Ein verstörender wie hypnotisierender Film, der inmitten einer Raumanordnung à la M. C. Escher einen regelrecht kafkaesken Horror heraufbeschwört.
Foto: Zespół Filmowy Wektor
Es ist total hypnotisierend, wie verschachtelt dieser Film auf allen Ebenen konstruiert ist. Alles ist grau in grau, Menschen werden eins mit dem Hintergrund, der Hintergrund eins mit den Menschen, die durch verschachtelte Raumanordnungen, Hinterhöfe, Keller und Treppenhäuser irgendwo in der Nähe von M. C. Escher taumeln.
Das Problem ist nicht, dass es keine Grenzen mehr gibt, mit denen sich Figuren und Geschehen voneinander trennen lassen. Das Problem ist, dass es viel zu viele Grenzen gibt, weil alles einfach nur noch ein unüberblickbarer Scherbenhaufen ist, alles innerhalb der Spiegelung einer eigenen Scheibe und dennoch als Teil einer Gesamthölle passiert. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verbindet keine Chronologie mehr, weil alles überall und nirgendwo gleichzeitig geschieht.
Andrzej Żuławski setzt uns ein Paradox nach dem anderen vor und strickt daraus einen regelrecht kafkaesken Horror, der die Menschen Stück für Stück verschlingt – hier auch ein Stück weit wortwörtlich zu verstehen.
★★★★☆
🇵🇱, R: Andrzej Żuławski, D: Małgorzata Braunek, Leszek Teleszyński, Michał Grudziński, Jan Nowicki, Marek Walczewski, Jerzy Goliński, Anna Milewska, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Zespół Filmowy Wektor
Edward Yang verhandelt radikale Umbrüche nicht nur durch seine Figuren, sondern auch in der Form seines Films.
Foto: Atom Films
„Ich mag meine Bücher und die deine Fernsehsendung" – darum dreht sich ein Streit zwischen zwei der Figuren von Edward Yang. Vielleicht lassen sich Menschen wirklich klar in diese beiden, scheinbar unvereinbaren Kategorien einordnen. Vielleicht sind es diese beiden Kategorien, die diesen Moment in Taipeh in dieser Zeit so treffend wie nur wenig andere Bilder beschreiben.
Wirtschaftsboom, Demokratisierung, zunehmende Adoption als westlich wahrgenommener Werte. Tradition trifft auf Moderne, Konservatismus auf freiheitlicheres Denken, vermeintlich bewussteres Leben auf radikalen Konsum im Turbokapitalismus. Edward Yang zeigt unter dem Brennglas eine Stadt, in der bisherige Denkkategorien nicht mehr funktionieren, bisherige Wege plötzlich nicht mehr zum Ziel führen und in der sich der Mensch neu sortieren und einordnen muss.
Das sind Gabelungen, an denen sich besonders beim rasanten Tempo dieser Entwicklungen im Taipeh der 1990er Jahre gefühlt erst mal keine Mittelwege bauen lassen. Es bleibt nur die Hoffnung, dass die aufgegabelten Wege irgendwann wieder zusammenkommen.
Es muss unglaublich kräftezehrend gewesen sein, sich innerhalb dieses brutalen Malstroms des grundlegenden Wandels seiner eigenen Werte und Überzeugungen zu vergewissern, für sie und damit sich selbst einzustehen und dabei auch Familie, Freund*innenschaften und Liebesbeziehungen infragezustellen.
Besonders Edward Yangs Blick auf die Kunst innerhalb dieses Malstroms lässt sich hervorragend im Kontext von Walter Benjamins Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit betrachten. Das Filmschaffen, eine traditionell langsame Ausdrucksform, steht nun plötzlich einem immer billiger und immer schneller produzierbaren Fernsehen gegenüber.
Ich finde, dass Yang besonders dieses Spannungsfeld auch bildästhetisch in seinem Film verhandelt. Denn der schwankt immer wieder zwischen einer zurückhaltenden, intimeren Bildsprache und einer irritierend klaren, digitalen, künstlichen und fast schon billigen Seifenopernoptik. Er lässt die Umwälzungen dieser Zeit also nicht nur von seinen Figuren verhandeln. Yang begibt sich auch durch die immer wieder Widersprüche produzierende Form seines Films in den Konflikt.
★★★★☆
🇹🇼, R: Edward Yang, D: Chen Shiang-chyi, Yiwen Chen, Danny Dun, Hung Hung, Elaine Jin, Chen Sisi, Richie Li, Suk Kwan Ni, Bosen Wang, Weiming Wang, Yeming Wang, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Atom Films
In einer Welt, in der Nihilismus die einzige Option scheint, ist das Vertrauen in Chaos der einzige Ausweg.
