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André Pitz

Leipzig, Germany

journalist by trade, cinephile at heart

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Posts by André Pitz

Fatma Aydemirs „Dschinns“ als kostenloses Hörspiel

Fatma Aydemirs „Dschinns“ als kostenloses Hörspiel
(c) NDR

Fatma Aydemirs viel- und hochgelobter Generationenroman Dschinns ist noch auf meiner Liste. Und ich möchte ihn auch lesen, bevor ich mich an diese vom NDR auf Grundlage der Theaterfassung von Selen Kara produzierte und nun veröffentlichte dreistündige Hörspielfassung mache. Wollte es trotzdem hier festgehalten haben, nachdem ich Nora Herspers' Lob drüben bei Bluesky sah: „Was für eine zarte, wie tiefgründige Erzählung. Was für ein liebevolles Menschenbild.“

DSCHINNS
Dreißig Jahre hat Hüseyin Yılmaz in Deutschland hart gearbeitet. Er kam als Gastarbeiter aus der Türkei. Und nun erfüllt er sich seinen Traum: eine Eigentumswohnung in Istanbul. Nur um am Tag seines Einzugs an einem Herzinfarkt zu sterben. Zur Beerdigung reist ihm seine Familie aus Deutschland nach: seine Kinder Ümit, Peri, Sevda, Hakan und seine Frau Emine. Fatma Aydemir nimmt uns mit auf eine Zeitreise in die 1990er Jahre. Sie erzählt von sechs Menschen, die zufällig miteinander verwandt und doch untrennbar verbunden sind. Alle haben ihr eigenes Gepäck dabei: Geheimnisse, Wünsche, Wunden.

Gesehen: Cerdita (2022)

Gesehen: Cerdita (2022)
(c) Alamode Filmverleih

Es ist schnell klar, dass die Betrachtung von Dickenfeindlichkeit nicht im Zentrum dieses Films steht. Stattdessen ist es ein Werkzeug, mit dem Schicht um Schicht abgetragen wird, bis eine komplett verkommene Stadt- und Gesellschaftsstruktur freigelegt ist. Dieser gesellschaftliche Mikrokosmos, in dem Autoritäten nicht in Frage gestellt werden dürfen, in dem Anweisungen ohne Wenn und Aber befolgt werden müssen und vermeintliche Lebenserfahrung über Wissen und Fakten gestellt wird, ist des Pudels finsterer Kern.

CERDITA ist keine billige Rachefantasie, sondern führt sehr klug im Rahmen seiner bescheidenen Möglichkeiten an der Nase herum. Er zeigt auf, dass man sich immer dafür entscheiden kann, kein Arschloch zu sein – weil man sein eigener Mensch ist, eigene Werte hat und die ihm mit in die Wiege gelegte Moral umschreiben kann.

Was letztlich etwas aus der Zeit gefallen wirkt, ist die Zeichnung der Jugendlichen, die eher einem John-Hughes-Film der 1980er entspricht. Klar, das soll provozieren, deutlichen Grenzen ziehen und emotional involvieren. Aber es scheint mir doch ein arg antiquiertes Mittel, um diese Effekte zu erzielen.

★★★☆☆

FR/ES, R: Carlota Pereda, D: Laura Galán, Richard Holmes, Carmen Machi, Irene Ferreiro, Camille Aguilar, Claudia Salas, José Pastor, Fernando Delgado-Hierro, Julián Valcárcel, Trailer, Wikipedia
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Gesehen: Elaha (2023)

Gesehen: Elaha (2023)
(c) Camino Filmverleih

ELAHA gibt sich nicht mit schwarz-weißen Erzählungen zufrieden und lässt sich nicht auf blinde Dämonisierung ein. Einerseits übt er scharfe Kritik an denjenigen, die patriarchale Gewalt ausüben, zeigt aber auch auf, dass diejenigen oft auch Gefangene dieser Strukturen sind, sie nicht richtig aus ihrer Haut können und auch in ihnen Gewissenskonflikte wüten. Der Film entschuldet nicht, aber er lässt Ambivalenzen in der Debatte zu und das ist für mich interessant.

Deshalb ist es umso bitterer zu sehen und vor allem zu hören, wie sehr sich der Film selbst im Weg steht – und zwar mit einem desaströsen Dialogbuch. Szenen fühlen sich weitestgehend danach an, als ob sie im Drehbuch mit einem gut klingenden Satz überschrieben und mit Stichpunkten unterfüttert wurden, das alles jedoch nie in einen Revisionsprozess überführt wurde. Dort sprechen keine Menschen miteinander, sondern grobe Ideen. Natürlich will ich gar nicht abstreiten, dass das Thema des Films und bestimmte Szenen berühren, gar an die Substanz gehen. Aber das passiert auf einer rein intellektuellen Ebene, weil den Dialogen die emotionale Tiefe meist fehlt. ELAHA ist leider einfach zu spröde und hölzern.

