Posts by André Pitz
Gesehen: Napoleon (2023)
Filmkritik
Wenn sich dieser Film auch nur ein winziges bisschen für seine Figuren interessieren würde, dann wäre eigentlich schon viel getan. Dann wäre NAPOLEON ein ganz okay Historienschinken mit üppiger Ausstattung und starker Besetzung. Aber so hat es den Eindruck, als ob schräge Karikaturen durch prunkvolle Ölgemälde wackeln. Joaquin Phoenix hat während der kompletten Dreharbeiten wahrscheinlich nur eine einzige Regieanweisung bekommen: mehr quengeliger Bengel! Aber selbst wenn das dem echten Napoleon nahe kommen sollte, reicht das selbstverständlich nicht, um eine Figur zu zeichnen, deren historisches Vorbild immensen Einfluss auf den Verlauf der europäischen Geschichte hatte. 200 Millionen US-Dollar einer Kanonenkugel gleich in den Wind geschossen.
★★☆☆☆

Kinotagebuch: The Zone of Interest (2023)
Filmkritik
Hedwig Höß schreit ihren Mann an, der als Kommandant des Konzentrationslagers Auschwitz abgezogen und zurück nach Deutschland beordert werden soll, wie er sich das denn vorstelle, warum das denn sein müsse. Immerhin habe man alles was sie brauchen direkt für der Tür. Hedwig spricht von ihrem üppigen Gemüsegarten, der Film meint jedoch die in den Krematorien unaufhörlich lodernden Flammen.
Dieser Moment ist das eindrückliche Kondensat dessen, wonach der Film strebt. THE ZONE OF INTEREST entwickelt seine Wucht nämlich vor allem durch die Erzählung der – und das hätte ich nicht erwartet – ökonomischen Dimension. Denn die Familie Höß lebt nicht in Saus und Braus, weil Rudolf am Ende eines jeden Quartals dicke SS-Boni einfährt. Der edle Pelzmantel, der schöne Lippenstift, die schicken Kleider, der reichhaltige Garten und die ekelhafte Selbstverständlichkeit, mit der sich diese Güter scheinbar aus dem Nichts heraus im Haus materialisieren – das lässt einem Schauer über Schauer den Rücken herunterlaufen.
Es geht nicht darum, die Familie Höß als blutrünstige Judenhasser*innen zu inszenieren. Es geht zuvörderst auch nicht darum, die Banalität des Bösen im Hannah Arendtschen Sinne in Szene zu setzen. Es geht um den perversen Umstand, dass eine Gruppe Menschen die Existenz einer anderen ignorieren kann – und zwar so kühl berechnend, dass deren darauffolgende Vernichtung maximal noch als bürokratischer Akt wahrgenommen wird.
Das brillante Sounddesign mit einem permanenten, immer schwerer drückenden Dröhnen über der vermeintlichen Familienidylle sorgt wiederum dafür, sich nicht schon während des Films in die Abstraktionsebene retten zu können. Es gleicht einem Tinnitus, der zunächst wahrgenommen, aber noch vergleichsweise gut ignoriert werden kann, sich schließlich aber doch durch jeden Verdrängungsmechanismus frisst und dein Leben zur Hölle macht.
★★★★½

Christian Petzold über die Ästhetik der RAF
Filme & Serien
Vor mehr als 23 Jahren hat Christian Petzold mit DIE INNERE SICHERHEIT einen Film über ein Paar ehemaliger Linksterrorist*innen, das mit der gemeinsamen Tochter im Untergrund lebt, gemacht.
Anlässlich der Festnahme von Daniela Klette nach mehr als 30 Jahren „Fahndung" hat Petzold deshalb nun mit Deutschlandfunk Kultur über die Ästhetik der RAF und deren Einfluss auf die deutsche Filmkunst gesprochen:
Ich sah die Hubschrauber überm Heinrich-Heine-Platz kreisen. Die Hubschrauber waren gespenstischer als das, was ich mit Daniela Klette in Verbindung bringe. Ich dachte irgendwie jetzt als ob der Staat jetzt ganz gespenstisch ist – auf etwas, das 30 Jahre her ist, nochmal das ganze Aufgebot zu bestellen.
Das fand ich als Gedanken besonders spannend, denn es sagt etwas sehr Kluges über die (ästhetische) Wechselwirkung von Terror und Staat.

Die Ausgrenzung von İlker Çatak
Medien & Politik
İlker Çatak, dessen Film DAS LEHRERZIMMER für den Oscar nominiert ist, ist stinksauer und wir sollten ihm alle zuhören. In der Zeit schreibt er (€):
Denn einen Tag später macht mich mein Produzent auf die gesamte Berichterstattung aufmerksam: Sandra Hüller und Wim Wenders, beides tolle Kolleginnen, die ich sehr bewundere, sind auch nominiert und werden immer wieder als "die zwei Deutschen bei den Oscars" genannt und gefeiert. Doch mein Name fällt kaum. Eigentlich gar nicht.
Ich mochte seinen Film ziemlich und muss trotzdem feststellen: Auch bei mir hat die von Çatak absolut zu Recht kritisierte Form der Berichterstattung sozusagen Eindruck hinterlassen. Denn denke ich an die anstehende Oscar-Verleihung aus deutscher Perspektive, sehe ich vor meinem inneren Auge Sandra Hüller, komme dann irgendwann auch auf Wim Wenders, aber die Tür zu DAS LEHRERZIMMER macht mein Hirn eher selten auf.
Im vom Stern wahnsinnig unsouverän geführten Interview – als ob die Hamburger selbst nicht Teil der von Çatak kritisierten Medien wären – formuliert der Filmemacher unmissverständlich, welche gesellschaftlichen Folgen dieser gedankenlose Umgang mit Menschen wie ihm hat.
Stern: Sind Sie stolz auf Ihre Oscar-Nominierung?
Çatak: Ach, der Oscar! Bleiben wir doch mal beim Thema: Warum gab es nie eine Geschichte in den Medien, die in etwa so hätte aussehen können: Das Enkelkind eines Bauern, der erst in Deutschland lesen und schreiben lernte, holt uns nun eine Oscar-Nominierung? Das hätte mal eine schöne Geschichte zum Thema Migration sein können. Aber das hat Sie alle nicht interessiert. Sie interessiert der deutsche Erfolg, und erst wenn ein Verbrechen oder andere Katastrophen passieren, gibt es Headlines zur Migration.
Gesehen: Upgraded (2024)
Filmkritik
Was UPGRADED sein will: die Geschichte von der Emanzipation einer jungen Frau, die im umkämpften Auktionsgewerbe gegen unliebsame Mitbewerber*innen besteht und sich so die Freiheit erarbeitet, sich der von ihr so geliebten Kunst zu widmen – mit einem stinkreichen, aber herzensguten Typen als Kirsche on top.
Was UPGRADED ist: ein Film, der faschistoide Strukturen zwar problematisiert, aber sie nie grundlegend infrage stellt – denn wenn eine gute „Führerin“ an deren Spitze rückt, kann ja nichts schiefgehen, oder? Ein Film, der ein völlig verqueres Kunstverständnis hat. Kunst ist hier nur wertvoll, wenn sie für absurde Summen von einer privaten Hand in die andere wandert und damit die ökonomischen Verhältnisse nur weiter zementiert. Kunst sollte aber nur dann wertvoll sein, wenn sie diese Verhältnisse zur Debatte stellt, sie einzureißen versucht – frei von Profitgedanken und dem sogenannten Marktwert.
Was UPGRADED nicht ist: gelungen ausgeleuchtet.
½☆☆☆☆