Foto: Atom Films
Ein wahnsinnig deprimierender Film, der eine Welt zeichnet, in der der einzig sinnvolle Bewältigungsmechanismus Nihilismus zu sein scheint, weil es keine substanzielle Perspektive gibt. Ohne Perspektive keine Hoffnung. Ohne Hoffnung nichts, wonach sich streben lässt. Wofür also überhaupt noch nach fremden Regeln leben? Oder überhaupt leben?
Es ist diese Welt, die die in ihr lebenden Menschen zu Händler*innen reduziert. Hier existieren keine Familien, keine Freund*innenschaften, keine Liebesbeziehungen mehr, sondern nur noch Handelsbeziehungen, bei denen es ausschließlich darum geht, möglichst viel für sich selbst herauszuschlagen und im Optimalfall das Gegenüber dabei noch möglichst hart über den Tisch zu ziehen.
Diese Menschen sind gefangen in einem Zustand der ewigen Vorhölle, aus der es kein Entkommen mehr zu geben scheint. Denn wer in diesem Umfeld festsitzt und merkt, wie die eigene Menschlichkeit mit jeder Handlung ein Stück weiter entfleucht, der weiß, dass es den anderen auch so geht.
Dort kann es kein Vertrauen mehr geben. Wo es kein Vertrauen mehr gibt, kann es auch keine Liebe geben.
Edward Yang lässt seine Geschichte trotzdem nicht vollends von der Finsternis schlucken. Aber er scheint dennoch nie wirklich von Hoffnung, sondern einem nihilistischen Vertrauen auf das Chaos des Universums zu vertrauen. Glückliche Fügung scheint ihm fremd, Zufall eine fast schon zu optimistische Beschreibung.
★★★★☆
🇹🇼, R: Edward Yang, D: Tang Tsung-sheng, Chang Chen, Lawrence Ko, Virginie Ledoyen, Wu Nien-jen, Elaine Jin, Carrie Ng, Chang Kuo-chu, Nick Erickson, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Atom Films
Paul Thomas Anderson hat erneut eine große amerikanische Geschichte eingefangen. Ungewohnt ist, dass diese Geschichte noch kein Ende kennt.
Foto: Warner Bros. Entertainment
Diese teilweise uramerikanischen Motive von den Muscle-Cars auf den unendlichen, pfeilgeraden Highways durch karge Wüstenlandschaften unter der sengenden Sonne, von den in der Enge des Canyons aufeinandertreffenden wortkargen Revolverhelden mit den politischen Gegebenheiten unserer Zeit aufzuladen und das in Vistavision mit haufenweise eleganten wie verführerischen Tracking-Shots zusammenzubinden, geht einfach total gut auf.
Die Satire mag sehr laut sein, aber das verkommt nie gänzlich zum Selbstzweck, sondern bietet gleichermaßen ein gutes Fahrwasser für filigranere Konstruktionen, über die wiederum tatsächliche politische Machtverhältnisse subtiler kommentiert werden.
Ein Beispiel: Haha, die linken Aktivistenspinner wie Leonardo DiCaprios Figur graben Fluchttunnel quer durch den Wald und kommen am Ende wortwörtlich unter einer vergammelten Campingplatztoilette heraus. Dann wesentlich später im Film: Wir sind wieder unter der Erde, dieses Mal aber in einem regelrecht palastartigen Untergrundkomplex der White Supremacists.
Über Anordnungen wie diese wird herausgearbeitet: Hier herrscht keine Waffengleichheit und die von einem „linken Mainstream" lamentierende Gruppe ist ökonomisch um ein unendlich Vielfaches besser gestellt, was wiederum in reellem politischen Einfluss resultiert.
Womit ich immer noch hadere, ist die satirische Ebene des Films, die zwar wie beschrieben durchaus einen Zweck erfüllt, aber nach meinem Dafürhalten auch eine Art Kapitulation vor der Realität ist. Denn irgendwie wird der Vorhang des Humors nie ausreichend zurückgezogen, um einmal die US-amerikanischen Zustände unironisch als das anzuerkennen, was sie sind: eher nicht zum Lachen und für marginalisierte Menschengruppen zunehmend lebensgefährlich. Wahrscheinlich hat mir wirklich das im Halse steckenbleibende Lachen gefehlt. Hier wird mehr durchgelacht – und manchmal eben genau so entrückt, wie man eben lacht, wenn man mit der Welt überfordert ist. Nur weiß ich nicht so recht, ob ich das Paul Thomas Anderson als Stilmittel zugestehen will.
