Zugegeben, es hat ein bisschen gedauert, bis mir klar geworden ist, dass hier beim Dialogbuch gar nichts schiefgelaufen ist. Denn vieles fühlt sich nach dem Vorlesen von groben Outlines von Szenen und Unterhaltungen an, in denen die Figurenbewegung und Inhalt klar und mit groben Strichen skizziert werden.
Aber weil sich das konsequent durch den gesamten Film zieht und Pedro Almodóvar nun auch kein Anfänger ist, muss die Frage gestellt werden: Ist das Absicht und gar keine Unfähigkeit? Ich jedenfalls glaube schon.
Die Sprache ist zentrales Mittel innerhalb dieser Versuchsanordnung, mit der Almodóvar versucht herauszufinden, was die Menschen untereinander und mit dem Konzept des Lebens verbindet. Ist es die Sprache?
So wie ich den Film gelesen habe: Nein, ist es nicht. Denn Almodóvar hat aus den Dialogen jegliche Seele gepresst, bis nur noch reine Mechanik, deskriptive Wortketten und somit das vermeintliche Wesentliche übrig geblieben sind. Und damit scheitern die Figuren daran, sich ihrer Beziehung zueinander und zum Leben zu vergewissern.
Was ist also der Kitt? Das vermag der Film nicht zu sagen. Und ich finde, das muss er auch nicht. Kunst ist uns keine Antworten schuldig, denn die Antworten können wir nur in uns selbst finden. (Wow, das war jetzt kitschig.)
Letztlich ist es schon interessant zu sehen, wie hier in der Regel als schlechtes Handwerk wahrgenommene Elemente eingesetzt werden, um viel tiefergehende Gedankengänge anzustoßen.
★★★½☆
ES, R: Pedro Almodóvar, D: Julianne Moore, Tilda Swinton, John Turturro, Alex Høgh Andersen, Esther-Rose McGregor, Melina Matthews, Juan Diego Botto, Alessandro Nivola, Trailer, Wikipedia
Es wirkt, als ob Leni Riefenstahl aus der Zwischenhölle heraus gegen diesen Film anargumentiert. Denn es ist wirklich eine Art Dialog mit dem Nachlass Riefenstahls, den Andres Veiel hier anstrebt. Ohne Effekthascherei und komplett in sich ruhend lässt der Film die vergangene Leni Riefenstahl immer und immer wieder voller Selbstbewusstsein auflaufen. Veiel widerlegt Stück für Stück die von Riefenstahl um sich herum gesponnene Legende.
Es mag daran liegen, dass ich am Tag vorher GOLDHAMMER gesehen habe. Aber je tiefer sich die Archiv-Riefenstahl in ihren Bau aus Widersprüchen gräbt, desto überzeugter war ich davon: Wäre die Filmemacherin in unserer Zeit aufgewachsen, wäre sie Influencerin bzw. „Content"-Creatorin. Klar, eine mit unbestreitbarem Talent und Gespür für Ästhetik wie nur wenige andere, aber dennoch.
Am Ende bleibt ein Bild von Riefenstahl als Opportunistin mit bewusst selektiver Realitätswahrnehmung, die um jeden Preis rezipiert werden will – letztlich egal womit. Das zeigt sich auch darin, dass sie immer und immer wieder Interviews gibt – wohl wissend, dass sie auf ihre Rolle im Nazi-Regime angesprochen werden wird. Aber zu groß ist die Versuchung des Rampenlichts, zu gut die Gelegenheit, sich selbst und ein ganzes Täter*innenvolk als eigentliche, unwissende Opfer zu inszenieren.
(Eine ganz besondere Form des Ekels löst das für diesen Dokumentarfilm restaurierte historische Filmmaterial aus. Hitler in makellosem 4K und auf 24 Vollbilder die Sekunde interpoliert in die Kamera lächeln zu sehen, ist eine sehr komische Erfahrung.)
Wenn dein Beruf und deine Berufung sind, um jeden Preis, egal vom wem und durch welche Mittel auch immer rezipiert zu werden, dann bist du Geisel der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie im Plattformkapitalismus.
Pablo Ben-Yakov und André Krummel treiben diese Beobachtung mit ihrem Film auf die Spitze – und zwar so sehr, dass ich GOLDHAMMER eher nicht als Dokumentarfilm, sondern als Medienkunst bezeichnen würde.
