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Filmkritik

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Posts tagged with Filmkritik

Gesehen: Cameraperson (2016)

Gesehen: Cameraperson (2016)
(c) Arte

Was für ein großartiges Stück Film CAMERAPERSON ist… Kirsten Johnson gelingt es, sich selbst über die Schulter zu schauen, dabei den Mittelpunkt jedoch weiterhin ihren Subjekten zu überlassen und ihren Film niemals zur narzisstischen Nabelschau zusammenzuschneiden. Und trotzdem findet sie viele kleine Momente, mit deren Hilfe sie ihre Rolle als Dokumentarfilmerin reflektieren kann – wenn sie auf Bodenhöhe filmt und auf der Aufnahme zu sehen ist, wie sie dafür selbst störendes Gras aus dem Frame pflückt, wenn ihr Nießen oder ein erstauntes „Wow…“ ob eines heftigen Blitzes während einer Naturaufnahme zu hören sind.

Das ist implizites Nachdenken über den dokumentarischen Blick und die Illusion dessen, dass dieser jemals ein objektiver sein kann. Ganz abgesehen davon, dass die Entscheidung für ein bestimmtes Motiv gleichzeitig die Entscheidung gegen unendlich viele andere Motive und damit bereits subjektiver Wahrnehmung unterworfen ist, bevor die Aufnahme überhaupt gestartet wird, geht es um die Kamera als vermeintlich rein mechanisches Objekt. Alleine der gewählte Filmtitel – die Verbindung, wahrscheinlich sogar Verschmelzung von Kamera und Person – beschreibt, dass selbst mit als inhärent objektiv wahrgenommener Technik kein Blick ohne Urteil möglich ist – weil ein Mensch die Kamera führt und gleichzeitig so unumgänglich mit ihr verbunden ist, dass ein Subjekt gar nicht anders kann, als sich zu ihr zu verhalten. Die reine Anwesenheit der Technik verklärt den Blick auf die Realität.

Außerdem hadert Johnson mit der Frage, ob ein Dokumentarfilm überhaupt etwas verändern, Dinge in Bewegung setzen kann. Die Antwort, die sie darauf findet, finde ich sehr faszinierend. Denn letztlich scheint sie zu dem Schluss zu kommen, dass ein – in ihrem Fall – Dokumentarfilm per se erstmal gar nichts bewirkt. Die Bilder – ihre Bilder – an sich sind machtlos. Sie mögen Wissen transportieren und Erkenntnis schaffen. Aber eben nichts verändern. Es ist jedoch der Schaffensprozess an sich, der den Status Quo nicht nur in Frage stellen, sondern ihn auch über den Haufen werfen kann.

Wie ich das meine: Kirsten Johnson fragt eine alte Frau zur während der sogenannten ethnischen Säuberungen bei den bosnischen Menschen im Bosnienkrieg allgegenwärtigen patriarchalen Gewalt. Die will davon nie etwas mitbekommen, niemals ein Problem gehabt haben – das Schweigen auf ewig auf Film festgehalten. 15 Jahre später kehrt Johnson zu der Frau zurück. Deren Familie berichtet, dass es Johnsons Fragen waren, die die bis dato in der gesamten Gegend „ausgelöschten“ Erinnerung zurückgeholt haben – nicht nur ins Bewusstsein der alten Frau, sondern in die ganze Gegend.

Das Kunstwerk an sich mag machtlos sein, aber der Schaffensprozess bringt den Status Quo ins Wanken, stellt Machtverhältnisse in Frage, nimmt den Unterdrückern die Unantastbarkeit und verändert so – wortwörtlich – die Welt.

US, R: Kirsten Johnson, Trailer, Wikipedia

Arte hat den Film in kompletter Länge auf Youtube, wie ich gerade beim Heraussuchen des Trailers bemerkt habe.

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Kinotagebuch: Dune - Part Two (2024)

Kinotagebuch: Dune - Part Two (2024)

Ein himmelweiter Unterschied ist das zum Vorgänger! Den hat Denis Villeneuve mit seinen Bildern, Dia- und Monologen sowie Hans Zimmers Frechheit von einem Score regelrecht erdrückt. Und jetzt: Jetzt haben Bilder und Figuren plötzlich Raum zum Atmen. Villeneuve findet auch kleine Bilder im Großen, schafft so ein Gegengewicht, das die gesamte Bildästhetik ins Gleichgewicht bringt. Seine Figuren erzählt er vielmehr implizit und weniger durch tonnenschwere Exposition.

Kurz gesagt: Welt und Figuren fühlen sich so viel mehr rund und greifbar an als zuvor. Das gibt auch den Themen mehr Raum, sich zu entwickeln und tiefer in die Wahrnehmung der Zuschauer*innen vorzudringen. Gefühlt hat sich der Vorgänger langatmig mit durch die Herrschaftsordnung dieser Galaxie bedingten Symptomen auseinandergesetzt. Jetzt bekommt die Sache jedoch endlich Fleisch und beschäftigt sich eindringlicher mit religiösem und kapitalistischem Faschismus sowie der nuklearen Bedrohung, die einfach allem ein Ende setzen kann – egal, wessen Heilsversprechen man folgt.