Dass PTA die Sache trotzdem ernst ist, ist auf jeden Fall in der Figurenzeichnung seiner Protagonistin zu erkennen. Denn die ist wie seine eigenen vier Kinder Tochter einer Schwarzen Frau und eines weißen Mannes. Alleine dadurch schwingt jede Menge schmerzliche Überforderung, gleichzeitig aber auch klare und inspirierende Entschlossenheit mit.
Klar gefallen hat mir, wie der Film mit dem routinierten Chaos arbeitet. Wenn das Militär und die bis unter die Zähne bewaffnete Polizei in einen Stadtteil einfällt, dann passiert das mit chirurgischer Präzision. Gleichzeitig entwickelt sich die durch das Eintreffen der Einsatzkräfte aufkommende Unruhe schnell zu einem unübersichtlichen Flächenbrand – in dessen Schatten dann wiederum die streng eingeübten Gegenchoreografien der Zivilgesellschaft anlaufen. Das Chaos ist Routine ist das Chaos ist Routine.
PTA hat erneut eine große amerikanische Geschichte eingefangen. Ungewohnt ist, dass diese Geschichte noch kein Ende kennt.
★★★★☆
🇺🇸, R: Paul Thomas Anderson, D: Leonardi DiCaprio, Chase Infiniti, Sean Penn, Benicio des Toro, Regina Hall, Teyana Taylor, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Warner Bros. Entertainment
Zwanzig Minuten, in denen die Grenzenlosigkeit kindlicher Fantasie mit der Banalität des Ortes Baumhaus zusammenkommen. Für die Kinder ist das ein König:innenreich. Aber zur Wahrheit gehört eben auch, dass das auch nur ein Reich von deren Eltern Gnaden ist. Denn die waren es, die das Baumhaus letztlich zusammengezimmert und abgesichert haben. Die Eltern schaffen ihren Kindern so einen Freiraum innerhalb bewusst abgesteckter Grenzen. Im übertragenen Sinne: Freiheit wird nie frei von Abhängigkeiten sein und kann ohne gegenüberliegende Verbote nicht existieren.
Was dann wiederum die Dokudrama-Ästhetik da verloren hat, weiß ich auch nicht...
Foto: DCM Stories, Road Movies, Wim Wenders
Diese Welt, die sich Anselm Kiefer hier geschaffen hat und in die Wim Wenders zusammen mit uns abtaucht, habt mich sehr viel an THE BRUTALIST und SYNECDOCHE, NEW YORK denken lassen. Denn es ist nicht nur der Umstand, dass Architektur und Kulisse natürlich auch Ergebnis künstlerischen Ausdrucks sein können. Es geht immer auch um den räumlichen Kontext, in dem sie platziert werden, und natürlich auch darum, von wem sie platziert werden.
Anselm Kiefers Stück Land ist voller Bereiche, die sich wie Dimensionstaschen anfühlen – die mitten in unserer Realität plötzlich ganze Universen öffnen und zugänglich machen, in deren Entrücktheit nicht nur Unbehagen, sondern auch grenzenlose Schönheit verankert ist.
Wim Wenders lässt seine Kamera davon in den Bann ziehen und setzt so Anselm Kiefers verschiedene Ausdrucksformen schwelgerisch in Szene.
In fast schon krassem Gegensatz dazu stehen die dramatisch nachgestellten Szenen aus Kiefers jüngeren Jahren, in denen er mal von seinem Sohn Daniel, mal von seinem Großneffen Anton gespielt wird. Diese Momente sind absolute Fremdkörper in einem Film, der letztlich nur bedingt den Künstler als Person, sondern vor allem seine Kunst und sein künstlerisches Schaffen porträtiert. Diese Dokudrama-Ästhetik fällt total aus dem Rahmen und hat etwas ziemlich Albernes an sich.
Youtube hat mir einen Channel vorgesetzt, auf dem jemand unter anderem über Filme spricht und Formel-1-Rennen recappt – im ASMR-Stil. Und ich weiß ja auch nicht 🤷♂️
Calm Skateboard ASMRThis channel is for ASMR purposes, featuring videos that contain whsipering, and soft speaking, designed to help people relax, and sleep. ASMR (Autonomous
Aktuell (noch) vor der Paywall: Ronen Steinke von der Süddeutschen Zeitung spricht im Podcast mit Christina Clemm. Clemm berät aktuell Collien Fernandes, aber der ist nur mittelbar Thema der Folge, die sich in allererster Linie um das System dreht, in dem Fälle wie eben jener (immer wieder) passieren.
Christina Clemm
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