Denn hier wird offen mit dem eventuellen Überschreiten der Genregrenzen kokettiert – und zwar so sehr, dass ich zu zweifeln begonnen habe, ob Marcel Goldhammer überhaupt eine existierende Person ist. Die Grenze zwischen dem Dokumentarischen und dem Inszenierten ist hier so hauchdünn, dass kaum ein Blatt dazwischen passt.
Was ist echt? Was haben Ben-Yakov und Krummel inszeniert? Wie viel Kontrolle haben die beiden bewusst ihrem Protagonisten gegeben, um Misstrauen in die eigenen Bilder zu säen? Jedenfalls wird hier die Ambiguitätstoleranz des Publikums bewusst an ihre Grenzen getrieben
GOLDHAMMER zersetzt unsere Beziehung zu Bildern und vermeintlich authentischen Menschen von innen auf äußerst produktive Art und Weise.
Und die Moral von der Geschicht'? Milliardäre verbieten!
Sean Baker entzaubert den Cinderella-„Mythos" auf seine Art, die sich nicht auf den bereits ausgetretenen Wegen bewegt. Es geht hier nicht um zwei Figuren, die allen Widrigkeiten zum Trotz die Ketten ihrer bisherigen Leben sprengen, um miteinander sein zu können. Es geht um Macht als unweigerliche Konsequenz aus Geld. Wer Fuck-You-Money hat, wird sich folgerichtig irgendwann entsprechend verhalten. Ab einem gewissen Betrag wird das Konto zu einem Schwarzen Loch, dessen Hunger weder Licht noch Macht entkommen können.
Sean Baker hat sich auch hier die große Empathie gegenüber seinen Figuren bewahrt. Er begegnet ihm, von seinen Eltern kaum als Mensch behandelt und doch eisern in deren Griff, voller Mitgefühl und zieht ihn doch für sein Verhalten zur Verantwortung. Denn wieder jeder andere Mensch ist in letzter Konsequenz nur er für sein Handeln verantwortlich.
Sie als Sexarbeiterin wird wie von Sean Baker gewohnt niemals von oben herab behandelt und nicht als Opfer gezeichnet, das „gerettet" werden muss. Gleichzeitig ignoriert Baker jedoch auch nicht den ökonomischen Druck, unter dem sie zu stehen scheint, und deutet auch eine traumatische Erfahrung aus der Vergangenheit an. Diese nicht klar zu benennen, ist genau die richtige Entscheidung. Denn so wird diese Figur nicht durch ihr Trauma definiert und darauf reduziert. Sie bekommt die Chance, in unseren Augen ein vollwertiger Mensch zu bleiben.
Darüber hinaus wünsche ich mir von Sean Baker so langsam mal etwas mehr ästhetische Variation. Seine bewährten Tracking-Shots mit leicht fischäugigen Objektiven laufen Gefahr, in absoluter Formelhaftigkeit zu enden. Gleichzeitig kann ich mir Bakers Filme aber nur schwer ohne vorstellen. Denn diese Shots sorgen nämlich auch für eine sich sehr organisch anfühlende Leichtigkeit der Bilder, für etwas Unmittelbares, ohne gleich Found-Footage zu sein.
Unbestreitbar gut bleibt Sean Bakers Casting. Einerseits setzt er auf Schauspieler:innen mit noch kleinen Filmografien und bietet ihnen die Möglichkeit, sich ihrer selbst und ihres Images zu ermächtigen, bevor das andere für sie tun. Nach HYTTI NRO 6 auch Yura Borisov und nach LEVIATHAN auch Aleksey Serebryakov wieder auf einem neuen Spielfeld mit internationaler Beachtung zu sehen, hat mich sehr gefreut.
Und der Soundtrack ist absolut killer.
★★★★☆
US, R: Sean Baker, D: Mikey Madison, Mark Eidelstein, Karren Karagulian, Yura Borisov, Vache Tovmasyan, Trailer, Wikipedia
Am Sonntag ging die 67. Ausgabe des Internationalen Leipziger Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm, kurz DOK Leipzig, mit einem Besucher:innen-Rekord zu Ende. Besonders in Zeiten, in denen sich das Kino noch nicht von Corona erholt hat, hat mich das sehr gefreut. Mein letztes „richtiges" DOK war tatsächlich 2020 – mitten in der Pandemie und deshalb auch nur online. Deshalb hat es mich dieses Jahr sehr gejuckt. Also habe ich mich für drüben sechs Tage lang ins Kino gesetzt und mich vorrangig durch deutsche und internationale Wettbewerbsfilme geschaut. 13 Sichtungen sind es letztlich geworden.
