Ich muss schon sagen, dass ich den alten Yorgos Lanthimos vermisse. Eben den Filmemacher, der viel fragmentarischer gearbeitet und versucht hat, Form anders zu denken. Der mit Sprache und nicht quirky Wes-Anderson-Sets Welten konstruiert und geformt hat. Den mit avantgardistischer Ambition.
Das habe ich vor einem guten halben Jahr geschrieben, als ich aus POOR THINGS kam. Und ja, mit KINDS OF KINDNESS bewegt sich Yorogos Lanthimos wieder mehr in diese Richtung.
Es fühlt sich an wie ein Sturm in drei aus derselben Karaffe gefüllten Wassergläsern, angefacht durch Lanthimos, der mit seinem Föhn draufhält. Jedes dieser drei Gläser habe ich als Versuchsanordnung zur Betrachtung von Systemen der Unterdrückung gelesen.
- Die herrschende Klasse im Kapitalismus und die von eben jener induzierten Unterwerfungssucht der Arbeiter*innen.
- Das „Ruhigstellen“ von Menschen mit psychischen Erkrankungen. Aus diesem System der Ignoranz folgt unweigerlich ein System der Unterdrückung, solange psychisch Erkrankte derart mit einem Stigma belegt sind, dass sie zwangsläufig an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden.
- Patriarchale Machtstrukturen und Gewalt, gepaart mit Erlösungsversprechen eines pseudoreligiösen kultischen Gefüges, das wiederum eng mit Elementen des Kapitalismus verzahnt ist.
Die erste Episode etabliert sinngemäß die Regel „Traue nichts, was du siehst“. Und so lässt sich argumentieren, dass alles, was wir sehen, eine für uns von der herrschenden Klasse im Kapitalismus hinkonstruierte Wirklichkeit ist, in der freier Wille nie wirklich existieren kann und Aufstiegsversprechen niemals eingelöst, sondern auf ewig einer Karotte an der Angel gleich immer nur in vermeintlicher Reichweite hingehalten werden.
★★★★☆

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