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André Pitz

Leipzig, Germany

journalist by trade, cinephile at heart

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Posts by André Pitz

Gesehen: Mars Express (2023)

Gesehen: Mars Express (2023)
(c) capelight pictures

Ein ganz fantastischer Film, der nicht nur mitreißend inszeniert und präzise erzählt ist, sondern auch nur so vor kleinen cleveren Ideen strotzt, die sich zu einer vielschichtigen und vor allem glaubhaften Welt zusammenfügen.

Wo andere Science-Fiction heillos mit unausgegorenen Ideen überfrachtet ist, übt sich MARS EXPRESS fast schon in Understatement. Und diese selbstsichere und durchdachte Zurückhaltung hat mich total vereinnahmt.

Abseits dieser wirklich starken Form hat MARS EXPRESS für mich auch auf der allegorischen Ebene alle Register gezogen. Letztlich lässt sich dieser Thriller im Kontext des Wiedererstarkens rechtsextremer Kräfte lesen, deren Akteur*innen mit Ausgrenzung und Othering immer festeren Boden unter den Füßen bekommen und auf diesem Boden dann Unsicherheit, Angst und schließlich Panik säen, um daraus (politischen) Profit zu schlagen und ihre menschenfeindliche Ideologie durchzudrücken.

Wer sind diese „anderen“, die hier in Androidenform Ausdruck finden? Es sind Menschen, die sich in kein heteronormatives Weltbild pressen lassen, die eine Geschlechtsidentität haben, die jenseits von „männlich“ und „weiblich“ liegt, die am falschen Ort geboren wurden. Die sind dann gerade noch gut genug für die vermeintlich niederen Arbeiten ohne ökonomische und gesellschaftliche Aufstiegschancen. Sie werden zu Spielbällen einer sich als Elite begreifenden rechtsextremen Kaste und letztlich dafür ausgenutzt, um deren Machtposition zu zementieren.

Bleibt also die Frage, was in einer solchen Realität noch zu tun ist: Den schweren und vielleicht sogar unmöglichen Versuch zu wagen, eine gesellschaftliche Lösung zu finden oder den ganzen Laden abfackeln, weil der braune Schimmel bereits in jeder Faser steckt?

★★★★☆

FR, R: Jérémie Périn, D: Léa Drucker, Mathieu Amalric, Daniel Njo Lobé, Trailer, Wikipedia
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Gesehen: My Girl (1991)

Gesehen: My Girl (1991)
(c) Plaion Pictures

Anna Chlumskys Vada steckt in einem Leben, das seit dem Moment ihrer Geburt von Unsicherheit und Tod geprägt ist – nicht ganz ungleich den USA des hier abgebildeten 1972 nach ersten sexuellen Befreiungsschlägen, einer „überlebten“ Amtszeit Richard Nixons und der weiterhin realen Einzugsgefahr wegen des nach wie vor wütenden Vietnamkrieges. Die Geschichte der USA resoniert in Vadas Erleben. Das mag hier zwar sehr einfach angeordnet sein, aber niemals einfältig. Dafür aber auch sehr schwülstig inszeniert.

Wirklich beeindruckt hat mich Anna Chlumsky, die hier in ihrer ersten richtigen Rolle auftritt. Keine*r in diesem Film ist ihrer schauspielerischen Leistung gewachsen. Sie wartet mit einer erstaunlichen Bandbreite auf und findet auch durch sehr kleine Gesten nuancierten Ausdruck. Dagegen sehen der furchtbar von Mark zu Mark staksende Macaulay Culkin, die noch sehr flache Jamie Lee Curtis und Clown Dan Aykroyd einfach ziemlich blass aus.

★★★☆☆

US, R: Howard Zieff, D: Anna Chlumsky, Macaulay Culkin, Dan Aykroy, Jamie Lee Curtis, Trailer, Wikipedia
My Girl - Meine erste Liebe - Stream: Online anschauen
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Kultur-Clusterfuck mit komischer Altersfixierung in der ARD

Kultur-Clusterfuck mit komischer Altersfixierung in der ARD
(c) ARD Kultur

Ende Juni hat taz-Literaturredakteur Dirk Knipphals zum Zusammenstreichen von Literatursendungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk bereits einen bissigen Kommentar geschrieben, den ich auch hier im Blog festgehalten habe. Jetzt legt Alexander Teske mit einer Recherche über die Sparpläne in den Kultursparten der ARD-Sender nach.

Sparen bei Kulturprogrammen: Nicht mehr sexy, nur noch schlank
Die Öffentlich-Rechtlichen wollen Hunderte Millionen Euro sparen. Angefangen wurde in der Kultur, angeblich um mehr Inhalte für Jüngere zu schaffen.

Darin heißt es:

Hier zeigt sich, wie sich der Kulturbegriff der ARD verändert hat. Ein SWR-Redakteur, der namenlos bleiben möchte, erzählt: „Wir sollten andere Themen anbieten. Weniger Opernrezensionen, mehr Street-Art.“

Und etwas weiter unten:

Die Gewerkschaft Verdi sieht das kritisch: „Mit diesem inhaltlichen Einschnitt droht ein weiterer Legitimationsverlust des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Es geht nicht um Besitzstandswahrung. Natürlich muss es Angebote für Jüngere geben. Aber man darf auch die Älteren dabei nicht verlieren“, sagt Anja Willmann, Gewerkschaftssekretärin bei Verdi für den Fachbereich Medien.

