Es ist so großartig und ansteckend, wie Truffaut diesem kindlichen Spieldrang, dem Freiheitsstreben, der unschuldigen Träumerei von einem unbeschwerteren Leben einen Resonanzraum öffnet und gleichzeitig dieser vom Autoritären durchzogenen, gar zerfressenen Gesellschaft, in der Unbarmherzigkeit nach wie vor mit erzieherischer Disziplin verwechselt wird, ein bitteres Zeugnis ausstellt.
Aber er verkennt auch nicht die ökonomische Realität in Frankreich. Nach Besatzung und Ausbeutung durch die Nazis und den entbehrungsreichen Nachkriegsjahren standen unterm Strich Generationen, denen kaum noch Raum zum Menschsein, zum Kindsein blieb. Überleben um jeden Preis.
Das ist Teil der Erklärung dieser gesellschaftlichen Zustände, aber keine Entschuldigung. Truffaut opfert dem deshalb niemals die kindliche Perspektive oder relativiert die Träume, Wünsche und Bedürfnisse seiner Hauptfigur. Ein herausragendes Werk.
★★★★½
FR, R: François Truffaut, D: Jean-Pierre Léaud, Claire Maurier, Albert Rémy, Trailer, Wikipedia
Dass das vor Pathos nur so trieft, war natürlich zu erwarten. Unangenehm schleimig war’s trotzdem. Genauso wie dieser verklärte Blick auf Stauffenberg und der wirklich widerliche Nachgeschmack, den der Film damit hinterlässt, dass er insinuiert und ohne kritische Distanz nahelegt, dass das mit den Nazis für alle besser gelaufen wäre, wenn etwas mehr militärische Ehre im Spiel gewesen wäre. Geschichtsverkapselung zum Abgewöhnen.
★½☆☆☆
DE/US, R: Bryan Singer, D: Tom Cruise, Kenneth Branagh, Billy Nighy, Terence Stamp, Tom Wilkinson, Carice van Houten, Thomas Kretschmann, Eddie Izzard, Kevin McNally, David Bamber, Tom Hollander, Christian Berkel, Trailer, Wikipedia
Erstmal ist diese etwas unbeholfene Annäherung, diese fast schon kindliche Verliebtheit ganz süß. Aber dann bricht langsam die Realität über unseren Wahrnehmungshorizont herein. Denn vielleicht sind diese Figuren gar nicht so awkward, sondern haben an diesem Ort gewissermaßen ein Stück weit verlernt, einfach mal Mensch zu sein.
Der Film konstruiert diesen Ort über das Ungesagte. Die Armut, die Perspektivlosigkeit, die Korruption, die verführerische Zunge des Terrorismus und die militärische Unterdrückung – all das passiert und muss nicht erst erklärt werden.
Umso stärker fallen dann jedoch die Momente aus dem Rahmen, in denen der Film konkret ausformuliert. Denn diese Momente fühlen sich nur selten an, als ob sie Resultat gelebter Erfahrungen wären, sondern wirken eher wie das Abhaken bestimmter Talking Points.
★★★½☆
🇩🇪/🇫🇷/🇯🇴/🇵🇹/🇵🇸, R: Tarzan und Arab Nasser, D: Hiam Abbass, Salim Daw, Maisa Abd Elhadi, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Alamode Film
Weil ich so großer Fan der Vorgänger-Trilogie bin, bin ich mir nicht sicher, ob ich KINGDOM OF THE PLANET OF THE APES deshalb zu viel durchgehen lasse oder härter als angemessen mit ihm ins Gericht gehe. Jedenfalls hat der mich nicht wirklich hinterm Ofen hervorgeholt, mit seiner weichgezeichneten CGI-Welt, durch die weitestgehend farblose Affen wandeln und in der alte Motive lauwarm erneut aufgegossen werden.
Dabei ist das Thema klug gesetzt. Denn was mit Gesellschaften und Zivilisationen geschieht, die immer weniger mit ihrer Vergangenheit vertraut sind, die aus der Geschichte nicht lernen wollen, sie entweder verkennen, gänzlich ignorieren oder sie durch selektive Wahrnehmung für die eigenen niederen Zwecke instrumentalisieren, das können wir aktuell permanent beobachten. Wer sich dieser Geschichtsverdrossenheit nicht entgegenstellt, läuft Gefahr, selbst zur Steigbügelhalter*in des Faschismus zu werden.
