Filmisch erzählt wurde schon viel und ausführlich über die Nähe und strukturellen wie ideologischen Übereinstimmungen von katholischer Kirche und (italienischem) Faschismus. Doch hier gibt es eine Szene, die damit einen frischen Umgang findet.
Die Internatsmädchen müssen sich geordnet Aufstellen, um die neuste italienische Weltkriegspropaganda im Radio mit anzuhören. Als die offenbar linientreue Nonne den Raum verlässt, tritt eines der Mädchen aus der Reihe. Sie hat ein Auge auf ein neben dem Gerät liegendes besticktes Herzornament geworfen. Beim Aufheben hält sie sich am Radio fest. Dabei wird plötzlich der Empfang verrückt und wechselt von Propaganda zu Musik – und alle Mädchen beginnen, ausgelassen zu tanzen.
Doch dann kehrt die Nonne zurück, das Mädchen lässt das Herz fallen und aus dem Radio tönt wieder Propaganda. Denn Faschismus hat kein Herz, nur Hass. Hass wird erlernt, ein Herz muss erst vergessen werden.
🇮🇹/🇬🇧, R: Alice Rohrwacher, D: Alba Rohrwacher, Greta Zuccheri Montanari, Carmen Pommella, Lady Maru, Valeria Bruni Tedeschi, Melissa Falasconi, Febe Sapia, Francesca Uccelli, Mila Buganè, Maria Renata Corelli, Olivia Ascari, Alma Palmas, Luciano Vergaro, Tatiana Lepore, Carlo Tarmati, Trailer, Wikipedia
Sicherlich eine ganz nette und wohlwollende Idee, bei der ich jedoch nicht den Eindruck hatte, dass JRs Stencil-Kunst hier wirklich etwas Interessantes hinzufügen kann.
Eine tatsächliche Auseinandersetzung mit dem Wandel der Landwirtschaft ist in zehn Minuten Kurzfilm natürlich nicht möglich und das erwarte ich auch nicht.
Nur eine metaphorische Annäherung an diese komplexen Umwälzungsprozesse ergibt Sinn. Das gelingt hier jedoch mehr schlecht als recht.
Nach meinem Dafürhalten hat die Sequenz mehr etwas von nostalgisch verklärtem Suhlen in der Vergangenheit als von einem Versuch, dem (vergangenen) Leben der Landwirt*innen zu huldigen.
🇮🇹, R: Alice Rohrwacher, JR, D: Iris Pulvano, Luciano Vergaro, Dario Sforza, Emanuele La Barbera, Elisa Cortese
Der Kurzfilm steht kostenlos auf JRs Youtube-Channel:
Jeremy Strong und Sebastian Stan // (c) DCM Film Distribution
CN Vergewaltigung
Ich sehe zwei Möglichkeiten, was in und mit diesem Film passiert ist.
Der Film scheitert komplett dabei, sich Figur und Charakter Donald Trump irgendwie zu nähern und etwas Greifbares herauszuschälen.
Der Film ist durch seine Konsequenz gut darin, uns eine willenlose Marionette zu präsentieren, die von den immer gleichen Worten getrieben wird, die in deren leeren Kopf einem ewigen Echo gleich immer und immer widerhallen.
Einer der wenigen gefühlt authentischen Momente des Films ist der, in dem Donald Trump seine erste Frau Ivana vergewaltigt. Natürlich geht diese Szene aufgrund dessen, was hier Ivana Trump widerfährt, an die Nieren. Aber eben auch aufgrund der Tatsache, dass wir in dieser Szene einen der wenigen Momente erfahren, in denen Trump aus eigener Überzeugung handelt. Auch deshalb kommt diese Szene so unerwartet und mit derart ungemeiner Wucht.
Erstaunlich wenig affektiert fand ich diese über dem gesamten Film liegende DV-Tape-Optik, der so etwas Hemdsärmelig-billiges innewohnt und damit extrem nah an der Ästhetik von Donald Trumps Lebenswelt mit den lächerlichen Gemälden, der absurden Menge an Marmor und dem völlig blödsinnigen Drang, alles mit Gold zu überziehen, ist.
