Ich liebe alles daran, wie Park Chan-wook mit dieser Frau eine jesusartige Figur zeichnet, deren reine Existenz bereits Ausdruck der Scheinheiligkeit einer vermeintlich auf christlichen Werten basierenden Gesellschaft ist. Sie ist die wandelnde Gelegenheit, sich die bluttriefenden Hände in Reinheit zu waschen, die eigene Schuld abzuladen. Sie gab ihr Menschsein auf, um den Menschen samt deren Sünden ein Ventil zu bieten.
Dieser Racheengel ist auf eine sehr tragische Art und Weise wunderschön. LADY VENGEANCE schlägt bei aller Drastik sehr elegante Töne an und verwandelt diesen Fiebertraum in eine anmutig poetische Inszenierung über Schuld, Gewissen, Erlösung, Vergebung und ewigen Schmerz.
★★★★☆
KR, R: Park Chan-wook, D: Lee Young-ae, Choi Min-sik, Kim Shi-hoo, Nam Il-woo, Kim Byeong-ok, Oh Dal-su, Seung-shin Lee, Trailer, Wikipedia
Den Film ausschließlich als bloße Kritik an den Zeugen Jehovas zu lesen, wäre viel zu kurz gegriffen.
Foto: Mubi
Das ist ein Film, der es sich und erst recht nicht seinem Publikum leicht macht. Das ausschließlich als bloße Kritik an den Zeugen Jehovas zu lesen, ist viel zu kurz gegriffen. Vielmehr kreist der Film um verschiedene, parallel zueinander existierende autoritäre bzw. repressive Machtsysteme herum, die irgendwie jede Faser der Zivilisation und des Menschen zu durchdringen scheinen.
Wo hat all das angefangen – im institutionalisierten Glauben, mit dem Patriarchat, durch politische Polarisierung oder im eigenen Elternhaus? Die Antwort ist wahrscheinlich ja zu allem. Vielleicht sind das aber auch gar nicht die Fragen, die wir uns stellen sollten. Vielleicht ist es viel drängender, erstmal einen Weg aus dieser Misere heraus zu finden. Die Schuldfrage wird erst vor Gericht wieder interessant. Bis es jedoch dazu kommen kann, muss das Kind erstmal aus dem Brunnen herausgeholt und dafür Sorge getragen werden, dass niemand aus Versehen hineinfallen und gar gestoßen werden kann.
Mit einer unglaublich selbstbewussten Ruhe lässt uns der Film teilweise minutenlang komplett alleine – mit diesen Fragen und mit unseren Gedanken dazu. Ich habe mich selbst dabei ertappt, wie ich verzweifelt versucht habe, Punkte der Orientierung zu finden und mich an ihnen festzuklammern. Aber diese Erlösung bietet der Film nicht, sondern lässt so lange in ambivalenten Gefühlen baden, bis der kritische Blick auch nach innen gerichtet wird.
BEGINNING ist unbequem im allerbesten Sinne.
★★★★☆
🇬🇪, R: Dea Kulumbegashvili, D: Ia Sukhitashvili, Rati Oneli, Kakha Kintsurashvili, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Mubi
Arnaud Desplechin dreht sich hier um den Begriff des Absoluten. Gibt es die absolute Liebe, die absolute Treue, die absolute Freundschaft, die absolute Ehrlichkeit und das absolut Gute im Wesen der Menschen? Es ist natürlich nicht sonderlich überraschend, dass die Antwort überaus komplex und deren Formulierung ohne Graustufen gar nicht möglich ist.
Zuerst war es für mich durchaus gewinnbringend, mich auf diese Gedankenspiele einzulassen. Zu Beginn stößt die strenge Verweigerung des Films, selbst absolute Urteile zu fällen, interessante Denkräume auf. Doch irgendwann dreht sich alles nur noch im Kreis. Da war ich dann raus.
Ich mag diesen Batman-Camp ja eigentlich total, aber Joel Schumacher gelingt hier die Gratwanderung einfach nicht. Oder das war gar nicht sein Ansinnen, denn es fühlt sich schon so an, als ob sich der Film sehr bewusst über die Vorlagen lustig macht – und das steht ihm nicht sonderlich gut zu Gesicht. Denn bereits nach sehr kurzer Zeit gehen dem Drehbuch alle halbwegs erträglichen Sprüche im Zusammenhang mit Kälte und Eis aus, alle Figuren reden nur noch in Floskeln miteinander.
Was ich mochte, ist die Betrachtung der Gesellschaft von Gotham, mit ihrem absoluten Überfluss, dem moralisch verkommenem Baden im Luxus, ihrer inhärenten Menschenfeindlichkeit und rassistischne sowie sexistischen Herabwürdigungen an der Tagesordnung, gepaart mit der Verbrüderung mit einem faschistischen Verwaltungsapparat.
