Ulrich Köhler treibt Trauer als isolierende Erfahrung auf die Spitze. Seine Hauptfigur sieht sich dadurch jedoch in einer Situation, in der ökonomische Zwänge, gesellschaftliche Erwartungen und familiäre Verpflichtungen plötzlich gar keine Rolle mehr spielen. Er ist frei, kann loslassen – und verpasst es dabei, seine Trauer wirklich zu verarbeiten, seine Rolle als Mensch und Mann zu reflektieren.
Denn als plötzlich die Frau auftaucht, scheint für ihn klar zu sein, dass sie bei ihm bleibt. Es steht gar nicht zur Debatte, sich gemeinsam ein neues Domizil zu suchen. Sie lernt Deutsch, obwohl beide auch Englisch können. Sie ist es, die schwanger werden kann und das jedoch gar nicht möchte. Er übergeht ihren Willen wiederholt und steht am Ende wieder dort, wo er sich auch eingangs befand: in Isolation und Einsamkeit.
★★★½☆
DE/IT, R: Ulrich Köhler, D: Hans Löw, Elena Radonicich, Trailer, Wikipedia
Auch dieser Twist kann meiner Meinung nach nicht darüber hinwegtäuschen, dass es schon arg transparent ist, mit welcher Strategie Eileen hier über das Schachbrett gezogen wird. Die junge in sich gekehrte Frau, die von ihrem traumatisierten und alkoholkranken Vater kleingehalten wird und sich dann verständlicherweise mit dem Auftauchen der hochgebildeten Kosmopolitin Rebecca in diesem verschlafenen Nest zu ihr hingezogen fühlt, das haben wir in jeder möglichen Variation bereits tausendmal gesehen. Eileen ist nicht unbedingt von der Frau betört, sondern von dem, für was sie steht: Freiheit, Unabhängigkeit und das Frausein. Der Plottwist fühlt sich dann wie ein billiger Knalleffekt an. Eine stetige Eskalation hätte der Hauptfigur wahrscheinlich besser getan.
Interessanter wird es dann schon, wenn man sich anschaut, warum Thomasin McKenzie eine herausragende Wahl für Eileen ist. Durch ihre äußere Erscheinung mit einem extrem jungen Gesicht und dem Körper einer Frau Anfang 20 kann sie ihrer Figur perfekt ein Leben über jede Dialogzeile hinausgehend einhauchen. Gepaart wird das damit, dass Eileen zunächst etwa weite Strickklamotten und später figurbetonte Kleider trägt – nicht, weil ein männliches Publikum dann „Jetzt ist sie eine richtige Frau“ grunzen kann, sondern weil sich Eileen Zugang zu ihren Bedürfnissen und ihrem Begehren findet und sich damit immer wohler fühlt und selbstsicherer fühlt.
Was meiner Meinung nach nur halbherzig Beachtung findet, ist das Machtgefälle zwischen Thomasin McKenzies Eileen und Anne Hathaways Rebecca sowie Eileens soziopathische Tendenzen, die möglicherweise aus einer Schutzreaktion auf den emotionalen Missbrauch durch den Vater erwachsen sind. Der von Erlösungs- und Rachefantasien gepflasterte Weg zum großen Befreiungsschlag fühlt sich leer an, weil er es wahrscheinlich tatsächlich ist.
★★★☆☆
GB/US, R: William Oldroyd, D: Thomasin McKenzie, Anne Hathaway, Shea Whigham, Marin Ireland, Trailer, Wikipedia
Was für ein trashiger Fiebertraum, der über weite Strecken alleine dadurch unterhält, Rollenbilder zu unterlaufen und mit Erwartungen zu brechen. Sexualität und Sex müssen von jeglicher Scham befreit werden. Es handelt sich hier nicht um unkontrollierbare Triebe, die überwunden werden müssen. Vielmehr bedarf es eines enttabuisierten Umgangs damit, da auch dadurch gesellschaftliche Machtstrukturen offengelegt werden können.
Gleichzeitig kann sich der Film natürlich auch selbst nie wirklich freimachen von der männlichen Kamera, weird sexualisierten Momenten und holpriger Provokation, die mitunter ausbeuterische Züge annimmt. Die Exploitation-Gratwanderung will nicht immer gelingen.
