Ein beklemmendes Spiel mit Nähe, Distanz und komplett entrückten Orten. Drei, manchmal auch vier Menschen sind in dieser Wohnung, und damit auf engstem Raum, ganz nah beieinander – und gleichzeitig (innerlich) unendlich weit voneinander entfernt. Diesem Ort haftet etwas irritierend Klinisches und Kaltes an. Es scheint, als ob die Wohnung durch ihre Eigenschaften das Verhalten der Menschen diktiert – genau wie die virtuellen Räume, in denen Protagonisten wesentliche Teile ihres Lebens verbringen, vom Drehen von ASMR-Videos, über Super Smash Brothers bis zu Tinder.
Strukturell erstaunlich nahe am aktuellen Youtube-Meta
Foto: Joanna Arnow
Spannend, wie hier die Kamera als Instrument des Zweifels zum Einsatz kommt. Joanna Arnow lässt sich von der Kamera die eigene Wahrnehmung bezeugen. Die Kamera ist die zweite eingeholte Meinung nach einer schmerzhaften Diagnose. Das gesammelte Bildmaterial wird zur Überprüfung als vermeintlich fertiger Film immer mehr Menschen gezeigt, deren gefilmte Reaktionen dann wiederum Teil des Films werden. Es ist, ab ob sich Joanna Arnow wie heute das Publikum Reaction-Youtuber*innen die (ihre) Welt nur durch einen Filter wahrnehmen kann, weil sie verlernt hat, sich selbst und ihrer eigenen Wahrnehmung zu vertrauen.
Die Eskalation ist im Plattformkapitalismus ein Feature, kein Bug
Foto: Universal Pictures International Germany
Durch die mit Weitwinkelobjektiven ausgestatteten Handkameras strahlt dieser Film etwas Getriebenes, manchmal auch Desorientierendes aus. Damit rückt der Film über seine Ästhetik unser Filmerleben als Publikum nah an das des von Jesse Plemons gespielten Verschwörungsideologen heran.
Ein traumatisches Erlebnis, eine traumatische Phase hat diese Figur mit aller Gewalt aus der Bahn gestoßen. In Ermangelung an funktionierenden Fangnetzen befindet sie sich seitdem im Fall ins Bodenlose, in einen algorithmisch gesteuerten Strudel.
Dass große (Tech-)Konzerne mit ihren Plattformen wissentlich nicht nur psychische Schäden anrichten und sogar an der Eskalation von Gewalt teilhaben, ist offenkundig keine Verschwörungstheorie, sondern belegte Tatsache.
Die Eskalation ist im Plattformkapitalismus ein Feature, kein Bug.
Yorgos Lanthimos inszeniert sich relativ leichtfüßig durch dieses Sujet. Aber er macht es sich auch ziemlich leicht. Denn der von ihm letztlich eingenommenen Helikopterperspektive haftet etwas unangenehm Besserwisserisches an. (Vielleicht hat deshalb Ari Aster deshalb hier mitproduziert? 😉) Es fehlt letztlich die Reflexion der eigenen Rolle und in Teilen auch der eigenen Position.
Claire Denis findet überall Schnittmengen mit dem Kolonialismus
Foto: Arsenal Filmverleih
Wie dünn doch der Firnis der Liebe ist und wie unangenehm wahrhaftig sich das alles anfühlt... Ständig wird geschwiegen, aber die Blicke und vorsichtigen Berührungen sprechen unüberhörbare Worte. Menschen verdrängen, verweigern, versprechen, vergessen und versagen. Sie verlieren sich in sich selbst, in einem anderen Menschen, immer im falschen, nie im richtigen. Die Scham hüllt den Mantel des Schweigens um jeden Konfliktherd.
Genau diese Dynamik hat – wie soll es bei Claire Denis auch anders sein – eine bemerkenswert große Schnittmenge mit der Kolonialgeschichte Frankreichs, die hier immer wieder mit den Figuren verwoben wird. Es wird lieber geschwiegen, verdrängt, verklärt, verwaschen, solange die Notwendigkeit der Rechenschaft immer noch unnachgiebig an die Tür klopft. So lebt der Schmerz der anderen immer weiter.
Kann man schon von oben herab machen, ist dann halb nicht produktiv...
