Cronenberg inszeniert eine Transgression, die sich strukturell auf heutige Radikalisierungsprozesse übertragen lässt.
Foto: Walt Disney Leonine
2025 resoniert THE FLY für mich vor allem als Geschichte einer Radikalisierung; als Geschichte eines sich seiner selbst extrem unsicheren Mannes, dessen Wunsch nach Erfüllung, Validierung und Anerkennung – auch beim gegenüberliegenden Geschlecht – immer mehr Besitz von ihm ergreift, erst seinen Geist, dann seinen Körper übernimmt und zerfrisst.
Der Mann schafft eine hermetisch abgeriegelte Echokammer, deren einziger Bewohner er selbst ist. Er verfällt einem falschen Heilsversprechen, das er sich selbst gibt, und der selbstverschuldeten Sunk-Cost-Fallacy.
Der Körper des Mannes wird nicht nur in Teilen zur Fliege, sondern schließlich auch zur Maschine. Das lässt sich als Körperumbau, als transhumanistisch lesen – oder eben als finaler Vollzugsschritt hin zur Einswerdung mit der Maschine, dem System. Das System wiederum ist hier klar maskulinistisch. Daran kann er als Mensch nur zerbrechen.
★★★★☆
🇨🇦/🇺🇸, R: David Cronenberg, D: Jeff Goldblum, Geena Davis, John Getz, Joy Boushel, Leslie Carlson, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Walt Disney Leonine
Wahrheit ist bei Werner Herzog nicht immer gleich Wahrheit.
Foto: Studiocanal
Es ist selbst für Werner Herzogs Verhältnisse extrem skurril, wie er zusammen mit Juliane Koepcke, dem Subjekt dieses Dokumentarfilms, in der Check-in-Halle des Limaer Flughafens steht und mit aller Kraft versucht, eine gemeinsame Erinnerung heraufzubeschwören, zu konstruieren – für einen Moment, der vielleicht nie wirklich so stattgefunden hat, wie es Herzog in dieser Szene beschreibt.
Hier wird viel schneller und viel deutlicher die Methode Werner Herzog offenkundig. Es geht nicht zwangsläufig um die Rekonstruktion tatsächlicher Geschehnisse, sondern um das Nachfühlen der dem Geschehen zugrunde liegenden Wahrheit – mit allen dafür notwendigen Mitteln.
So kann man sich den ganzen Dokumentarfilm über nie ganz sicher sein, ob Juliane Koepcke so kühl, mechanisch, robotisch und distanziert dem Ort ihres Traumas entgegensteht, weil sie sich aus Selbstschutz abkapselt, oder weil es einstudierte Texte aus der Feder Herzogs sind.
JULIANES STURZ IN DEN DSCHUNGEL ist ein Film, der den*die Erzähler*in infrage und die Verhältnisse von uns als Publikum zur Wahrheit zu den Bildern auf die Probe stellt. Und gleichzeitig ist es natürlich immer noch eine irre Geschichte.
Im Vergleich zum vorherigen RABID ein radikaler Kontrast – eben weil es an Radikalität fehlt.
Foto: Quadrant Films, Canadian Film Development Corporation, Michael Leibowitz
Im Vergleich zum vorherigen RABID ist das natürlich ein radikaler Kontrast. Den Bildern geht nicht nur jegliche Drastik ab, sie sind auch noch total konventionell geschliffen. Aber thematisch ist das schon mal ein Vorstoß in eine ähnliche Richtung, die Cronenberg später etwa mit COSMOPOLIS einschlagen sollte: Capitalism Core – hier stilistisch nur mehr ROCKY statt AMERICAN PSYCHO.
Denn auch hier geht es um den Arbeiter, den vermeintlichen Star, dessen einzige Daseinsberechtigung es letztlich ist, Gewinne für andere zu erwirtschaften. Dafür setzen sie ihren Körper und ihr Leben aufs Spiel.
Unternehmerisches Risiko und das des Arbeiters stehen in keinem Verhältnis. Der Unternehmer kann bei sinkenden Gewinnen einfach die Reißleine ziehen und immer noch weich fallen, der Arbeiter steht vor dem Nichts oder sogar dem eigenen Unfalltod.
Die Perversion des Ganzen: Sportlicher Erfolg ist hier – und im übertragenen Sinne auch im Kapitalismus – gleichermaßen wirtschaftlicher Verlust. Es geht nur darum, Sponsorenlogos so lange wie möglich im Blick zu behalten. Wer gewinnt, ist zu schnell und verkürzt das Aufmerksamkeitsfenster für die Produkte der Geldgeber:innen.
Das filmische Gesamtpaket ist nur leider nicht so interessant. Die Zeichnung des Drag-Racing-Milieus ist einigermaßen spröde und mit schnarchigen Stereotypen besetzt. In denen steckt zwar sicherlich auch eine Menge Wahrheit, aber die klischierte Inszenierung übertüncht diese Wahrheit letztlich.
★★½☆☆
🇨🇦, R: David Cronenberg, D: William Smith, Claudia Jennings, John Saxon, Nicholas Campbell, Don Francks, Cedric Smith, Judy Foster, Robert Haley, George Buza, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Quadrant Films, Canadian Film Development Corporation, Michael Leibowitz
Meine Gedanken zum Film gibt's aber dieses Mal nicht in Gänze hier im Blog oder auf Letterboxd, sondern etwas runder geschrieben als „richtige" Kritik drüben bei Kino-Zeit! Hier ein kleiner Ausschnitt:
Nadav Lapid inszeniert zunächst ein regelrechtes Überwältigungskino, das alle Sinne angreift – mit wildem Schnitt, radikalem Soundtrack samt großer Vorliebe für völlig enthemmten Eurodance und zuckenden Lichtern. Er lässt seinen Figuren und uns als Publikum erst mal keine Zeit und keinen Raum zum Denken – und eben auch nicht zum Fühlen. Yes ist somit auch ein Kino des Verdrängens. Damit beschreibt Lapid eine Realitätsflucht, die sich eben aus dieser Verdrängung speist, aber auch aus der absoluten Unfähigkeit, auf das zu reagieren, was am 7. Oktober seinen Lauf nahm – persönlich, gesellschaftlich und politisch.