Extrem ermüdend empfand ich dann wieder die unzähligen Trumpismen, die im Film verbaut sind. Allerspätestens seit Trumps erstem Präsidentschaftswahlkampf weiß die ganze Welt, dass er nicht nur nicht sonderlich eloquent ist, sondern auch einen extrem begrenzten Wortschatz zu haben scheint. Und aus dieser (sehr kleinen) Schatzkiste bedient sich der Film immer und immer wieder, sodass es sich für mich oft nur noch nach einem „Kennste, kennste, kennste?!" im Mario Bartschen Sinne angefühlt hat. Das ist billige Effekthascherei und trägt praktisch nie dazu bei, sich dieser Figur wirklich zu nähern.
★★½☆☆
🇺🇸, R: Ali Abbasi, D: Sebastian Stan, Jeremy Strong, Maria Bakalova, Martin Donovan, Catherine McNally, Charlie Carrick, Patch Darragh, Trailer, Wikipedia
Joan Chen und und Izaac Wang // (c) Universal Pictures International Germany
Skatepunk und der stoisch in sich gekehrte und oft auch gefangene Izaac Wang haben mich gepackt. Das hat mich letztlich auch über die sehr konventionell durcherzählte Geschichte, bei der wirklich selten mehr als Dienst nach den Vorschriften eines vermeintlich an seine strukturellen und ästhetischen Grenzen stoßenden Genres verrichtet wird. Sean Wang macht das tatsächlich sehr gut, aber eben nicht sonderlich mutig, ohne jegliches Wagnis.
Die einzige Chance, von den bereits ausgetretenen Pfaden abzuweichen, scheint die Rolle des Internets im Leben des Protagonisten. „One of the best, most seamless films I've seen on the experience of growing up online", schreibt Adrian Horton in ihrer Kritik für den Guardian. Der Verleih ist sich dieses Urteils so sicher, dass das Zitat auch den Filmtrailer schmückt. Doch zu sehen – und viel wichtiger: zu spüren – ist davon im Film nur wenig. Myspace, das alte Youtube-Interface, das frühe Facebook und der furchtbare AOL Instant Messenger – all das ist in der hier zu sehenden Form lediglich Zeitkolorit und erzählt nur extrem selten etwas über das Leben dieser Jugendlichen.
Vielleicht bin ich auch einfach von Jane Schoenbruns Filmen verwöhnt, die das Netz als Lebensraum und als möglichen erweiterten Teil des eigenen Bewusstseins begreift. Dass man in DÌDI auf Youtube Kusstutorials findet und diese auch vom jugendlichen Protagonisten genutzt werden, ist das inszenatorische Äquivalent zum Blick in die gedruckte Ausgabe des Brockhaus.
Der eigentliche Star dieses Films ist jedoch die von Joan Chen gespielte Mutter des Protagonisten, die einfach hinreißend spielt und viele – kleine wie große – herzliche und herzzerreißende Momente schafft. Wie sie ihren Sohn trotz – oder wegen – allem einfach nur voller Liebe anschauen kann. Wie sie von ihrem Sohn gefragt wird, ob sie sich für ihn schäme und sie in ihrer in chinesisch formulierten Antwort auf das englische „ashamed" zurückgreifen muss – als ob sie in der Sprache ihres Herzens gar keine Vokabel für „schämen" und schon gar nicht im Kontext der Beziehung zu ihrem Sohn hat. Wie kann einem da nicht das Herz aufgehen?
★★★½☆
🇺🇸, R: Sean Wang, D: Izaac Wang, Joan Chen, Shirley Chen, Chang Li Hua, Mahaela Park, Raul Dial, Aaron Chang, Chiron Cillia Denk, Sunil Mukherjee Maurillo, Montay Boseman, Trailer, Wikipedia
Formal hat mich das einfach nicht gepackt. Es scheint, als ob Dominik Graf und Felix von Boehm versuchen, sich Ken Burns zu nähern, aber nur Powerpoint unter Windows 95 schaffen. Zu unfilmisch, statisch, zu ungelenk, zu spröde ist das alles und schiebt sich deshalb leider zu oft störend vor den Inhalt.
