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Fatma Aydemirs „Dschinns“ als kostenloses Hörspiel

Fatma Aydemirs „Dschinns“ als kostenloses Hörspiel
(c) NDR

Fatma Aydemirs viel- und hochgelobter Generationenroman Dschinns ist noch auf meiner Liste. Und ich möchte ihn auch lesen, bevor ich mich an diese vom NDR auf Grundlage der Theaterfassung von Selen Kara produzierte und nun veröffentlichte dreistündige Hörspielfassung mache. Wollte es trotzdem hier festgehalten haben, nachdem ich Nora Herspers' Lob drüben bei Bluesky sah: „Was für eine zarte, wie tiefgründige Erzählung. Was für ein liebevolles Menschenbild.“

DSCHINNS
Dreißig Jahre hat Hüseyin Yılmaz in Deutschland hart gearbeitet. Er kam als Gastarbeiter aus der Türkei. Und nun erfüllt er sich seinen Traum: eine Eigentumswohnung in Istanbul. Nur um am Tag seines Einzugs an einem Herzinfarkt zu sterben. Zur Beerdigung reist ihm seine Familie aus Deutschland nach: seine Kinder Ümit, Peri, Sevda, Hakan und seine Frau Emine. Fatma Aydemir nimmt uns mit auf eine Zeitreise in die 1990er Jahre. Sie erzählt von sechs Menschen, die zufällig miteinander verwandt und doch untrennbar verbunden sind. Alle haben ihr eigenes Gepäck dabei: Geheimnisse, Wünsche, Wunden.

Gelesen: „Endling“ (2023) von Jasmin Schreiber

Gelesen: „Endling“ (2023) von Jasmin Schreiber
Verlag und Cover: Eichborn

Das war schon ein unterhaltsamer Ritt, der aber offenbar für ein Publikum geschrieben wurde, dem ich wohl einfach aufgrund meines Alters(?) nicht mehr angehöre. Es wird eben manchmal ein bisschen mehr erklärt, als für meinen Geschmack notwendig wäre. Aber das ist okay. Nur gibt es dann eben auch Passagen wie beispielsweise diese:

»[…]Wie lange fahrt ihr nach Italien?«
»Kommt drauf an, wie lange das an der Grenze dauert. Sind ja gerade Ferien.«
»Oh Mann, Schengen, gute alte Zeit.«
»Weißt du noch: EU?«
»Klingt für mich wie Fantasy.[…]«

Ich komme ja nun vom Film™ und da ist natürlich viel mehr show, don’t tell möglich. Aber selbst für einen Roman, in dem die Welt notgedrungen nur mit Worten ausgestaltet werden kann, ist das Dystopie-Konstruktion für Teilnahmslose und ziemlich ungelenk. Es mag Nitpicking sein, aber bei derartiger Exposition fühle ich mich immer viel zu sehr unnötig an die Hand genommen. Es wirkt auf mich einfach paternalistisch.

Nichtsdestotrotz hat mich Endling wie Jasmin Schreibers andere Romane unterm Strich wirklich gut abgeholt. Sie kehrt gelungen zusammen, was passiert, wenn uns der Planet aus ökologischer Sicht um die Ohren fliegt: Krise wird zum Dauerzustand und die Menschheit befördert sich in um sich greifender Panik zurück ins gesellschaftspolitische Mittelalter.

Denn was ist, wenn uns nach Corona keine Zeit zum Durchatmen bleibt, wenn wir den Bruch unserer „Normalität“ durch die Pandemie nicht wieder reparieren und die Millionen von Toten nicht betrauern können, wenn wir die in zwischenmenschlichen Beziehungen entstandene Distanz nie wieder richtig verringern können, wenn Einsamkeit trotz vermeintlicher Normalität zum Dauerzustand wird? Verdrängung ist nicht Verarbeitung.

Nebenbei gibt es noch haufenweise spannende Biologie-Facts und praktische Tipps fürs Leben wie diesen hier:

Ich drückte ihm gleich zwei Tabletten aus dem Blister, und er schmiss sie ein. Zum Glück nicht so wie in den Filmen, wo die Leute immer den Kopf in den Nacken werfen. Das hilft nämlich gar nicht, im Gegenteil – man bekommt das Zeug dann nur noch schwerer runter. Wenn man sich das Tablettenschlucken erleichtern will, muss man den Kopf nach vorne neigen, also das Kinn zur Brust ziehen. Macht mich jedes Mal wahnsinnig, wenn ich im Fernsehen sehe, wie das falsch dargestellt wird, wirklich wahr.

🤯

★★★☆☆

ISBN: 978-3-7517-4837-7, Wikipedia

CO2-Fußabdruck: Gedruckte Bücher vs. E-Books

CO2-Fußabdruck: Gedruckte Bücher vs. E-Books
(c) Harper Collins
Berners-Lee, the author of The Carbon Footprint of Everything, said the average e-reader has a carbon footprint of around 80 pounds. "This means that I've got to read about 36 small paperback books-worth on it before you break even," he said.

Diese Erkenntnis drüben bei NPR ist natürlich nicht sonderlich überraschend. Aber darum geht es mir hier gar nicht. Vielmehr bin ich im Beitrag darüber gestolptert, dass druckende Verlage etwa mit klimafreundlicheren Schriftarten – also Fonts, die weniger Tinte und Platz auf dem Papier brauchen – experimentieren.

Was das in Zahlen ausgedrückt bedeuten kann, hat Fast Company im April einmal aufgeschrieben.