Bevor ich zu den Filmen komme: Danke an das großartige DOK-Team und vor allem den zahlreichen Volunteers, die das DOK Leipzig 2024 (für mich) zu einem sehr smoothen und angenehmen Festival gemacht haben.
Was hingegen weiterhin eine international verbreitete Festivalkrankheit zu bleiben scheint, ist der Programmkalender aus dem vergangenen Jahrtausend. Ich möchte doch einfach nur meine Wunschfilme markieren, dann einen Plan mit sich nicht überschneidenden Screenings bekommen und das dann bitte als iCal downloaden können.
Was gab's stattdessen? Eine Seite, bei der man im Darkmode nicht alle Kontrollelemente richtig sieht und deshalb erstmal laaange verzweifelt sucht, bis man das checkt und bereits gebuchte Tickets wieder löschen kann. Ich weiß, als Presseheini, der keinen Cent für die Tickets zahlt, ist das ziemliches Mimimimi. Aber wer umdisponieren musste, kam schnell in die Bredouille, weil auf die Akkreditierung nur fünf Tickets gleichzeitig gebucht werden konnten.
Anyways, kommen wir zu den Filmen. Ich habe viele Stimmen gehört und gelesen, die den beiden Dokumentarfilm-Wettbewerben in diesem Jahr nur ein mittelmäßiges Zeugnis ausstellen konnten. Mit meinem kleinen gesehenen Querschnitt würde ich mich dem anschließen. Natürlich gab es trotzdem auch wirklich überragende Filme.
Ein erschütternder wie niederschmetternder Film, der zeigt, wie im Auftrag der griechischen Regierung und Europäischen Union systematisch geltendes Recht gebrochen wird. Fick dich, Festung Europa! Eines der hier gezeigten Nachfolgelager von Moria wird von der Verwaltung stolz als „sicherer" bezeichnet. Sicher ist hier vor allem eins: dass sichergestellt wird, den geflüchteten Menschen den letzten Rest ihrer Würde zu nehmen. Das Lager ist ein Orwellscher Fiebertraum und ein Ort, an dem die wenigen verbliebenen Grundrechte dieser Menschen beerdigt werden.
Formal weckt MORIA SIX tatsächlich Erinnerungen an THE ZONE OF INTEREST. Es sind die starren, kühlen und mit einem erdrückenden Dröhnen unterlegten Bilder, die hier eine quälend unangenehme und gleichzeitig fesselnde Atmosphäre erzeugen. Die Kamera fängt in einer ästhetischen Unvermeidbarkeit Bilder ein, die unweigerlich an die dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte erinnern. Ob dieses Stilmittel gerechtfertigt ist, ist streitbar. Aber es zwingt, sich intensiv mit diesem humanitären Armutszeugnis auseinanderzusetzen und eine Haltung zu entwickeln, die über ein „Jaja, schon schlimm da. Anyways, was läuft auf Netflix?" hinausgeht.
Direkt habe ich an HERR BACHMANN UND SEINE KLASSE denken müssen. Denn wahrscheinlich vermögen es nur solche Langzeitbeobachtungen, derartige Themenkomplexe auch auf einer rein emotionalen Ebene zumindest teilweise erfahrbar zu machen. Denn rein rational betrachtet ist dieser Stoff natürlich schnell durchdrungen. Aber wenn ein Film sich die Zeit nimmt, einfach mal dabei zu sein und nicht mit Fragen das Spielfeld abzustecken, dann entsteht nicht nur Verstehen, sondern letztlich auch Verständnis. Und das baut auch Vorurteile ab.
Für den westlichen Blick ist dieser Film eine absolute Überraschung und auch Irritation. Denn man ist zwar vor allem von der katholischen Kirche allerlei Hokuspokus gewohnt, aber durch einen Spinnenbiss fortan von der Tarantel besessene Frauen, die sich nur einmal im Jahr während eines ekstatischen Rituals wortwörtlich freitanzen können, das ist noch mal ein anderer Schnack.
Und so beginnt es: Als Dokument eines absurden Rituals vermeintlich religiös Indoktrinierter, stets mit der Kritik an Fundamentalismus, antiaufklärerischer Unterdrückung und institutionalisierter Religion im Subtext.
