Christian Petzold inszeniert eine in tausend Teilen zersprungene Vase und die Frage, wie die wieder zusammenzusetzen ist.
Foto: Schramm Film, Piffl Medien
Ein ganzer Film als Summe unendlich vieler Echos einer unwiederbringlichen Vergangenheit, in der scheinbar nur Schmerz begraben liegt. Dieser Schmerz, dieser damit zusammenhängende Verlust bricht sich Bahn in vielen, kleinen unscheinbaren Momenten – durch das Knarzen der Holzdielen an dieser einen bestimmten Stelle, durch die zufällige Berührung, wenn man sich beim Aufräumen der Küche aneinander vorbeidrückt, durch ein abgewetztes T-Shirt und diese verstimmte Saite des Klaviers.
Christian Petzold weiß, wie er das auf den Punkt genau inszeniert. Er watet nicht im Trauma umher, er wehrt sich gegen jegliche Rührseligkeit und legt eine ganz wesentliche emotionale Ebene frei – völlig in sich selbst und damit in absoluter Sicherheit ruhend; eingefangen in unglaublich warmen Bildern, die sich wie eine tröstende Umarmung um die Figuren schmiegen.
Sehr klug und feinsinnig beobachtet ist hier außerdem, wie und warum es für Heilung unabdingbar ist, durch den Schmerz zu gehen. Mir erschien vor dem inneren Auge das Bild einer in tausend Teile zersprungenen Vase, die man in mühsamster Bastelarbeit wieder zusammenklebt, nur um dann das eine wichtige Stück nicht mehr zu finden und es mit einem billigen Stück Plastik zu ersetzen.
Die Vase sieht nicht mehr wie zuvor aus und wird es auch nie wieder tun. Des Pudels Kern ist das Ringen um und mit dieser Erkenntnis.
★★★★½
🇩🇪, R: Christian Petzold, D: Paula Beer, Barbara Auer, Matthias Brandt, Enno Trebs, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Piffl Medien
William Friedkin irritiert und provoziert klug durch seine Kameraführung. Nur Emile Hirsch und Thomas Haden Church hätten vorher noch mal einen Schauspielkurs besuchen sollen.
Foto: WVG Medien
Am Anfang war ich super irritiert davon, wie teilweise genüsslich und in durchgehend „unpassenden" Momenten die Kamera Juno Temples Figur sexualisiert wird. Doch dann beginnt der Film relativ schnell damit, mit offenen Karten zu spielen. Teil dessen ist auch der Male Gaze, in dessen Falle der Film nie tappt, sondern ihn stattdessen umfunktioniert und als bewusste Irritation positioniert.
KILLER JOE ist ein Film über Männer, die Frauen ausschließlich als Objekte, die man besitzen kann, betrachten. Es ist jedoch nicht nur die wortwörtliche Hand des Mannes, die hier die Gewalt über Frauen hat. Es sind auch Blicke, die selbst übergriffig und besitzergreifend sein können. Genau die Perspektive dieser Blicke wird uns als Publikum durch die Kamera aufgezwungen. Das irritiert, das provoziert und macht es unmöglich, sich nicht auch mit seiner eigenen Rolle auseinanderzusetzen.
Gänzlich fehl am Platz sind hier Emile Hirsch und Thomas Haden Church, die völlig steif durch ihre Dialoge stolpern und wie im Schultheater offensichtlich mehr damit beschäftigt sind, auf ihr Stichwort zu warten, als sich auf den jeweiligen Moment einzulassen.
★★★☆☆
🇺🇸, R: William Friedkin, D: Matthew McConaughey, Emile Hirsch, Juno Temple, Thomas Haden Church, Gina Gershon, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: WVG Medien
Ein Film, dessen Form bereits als Widerstand gegen sich das im Hintergrund abspielende Unheil zu begreifen ist.
Foto: Filmwelt Verleihagentur
Eigentlich ein Film, der sich komplett im Hintergrund entfaltet – nicht verdeckt, aber verschleiert als symbolhafte Inszenierung eines individuellen Schicksals. Schon in seiner Form wird der Film damit zum Bollwerk gegen das, was sich im Hintergrund abspielt: die Entmündigung und Verdrängung des Individuums, um Platz für eine unmündige und deshalb handlungsunfähige Masse zu schaffen.