★★★☆☆
US, R: Wes Ball, D: Owen Teague, Freya Allan, Kevin Durand, Peter Macon, William H. Macy, Eka Darville, Trailer, Wikipedia
Eine gelungene Variation des THELMA & LOUISE-Themas. In beiden Filmen gehört ein Auto, das in einen Abgrund fällt, zu den zentralen Momenten. In beiden Filmen wohnt diesem Moment ein Befreiungsschlag (von patriarchaler Gewalt) inne. Was Ridley Scott 1991 noch mit einer Prise Subversion erzählte, liegt bei Rose Glass nun offen auf der Hand. Und das ist nichts Schlechtes – ganz im Gegenteil. Denn vielleicht ist die Zeit der Subtilität auch einfach vorbei, wenn seit Jahrzehnten Menschen durch synthetische Drogen links und rechts sterben, Frauen im eigenen Haus halb oder ganz zu Tode geprügelt werden, in denen pro Monat mehr als 50 sogenannte Mass Shootings (USA, Stand: Juni 2024) stattfinden und nichts, aber auch gar nichts passiert, um diese Probleme an der Wurzel zu bekämpfen.
Entsprechend balls to the wall ist LOVE LIES BLEEDING inszeniert. Es ist hochgradig beeindruckend, wie selbstbewusst und stilsicher Rose Glass hier die Zügel in den Händen hält, wie sie ohne mit der Wimper zu zucken die Bildsprache immer wieder radikal und in einem irren Tempo ändern, mit den Konventionen unterschiedlichster Genres spielen kann und trotzdem alles wie aus einem Guss wirkt.
Ohne Hemmung, ohne falsche Zurückhaltung und mit einer guten Portion Selbstironie sorgt der Film immer wieder für unangenehm dichte Spannungsmomente. Wie gut die funktionieren, war an den Lachern vieler Menschen um mich herum im Kinosaal – und auch bei mir selbst – auszumachen. Denn wirklich lustig war eigentlich nur sehr wenig. Hier wurde oft aus Verlegenheit gelacht, weil der Film mitunter Überforderung provoziert.
Außerdem: Was für eine krasse Erscheinung ist bitte Katy O’Brian?
★★★★☆
GB/US, R: Rose Glass, D: Kristen Stewart, Katy O'Brian, Ed Harris, Dave Franco, Jena Malone, Anna Baryshnikov, Trailer, Wikipedia
Hat bei mir eine faszinierende Sogwirkung entwickelt. Harmony Korine induziert hier einen Fiebertraum irgendwo zwischen Grand Theft Auto, Saints Row und 4chan-Thread, direkt aus dem Herzen von Gamergate. Korine eignet sich dabei diese Perspektive nie an, sondern führt sie vor, gibt sie der Lächerlichkeit preis.
Er lässt eine traurige Gestalt nach der anderen auftreten und lässt sie ihre einfältigen Vorstellungen vom Leben, von der Liebe, von Erfolg und Begehren herunterbeten. Was für arme Würstchen mit einem überzogenem maskulinistischem, patriarchalen und dadurch eben brutal eingeengtem Welt- und Menschenbild.
Korine dröselt die Heuchelei dieser Menschen auseinander, die mit fettigen Haaren im Bademantel und kaum zu Augenkontakt fähig durch die Gegend schlurfen, etwa für Stripperinnen nur Verachtung übrig haben, sich aber eine Hausfrau herbeifantasieren, die sich exakt wie eine Stripperin verhält.
Das visuelle Experiment geht für mich total auf, weil es die Tür zum Negativ-Raum einer vertrauten Bildästhetik öffnet und so die dahinterliegende Abgründigkeit offenbart.
„Heute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag, habe ich mir einfach mal überlegt, welche Möglichkeiten und Privilegien Männer haben, die ich für uns auch gern hätte“, schreibt Jasmin Schreiber. Man(n) liest und scrollt sehr lange.
Privilegien, die ich als Frau auch gern hätte — JASMIN SCHREIBERHeute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag,
Die heutigen Dailies unter anderem mit: Robyn, Hank Green und Alice Rohrwacher
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