Ulrich Köhler treibt Trauer als isolierende Erfahrung auf die Spitze. Seine Hauptfigur sieht sich dadurch jedoch in einer Situation, in der ökonomische Zwänge, gesellschaftliche Erwartungen und familiäre Verpflichtungen plötzlich gar keine Rolle mehr spielen. Er ist frei, kann loslassen – und verpasst es dabei, seine Trauer wirklich zu verarbeiten, seine Rolle als Mensch und Mann zu reflektieren.
Denn als plötzlich die Frau auftaucht, scheint für ihn klar zu sein, dass sie bei ihm bleibt. Es steht gar nicht zur Debatte, sich gemeinsam ein neues Domizil zu suchen. Sie lernt Deutsch, obwohl beide auch Englisch können. Sie ist es, die schwanger werden kann und das jedoch gar nicht möchte. Er übergeht ihren Willen wiederholt und steht am Ende wieder dort, wo er sich auch eingangs befand: in Isolation und Einsamkeit.
★★★½☆
DE/IT, R: Ulrich Köhler, D: Hans Löw, Elena Radonicich, Trailer, Wikipedia
Als alter Nerd schaue ich gerne die Videos vom Book of Counter-Strike, schwelge in Erinnerungen und finde es auch ein bisschen bizarr, wie tief ich mal in der Szene steckte und was für eine Blackbox sie heute für mich ist.
Oft geht es da um bestimmte Maps oder einzelne Spieler*innen. Manchmal zoomen Videos aber auch ein Stück hinaus – wie hier über die ESL Pro Series, eine mittlerweile eingestellte Liga, die das Nonplusultra in Deutschland war.
Die habe ich so intensiv verfolgt, dass ich sogar den SMS-Ticker einer damaligen Szeneseite abonniert hatte, um sogar während meines Abiballs mich und ähnlich interessierte Freunde auf dem aktuellen Stand der Playoffs zu halten.
Auch dieser Twist kann meiner Meinung nach nicht darüber hinwegtäuschen, dass es schon arg transparent ist, mit welcher Strategie Eileen hier über das Schachbrett gezogen wird. Die junge in sich gekehrte Frau, die von ihrem traumatisierten und alkoholkranken Vater kleingehalten wird und sich dann verständlicherweise mit dem Auftauchen der hochgebildeten Kosmopolitin Rebecca in diesem verschlafenen Nest zu ihr hingezogen fühlt, das haben wir in jeder möglichen Variation bereits tausendmal gesehen. Eileen ist nicht unbedingt von der Frau betört, sondern von dem, für was sie steht: Freiheit, Unabhängigkeit und das Frausein. Der Plottwist fühlt sich dann wie ein billiger Knalleffekt an. Eine stetige Eskalation hätte der Hauptfigur wahrscheinlich besser getan.
Interessanter wird es dann schon, wenn man sich anschaut, warum Thomasin McKenzie eine herausragende Wahl für Eileen ist. Durch ihre äußere Erscheinung mit einem extrem jungen Gesicht und dem Körper einer Frau Anfang 20 kann sie ihrer Figur perfekt ein Leben über jede Dialogzeile hinausgehend einhauchen. Gepaart wird das damit, dass Eileen zunächst etwa weite Strickklamotten und später figurbetonte Kleider trägt – nicht, weil ein männliches Publikum dann „Jetzt ist sie eine richtige Frau“ grunzen kann, sondern weil sich Eileen Zugang zu ihren Bedürfnissen und ihrem Begehren findet und sich damit immer wohler fühlt und selbstsicherer fühlt.
Was meiner Meinung nach nur halbherzig Beachtung findet, ist das Machtgefälle zwischen Thomasin McKenzies Eileen und Anne Hathaways Rebecca sowie Eileens soziopathische Tendenzen, die möglicherweise aus einer Schutzreaktion auf den emotionalen Missbrauch durch den Vater erwachsen sind. Der von Erlösungs- und Rachefantasien gepflasterte Weg zum großen Befreiungsschlag fühlt sich leer an, weil er es wahrscheinlich tatsächlich ist.
