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André Pitz

Leipzig, Germany

journalist by trade, cinephile at heart

1365 posts

Posts by André Pitz

Gesehen: Perfect Days (2023)

Gesehen: Perfect Days (2023)
(c) DCM Film Distribution

Um mal direkt philosophisch zu werden: Ich habe sehr oft an Platons Höhlengleichnis denken müssen und PERFECT DAYS schließlich als Adaption des Konzepts gelesen. Hirayama betrachtet das vom Sonnenlicht durchfluteten Blätterwald verursachte Schattenspiel, sieht schemenhafte Reflexionen vorbeiziehender Menschen auf einer matten Metalloberfläche und glaubt, in diesen kleinen Details die Schönheit der Welt zu sehen und seinen inneren Frieden zu finden. Doch letztlich – und das lernt Hirayama – liegen die wahre Schönheit und der wahre Frieden darin, diese kleinen Momente mit anderen Menschen teilen zu können, sich verbunden zu fühlen und nicht in sich gefangen zu bleiben, gewissermaßen aus der Höhle der Zurückgezogenheit emporzusteigen und auf den Ursprung der Schatten und Reflexionen zuzugehen.

Es ist außerordentlich, mit welchem Feingefühl Wim Wenders sich dieser Figur nähert, mit welcher Leichtfüßigkeit er um die Gefahren einer paternalistischen Erzählung ohne wirkliches Klassenbewusstsein herumtänzelt. Hier soll nicht von oben herab und über die Köpfe der Arbeiter*innenschicht hinweg davon berichtet werden, wie toll es doch ist, dass sich auch diese „einfachen“ Menschen mit ihren beschränkten Möglichkeiten für Hochkultur begeistern können. Vielmehr geht es für mich darum, was für ein erhebendes Gefühl es ist, mit reinem Herzen und Gewissen schöne Dinge zu lieben und dafür nicht auch nur einen Funken Scham zu empfinden.

★★★★½

DE/JP, R: Wim Wenders, D: Koji Yakusho, Tokio Emoto, Arisa Nakano, Aoi Yamada, Yumi Asou, Sayuri Ishikawa, Tomokazu Miura, Min Tanaka, Trailer, Wikipedia
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Gesehen: Perfume: The Story of a Murderer (2006)

Gesehen: Perfume: The Story of a Murderer (2006)
(c) Constantin Film

Ein Film, der sich permanent selbst im Weg steht…

…mit dem Irrglauben, dass Plot der interessante Kern von Das Parfum ist.

…mit einem lächerlichen Voiceover, das permanent Superlative behaupten muss, weil Tom Tykwer daran scheitert, sie filmisch greifbar zu machen.

…mit generell uninspirierter Inszenierung, die eigentlich nur einen einzigen wirklich filmischen Moment hat: die Orgie praktisch ganz zum Schluss.

★★☆☆☆

BE/FR/DE/ES/US, R: Tom Tykwer, D: Ben Whishaw, Alan Rickman, Rachel Hurd-Wood, Dustin Hoffman, Sian Thomas, Corinna Harfouch, Karoline Herfurth, Trailer, Wikipedia
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Gesehen: Sånger från andra våningen (2000)

Gesehen: Sånger från andra våningen (2000)
(c) SVT Drama, Easy Film, Nordisk Film & TV Fond, Roy Andersson Filmproduktion

Trotz seiner offenbar sehr tief sitzenden Misanthropie komme ich immer wieder gerne und mit Genuss zu Roy Andersson zurück – weil er so viele absurd komische Ideen hat und überaus clevere Bilder für die offenen Wunden der Gesellschaft findet, in die er erbarmungslos sein Salz streut.

„Das Leben ist ein Markt“, lässt Andersson eine seiner Figuren die ganze Misere auf den Punkt bringen. Wenn die oberste Maxime das Verkaufen – am besten immer mit einer extra Null hinten dran – ist, setzen unweigerlich Entfremdung und Entsolidarisierung ein. Arbeiter*innen treten beim Versuch, über Wasser zu bleiben, zunehmend nach unten, anstatt nach oben zu greifen.

Irgendwann sind nur noch aschfahle Menschenhüllen übrig, die sich kaum noch vom Grau der Stadt abzuheben vermögen und praktisch eins mit der industriellen Architektur werden.

Und trotzdem werden lieber ohne mit der Wimper zu zucken Kinder geopfert und wortwörtlich in die Glaskugel geschaut, als die unsichtbare Hand des Marktes infrage zu stellen. Gesellschaft, aber als unendlicher Stau, dessen Abgaswolke jeden noch so kleinen Keim der Kunst gnadenlos erstickt.

★★★★☆

SE/DK/NO, R: Roy Andersson, D: Lars Nordh, Stefan Larsson, Bengt C.W. Carlsson, Torbjörn Fahlström, Sten Andersson, Rolando Nunez, Lucio Vucina, Peter Roth, Klas-Gösta Olsson, Nils Eriksson, Hanna Eriksson, Tommy Johansson, Sture Olsson, Fredrik Sjögren, Trailer, Wikipedia
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Die taz über Drop-Out Cinema: „Filme, die durchs Raster fallen“

Die taz über Drop-Out Cinema: „Filme, die durchs Raster fallen“
(c) Dop-Out Cinema

Martin Seng hat in der taz einen lesenswerten Abriss über Drop-Out Cinema, einen der sympathischsten Filmverleihe hierzlande, geschrieben.