Aber dann schält sich der Film noch einmal und eröffnet eine unerwartete Perspektive auf die von der Tarantel besessenen Frauen. Denn es wird immer klarerer, dass sie sich dieses Unterdrückungsinstrument der Kirche ermächtigt haben und es nun dafür einsetzen, patriarchalen Strukturen zu entkommen.
Der Filme hält sienem Publikum klug den Spiegel vor. Denn einen leicht abschätziger Blick auf diese an solchen Quatsch glaubenden Menschen – ob nun gespielt oder nicht –, werden wohl viele mindestens einmal werfen.
Eine sehr herzlich-warme Geschichte über Solidarität und die enorme Wichtigkeit gemeinsamer Ankerpunkte, die über den einen Moment in der Zeit hinaus Stabilität, Gemeinschaft, Halt und Kraft geben.
Wovon ich außerdem überzeugt bin: Dieser Film muss mit einem möglichst großen Publikum gesehen werden. Denn selbst bei meinem Screening, im vergleichsweise weltoffenen Leipzig mit Festivalpublikum, wurde super viel gelacht. Bezeichnend und absolut entlarvend ist dann, in welchen Momenten gelacht wurde. Denn ich frage mich, was so lustig daran sein soll, wenn ein Vater über Wohnort und Beziehungsstatus seiner volljährigen Tochter entscheiden will und das auch noch unverhohlen in die Kamera sagt. Es zeigt, wie tief eine abschätzige Haltung gegenüber aus anderen Kulturkreisen stammenden Menschen in uns sitzt.
Es ist ein "Hahaha, schau mal, die gehen ja noch wie im Mittelalter miteinander um", während das Patriarchat hier genauso die Gesellschaft bestimmt – nur eben in anderen Ausprägungen.
Es ist nicht leicht von Täter*innen abzustammen und es ist nicht leicht, von Opfern abzustammen – in etwa so bringt einer der Protagonisten dieses Films das ganze Spannungsfeld sehr treffend auf den Punkt. Denn wie umgehen mit diesem Trauma, dieser unbeschreiblichen Ungerechtigkeit, wenn den Täter:innen nicht mehr beigekommen werden kann? Wenn sie genau wie Überlebende sterben, bis niemand mehr von den Taten berichten kann und sich auch mangels offizieller Anerkennung schließlich alles im Sande verläuft?
Wie kann dieses Leid gelöst werden? Ob das die Kunst, wie der Film mit seinen Protagonist*innen teilweise zu ergründen versucht, vermag, weiß ich nicht. Und ich glaube, der Film weiß das auch nicht. Was er hingegen genau weiß: was Gerechtigkeit bedeutet.
Eine Reihe von Zufällen, die fast schon zu gut sind, um wahr zu sein – zusammengebunden in einer Art heiterer cinephiler Schnitzeljagd. Dass dieses Thema ausgerechnet Dominique Cabrera in den Schoß fällt, ist einer dieser genialen Zufälle.
Letztlich dreht sich diese Spurensuche um die Macht der Bilder, nicht nur Geschichten zu erzählen, sondern auch Geschichten in der Zeit einzufrieren, sie Generationen überdauern und dann wieder auftauen zu lassen. Doch dann können diese Geschichten durch die Finger rinnen und laufen Gefahr, auf ewig zu versickern.
Was diesen Film so faszinierend macht, sind die familiären Verflechtungen Dominique Cabreras mit Chris Marker und die konsequent persönliche Perspektive. Man könnte dem Film eine gewisse Eitelkeit und Hang zur Nabelschau vorwerfen. Das wäre jedoch fehlgeleitet, denn letztlich ist es genau das, was der Film braucht und was ihn so sympathisch macht.
Ich mag Filme, die von mir bisher sehr stiefmütterlich behandelte Arten künstlerischen Ausdrucks für mich aufschließen. Hier ist es eben die Architektur, die ich zuvor als sehr elitäres, nur sehr wenig demokratisiertes Medium gesehen habe. Daran hat auch dieser Film nicht viel geändert. Aber er hat mir eine neue Perspektive eröffnet, die über meine sehr durch ästhetische Kriterien geprägte Betrachtungsweise von Architektur hinaus geht.
Jetzt ist mir klar geworden, dass die eigentliche Kunst nicht zwingend das Objekt ist, sondern wie die Menschen in dessen Umgebung dazu in Beziehung gesetzt werden, wie sie sich durch das Bauwerk bewegen. Das sind auch die Momente, die Architektinnen nur erahnen, aber nie mit Sicherheit vorhersagen können. Das resoniert total mit meiner Haltung zu Kunst: Ist das Werk einmal in der Welt, gehört es nicht mehr den Künstlerinnen, sondern dem Publikum. Die Deutungshoheit haben nur die Rezipient*innen.