★★★☆☆
GB/US, R: William Oldroyd, D: Thomasin McKenzie, Anne Hathaway, Shea Whigham, Marin Ireland, Trailer, Wikipedia
Was für ein trashiger Fiebertraum, der über weite Strecken alleine dadurch unterhält, Rollenbilder zu unterlaufen und mit Erwartungen zu brechen. Sexualität und Sex müssen von jeglicher Scham befreit werden. Es handelt sich hier nicht um unkontrollierbare Triebe, die überwunden werden müssen. Vielmehr bedarf es eines enttabuisierten Umgangs damit, da auch dadurch gesellschaftliche Machtstrukturen offengelegt werden können.
Gleichzeitig kann sich der Film natürlich auch selbst nie wirklich freimachen von der männlichen Kamera, weird sexualisierten Momenten und holpriger Provokation, die mitunter ausbeuterische Züge annimmt. Die Exploitation-Gratwanderung will nicht immer gelingen.
★★½☆☆
FR/IT/US, R: Roger Vadim, D: Jane Fonda, John Phillip Law, Anita Pallenberg, Marcel Marceau, Claude Dauphin. Milo O’Shea, Trailer, Wikipedia
Einen regelrechten Epos hat Min Jin Lee hier geschaffen. Sie schildert das Gefangensein in einer Art Zwischenwelt – im Rückspiegel die von konservativen Werten nicht nur geprägte, sondern regelrecht gegeißelte Welt der Migranten-Eltern und beim Blick nach vorne zumindest schon einmal ausgeschildert, die kosmopolitische Moderne der Großstadt. Wessen Vorstellungen versucht man an diesem Ort eigentlich wirklich gerecht zu werden? Befinde ich mich auf meinem Weg oder auf einem Weg, den jemand anderes für mich vorgezeichnet hat? Vielleicht ist es letztlich das allergrößte Geschenk, nicht zu wissen, was man eigentlich will und sich von den Idealvorstellungen anderer zu lösen…
Fasziniert hat mich Min Jin Lees Schreibstil. Sehr elegant und fluid wechselt sie – stellenweise im selben Satz – die Erzähler*innenperspektive, springt von einer Figur zur nächsten. Doch diese Form folgt auch einer Funktion – jedenfalls glaube ich, das so ausgemacht zu haben. Denn diese Perspektivwechsel finden besonders häufig statt, wenn sich die Figuren gerade sehr nahe stehen, sie sich miteinander verbunden fühlen. Wird das Band dünner, ändert sich auch die Form der Perspektivwechsel. Dann wird erst nicht mehr im selben Satz und schließlich auch nicht mehr im selben Absatz gewechselt. Und ich glaube, dass damit unterbewusst mindestens genauso viel erzählt wird, wie mit den ausformulierten Gedanken der Figuren.
Einfach super unterhaltsam und clever, wie sich der Film und seine Figuren immer und immer wieder selbst unterlaufen, wie eine Zwiebelschicht nach der anderen freigelegt wird und die Matrjoschka am Ende wieder zusammengesetzt wird. Dabei stellt Quentin Dupieux ständig die Beziehung zwischen Publikum, Film und Schauspieler*innen in Frage, lotet Grenzen aus und zieht neue. Ein großer Spaß.
„Heute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag, habe ich mir einfach mal überlegt, welche Möglichkeiten und Privilegien Männer haben, die ich für uns auch gern hätte“, schreibt Jasmin Schreiber. Man(n) liest und scrollt sehr lange.
Privilegien, die ich als Frau auch gern hätte — JASMIN SCHREIBERHeute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag,
Die heutigen Dailies unter anderem mit: Robyn, Hank Green und Alice Rohrwacher
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