Davon abgesehen gelingen Graf und Boehm zusammen mit Anatol Regnier auf Basis dessen Buchs eine immens aufwendige Aufdröselung der deutschen Literaturgeschichte, deren Verflechtungen mit dem Naziregime und der ewigen Frage nach der Trennung von Werk und Autor*in.
Irgendwann während des Films habe ich mir notiert: „Der Autor lässt sich vom Werk trennen, aber nicht das Werk vom Autor." Damit versuche ich auszudrücken: Es gibt vor dem Dritten Reich geschaffene, große und als solche zu bewertende Literatur, deren Schöpfer*innen überzeugte Nazis wurden. Aber nach dem Fall des dritten Reichs veröffentliche Werke, verfasst von zuvor offenbar linientreuen Autor*innen, werden diesen (Schand-)Fleck auf und zwischen ihren Zeilen niemals loswerden.
Dass in der Geschichte dann plötzlich in Schriftform ausgerechnet die spätere RAF-Terroristin Gudrun Ensslin auftaucht und dabei erstaunlich warme Worte für den nazinahen Autoren und sozusagen ihren zeitweisen Schwiegervater Will Vesper findet, war ein irres Detail. Wikipedia: „Im Zuge dessen bezeichnete sie den für seine dem Nationalsozialismus nahen Werke und Hitler-Oden berüchtigten Will Vesper unter anderem als ‚liebenswertesten, unterhaltendsten und geistreichsten Dichter, den Deutschland in diesem Jahrhundert besessen hat'."
Ruben Östlunds THE SQUARE meets Richard Linklaters HIT MAN und damit ein ganz okayer Film. Wo PFAU hingegen wirklich glänzt, ist, wenn man ihn mit dem richtigen Publikum schaut. Denn dem hält der Film durchaus den Spiegel vor.
Bei mir im Kino war das so: Viele große Lacher bekamen im Kern tieftraurige Momente. Protagonist Matthias ist ein Mensch, der an dem zugrunde geht, was alle anderen auf ihn projizieren wollen. Jemand, der an abstrusen Erwartungshaltungen in die Brüche geht. Er ist kein kümmerlicher Mensch ohne Seele, er ist ein Mensch mit verkümmerter Seele, die andere rücksichtslos herabgestutzt haben.
Ebenfalls mit großen Lachern bedacht wurden Menschen, die unterm Strich einfach ihr Ding machen – ob das nun Nacktqigong ist oder seinen mit Ölfarbe übergossenen Körper mit Chorbegleitung auf einer Bühne an eine Leinwand zu schmeißen.
Diese Momente habe keine Pointe. Sie zwingen das Publikum aber – so jedenfalls meine Unterstellung – in Verlegenheitsgelächter. Diese Momente, so albern sie auch wirken mögen, provozieren Gelächter als Bewältigungsmechanismus – die Bewältigung des Umstands, dass die eigene Welt so klein ist, dass bereits Nacktqigong schon fast hinter der Grenze des Vorstellbaren liegt.
★★★½☆
🇦🇹/🇩🇪, R: Bernhard Wenger, D: Albrecht Schuch, Julia Franz Richter, Anton Noori, Theresa Frostad Eggesbø, Salka Weber, Maria Hofstätter, Branko Samarovski, Trailer, Wikipedia
Youtube hat mir einen Channel vorgesetzt, auf dem jemand unter anderem über Filme spricht und Formel-1-Rennen recappt – im ASMR-Stil. Und ich weiß ja auch nicht 🤷♂️
Calm Skateboard ASMRThis channel is for ASMR purposes, featuring videos that contain whsipering, and soft speaking, designed to help people relax, and sleep. ASMR (Autonomous
Aktuell (noch) vor der Paywall: Ronen Steinke von der Süddeutschen Zeitung spricht im Podcast mit Christina Clemm. Clemm berät aktuell Collien Fernandes, aber der ist nur mittelbar Thema der Folge, die sich in allererster Linie um das System dreht, in dem Fälle wie eben jener (immer wieder) passieren.
Christina Clemm
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