Vielleicht hat mich hier deshalb auch das Voiceover so gestört. Denn dessen Text hat den Denkraum doch arg eingeschränkt und den ganzen Film auf Schienen ohne Weichen gesetzt.
Zweifelsohne sind das wunderschöne Bilder und viele tolle, kleine Beobachtungen, die hier eingefangen wurden. Und es ist auch spannend zu sehen, wie nah Kunst und Wissenschaft als vermeintlich gegensätzliche Arten, die Welt wahrzunehmen, doch eigentlich sind. Denn je mehr beide Felder miteinander verschränkt werden, desto klarer wird: Es scheint einen Punkt zu geben, ab dem Wissenschaft zur Kunst und Kunst zur Wissenschaft wird. Beide eint wiederum das Streben danach, eine Beschreibung für das Unbeschreibbare finden zu wollen.
Meiner Meinung nach gelingt dem Film jedoch keine wirklich produktive Tiefe. Viele Erkenntnisse zu entweder zu banal und derart komplex, dass der Film aufhört zu versuchen, das zu erklären.
Vielleicht waren es auch zu viele Worte, die den Film haben stolpern lassen. Weil das genau die Momente unterbricht, in denen die Kamera in schwelgerischen Motiven badet und so Raum zum Fühlen und Erfahren dessen ist, wofür es noch keine richtigen Worte zu geben scheint.
Nicht umsonst haben mich viele Bilder an den Monolithen aus 2001: A SPACE ODYSSEY oder Éric Rohmers LE RAYON VERT mit dem letzten grünen Leuchten der Sonne, bevor sie hinter dem Horizont verschwindet, denken lassen. Aber diese fast schon metaphysische Ebene erreicht TRACING LIGHT nicht. Vermutlich will er das auch noch. Aber wahrscheinlich ist genau das sein Fehler.
Diese sich auch in den Bildern abzeichnenden Kontraste zwischen dieser etwas schrottigen Oase auf der einen und der sozialistisch-realistischen Architektur auf der anderen Seite entfalten eine besonders ab dem Moment eine eindrückliche Wirkung, ab dem Russland Angriffe auf Kyjiw flog. Denn es ist ironischerweise Putins Angriff, der hier anscheinend wieder etwas mehr Einigkeit schafft.
Der Film ist aber auch Charakterstudie eines Menschen, einer Frau, die die Sowjetunion, deren Fall und die nachfolgende Zeit im ehemaligen sowjetischen Satellitenstaat Ukraine erlebt hat. Einer Frau, die sinnbildlich für Generationen steht, die Staat und Autoritäten über weite Strecken ihres Lebens nie trauen konnten. Das hat etwas nachhaltig zerstört – oder eben gar nicht erst gedeihen lassen.
So ist die Protagonistin – nicht im umgangssprachlich abwertenden, sondern im wertfreien Wortsinne – asozial. Sie glaubt, als einzige alles besser zu wissen – nicht, weil sie überheblich ist, sondern weil sie es Jahrzehntelang für sich besser wissen musste, um ihr Leben zu bestreiten.
Nur ist diese Erkenntnis nicht sonderlich neu und ich bin mir nicht sicher, was mir dieser Film sonst noch anbietet. Ich bin mir nicht mal sicher, wie authentisch die Szenerie wirklich ist. Denn die Kamera ist so nah dran, dass sich die Protagonistin mehrmals offensichtlich selbst überinszeniert. Selbstinszenierung lässt sich mit einer Kamera in der Nähe natürlich nie gänzlich überwinden. Aber hier hätte etwas mehr Distanz gutgetan, glaube ich.
Es ist schon interessant und zu einem gewissen Grad auch faszinierend, nicht nur von außen auf eine solche kultartige Gemeinschaft blicken, sondern mittendrin sein und die vielen Geschichten so vieler auf unterschiedliche Art und Weise gebrochener Leben und/oder Biografien erfahren zu können. Nur zu neuen Erkenntnissen hat das bei mir irgendwie nicht geführt. Zu ähnlich sind sich dann doch die Strukturen dieses Kults und denen eines jeden anderen.