In an effort to reduce the carbon footprint of each book, they’re tweaking fonts, layout, and even the ink used. The goal is to pack more into each page, while ensuring that the pages are as readable as ever. And so far, these subtle, imperceptible tweaks have saved 245.6 million pages, equivalent to 5,618 trees.

Gelesen: „Content“ (2024) von Elias Hirschl

Gelesen: „Content“ (2024) von Elias Hirschl
Verlag und Cover: Zsolnay/Hanser

Hat mich schulterzuckend zurückgelassen 🤷‍♂️ Content hat sich für mich angefühlt wie die späteren Black Mirror-Folgen: irgendwie schon noch ganz nett und nicht komplett uninteressant im Weiterdenken dieser Eskalationsspiralen im digitalen Zeitalter, aber eben doch schnell an Grenzen stoßend.

Es wird viel auf die Spitze und darüber hinaus getrieben. Damit wird eine Dystopie gezeichnet, die sich ganz unterhaltsam weglesen lässt. Aber wirklich greifbar wird das alles nicht. Und das liegt meiner Meinung nach daran, dass der Blick für die großen Zusammenhänge einfach weitestgehend fehlt.

Präsentiert wird eine ins Extreme gekehrte Version unserer Gegenwart, die eben auch nach den Regeln unserer Gegenwart spielt. Doch wirklich weitergedacht wird wenig. Welche neuen Herausforderungen oder Dynamiken sich – etwa im gesellschaftlichen Sinne – daraus ergeben, wie sie sich Bahn geschlagen haben und wie sie das weiterhin tun werden, das können wir nur vermuten.

Nur der fast schon metaphysische Ausflug auf den letzten Metern des Buches lässt die Sache für einen Moment wieder interessanter werden. Vor Augen geführt zu bekommen, wie die Figur eigentlich für die Länge des Buches immer mehr zum Geist ihrer selbst geworden ist und wir uns fragen müssen, auf welcher Ebene wessen Existenz wir uns eigentlich gerade befinden, das hat mich berührt und auch nochmal gepackt. Aber dann ist die letzte Seite auch schon gelesen und ein Funke wollte nie wirklich überspringen.

★★☆☆☆

ISBN: 978-3-552-07406-4, Wikipedia

Gelesen: „Gratisessen für Millionäre“ (2007) von Min Jin Lee

Gelesen: „Gratisessen für Millionäre“ (2007) von Min Jin Lee
Verlag und Cover: dtv

Einen regelrechten Epos hat Min Jin Lee hier geschaffen. Sie schildert das Gefangensein in einer Art Zwischenwelt – im Rückspiegel die von konservativen Werten nicht nur geprägte, sondern regelrecht gegeißelte Welt der Migranten-Eltern und beim Blick nach vorne zumindest schon einmal ausgeschildert, die kosmopolitische Moderne der Großstadt. Wessen Vorstellungen versucht man an diesem Ort eigentlich wirklich gerecht zu werden? Befinde ich mich auf meinem Weg oder auf einem Weg, den jemand anderes für mich vorgezeichnet hat? Vielleicht ist es letztlich das allergrößte Geschenk, nicht zu wissen, was man eigentlich will und sich von den Idealvorstellungen anderer zu lösen…

Fasziniert hat mich Min Jin Lees Schreibstil. Sehr elegant und fluid wechselt sie – stellenweise im selben Satz – die Erzähler*innenperspektive, springt von einer Figur zur nächsten. Doch diese Form folgt auch einer Funktion – jedenfalls glaube ich, das so ausgemacht zu haben. Denn diese Perspektivwechsel finden besonders häufig statt, wenn sich die Figuren gerade sehr nahe stehen, sie sich miteinander verbunden fühlen. Wird das Band dünner, ändert sich auch die Form der Perspektivwechsel. Dann wird erst nicht mehr im selben Satz und schließlich auch nicht mehr im selben Absatz gewechselt. Und ich glaube, dass damit unterbewusst mindestens genauso viel erzählt wird, wie mit den ausformulierten Gedanken der Figuren.

★★★★½

ISBN: 978-3-423-44176-6, Wikipedia

Gehört: „Acht Tage im Mai“ (2020) von Volker Ullrich

Gehört: „Acht Tage im Mai“ (2020) von Volker Ullrich
Verlag und Cover: C. H. Beck

Derart engmaschig gebündelt vor Augen geführt zu bekommen, mit welcher Schlagzahl sich regelrecht monumentale Ereignisse innerhalb von nur etwas mehr als einer Woche überschlugen, ist bewegend und erschütternd. Volker Ullrich lässt sich jedoch vom titelgebenden Zeitkorsett nicht unnötig einschränken und weiß zu gegebener Zeit auch einen Blick in vergangene oder zukünftige Jahre zu werfen. Er beschreibt eindrücklich, wie das sogenannte Dritte Reich einem Kartenhaus gleich von einem Windstoß auf den anderen plötzlich nicht mehr existierte.

Doch so klar wie er die Äußerungen und Taten der Hauptkriegsverbrecher einordnet und wertet, so nachlässig wird er meiner Meinung nach im Vergleich bei Zeugnissen aus der „einfachen“ Bevölkerung. Die lässt er zu oft unzureichend kommentiert davonkommen. Mir scheint, als ob er in diesem Buch einen zu großen Unterschied zwischen Nazi-Funktionären und dem „Volk“ macht. Doch wenn er dessen Stimmen zur Unterfütterung seiner Geschichtsschilderung nutzt, sollte er sie mit derselben Klarheit und derselben kritischen Schärfe begegnen, finde ich.

ISBN: 9783406752537