★★½☆☆
FR/IT/US, R: Roger Vadim, D: Jane Fonda, John Phillip Law, Anita Pallenberg, Marcel Marceau, Claude Dauphin. Milo O’Shea, Trailer, Wikipedia
Einfach super unterhaltsam und clever, wie sich der Film und seine Figuren immer und immer wieder selbst unterlaufen, wie eine Zwiebelschicht nach der anderen freigelegt wird und die Matrjoschka am Ende wieder zusammengesetzt wird. Dabei stellt Quentin Dupieux ständig die Beziehung zwischen Publikum, Film und Schauspieler*innen in Frage, lotet Grenzen aus und zieht neue. Ein großer Spaß.
Dieser komplett aus abgenutzten Horror-Versatzstücken dahingeschluderte und dermaßen banalen Ideen zusammengehaltene Flickenteppich geht ja wohl kaum als Film durch. Einfach nochmal fast zwei Stunden auf „Puppe = creepy“ aufzubauen, obwohl genau diese Basis schon im Vorgänger auf einem rissigen Fundament stand, zeugt von einer regelrechten Verachtung des Publikums.
ANNABELLE: CREATION bedient sich – wie fast alle anderen Filme aus dem „Conjuring“-Universum auch – an lediglich zwei Techniken. Nummer 1: „Guck mal, da sitzt eine Puppe. Jetzt wenden wir unseren Blick kurz ab und plötzlich sitzt die Puppe nicht mehr da! 😱“ Nummer 2: „Da in dieser dunklen Ecke hinter dir, da könnte man mit zusammengekniffenen Augen schon eine schemenhafte Figur erkennen, oder? Und jetzt kommt der Kicker: Da war wirklich eine! Hast du nicht mit gerechnet, oder? 🫥“
Die gebetsmühlenartige Wiederholung dieser zwei „Kniffe“ kam mir ab einem gewissen Punkt regelrecht süffisant vor. Denn die Macher*innen müssen doch vor lauter Lachen nicht mehr in den Schlaf kommen vor dem Hintergrund, das Publikum immer noch mit diesem Dreck abspeisen zu können und dabei auch noch finanziell giga-erfolgreich zu sein.
Der Film läuft wie Hanns Guck-in-die-Luft an Anordnungen und Sujets vorbei, die ein viel größeres Unbehagen in sich tragen, als es diese religiösen Fieberträume je könnten.
½☆☆☆☆
US, R: David F. Sandberg, D: Stephanie Sigman, Talitha Bateman, Lulu Wilson, Anthony LaPaglia, Miranda Otto, Grace Caroline Currey, Trailer, Wikipedia
Das ist wirklich kaum mehr als eine Stilübung mit Budget. Und als Stilübung mit Budget muss sich der Film dann auch vor allem formale Kritik gefallen lassen. Die Schauspielerinnen hier stellenweise vor die tatsächlichen historischen Aufnahmen Berlins in Trümmern zu montieren, ist sicherlich ein halbwegs interessanter Verschränkungsversuch von Vergangenheit und Gegenwart. Nur führt das zu keinen sonderlich interessanten Ergebnissen. Stattdessen bekommen wir steife Schauspielerinnen, die sich mechanisch durch eine seelenlos-kalte Welt bewegen und ihre Rollen uninspiriert und lieblos spielen. In Anbetracht dessen grenzt es schon fast an Hohn, den Film mit einem CASABLANCA-Zitat zu beschließen.
★★☆☆☆
US, R: Steven Soderbergh, D: George Clooney, Cate Blanchett, Tobey Maguire, Beau Bridges, Tony Curran, Leland Orser, Trailer, Wikipedia
„Heute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag, habe ich mir einfach mal überlegt, welche Möglichkeiten und Privilegien Männer haben, die ich für uns auch gern hätte“, schreibt Jasmin Schreiber. Man(n) liest und scrollt sehr lange.
Privilegien, die ich als Frau auch gern hätte — JASMIN SCHREIBERHeute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag,
Die heutigen Dailies unter anderem mit: Robyn, Hank Green und Alice Rohrwacher
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