Aber dann hampeln Batman und Robin maximal paternalistisch durch immer zäher werdende zwei Stunden Spielzeit und am Ende ist es doch irgendwie die verführerische Femme fatale, die die armen Menners in ihren Bann zieht und Gotham in den Abgrund stößt 🤷♂️
★½☆☆☆
US, R: Joel Schumacher, D: George Clooney, Chris O'Donnell, Uma Thurman, Arnold Schwarzenegger, Alicia Silverstone, Michael Gough, Trailer, Wikipedia
Was für ein wilder Ritt, der so vollgepackt ist, dass ich gar nicht weiß, was ich hier letztlich hervorheben soll…
Der größte Elefant im Raum (und deshalb natürlich auch schon sehr oft erwähnt) ist sicherlich Jean-Luc Godards Spätwerk. Konkret an den grundpessimistischen und durchaus misanthropischen LE LIVRE D'IMAGE (2018) habe ich sehr oft denken müssen. Beide Filme eint auf Formebene ihr radikal fragmentarischer Stil und eine Wirkung, die sich in großen Teilen nicht vorrangig durch das Abgebildete entfaltet, sondern nur durch die Montage entsteht. Nur entscheidet sich Radu Jude letztlich dafür, seine Gesellschaftssektion durch das Herausarbeiten der absurd komischen Auswüchse des Spätkapitalismus vorzunehmen und dabei den Vergleich mit Godard nicht nur selbst aufzugreifen, sondern in meinen Augen auch abzuwehren.
In Emojis ausgedrückt: 🤡🔫
Von Neokolonialismus über ganz „normale“ Ausbeutung bis zur gesellschaftlichen Verrohung pflügt Jude einmal quer durch eines der ärmsten Länder der Europäischen Union. Dabei gelingt ihm ein sehr bemerkenswertes Kunststück: Viele seiner Figuren sind unheimlich ambivalent und lassen sich in kein Gut-und-böse-Schema einordnen. Da ist die Produktionsassistentin, die auf der einen Seite aufs Übelste Ausgebeutet wird, ihre Lebenszeit durch stundenlanges Herumfahren wortwörtlich verschwendet und dabei problemlos aus Goethes „Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit“ zitieren kann und sich auf der anderen Seite mit derben Insta-Storys auf einer Ebene mit Charlie Hebdo sieht. Oder der Regisseur, der dessen kulturelles Wissen und künstlerischer Anspruch anerkennenswert sind, er seine Fähigkeiten jedoch aufgrund des großen ökonomischen Drucks in der Werbung verpulvern muss und damit letztlich auch nur ein Vasall genau des Kapitalismus ist, der Menschen wie ihn eigentlich kaputtmacht. Und obendrauf müssen alle irgendwie damit klarkommen, dass die Hälfte unserer Mitmenschen einfach mit der Realität oder zumindest grundlegenden Regeln des Anstands gebrochen haben, menschenfeindliche Parolen wiederholen und mit offen faschistische agierenden Personen kein Problem zu haben scheinen.
Menschen können eine sensible Künstler*innenseele haben und gleichzeitig einem skrupellosen Konzern dabei helfen, dessen Hände in Reinheit zu waschen und Absätze durch die Anregung stumpfen Konsums auf Kosten von Mensch und Umwelt zu maximieren.
Und dann gibt es da diese eine Sequenz, in der minutenlang einfach nur die zum Gedenken an tödlich verunfallte Autofahrer*innen aufgestellten Kreuze entlang einer Straße gezeigt werden. Dieser Abschnitt sticht besonders aus dem Chaos des Films heraus. Nach einigem hin und her überlegen, habe ich für mich eine Bedeutung herausarbeiten können: Die Aufnahmen heben sich ab, weil sie nicht der Filterlogik des Films folgen. Ist die Produktionsassistentin unterwegs, ist das Bild schwarz-weiß. Macht sie ihre Insta-Storys, transmutiert ein Filter ihr Gesicht. Bei den Dreharbeiten für einen Imagefilm ist unser Blick gleichzeitig der Blick durch die Kamera des dort werkelnden Filmteams. Nur der Blick auf die Kreuze scheint wirklich unmittelbar und unverfälscht zu sein. Ein bisschen hat sich das für mich angefühlt, als ob Jude damit etwas à la „Eine Rettung ist noch möglich – und wenn es durch den Tod ist“ sagen möchte. Und irgendwie liegt darin für mich auch ein Gefühl des Friedens.
★★★★☆
🇭🇷/🇫🇷/🇱🇺/🇷🇴, R: Radu Jude, D: Ilinca Manolache, Nina Hoss, Dorina Lazăr, Uwe Boll, Trailer, Wikipedia
Die Unausweichlichkeit des Faschismus, die Arroganz, Hybris und Überheblichkeit, mit der sich der Mensch an der Spitze der Nahrungskette sieht, der den Menschen anhaftende Gottkomplex – alles schön und gut. Nur fehlt dem hier einfach der filmische Unterbau. Eine Aneinanderreihung von sich immer und immer wieder gleichenden Szenen, die nur unterbrochen werden von Momenten, in denen sich die Figuren im Dialog oder Monolog das Geschehen sicherheitshalber nochmal erklären, ain’t it.
★★☆☆☆
US, R: J. Lee Thompson, D: Roddy McDowall, Don Murray, Ricardo Montalban, Hari Rhodes, Trailer, Wikipedia
„Heute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag, habe ich mir einfach mal überlegt, welche Möglichkeiten und Privilegien Männer haben, die ich für uns auch gern hätte“, schreibt Jasmin Schreiber. Man(n) liest und scrollt sehr lange.
Privilegien, die ich als Frau auch gern hätte — JASMIN SCHREIBERHeute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag,
Die heutigen Dailies unter anderem mit: Robyn, Hank Green und Alice Rohrwacher
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