Was nur am Rande Erwähnung findet, ist die Tatsache, dass es nach der Implosion der Sowjetunion offenbar eine regelrechte Welle an Jesus imitierenden Gurus gab, die sich in Siedlungen fernab der Zivilisation zur gottgleichen Gestalt erhoben. Aber dieses Phänomen lässt sich nicht entlang der intimen Langzeitbeobachtung einer Gemeinschaft erzählen. Und die Gemeinschaft, diese Menschen lassen sich mit dieser Nähe nicht erzählen, wenn erst ein abstraktes und damit distanziertes Religionssoziologie-Seminar abgehalten werden muss, um diese kultartigen Strukturen aufzudröseln.
Es ist also brutal schwer, hier eine Balance zu finden. Ich bin mir noch nicht sicher, ob das SONNENSTADT gelingt. Dass es trotzdem ein bemerkenswert empathischer Dokumentarfilm geworden ist, der seine Protagonist*innen nicht einmal verurteilt, steht jedoch zu keiner Sekunde zur Debatte.
Schöne Idee, dieser wiederaufgetauchten Fotos mit diesen träumerisch animierten und elegant gemalten Animationen in einen neuen, persönlichen Kontext zu setzen. Gleichzeitig wird die erzählerische Kraft von Fotografien dekonstruiert und eine neue Szenerie erdacht, die sich kurz vor oder nach dem Auslöser hätte zutragen können. Oder eben auch nicht. Es ist das verflüchtigende Moment der Bilder, das hier gleichzeitig so viel Trauer und so viel Hoffnung schürt.
Hat mich erstaunlicherweise nur halb abgeholt. Mir hat hier irgendwie eine klare Handschrift und/oder eine noch größere Ambition gefehlt. Denn von Stil über Ästhetik bis hin zu einzelnen Protagonist*innen war das unglaublich nah an dem, was etwa Paulita Pappel seit unzähligen Jahren macht. Von daher war ich ein bisschen enttäuscht, weil mir TRUTH OR DARE keine wirklich neuen Impulse gegeben hat. Aber das kann und will ich dem Film nicht ankreiden. Denn was und wie hier Intimität und Sexualität verhandelt wird, ist keineswegs schlecht, sondern richtig und wichtig. Ich glaube, ich bin einfach nicht das richtige Publikum gewesen.
Schön, dass Anna Friedrich so nah an ihre Protagonist*innen ran kommte. Nur ist diese Nähe praktisch ausschließlich räumlicher Natur. Wir erfahren nichts zur Motivation dieser Menschen, haben keine Ahnung, was sie antreibt und wo sie hinwollen. Dieser Dokumentarfilm ist leider der Inbegriff von Oberfläche und zu schüchtern, den Finger auch mal in Wunden zu legen. Denn sind manche dieser Lebensentwürfe nicht nur durch das Profitieren von einem System, aus dem eigentlich ausgestiegen werden soll, möglich? Etwas mehr journalistische Konfrontation hätte dem Film gut getan. Aber so zerfasert alles und lässt sich am Ende nicht mehr elegant zusammenbinden.
In den ersten Momenten des Films sagt uns der Erzähler, durch dessen Linse wir das Geschehen betrachten, dass die Kamera nie lügt. Es ist ein Festklammern an vermeintlichen Grundfesten im Strudel der Stadt, die ihre Menschen frisst. Der Suzhou-Fluss teilt die Stadt und Realität, ist Zeichen des Anfangs und des Endes, eine Grenze zwischen Zukunft und Vergangenheit, Resignation und Hoffnung, Gut und Böse. Der Fluss selbst ist ein Ort, an dem alles gleichzeitig ist und nicht ist. Der Fluss als Ereignishorizont. Good Kid(s), M.A.A.D City. Und was die Kamera nicht zustande bringt, das vermögen die Menschen. Sie lügen, inszenieren, verrücken, manipulieren und verschweigen. Aber sie lieben, hoffen und träumen auch.
★★★★☆
CN/DE, R: Lou Ye, D: Zhou Xun, Jia Hongsheng, Nai An, Yao Anlian, Trailer, Wikipedia
„Heute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag, habe ich mir einfach mal überlegt, welche Möglichkeiten und Privilegien Männer haben, die ich für uns auch gern hätte“, schreibt Jasmin Schreiber. Man(n) liest und scrollt sehr lange.
Privilegien, die ich als Frau auch gern hätte — JASMIN SCHREIBERHeute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag,
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