Im allerbesten Sinne respektlos dekonstruiert Quentin Dupieux Diskurse über Deutungshoheiten, Anspruch, Niveau, Authentizität, Elitismus, was Kunst kann, was Kunst nicht kann, was Kunst muss und was nicht. Er verweigert sich konsequent überintellektualisierenden Ansätzen, indem er permanent falsche Fährten legt, vermeintliche Argumentationslinien zuverlässig unterläuft und absichtlich desorientierende Widersprüche konstruiert. So ist YANNICK ein Film, der sich permanent selbst häutet und schließlich einen (für mich) unerwartet bewegenden, tieftraurigen Kern freilegt, der letztlich sehr viel über Ausbeutung und soziale Ungleichheit erzählt.
★★★★☆
FR, R: Quentin Dupieux, D: Raphaël Quenard, Pio Marmaï, Blanche Gardin, Sébastien Chassagne, Trailer, Wikipedia
Mit dem Werk Umberto Ecos hatte ich bisher kaum Berührungspunkte. Umso eindrucksvoller war für mich nun sein Essay „Der ewige Faschismus“, das fast 30 Jahre alt ist und mit haarsträubender Präzision herausarbeitet, was den Faschismus ausmacht. Das komplette Essay ist mehr als lohnenswert, seine 14 Punkte sind aber auch noch mal in der Wikipedia zusammengefasst. Die Parallelen zur Gegenwart sind offensichtlich.
Wow, der Film hat mich wirklich von der ersten bis zur letzten Sekunden unter Strom gehalten und die Sichtung zu einer wirklich körperlichen Erfahrung gemacht. Das gelingt durch den Balanceakt zwischen radikaler Überzeichnung auf der einen und Verankerung in einer nur zu gut bekannten Realität auf der anderen Seite. Was das bei mir ausgelöst hat, möchte ich fast als kognitive Dissonanz bezeichnen.
Cassavetes dekonstruiert oder vielleicht eher entromantisiert die idyllische Vorstellung vom Vorortleben der Blue-Collar-Arbeiter*innenklasse und zeichnet dieses americanaeske Gesellschaftsgefüge als eines, das im Grunde genommen nicht wirklich an Menschen, sondern nur an Ästhetik interessiert ist. Ein Problem sieht nicht gut aus, also muss es aus der Sichtlinie genommen oder mindestens zurechtgestutzt werden. Wem es schlecht geht, für den ist kein Platz im Vorstadtparadies.
Das trifft hier natürlich besonders als „hysterisch“ abgestempelte Frauen, die zwar keiner Erwerbsarbeit nachgehen, aber letztlich dafür verantwortlich sind, den ganzen Laden jeden Tag aufs Neue vor dem Auseinanderfallen zu bewahren. Haushalt, Erziehung der Kinder, sich einmischende Schwiegereltern und ein Ehemann, der sein ganzes Leben an der Arbeit verbringt und seiner Frau zum Dank spontan und unangekündigt die komplette Belegschaft zum Essen mit ins Haus schleppt – all diese Rollen, diese Erwartungen und Aufgaben wollen erfüllt werden.
Das ist keine Last, die ein Mensch alleine tragen sollte – und mitunter auch kann. Wo bleiben da Zeit und Raum dafür, sich seiner selbst zu vergewissern? All das kulminiert für mich als Peter Falks Nick Gena Rowlands sichtlich mit allem hadernde Mabel anbrüllt: „JUST BE YOURSELF!“ Worauf er jedoch abzielt, ist seine Vorstellung davon, wie sie zu sein hat. Und sie hat schon längst vergessen, wer sie eigentlich ist, wird immer verzweifelter – bis er ihr nicht sagen kann, dass er sie liebt. Dann ist sie plötzlich total gelöst, frei von allen Zwängen, Ängsten und Erwartungen.
★★★★½
US, R: John Cassavetes, D: Gena Rowland, Peter Falk, Trailer, Wikipedia
Aus meiner Sicht ist das hier ein bitterböses Zeugnis für eine Gesellschaft, die über alle Maßen narzisstisch wie egozentrisch und mehr darauf bedacht ist, gut auszusehen als gut zu sein, die ausschließlich nach dem Prinzip „Nach mir die Sintflut“ lebt und dafür auch nicht vor rechter Barbarei zurückschreckt – verpackt in den Andersson-typischen trockenen, abgründigen Humor.
Kleiner Blast from the past beim Nieman Lab. Yo war ein soziales Netzwerk, mit dem sich zunächst nur eine einzige Sache machen ließ: seinen Kontakten ein „Yo“ schicken. Zehn Jahre nach Launch und sechs Jahre nach Ende der App sieht Social Media (und die Welt) ziemlich anders aus. Damals hatte der Nonkonformismus der Idee ein gewissen Reiz. Heute würde das absolut (wieder) nutzen – einfach, weil das laute Grundrauschen der Welt diese Simplizität verführerisch erscheinen lässt.
Ein kurzer, aber dennoch bemerkenswerter Einblick in die Art und Weise, wie die Aufnahmen für THE ZONE OF INTEREST (2023) in der Postproduktion manipuliert wurden. Besonders spannend finde ich es zu sehen, wie vollgestellt das Set mit Kameras war und wie die einfach aus den Bildern getilgt wurden.
Börsenverein-Vorsitzender Sebastian Guggolz zu Weimer in der ersten Reihe: „Ich bin stolz auf die Buchbranche, weil wir Ihren fragwürdigen autokratischer Gestus nicht akzeptieren“.
— Alexander Moritz (@dermonologist.bsky.social) 2026-03-18T18:38:15.923Z
Um es auch noch mal hier festgehalten zu haben: BKM Wolfram Weimer (parteilos) hat beim Festakt zur Eröffnung
„Heute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag, habe ich mir einfach mal überlegt, welche Möglichkeiten und Privilegien Männer haben, die ich für uns auch gern hätte“, schreibt Jasmin Schreiber. Man(n) liest und scrollt sehr lange.
Privilegien, die ich als Frau auch gern hätte — JASMIN SCHREIBERHeute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag,
Die heutigen Dailies unter anderem mit: Taylor Swift, klugen Werbeverboten und Claude Chabrol
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