★★☆☆☆

DE, R: Milena Aboyan, D: Bayan Layla, Armin Wahedi Yeganeh, Derya Durmaz, Derya Dilber, Cansu Leyan, Beritan Balcı, Slavko Popadic, Nazmi Kırık, Réber Ibrahim, Homa Faghiri, Hadnet Tesfai, Trailer, Wikipedia
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Marina Weisband über junge Menschen und die Wahl(-Berichterstattung)

Marina Weisband über junge Menschen und die Wahl(-Berichterstattung)
(c) Singlespeedfahrer unter CC0 1.0

Zu jeder einzelnen Wahl wird hier der Livestream vom Ersten und/oder dem ZDF angeschmissen. Und zu jeder einzelnen Wahl möchte ich ob dieser journalistischen Armutszeugnisse schreiend im Kreis rennen. Es ist mir total egal, wie sich Politiker*innen nach einer Wahl fühlen. Es ist außerdem klar, dass Fragen nach dem „Wie geht’s jetzt für Sie und Ihre Partei weiter?“ noch vor der ersten Hochrechnung völlig sinnfrei sind. Und trotzdem wird an diesem Muster seit Jahr und Tag festgehalten. Erkenntnissgewinn gleich null.

Ähnlich sieht das auch Marina Weisband, die diese Art der Wahlberichterstattung gestern hörenswert im Deutschlandfunk kommentierte: „Ich wähle keine Mannschaften, sondern meine Zukunft. Ich will wissen, was damit ist.“

Kolumne: Wir brauchen eine andere Berichterstattung nach Wahlen
Das Schauen von Nachrichtensendungen nach Wahlen befördere Politikverdrossenheit, so Marina Weisband. Sie wünscht sich andere Akzente – und Gesprächspartner.

Sehenswert ist auch ihre Impromptu-Analyse dessen, warum junge Menschen AfD wählen. Soziale Isolation und ökonomische Abgehängheit, fehlende politische und kulturelle Teilhabemöglichkeiten spielen eine Rolle, aber auch die Schule als autoritärese System könnte laut Weisband eine nicht unwesentliche Rolle zu spielen.

(Nachtrag: Auch Thomas Gigold aus der UberBlogr-Nachbarschaft hat sich heute der Demokratiebildung gewidmet.)

Gesehen: Le genou de Claire (1970)

Gesehen: Le genou de Claire (1970)
(c) Studiocanal

Vielleicht liegt es daran, dass ich mich in den vergangenen Wochen immer mal wieder mit den Vorwürfen gegen Anissa Baddour und Simon Unge(€) beschäftigt habe. Jedenfalls erzählt LE GENOU DE CLAIRE immens viel über unsere Gegenwart samt Internet als Erweiterung des öffentlichen Raums und das Influencer*innen-Milieu.

Wir bekommen hier die Charakterstudie eines Mannes präsentiert, der – wie man heute im Internet sagen würde – unter dem Main-Character-Syndrom leidet. Diese Figur ist ein krasser Narzisst, der durch seine Überintellektualisierung jedes noch so banalen Halbgedankens vor sich selbst und anderen zu verstecken versucht, was für verkommener Mensch er eigentlich ist. Er rechtfertigt sein grenzüberschreitendes Verhalten mit den absurdesten Gedankengängen und merkt dabei nicht, dass wie eine Geige gespielt wird.

Jede noch so kleine Zuckung dieser Figur hat ihren Ursprung in dem Moment, in dem seine Schriftsteller-Freundin ihm sagt, dass er keine Inspiration für sie und seine Geschichte keine für sie sei. Dass er nicht mietfrei in ihrem Kopf lebt, dass sich ihr Leben nicht um seins dreht, das schließt bei ihm alle Synapsen kurz.

Und das alles in diesem leichtfüßigen Sommergewand ablaufen zu sehen, ist schon sehr faszinierend.

★★★★☆

FR, R: Éric Rohmer, D: Jean-Claude Brialy, Aurora Cornu, Béatrice Romand, Laurence de Monaghan, Michèle Montel, Trailer, Wikipedia
Claires Knie - Stream: Jetzt Film online finden und anschauen
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Zum 10. Todestag: „Frank Schirrmacher - Ein Unersetzlicher des Feuilletons“

Zum 10. Todestag: „Frank Schirrmacher - Ein Unersetzlicher des Feuilletons“
(c) Mike Herbst unter CC BY-NC 2.0

Frank Schirrmacher hat mich als damals angehender Journalist schwer beeindruckt. Mit seinem in meiner Blase umstrittenen Buch Payback drängte er 2009 in meine Welt. Ich teilte seine Analyse nicht, mochte aber seine Art, diese Debatte zu führen. Als FAZ-Herausgeber verstand er es wie kaum eine anderer, großen und wichtigen Debatten eine Plattform in seinem Feuilleton zu geben und dafür auch ihm diametral entgegengesetzte Stimmen sprechen zu lassen.

Mit 29 Jahren Feuilleton-Chef, mit 34 Jahren Herausgeber der FAZ: Frank Schirrmacher wurde innerhalb kürzester Zeit zu einem prägenden und mächtigen Mann im deutschen Kulturbetrieb. Als er mit nur 54 Jahren stirbt, trauern Freunde und Feinde.
Frank Schirrmacher: Ein Unersetzlicher des Feuilletons
Frank Schirrmacher wurde innerhalb kurzer Zeit zu einem prägenden Mann im deutschen Kulturbetrieb. Als er mit nur 54 Jahren stirbt, trauern Freund und Feinde.

Er fehlt.