪, R: Thomas Heise

Der Film steht noch bis zum 31. Januar 2028 kostenlos in der Mediathek der Bundeszentrale für politische Bildung:

Neustadt. Stau - Der Stand der Dinge
Acht Jahre nach der ersten filmischen Begegnung mit rechtsextremen Jugendlichen in Halle Neustadt besucht Thomas Heise seine Protagonisten und ihre Familien zur Jahrhundertwende erneut.
Gesehen: Stau – Jetzt geht’s los (1992)
Was für ein bemerkenswertes Zeitdokument, das besonders aus heutiger Sicht den Stillstand festhält. Denn was in diesem Dokumentarfilm hervorsteht, ist die absolute Tatenlosigkeit, mit der selbst das direkte Umfeld diesen sich zunehmend radikalisierenden jungen Menschen gegenübersteht. Wir können jetzt lange über „Haha, schau mal, die dummen Nazis!” lachen. Aber es

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Gesehen: Miller's Girl (2024)

Gesehen: Miller's Girl (2024)
Martin Freeman und Jenna Ortega // (c) Studiocanal

Wilde These, aber vielleicht eignet sich Dark Romance gar nicht dazu, derlei Machtstrukturen zu ergründen? Konkret in diesem Fall ist das jedenfalls so. Denn Komplexität und Grauzone werden lediglich behauptet.

Hier geht es nicht um Transgression oder auch nur eine erotische Gratwanderung, sondern letztlich um eine grotesk verschobene Wahrnehmung von Täter und Opfer, die mit einem „Irgendwie sind doch beide ein bisschen Schuld" und ein bisschen Genrekitsch überspielt werden soll.

So komplex wie der Film offenbar seine Fragestellungen begreift, so klar ersichtlich sind die Antworten darauf. Ein deutlich älterer Mann überschreitet mehrere Grenzen zu seiner gerade 18 Jahre alten Schülerin, die natürlich in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihm steht. Er weiß, wo die Grenzen liegen, aber sie sind ihm egal. Welchen wie auch immer gearteten Profit die Schülerin daraus zu schlagen versucht, ist völlig egal. Nur scheint das dem Film nicht wirklich klar zu sein.

★☆☆☆☆

🇺🇸, R: Jade Halley Bartlett, D: Jenna Ortega, Martin Freeman, Bashir Salahuddin, Gideon Adlon, Dagmara Dominczyk, Trailer, Wikipedia

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Gesehen: Abschied von gestern (1966)

Gesehen: Abschied von gestern (1966)
Alexandra Kluge als Anita G. // (c) Edition Filmmuseum

Diese deutsche Gegenwart lässt sich nicht ohne den Blick in die deutsche Vergangenheit erzählen. Wo alte Naziseilschaften sich auch nach der sogenannten Entnazifizierung über Jahrzehnte hinweg weiter halten, dadurch teilweise weiterhin auf einflussreichen Positionen sitzenbleiben und folglich auf die gesellschaftliche Entwicklung haben konnten. Wo statt wirklicher Aufarbeitung viel eher ein Totschweigen der Vergangenheit die Regel ist, weil man ja sonst mit sich selbst, der eigenen Familie, den Freund:innen und Nachbar:innen ins Gericht gehen müsste. Dort kann es weiterhin keinen trittfesten Boden für Jüd:innen egal welches Alters geben. Und das steckt in jeder Pore dieses Films.

★★★★☆

🇩🇪, R: Alexander Kluge, D: Alexandra Kluge, Günter Mack, Hans Korte, Werner Kreindl, Eva Maria Meineke, Edith Kuntze-Pellogio, Palma Falck, Trailer, Wikipedia

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Gesehen: Tuesday (2023)

Gesehen: Tuesday (2023)
Julia Louis-Dreyfus // (c) Stage 6 Films

Der Film hat genau das gleiche Problem wie eine seiner beiden Protagonistinnen: Er traut sich einfach nicht, dahin zu gehen, wo es wirklich wehtut, wo die Trauer überwältigend ist und unendlich scheint.

Am meisten selbst im Weg steht sich der Film mit seiner zentralen Metapher, die sich bereits nach zehn Minuten quasi totgelaufen hat und dieser Anordnung keinen Millimeter weiterhilft. Es ist die Flucht in die Einfältigkeit, weil in diesem Film zwar extrem komplexe Emotionen und Verhaltensmuster zugrunde liegen, von denen wir als Publikum jedoch kaum etwas mitbekommen. Es wird viel behauptet, aber wenig geliefert.

Von unter anderem Tod, Verlust, Einsamkeit und Mutterschaft könnte dieser Film erzählen. Stattdessen verlässt er sich auf die „Erkenntnis", dass der Umgang mit dem Tod nur leichter wird, wenn man sich ihm stellt. Es gibt sicherlich Unmengen an Möglichkeiten, nuanciert auf dieses Ergebnis hinzuarbeiten. Doch hier bleibt durch die fehlende Unterfütterung ein Gefühl absoluter Banalität übrig.