Während im populären Kino noch immer die Su­per­hel­d:in­nen über die Leinwand fliegen, sucht man diese „Marvelisierung“, wie Tarantino sie einst nannte, bei Drop-Out Cinema vergebens. Seit zehn Jahren zeigt der Filmverleih, was anderswo kaum eine Bühne bekommt.
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Der Filmverleih Drop-Out Cinema präsentiert linke, randständige Filme. Damit möchte der Gründer Jörg van Bebber zur politischen Arbeit aufrufen.

Gesehen: One, Two, Three (1961)

Gesehen: One, Two, Three (1961)
(c) Plaion Pictures

Der Affenzahn, diese absolut irre Schlagzahl, in der man hier einen messerscharfen Gag nach dem anderen um die Ohren gehauen bekommt, das ist einfach beeindruckend. So viele sitzende Pointen am Stück bin ich einfach nicht gewohnt. Viele Filme versuchen mit einer Fülle an Gags zu überfluten. Aber da ist normalerweise sehr viel Schwund dabei. Nur hier sitzt einfach überdurchschnittlich viel.

Dazu kommt eine sehr treffsichere Analyse des Nachkriegsdeutschlands: wie die US-amerikanische Ausprägung des Kapitalismus einer Hälfte des Landes übergestülpt wurde und auch dadurch die Denazifizierung gescheitert ist und so viel alte Naziseilschaften überleben konnten – weil die fast schon religiöse Verehrung dieses zur de facto Schattenverfassung gewordenen Wirtschaftssystems und dessen enge Verstrickung mit vermeintlich freiheitlichen Werten letztlich eine einfache Lösung für ein unendlich komplexes Problem versprochen haben.

Das Drehbuch arbeitet außerdem beeindruckend präzise heraus, wie irre es ist, wenn sich gesellschaftspolitische Diskurse irgendwann nur noch um zu leeren Worthülsen verkommene Begriffe und nicht um Inhalte drehen. Beispielhaft etwa der Ostberliner Polizist, der bei einer Kontrolle bei jemandem das Wall Street Journal entdeckt, nur „Wall Street“ sieht und damit bereits klar ist: Wir haben es hier mit einem Klassenfeind aus dem Westen zu tun, der das sozialistische Paradies mit dem kapitalistischen Virus in den Abgrund stürzen will. Das sagt auch viel über unserer Gegenwart aus. Wir sind als Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg offenbar keinen Millimeter weiter gekommen, weil die heute ausgetragenen Kulturkämpfe nichts anderes sind.

★★★★☆

US, R: Billy Wilder, D: James Cagney, Horst Buchholz, Pamela Tiffin, Arlene Francis, Howard St. John, Hanns Lothar, Trailer, Wikipedia
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Gesehen: La mariée était en noir (1968)

Gesehen: La mariée était en noir (1968)
(c) Plaion Pictures

Jeanne Moreaus abschätzige, von Ekel durchzogene Blicke sind das Herz dieses Films. Denn eine Welt, in der Macker wie die Männer in diesem Film glauben, mit allem davonkommen zu können, über anderen Menschen zu stehen und Frauen seien ihr Spielzeug, könnte abgründiger kaum sein. Hell is empty, and all the devils are here.

Diese Typen hinterfragen nie ihre eigene Position, reflektieren nie ihr Handeln und überdenken nie getroffene Entscheidungen – ganz im Gegensatz zu Jeanne Moreaus Julie Kohler, die sich zwar auf einen moralisch verwerflichen Rachetripp begibt, sich dessen aber klar bewusst ist und letztlich auch Verantwortung für ihr Handeln übernimmt. Sie kann gewissermaßen im Reinen mit sich selbst sein, während das ihre Opfer vor deren Tod überhaupt nicht von sich behaupten konnten.

Formal betrachtet ist das hier sicherlich keine von Truffauts stärkeren Filmen. Für mich liegt das daran, dass er sich stellenweise gleichzeitig sehr gehetzt und sehr zäh angefühlt hat. Die Ortswechsel, die Setups – all das passiert wahnsinnig schnell. Und dann verbringen wir sehr viel Zeit an den jeweiligen Orten, an denen schnell abgesteckt wird, für welche Art von Abgrund sie stehen, und danach nur noch seltsam ausgedehnt um das Absehbare herumgetänzelt wird. Das ist für mich die größte Schwäche des Films, die jedoch dem Gesamtpaket und -genuss praktisch keinen Abbruch tut.

★★★½☆

FR/IT, R: François Truffaut, D: Jeanne Moreau, Michel Bouquet, Jean-Claude Brialy, Charles Denner, Claude Rich, Michael Lonsdale, Daniel Boulanger, Trailer, Wikipedia
Die Braut trug schwarz - Stream: Jetzt Film online anschauen
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