Dazu ein paar kurze Gedanken: Sich, gerade als Redakteur*in, dem Kulturbegriff in der ARD gleich zu öffnen, halte ich für unglaublich wichtig. Meiner Auffassung nach lassen sich Kunst und Kultur nur klug besprechen, wenn sie in einen Kontext gesetzt werden, der außerhalb von Hoch- und Subkulturblasen gezeichnet wird.

Anja Willmanns Statement halte ich im Zusammenhang mit den Sparplänen in der ARD-Kultur leider für Unsinn. Natürlich ist es nicht nur im Interesse, sondern auch Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, keine Altersgruppe außer Acht zu lassen. Aber darum geht es hier doch gar nicht. Willmanns Aussage impliziert – jedenfalls so, wie sie in Alexander Teskes Text platziert ist –, dass Hochkultur nur etwas für ältere Menschen und Subkultur nur etwas für jüngere Menschen sei. Das ist absurd. Das Problem liegt doch eher darin, dass es kaum Inhalte über Hochkultur/Subkultur gibt, die auch auf Augenhöhe eines jüngeren/älteren Publikums transportiert werden.

Gesehen: Ingeborg Bachmann - Reise in die Wüste (2023)

Gesehen: Ingeborg Bachmann - Reise in die Wüste (2023)
(c) MFA+ Filmdistribution

Für einen sehr kurzen Moment war ich von der Ästhetik dieses Films fasziniert. Wie hier die Bilder konstruiert und die Figuren durch eben jene Szenerie geschoben werden, das hat etwas Dioramahaftes an sich. Doch es dauert nicht lange, bis genau das nur noch irritiert. Der Film schafft es nie zu mehr als einer Art unbeholfenem (literatur)historischen Tabletop, ein Warhammer mit Vicky Krieps und Ronald Zerfeld, die auch nicht so richtig wissen, warum sie nun eigentlich in dieser Szenerie herumstehen müssen.

Beide bekommen zu wenig an die Hand, um zwei greifbare Figuren zu erschaffen – und sie lassen es die Kamera spüren. Die Auslassungen und Leerstellen sind einfach zu groß, den Figuren Ingeborg Bachmann und Max Frisch wird eine dritte Dimension verwehrt. Stattdessen wächst mit jeder Minute die keinesfalls gerechtfertigte Verliebtheit in die eigene Ästhetik und eine beschämende Gleichgültigkeit gegenüber dieser Gigantin der deutschsprachigen Lyrik.

★½☆☆☆

DE/AT/LU/CH, R: Margarethe von Trotta, D: Vicky Krieps, Ronald Zerfeld, Tobias Resch, Basil Eidenbenz, Trailer, Wikipedia
Ingeborg Bachmann - Reise in die Wüste - Stream: Online
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Kinotagebuch: Kinds of Kindness (2024)

Kinotagebuch: Kinds of Kindness (2024)
Ich muss schon sagen, dass ich den alten Yorgos Lanthimos vermisse. Eben den Filmemacher, der viel fragmentarischer gearbeitet und versucht hat, Form anders zu denken. Der mit Sprache und nicht quirky Wes-Anderson-Sets Welten konstruiert und geformt hat. Den mit avantgardistischer Ambition.

Das habe ich vor einem guten halben Jahr geschrieben, als ich aus POOR THINGS kam. Und ja, mit KINDS OF KINDNESS bewegt sich Yorogos Lanthimos wieder mehr in diese Richtung.

Es fühlt sich an wie ein Sturm in drei aus derselben Karaffe gefüllten Wassergläsern, angefacht durch Lanthimos, der mit seinem Föhn draufhält. Jedes dieser drei Gläser habe ich als Versuchsanordnung zur Betrachtung von Systemen der Unterdrückung gelesen.

  1. Die herrschende Klasse im Kapitalismus und die von eben jener induzierten Unterwerfungssucht der Arbeiter*innen.
  2. Das „Ruhigstellen“ von Menschen mit psychischen Erkrankungen. Aus diesem System der Ignoranz folgt unweigerlich ein System der Unterdrückung, solange psychisch Erkrankte derart mit einem Stigma belegt sind, dass sie zwangsläufig an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden.
  3. Patriarchale Machtstrukturen und Gewalt, gepaart mit Erlösungsversprechen eines pseudoreligiösen kultischen Gefüges, das wiederum eng mit Elementen des Kapitalismus verzahnt ist.

Die erste Episode etabliert sinngemäß die Regel „Traue nichts, was du siehst“. Und so lässt sich argumentieren, dass alles, was wir sehen, eine für uns von der herrschenden Klasse im Kapitalismus hinkonstruierte Wirklichkeit ist, in der freier Wille nie wirklich existieren kann und Aufstiegsversprechen niemals eingelöst, sondern auf ewig einer Karotte an der Angel gleich immer nur in vermeintlicher Reichweite hingehalten werden.

★★★★☆

IE/GB/US, R: Yorgos Lanthimos, D: Jesse Plemons, Emma Stone, Willem Dafoe, Margaret Qualley, Hong Chao, Mamoudou Athie, Joe Alwyn, Hunter Schafer, Yorgos Stefanakos, Trailer, Wikipedia
Kinds of Kindness - Stream: Jetzt Film online anschauen
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Marie Boulanger für Little White Lies über Typografie im Film

Marie Boulanger für Little White Lies über Typografie im Film
(c) Jeroen den Otter / Unsplash

Schriftdesignerin Marie Boulanger hat sich für Little White Lies angeschaut, welche Rolle Typografie im und für Film spielt – und auch, wie die Wahl der Schrift Stereotype zementieren, Vorurteile schüren oder den Blick erweitern kann.