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Feuilleton & Firlefanz

Posts on page 228

Gelesen: „Weiter Sehen“ (2023) von Esther Kinsky

Gelesen: „Weiter Sehen“ (2023) von Esther Kinsky
Cover: Suhrkamp, Foto: Heike Huslage-Koch unter CC BY-SA 4.0
📚
179 Seiten, erschienen bei Suhrkamp, ISBN 978-3-518-22544-8

Dieses Buch hat mit ziemlich zwiegespalten zurückgelassen. Einerseits habe ich mich so gerne in Esther Kinskys detailreiche Sprache hineingelegt und mich an den dadurch vor meinem geistigen Auge entstehenden Orten ergötzt. Andererseits bin ich an den teilweise schier nicht enden wollenden Schachtelsätzen auch fast verzweifelt. Diese beiden Erfahrungen haben für mich permanent miteinander gerungen und tun das jetzt nach dem Buch immer noch.

Schade ist, dass sie zwar völlig zu Recht den Niedergang des Kinos betrauert und klug beobachtet, was dadurch mit in den Abgrund gerissen wird, und dann trotzdem nicht die äkonomischen Verstrickungen klar benennen mag. Denn das Kino stirbt nicht nur daran, dass immer weniger Menschen Lust auf diese Art des Sehens haben, sondern in großen Teilen und ganz schnöde ausgedrückt an der Kohle. Kino muss man sich als Zuschauer*in leisten können – nicht nur finanziell, sondern auch rein zeitlich, was wiederum den Bogen zurück zum Finanziellen schließt.

Kinsky greift diese Dimension zwar auch auf, verarbeitet sie jedoch nur implizit, indem sie den Niedergang des Kinos mit der Implosion eines de facto postsowjetischen Landes verknüpft. Ich empfinde das als den eleganteren Weg, doch wird diese Variante leider von der zuweilen sehr direkt, klar und einfach formulierten Publikumskritik erstickt.

Unterm Strich habe ich das alles trotzdem sehr gerne gelesen. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass meine Kritik im Gegensatz dazu sehr hart ausfällt, weil das Kino eben auch für mich ein so wichtiger Ort ist, den ich mit Leben gefüllt sehen möchte. Ein Ort, mit dem ich nunmal mehr als nur den fetten Action-Kracher auf der Leinwand und den unerträglichen Geruch der künstlichen Käsesoße, der von der Sitznachbar*in herüberweht, verbinde.

★★★½☆

Ein kleines Loblied auf Georg Restle

Gerade schaue ich mich immer noch durch eine ganze Reihe von Sessions der diesjährigen Republica. Viele davon sind extrem spannend und sehr klug und würden deshalb ein eigenes Blog füllen. Aber nicht dieses. Ich werde mit dem Nachholen der Sessions noch eine ganze Weile beschäftigt sein und dann wahrscheinlich Monate nach dem Event noch einen Sammelbeitrag mit aus meiner Sicht guten Videos zu schreiben, erscheint mir irgendwie Quatsch.

Hervorheben möchte ich hier trotzdem das Forum des ARD-Politikmagazins Monitor. Aber nicht, weil Tilo Jung gegen verkrustete Strukturen innerhalb der ARD praktisch anschreit. Dafür ist er mir in der Formulierung seiner Kritik an dieser Stelle viel zu populistisch. Nicht, weil offenkundig wird, dass Anja Reschke (ehemalige Leiterin von Kultur und Dokumentation beim NDR, heute Reschke Fernsehen und langjährig Panorama) und Christine Strobl (Programmdirektorin von Das Erste) mit ziemlichen Scheuklappen unterwegs sind.

Sondern wegen Georg Restle.

Der Redaktionsleiter und Moderator von Monitor behält als einziger Mensch auf der Bühne einen bemerkenswert kühlen Kopf. Als Moderator dieser Runde gibt er den verschiedenen Positionen angemessen Raum und lässt gleichzeitig niemandem Quatsch und Halbgares durchgehen. Er beweist Haltung und scheint – etwa im Gegensatz zur prinzipiell von mir sehr geschätzten Anja Reschke – niemals in die Rolle eines PR-Managers für das öffentlich-rechtliche System zu rutschen. Vielmehr übt auch er messerscharf argumentierte Kritik und hat keine Angst, in die Hand zu beißen, die ihn füttert. Ihm geht es um die Sache, Whataboutism ist ihm fremd. 👏.

Gesehen: Guardians of the Galaxy Vol. 3 (2023) - Gesprengte Ketten

Gesehen: Guardians of the Galaxy Vol. 3 (2023) - Gesprengte Ketten
© The Walt Disney Company Germany

Marvel kann es also doch noch: eine vergleichsweise kleine Geschichte groß zu erzählen, ohne direkt den Fortbestand des ganzen Universums und allen angeschlossenen Multiversen und Dimensionen aufs Spiel setzen zu müssen. Gefallen hat mir bei den Guardians zudem immer – und das funktioniert auch hier –, dass Figuren immer ein Weg der Wiedergutmachung angeboten wird und dafür nicht direkt dramatisch irgendein starres Wertekonstrukt über den Haufen geworfen werden muss.

