Fatma Aydemirs viel- und hochgelobter Generationenroman Dschinns ist noch auf meiner Liste. Und ich möchte ihn auch lesen, bevor ich mich an diese vom NDR auf Grundlage der Theaterfassung von Selen Kara produzierte und nun veröffentlichte dreistündige Hörspielfassung mache. Wollte es trotzdem hier festgehalten haben, nachdem ich Nora Herspers' Lob drüben bei Bluesky sah: „Was für eine zarte, wie tiefgründige Erzählung. Was für ein liebevolles Menschenbild.“
Es ist schnell klar, dass die Betrachtung von Dickenfeindlichkeit nicht im Zentrum dieses Films steht. Stattdessen ist es ein Werkzeug, mit dem Schicht um Schicht abgetragen wird, bis eine komplett verkommene Stadt- und Gesellschaftsstruktur freigelegt ist. Dieser gesellschaftliche Mikrokosmos, in dem Autoritäten nicht in Frage gestellt werden dürfen, in dem Anweisungen ohne Wenn und Aber befolgt werden müssen und vermeintliche Lebenserfahrung über Wissen und Fakten gestellt wird, ist des Pudels finsterer Kern.
CERDITA ist keine billige Rachefantasie, sondern führt sehr klug im Rahmen seiner bescheidenen Möglichkeiten an der Nase herum. Er zeigt auf, dass man sich immer dafür entscheiden kann, kein Arschloch zu sein – weil man sein eigener Mensch ist, eigene Werte hat und die ihm mit in die Wiege gelegte Moral umschreiben kann.
Was letztlich etwas aus der Zeit gefallen wirkt, ist die Zeichnung der Jugendlichen, die eher einem John-Hughes-Film der 1980er entspricht. Klar, das soll provozieren, deutlichen Grenzen ziehen und emotional involvieren. Aber es scheint mir doch ein arg antiquiertes Mittel, um diese Effekte zu erzielen.
★★★☆☆
FR/ES, R: Carlota Pereda, D: Laura Galán, Richard Holmes, Carmen Machi, Irene Ferreiro, Camille Aguilar, Claudia Salas, José Pastor, Fernando Delgado-Hierro, Julián Valcárcel, Trailer, Wikipedia
ELAHA gibt sich nicht mit schwarz-weißen Erzählungen zufrieden und lässt sich nicht auf blinde Dämonisierung ein. Einerseits übt er scharfe Kritik an denjenigen, die patriarchale Gewalt ausüben, zeigt aber auch auf, dass diejenigen oft auch Gefangene dieser Strukturen sind, sie nicht richtig aus ihrer Haut können und auch in ihnen Gewissenskonflikte wüten. Der Film entschuldet nicht, aber er lässt Ambivalenzen in der Debatte zu und das ist für mich interessant.
Deshalb ist es umso bitterer zu sehen und vor allem zu hören, wie sehr sich der Film selbst im Weg steht – und zwar mit einem desaströsen Dialogbuch. Szenen fühlen sich weitestgehend danach an, als ob sie im Drehbuch mit einem gut klingenden Satz überschrieben und mit Stichpunkten unterfüttert wurden, das alles jedoch nie in einen Revisionsprozess überführt wurde. Dort sprechen keine Menschen miteinander, sondern grobe Ideen. Natürlich will ich gar nicht abstreiten, dass das Thema des Films und bestimmte Szenen berühren, gar an die Substanz gehen. Aber das passiert auf einer rein intellektuellen Ebene, weil den Dialogen die emotionale Tiefe meist fehlt. ELAHA ist leider einfach zu spröde und hölzern.
★★☆☆☆
DE, R: Milena Aboyan, D: Bayan Layla, Armin Wahedi Yeganeh, Derya Durmaz, Derya Dilber, Cansu Leyan, Beritan Balcı, Slavko Popadic, Nazmi Kırık, Réber Ibrahim, Homa Faghiri, Hadnet Tesfai, Trailer, Wikipedia
Zu jeder einzelnen Wahl wird hier der Livestream vom Ersten und/oder dem ZDF angeschmissen. Und zu jeder einzelnen Wahl möchte ich ob dieser journalistischen Armutszeugnisse schreiend im Kreis rennen. Es ist mir total egal, wie sich Politiker*innen nach einer Wahl fühlen. Es ist außerdem klar, dass Fragen nach dem „Wie geht’s jetzt für Sie und Ihre Partei weiter?“ noch vor der ersten Hochrechnung völlig sinnfrei sind. Und trotzdem wird an diesem Muster seit Jahr und Tag festgehalten. Erkenntnissgewinn gleich null.