Der Film beschreibt vor der Kulisse der bevorstehenden Olympischen Sommerspiele in Peking 2008 im übertragenen Sinne, wie in China Gesellschaftsumbau vollzogen wird: zentral und aus der Ferne angeordnet, transportiert durch Fernsehen, Radio und Lautsprecherdurchsagen. (Vor-)Freude ist etwas, das angeordnet wird und nicht organisch entsteht.
Wer das Individuum bereits erfolgreich abgeschafft hat, braucht seine Botschaften nicht mal mehr mit Gewalt in die Köpfe der Menschen zu prügeln. Denn diese Drecksarbeit erledigen sie dann schon selbst – manchmal wortwörtlich.
★★★½☆
🇨🇳, R: Guan Hu, D: Eddie Peng Yu-Yan, Tong Liya, Jia Zhangke, Zhou You, Hu Xiaoguang, Wang Yiquan, Niu Ben, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Filmwelt Verleihagentur
Hier geht es nicht nur darum, Pina Bausch ein titanisches Monument zu schaffen.
Foto: Warner Bros Home Entertainment
Die Momente, die hier klar in 3D gedacht wurden, springen einem regelrecht ins Gesicht und man kann erahnen, was diesem Film ohne diesen Effekt alles abgeht. Trotzdem gelingen Wim Wenders hier Einstellungen, die auch ohne dieses bildtechnische Feature gelingen, weil sie extrem gut die Dreidimensionalität von Tanz mit einer zweidimensionalen Rezeption verschränken.
Vor allem die Momente kollektiver Ekstase kommen da besonders gut zur Geltung. Denn sie schaffen es, die Ekstase nicht nur als auf das Publikum überschwappendes Gefühl zu beschreiben, sondern eben auch als kollektive Erfahrungen, die die Tänzer*innen auf der Bühne machen.
Ich finde es immer nicht so leicht, in mir vergleichsweise fremden Kunstformen die – in diesem Fall – Tänzer*innen mehr als nur als Pinsel, als Werkzeug – in diesem Fall von Pina Bausch – zu betrachten. Denn auch sie schaffen durch ihre Interpretation der choreografischen Vorgaben selbst ein eigenes Kunstwerk, das natürlich für sich stehen kann und auch darf. Auch dem zollt Wenders Respekt und lässt sich eigentlich kaum – ob nun bewusst oder nicht – darauf ein, nur Pina Bausch ein titanisches Monument zu schaffen.
Aufgeblasen, übermäßig deskriptiv und doch einen interessanten Take zu Filmen wie „Candyman" (1992) an die Oberfläche befördernd.
Foto: Severin Films, NSM Records
Wir haben alle alles sagen lassen und auch alle dabei gefilmt, also kommt es auch in unseren Film – so repetitiv und mitunter belanglos es auch sein mag. So jedenfalls haben sich diese 193(!) Minuten für mich angefühlt. Das ist natürlich übertrieben, aber hier sind trotzdem nicht genug Darlings über die Klinge gesprungen.
Mindestens die Hälfte des Films ist mit „Und dann" beschäftigt, vergisst dabei aber das „Und deshalb" weitestgehend. Es wird beschrieben, dass etwas passiert ist, aber meist nicht, warum etwas passiert ist. Erst, als die Motive in der Filmgeschichte klarer und offensichtlicher werden und sich damit leichter in Bezug zum Weltgeschehen setzen lassen, kommt auch der Film mit seinen Talking Heads mehr ins Erklären und weg vom Beschreiben.
Ein sonderlich hohes Niveau erreicht er dabei jedoch leider nicht. Vielmehr wird sich auf viele Gemeinplätze zurückgezogen und in der Betrachtung auf die simpelste Symbolik beschränkt. Wirklich spannend wurde es für mich nur, als die strukturelle Nähe zum Folk-Horror von Filmen wie CANDYMAN (1992) beschrieben wurde, weil das tatsächlich perspektiverweiternd war.