★½☆☆☆

🇬🇧/🇺🇸, R: Daina Oniunas-Pusić, D: Julia Louis-Dreyfus, Lola Petticrew, Arinzé Kene, Leah Harvey, Trailer, Wikipedia

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Gesehen: Sachertorte (2022)

Gesehen: Sachertorte (2022)
Maeve Metelka und Max Hubacher // (c) Amazon Studios, DCM Stories

Der Film hat mich auf ganzer Linie verzückt und es ist mir egal, dass ihr das jetzt wisst! Wie zuckersüß war das bitte?

SACHERTORTE ist ein Film, dessen Weg von Beginn an glasklar gezeichnet ist. Die Romcom ist ein derart abgegriffenes Genre, dass mittlerweile einfach das gesamte zur Verfügung stehende Werkzeugarsenal aus Tropen besteht.

Dieser Film weiß das. Er benennt seine Vorbilder, macht keinen Hehl aus seiner Inspiration und versucht erst gar nicht genau diese Idole zu dekonstruieren. Das wäre ein von vornherein zum Scheitern verurteiltes Vorhaben.

Der Film ist sich der Grenzen des Genres und des Settings bewusst. Aber innerhalb dieser Grenzen bewegt er sich unheimlich selbstbewusst, charmant und durch viele schöne, kleine und vor allem ehrliche Momente.

Außerdem: Wie toll ist bitte Maeve Metelka? Kommt sie ins Bild, vereinnahmt sie sofort das ganze Bild, schafft es aber trotzdem, niemals die Szene zu ersticken. Sie scheint einen sehr authentischen Zugang zu ihrer Figur gefunden zu haben.

★★★½☆

🇦🇹/🇩🇪, R: Tine Rogoll, D: Max Hubacher, Maeve Metelka, Detlev Buck, Maria Happel, Karl Fischer, Cornelius Obonya, Johannes Zirner, Krista Stadler, Hilde Dalik, Sarah Elena Koch, Samuel Koch, Michaela Saba, Paul Basonga, Trailer, Wikipedia

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Gesehen: The Old Oak (2023)

Gesehen: The Old Oak (2023)
Dave Turner als TJ Ballantyne für seinem Pub // (c) Leonine Studios Spielfilm

Als riesiger Fan von Ken Loach habe ich es sehr lange vor mir hergeschoben, diesen Film zu schauen. Denn alleine die Synopse hatte eine immens abschreckende Wirkung auf mich und ließ vor meinem inneren Auge den Bärenmarke-Bär über die saftig grüne Wiese tanzen – erzwungener Friede-Freude-Eierkuchen eben, das ganz reale Gefahren, denen Geflüchtete tagtäglich ausgesetzt sind, eben eher ausblendet.

Aber würde Ken Loach für eine derart lauwarme, der Realität nicht standhaltende Botschaft wirklich seinen bestechenden Sozialrealismus über Bord werfen? Das konnte ich mir dann doch nicht vorstellen.

Und was soll ich sagen? Wow, hat mich dieser Film berührt... Denn im Zentrum geht es hier um Mechanismen, die auch, aber nicht ausschließlich mit Migration, Integration, Rassismus und Xenophobie zusammenhängen.

Es geht um die unschätzbare Macht von bedingungsloser Solidarität und Gemeinschaft. Dazu gehört eben auch, dass es öffentliche wie gemeinschaftliche Orte gibt, an denen Menschen unabhängig von ihrem sozialen und ökonomischen Status niedrigschwellig zusammenkommen und sich begegnen können.

Aber lässt sich davon im Kontext der Integration Geflüchteter überhaupt erzählen, ohne auch die ihnen entgegenschlagende Menschenfeindlichkeit in all ihrer Härte in den Blick zu nehmen? Ich finde nicht, deshalb stehe ich an dieser Stelle dem Film auch skeptisch gegenüber.

Unstrittig sollte jedoch sein: Den rassistischen Fremdenfeind*innen räumt Ken Loach bewusst keine Bühne ein, um ihre kruden Stammtischmeinungen auszubreiten. Diesen Aspekt mit an dieser Stelle schon zu Tode wiederholten Sprüchen abzuhandeln, funktioniert erstaunlich gut. Wenn eine der Figuren „I'm not a racist, but..." sagt, bedarf es eigentlich keiner weiteren Worte mehr, jede*r weiß dann schon Bescheid.

Trotzdem blendet dieser Film natürlich nicht die ganz realen Probleme der Einheimischen aus – die wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen, der Niedergang von ganzen Landstrichen außerhalb der urbanen Zentren, dem Zerfall von (gesellschaftlicher) Infrastruktur wie hier ganz konkret des Pubs The Old Oak.

★★★★☆

🇧🇪/🇫🇷/🇬🇧, R: Ken Loach, D: Dave Turner, Ebla Mari, Claire Rodgerson, Trevor Fox, Chris McGlade, Col Tait, Jordan Louis, Chrissie Robinson, Chris Gotts, Jen Patterson, Arthur Oxley, Joe Armstrong, Andy Dawson, Maxie Peters, Trailer, Wikipedia

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