Was mir immer noch ein Rätsel ist: Wie kommen die nach so einem Ritt wieder vom Wurm runter?

★★★★☆

US, R: Denis Villeneuve, D: Timothée Chalamet, Zendaya, Rebecca Ferguson, Josh Brolin, Austin Butler, Florence Pugh, Dave Bautista, Christopher Walken, Léa Seydoux, Stellan Skarsgård, Charlotte Rampling, Javier Bardem, Trailer, Wikipedia
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Gesehen: Ferrari (2023)

Gesehen: Ferrari (2023)
(c) STX Entertainment

Mit Michael Mann habe ich mich schon immer schwergetan und FERRARI ist da keine Ausnahme. Es war schwer für mich, einen Zugang zum Film zu finden. Was mir die ganze Nummer schließlich aufgeschlossen hat, waren die bildästhetischen Gegensätze, die Mann hier provoziert. Auf der einen Seite stehen die für ihn höchst ungewöhnlichen warmen Bilder, wenn der Motorsport in Szene gesetzt wird. Auf der anderen Seite steht die finstere Schwere des behäbigen Figurentheaters. Es ist die dadurch anscheinende Unvereinbarkeit dieser zwei Welten – der instinktgetriebenen Welt hinterm Lenkrad und dem Privaten. Das Private ist politisch und Kapitalismus Religion. Was sind schon ein paar Menschenleben, solange Enzo die Welt auf Modena blicken lässt…

★★★½☆

IT/GB/US, R: Michael Mann, D: Adam Driver, Penélope Cruz, Shailene Woodley, Shailene Woodley, Jack O’Connell, Trailer, Wikipedia
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Gesehen: Es gilt das gesprochene Wort (2019)

Gesehen: Es gilt das gesprochene Wort (2019)
(c) X Verleih

So ist das, wenn man nur als Teil der Gesellschaft oder überhaupt als Mensch wahrgenommen, geduldet und akzeptiert wird, wenn man substanziell zum Bruttoinlandsprodukt beiträgt. Dass das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit jedoch nie zu schaffen ist, ist systemimmanent. Gesellschaftliche, kulturelle und wirtschaftliche Teilhabe wird nicht nur erschwert, sondern teilweise auch verunmöglicht. Stattdessen werden Menschen an den Rand der Gesellschaft gedrängt und einmal dort angekommen aufgrund dieser Position stigmatisiert.

★★★½☆

DE/FR, R: İlker Çatak, D: Oğulcan Arman Uslu, Anne Ratte-Polle, Godehard Giese, Trailer, Wikipedia
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Gesehen: Der Wald vor lauter Bäumen (2003)

Gesehen: Der Wald vor lauter Bäumen (2003)
(c) Komplizen Film, SWR, Kaufmannwöbke, HFF München

Beeindruckend, wie absolut klar dieser Film ist, wie messerscharf Maren Ade hier beobachtet. Sie zeichnet eine Figur, die beim verzweifelten Versuch irgendwie am Leben teilzunehmen und gesehen zu werden sich selbst verliert, unsichtbar für sich selbst und andere wird und fast schon aufhört zu existieren. Dysfunktionale Grundüberzeugungen füllen nun diese menschliche Hülle aus, lasten schwer auf ihren Schultern. Kann ihr denn niemand beim Tragen dieser Last helfen? Einmal kurz wegtreten vom Steuer, durchatmen, keine Verantwortung spüren… DER WALD VOR LAUTER BÄUMEN sitzt einfach.

★★★★☆

DE, R: Maren Ade, D: Eva Löbau, Daniela Holtz, Jan Neumann, Trailer, Wikipedia
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Gesehen: Bone Tomahawk (2015)

Gesehen: Bone Tomahawk (2015)
(c) Constantin Film

Ich hätte nie damit gerechnet, einen Film über die sogenannte Inner Frontier zu bekommen. Aber letztlich geht es hier doch genau darum: die Frage, welche Art von Mensch, welche Art von Mann man sein will. Wer entscheidet, dass etwa das Niederschreiben von Gefühlen der ein gutes Buch in der heißen Badewanne liegend zu lesen nicht mit den Western-Idealen zusammenpasst? Die Reise in die Höhle der Kannibalen ist für die Protagonisten damit auch eine Reise ins eigene Innere. Und dort, gefangen in der Höhle, sagt die Frau den klügsten Satz des ganzen Films: „This is why frontier life is so difficult. Not because of the Indians or the elements but because of the idiots.“

★★★½☆

US, R: S. Craig Zahler, D: Kurt Russell, Patrick Wilson, Richard Jenkins, Matthew Fox, Lili Simmons, Trailer, Wikipedia
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