Ansonsten ist die Perspektive des Films doch arg verengt. Denn die meisten der Talking-Heads sind weiß, viele männlich – und es fühlt sich einfach total paternalistisch an, von denen die Bezüge zur Rolle der Frau oder zu rassistischen Strukturen erklärt zu bekommen. Ich will gar nicht deren Expertise in Abrede stellen. Aber damit decken sie eben nur einen Teil des Perspektivspektrums ab.
Der Horror liegt hier nicht in einer fernen Dystopie begründet, sondern darin, dass dieser Weltzustand nur einen Lidschlag entfernt scheint.
Foto: Splendid Film
Aude Léa Rapin legt den Finger präzise in die zahlreichen offenen Wunden unserer Zeit, indem sie ausgewählte Aspekte, Phänomene und Entwicklungen gerade so weit weiterdenkt, dass sie zu jeder Zeit immer noch in Griffweite scheinen. Der Horror liegt hier nicht in einer fernen Dystopie begründet, sondern darin, dass dieser Weltzustand nur einen Lidschlag entfernt scheint.
In dieser Welt gehen Plattform- und Überwachungskapitalismus Hand in Hand mit politischer Repression. Das Schaffen von rechtsfreien und außergerichtlichen Räumen, in denen Schattenbehörden frei von Regulierung und öffentlicher Kontrolle agieren, ist natürlich längst keine ferne Zukunftsmusik mehr. Allerspätestens in der Folge des 11. Septembers 2001 mit Bezug zu den Gefangenenlagern als Teil des US-Militärstützpunktes Guantanamo Bay scheint sich sogar ein gewisser Gewöhnungseffekt eingesetzt zu haben. Heute lechzen die Innenministerien ob der undurchsichtigen Versprechen von Fascho-Thiels Palantir.
Aude Léa Rapin verknüpft ihren Film eng mit der Klimakrise und der politischen Weigerung, ihr überhaupt das bare minumum entgegen zu setzen. Die Proteste dagegen werden politisch wie von einem radikalisierten Teil der Gesellschaft delegitimiert und instrumentalisiert, um Repression zu rechtfertigen und Korruption zu verstetigen. Dass längst jegliche Verhältnismäßigkeit abhanden gekommen scheint, zeigt etwa, dass auch bei uns offen über eine „Klima-RAF" fantasiert wird und der mediale Diskurs darum so gestrickt ist, als ob das ein in der Realität verankertes Argument wäre.
Der Film spielt sich jedoch, genau wie meine Gedanken hier, viel zu sehr auf eben dieser Abstraktionsebene ab. Filmisch präsentiert, erzählt und erklärt bekommen wir kaum einen Teil dieser Welt. Anderthalb Texttafeln zu Beginn reichen jedoch nicht wirklich, um eine kohärente, vielschichtige und dadurch umfassend glaubhafte Welt zu konstruieren. Der Film ruht sich zu sehr auf seinen theoretischen Überlegungen auf Drehbuchebene aus, so produktiv auch immer die sein können.
★★★☆☆
🇧🇪/🇫🇷, R: Aude Léa Rapin, D: Adèle Exarchopoulos, Souheila Yacoub, Eliane Umuhire, India Hair, Paul Beaurepaire, Jonathan Couzinié, Théo Cholbi, Amine Hamidou, Léo Chalié, Grace Seri, Marc Barbé, Thierry Hancisse, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Splendid Film
Youtube hat mir einen Channel vorgesetzt, auf dem jemand unter anderem über Filme spricht und Formel-1-Rennen recappt – im ASMR-Stil. Und ich weiß ja auch nicht 🤷♂️
Calm Skateboard ASMRThis channel is for ASMR purposes, featuring videos that contain whsipering, and soft speaking, designed to help people relax, and sleep. ASMR (Autonomous
Aktuell (noch) vor der Paywall: Ronen Steinke von der Süddeutschen Zeitung spricht im Podcast mit Christina Clemm. Clemm berät aktuell Collien Fernandes, aber der ist nur mittelbar Thema der Folge, die sich in allererster Linie um das System dreht, in dem Fälle wie eben jener (immer wieder) passieren.
Christina Clemm
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