Foto: AgX, 2AM, Shivhans Pictures
In seiner Analyse, den formulierten Botschaften und den Gedanken darüber, was es heißt, Mensch zu sein in einer Welt, die (scheinbar) permanente Performance abverlangt, ist dieser Film nahezu unerträglich selbstgefällig.
Natürlich ist da etwas dran, dass wir irgendwann den Zugang zu uns selbst, unseren Gefühlen und auch unseren Gegenübern verlieren, wenn wir den lieben langen Tag damit beschäftigt sind, eine Illusion aufrechtzuerhalten.
Aber wie blindlings die Komplexität der zahlreichen hier ineinandergreifenden Abhängigkeiten ignoriert wird, führt nicht etwa dazu, dass das Wesentliche hervortritt. Es banalisiert so lange, bis von der vielleicht noblen Idee nur noch ein paar Kalendersprüche übrig bleiben.
Letztlich nimmt der Film die aus meiner Sicht falsche Perspektive ein – nämlich die von in der Medienöffentlichkeit stehenden Individuen, die aus einer exponierten sowie privilegierten (Macht-)Position heraus argumentieren, denen in digitalen Räumen grundlegend anders begegnet wird und die sich grundlegend anders durch diese Räume bewegen als durchschnittliche Menschen.
Ein Film voller Zitate und doch geprägt von einer eigenen Handschrift
Foto: Grandfilm
Julian Radlmeier ist hier wirklich ein tolles Amalgam verschiedenste künstlerischer Ansätze gelungen, ohne dabei die eigene Handschrift aus den Augen zu verlieren. Die fast schon Puppenhaftigkeit der Figuren erinnert etwa an Robert Bresson. Die absolute Leichtigkeit in der Inszenierung bei gleichzeitig in Teilen ziemlich abgründigem Geschehen weckt Erinnerungen an den auch (nach)namentlich im Film referenzierten Abbas Kiarostami. Und der ebenfalls im Film mehrfach erwähnte Novalis drängt durch zitierte Motive immer wieder in die Erzählung.
Radlmeier ist sich dabei immer der Klasse seiner Figuren bewusst, genau wie die Figuren selbst – weil sie sich nicht mal eben ein paar Kirschen aus dem Supermarkt leisten können und die Tüte mit den Früchten an der Kasse zurücklassen müssen; weil sie mit offenen Augen durch die Welt gehen und deren Ungerechtigkeiten erkennen können; weil andere sie gnadenlos mit dem Gesicht hineindrücken.
Im Anschluss habe ich den Regisseur Julian Radlmaier beim Filmgespräch – vielleicht etwas naiv, aber wirklich ehrlich interessiert – gefragt, wie er bei seiner immerwährenden Auseinandersetzung mit Klassenfragen nicht einfach komplett zynisch wird. Die sinngemäße Antwort: Die utopischen Momente will er sich, wenn auch im Kleinen, einfach nicht nehmen lassen.
Der utopische Moment in SEHNSUCHT IN SANGERHAUSEN beschreibt dreieinhalb Menschen verschiedenster Hintergründe, die durch ihre ganz persönlichen Sehnsüchte zusammenfinden – und einfach zusammen Mensch sind. Klingt eigentlich ganz einfach und nach gar keiner sonderlich hoch liegenden Messlatte für eine Utopie. Aber weil wir als Deutsche einfach strukturelle oder ganz individuelle Rassist*innen sind, ist das nun mal wirklich zu allererst eine Utopie. Und das ist bitter und dann wiederum auch gar nicht so leicht, wie sich das alles erst mal anfühlt. Ich finde das eine spannende Reibung.
Youtube hat mir einen Channel vorgesetzt, auf dem jemand unter anderem über Filme spricht und Formel-1-Rennen recappt – im ASMR-Stil. Und ich weiß ja auch nicht 🤷♂️
Calm Skateboard ASMRThis channel is for ASMR purposes, featuring videos that contain whsipering, and soft speaking, designed to help people relax, and sleep. ASMR (Autonomous
Aktuell (noch) vor der Paywall: Ronen Steinke von der Süddeutschen Zeitung spricht im Podcast mit Christina Clemm. Clemm berät aktuell Collien Fernandes, aber der ist nur mittelbar Thema der Folge, die sich in allererster Linie um das System dreht, in dem Fälle wie eben jener (immer wieder) passieren.
Christina Clemm
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