Das wird auch deutlich in den Geschichten, die James Gunn im MCU erzählt: Es geht um das Losreißen von den Ketten der eigenen Vergangenheit, von der Selbstwerdung trotz widrigster Umstände. Es geht nie ausschließlich um den rettenden Sprung in die Superheld*innenrolle, sondern viel mehr zu einer emotionalen Reife hin.

Dazu wirkt Vol. 3 inszenatorisch deutlich moderner als alles andere, was in den vergangenen Jahres aus dem Hause Marvel auf die Leinwand kam. Ätzend jedoch auch hier: der MCU-typische flache Farbmatsch und eine Spieldauer jenseits jeglicher Zumutbarkeit.

★★★½☆

🇺🇸, R: James Gunn, D: Chris Pratt, Zoe Saldaña, Dave Bautista, Karen Gillan, Pom Klementieff, Vin Diesel, Bradley Cooper, Sean Gunn, Will Poulter, Elizabeth Debicki, Sylvester Stallone, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: The Walt Disney Company Germany

Guardians of the Galaxy Vol. 3 - Stream: Online anschauen
Wie und wo du “Guardians of the Galaxy Vol. 3” online auf Netflix und Prime Video ansehen kannst – einschließlich kostenloser Optionen.
A ★★★½ review of Guardians of the Galaxy Vol. 3 (2023)
Marvel kann es also doch noch: eine vergleichsweise kleine Geschichte groß zu erzählen, ohne direkt den Fortbestand des ganzen Universums und allen angeschlossenen Multiversen und Dimensionen aufs Spiel setzen zu müssen. Gefallen hat mir bei den Guardians zudem immer – und das funktioniert auch hier –, dass Figuren immer ein Weg der Wiedergutmachung angeboten wird und dafür nicht direkt dramatisch irgendein starres Wertekonstrukt über den Haufen geworfen werden muss. Das wird auch deutlich in den Geschichten, die James Gunn im MCU erzählt: Es geht um das Losreißen von den Ketten der eigenen Vergangenheit, von der Selbstwerdung trotz widrigster Umstände. Es

Barbie (2023) - Erstickte Subversion

Barbie (2023) - Erstickte Subversion
Bild: Warner Bros.
US/GB · R: Greta Gerwig · D: Margot Robbie, Ryan Gosling, America Ferrera, Kate McKinnon, Issa Rae, Will Ferrell, Michael Cera, Ariana Greenblatt, Simu Liu, Ncuti Gatwa, Helen Mirren · Trailer · Letterboxd · IMDb · JustWatch · Wikipedia

Es hat nicht lange gedauert, bis ich nach Filmstart angefangen habe, mir über Folgendes Gedanken zu machen: Wie kann ich THE LEGO MOVIE gut finden und BARBIE so enttäuschend? Immerhin handelt es sich in beiden Fällen letztlich um einen Werbefilm. Ich bin zu diesem Schluss gekommen: THE LEGO MOVIE stellt die spielerische Kreativität in den Fokus, BARBIE dient hingegen weitestgehend dem Zweck, Mattel reinzuwaschen und die weiße Weste der Absolution überzustreifen. Haben Greta Gerwig und Noah Baumbach wirklich geglaubt, mit ihrem gemeinsam geschriebenen Drehbuch den Multi-Milliarden-Konzern Mattel vor dem Hintergrund seiner aus Markt- und Markenmacht folgenden gesellschaftlichen Verantwortung ernsthaft zur Rechenschaft ziehen zu können, während derselbe Konzern mit seinem Kapital die Filmwerdung des Drehbuchs überhaupt erst ermöglicht?

BARBIE ist verlogen und halbgar, weil maximal lauwarm. Dieser Film hat eigentlich gar nichts zu erzählen und unterläuft auf jeder Ebene leider überhaupt nichts. Der feministische Grundgedanke wird in tonnenschwere Exposition gegossen und erstickt damit jeden noch so zarten Austrieb der Subversion im Keim. Die auf der Hand liegenden Pointen werden einem um die Ohren gehauen, um das Scheitern der Dekonstruktion des Konzepts Barbie im wilden Rausch einfach untergehen zu lassen. Übrig bleibt irgendein halbironisches Rumgeschmunzel, während in den weiterhin von Männern angeführten Leitungsebenen von Mattel und entsprechenden Tochterunternehmen ob der vielen hereinflatternden Dollarscheine die Luft zum Atmen knapp wird.

★★☆☆☆