Ähnlich sieht das auch Marina Weisband, die diese Art der Wahlberichterstattung gestern hörenswert im Deutschlandfunk kommentierte: „Ich wähle keine Mannschaften, sondern meine Zukunft. Ich will wissen, was damit ist.“
Sehenswert ist auch ihre Impromptu-Analyse dessen, warum junge Menschen AfD wählen. Soziale Isolation und ökonomische Abgehängheit, fehlende politische und kulturelle Teilhabemöglichkeiten spielen eine Rolle, aber auch die Schule als autoritärese System könnte laut Weisband eine nicht unwesentliche Rolle zu spielen.
Vielleicht liegt es daran, dass ich mich in den vergangenen Wochen immer mal wieder mit den Vorwürfen gegen Anissa Baddour und Simon Unge(€) beschäftigt habe. Jedenfalls erzählt LE GENOU DE CLAIRE immens viel über unsere Gegenwart samt Internet als Erweiterung des öffentlichen Raums und das Influencer*innen-Milieu.
Wir bekommen hier die Charakterstudie eines Mannes präsentiert, der – wie man heute im Internet sagen würde – unter dem Main-Character-Syndrom leidet. Diese Figur ist ein krasser Narzisst, der durch seine Überintellektualisierung jedes noch so banalen Halbgedankens vor sich selbst und anderen zu verstecken versucht, was für verkommener Mensch er eigentlich ist. Er rechtfertigt sein grenzüberschreitendes Verhalten mit den absurdesten Gedankengängen und merkt dabei nicht, dass wie eine Geige gespielt wird.
Jede noch so kleine Zuckung dieser Figur hat ihren Ursprung in dem Moment, in dem seine Schriftsteller-Freundin ihm sagt, dass er keine Inspiration für sie und seine Geschichte keine für sie sei. Dass er nicht mietfrei in ihrem Kopf lebt, dass sich ihr Leben nicht um seins dreht, das schließt bei ihm alle Synapsen kurz.
Und das alles in diesem leichtfüßigen Sommergewand ablaufen zu sehen, ist schon sehr faszinierend.
★★★★☆
FR, R: Éric Rohmer, D: Jean-Claude Brialy, Aurora Cornu, Béatrice Romand, Laurence de Monaghan, Michèle Montel, Trailer, Wikipedia
Frank Schirrmacher hat mich als damals angehender Journalist schwer beeindruckt. Mit seinem in meiner Blase umstrittenen Buch Payback drängte er 2009 in meine Welt. Ich teilte seine Analyse nicht, mochte aber seine Art, diese Debatte zu führen. Als FAZ-Herausgeber verstand er es wie kaum eine anderer, großen und wichtigen Debatten eine Plattform in seinem Feuilleton zu geben und dafür auch ihm diametral entgegengesetzte Stimmen sprechen zu lassen.
Mit 29 Jahren Feuilleton-Chef, mit 34 Jahren Herausgeber der FAZ: Frank Schirrmacher wurde innerhalb kürzester Zeit zu einem prägenden und mächtigen Mann im deutschen Kulturbetrieb. Als er mit nur 54 Jahren stirbt, trauern Freunde und Feinde.
„Heute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag, habe ich mir einfach mal überlegt, welche Möglichkeiten und Privilegien Männer haben, die ich für uns auch gern hätte“, schreibt Jasmin Schreiber. Man(n) liest und scrollt sehr lange.
Privilegien, die ich als Frau auch gern hätte — JASMIN SCHREIBERHeute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag,
Die heutigen Dailies unter anderem mit: Robyn, Hank Green und Alice Rohrwacher
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