Es fällt mir schwer, viel mehr als Resignation zu sehen 🤷♂️
Foto: capelight pictures
Irgendwie tue ich mich mit Friedkin echt schwer. THE EXORCIST und SORCERER sind überragende Filme, die einen unvergleichlichen Sog entwickeln. Aber darüber hinaus hat es bisher noch nicht so richtig Klick gemacht.
Ich kann er- und anerkennen, mit welchem großen Stilwillen dieser Film inszeniert ist – mit der pointierten Zusammenstellung des Soundtracks und dieser wirklich enorm dynamisch und spannungsgeladenen Verfolgungsjagd auf dem Highway im Gegenverkehr, bei der die Kamera das Geschehen nicht nur starr aus „sicherer" Entfernung einfängt, sondern sich an die Seite der Figuren begibt. Das packt mich dann auch.
Auch die Verknüpfung mit der konkreten Politik der Zeit durch einen im Hintergrund zu hörenden Ausschnitt einer Rede von Ronald Reagan weckt prinzipiell mein Interesse. Die soziale Kälte dieser Ära frisst sich auch in die Figuren dieses Films, in denen schon bald nicht viel mehr als Zynismus steckt – eben, weil deren Ausblick auf die Zukunft so radikal verengt wird, alles aussichtslos scheint und auch nicht mal mehr der Hauch eines Silberstreifens am Horizont zu erkennen ist.
Wahrscheinlich liegt der ausbleibende Klick daran, dass es mir schwer fällt, darin viel mehr als Resignation zu sehen 🤷♂️
★★★½☆
🇺🇸, R: William Friedkin, D: William Petersen, Willem Dafoe, John Pankow, Debra Feuer, John Turturro, Darlanne Fluegel, Dean Stockwell, Steve James, Robert Downey Sr., Michael Greene, Christopher Allport, Jack Hoar, Valentin de Vargas, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: capelight pictures
David Cronenberg zwingt seine Figuren, und damit uns, hinzuschauen und den Ekel zu ertragen.
Foto: Indeed Film
RABID ist ein Film, der auch viel über unsere Gegenwart erzählt und er macht bereits in einer sehr frühen Szene klar, dass das nicht unbedingt angenehm werden wird: Eine schwerstverletzte und blutüberzogene Frau wird nach einem Unfall als Notfall in eine zufällig in der Nähe stehende Klinik für plastische Chirurgie eingeliefert. Ein anderer Patient beobachtet die Szenerie und beschwert sich dann bei der Schwester am Empfang ob es grauseligen Anblicks, ob man die Verletzte nicht wenigstens mit etwas hätte überdecken können. Cronenberg lässt das nicht zu. Er zwingt seine Figuren, und damit uns, hinzuschauen und den Ekel zu ertragen.
Der Ekel findet sich natürlich auf der Oberfläche, in den drastischen, klar in den Body-Horror abdriftenden Bildern. Aber er ist vor allem auch darin zu erkennen, wie hier einer patriarchal organisierten Gesellschaft der Spiegel vorgehalten wird.
Cronenberg lässt die Männer von ihrer eigenen Medizin kosten, indem er ihnen eine Frau entgegensetzt, die sie reihenweise mit einem aus dem Körper fahrenden – und deshalb treffend phallisch inszenierten – Stachel umbringt. Das geht sogar so weit, dass das Kriegsrecht über die Stadt verhängt wird, um der Lage Herr zu werden.
Die Diskrepanz zu unserer Gegenwart (in Deutschland) sickert langsam durch: Fast jeden Tag bringt ein Mann eine Frau um, weil sie eine Frau ist. Die registrierten Fälle häuslicher Gewalt nehmen immer weiter zu, betroffen sind deutlich überwiegend Frauen. Gleiches passiert bei sexuellen Übergriffen und digitaler Gewalt. Aber niemand verhängt hier das sinngemäße Kriegsrecht. Es sind ja nur Frauen.
Cronenberg lässt hier bereits klar seine Faszination mit in andere Körper eindringenden Fremdkörpern spielen und verknüpft das für mich klar mit geschlechtsspezifischer Gewalt.
★★★½☆
🇨🇦, R: David Cronenberg, D: Marilyn Chambers, Frank R. Moore, Joe Silver, Howard Ryshpan, Patricia Gage, Susan Roman, J. Roger Periard, Lynne Deragon, Victor Deay, Terry Schonblum, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Indeed Film
Youtube hat mir einen Channel vorgesetzt, auf dem jemand unter anderem über Filme spricht und Formel-1-Rennen recappt – im ASMR-Stil. Und ich weiß ja auch nicht 🤷♂️
Calm Skateboard ASMRThis channel is for ASMR purposes, featuring videos that contain whsipering, and soft speaking, designed to help people relax, and sleep. ASMR (Autonomous
Aktuell (noch) vor der Paywall: Ronen Steinke von der Süddeutschen Zeitung spricht im Podcast mit Christina Clemm. Clemm berät aktuell Collien Fernandes, aber der ist nur mittelbar Thema der Folge, die sich in allererster Linie um das System dreht, in dem Fälle wie eben jener (immer wieder) passieren.
Christina Clemm
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