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Filmkritik

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Gesehen: Pulse (2001) - Digitales Unbehagen

Wer Jane Schoebrun verstehen will, muss Kiyoshi Kurosawa schauen

Gesehen: Pulse (2001) - Digitales Unbehagen
Foto: Daiei Film, Nippon Television Network Corporation, Hakuhodo, IMAGICA

Es ist richtig toll unangenehm, wie Kiyoshi Kurosawa hier das urbane mit dem digitalen Unbehagen zusammenbringt und ineinander verschränkt. Aus beiden Dimensionen drängen letztlich Erzählungen radikaler Vereinzelungserfahrungen, die ihren Ursprung in einer zunehmend individualisierten Gesellschaft haben. Nirgendwo ist man gleichzeitig von so vielen Menschen umgeben und dennoch so isoliert, einsam und vielleicht auch eingeschüchtert wie in der Großstadt. Digitale Räume tun sich mit dem Versprechen auf, Orte der Gemeinschaft zu schaffen, entpuppen sich jedoch als unauthentische Theaterbühnen, auf denen das „wahre" Ich nur zu einem Teil existieren kann und einem performten Ich immer mehr den Vorrang lassen muss.

Unter diesen Umständen existiert ein Mensch nur noch gefangen in einer Art Zwischenwelt – einerseits voller Unbehagen und Ablehnung sich selbst und dem eigenen Körper gegenüber, andererseits sich nach einer physischen Präsenz sehnend, die von anderen wahrgenommen und berührt werden kann und auch wird. Doch Nähe zu sich und zu anderen Menschen ist in jedweder Ausprägung in dieser Zwischenwelt eine Illusion. Ich bin sicherlich einer der letzten Blitzmerker, der das schreibt, aber: Wer Jane Schoebrun und Co. durchdringen will, muss offenbar auch Kiyoshi Kurosawa gesehen haben.

★★★★½

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Gesehen: Blackbird Blackbird Blackberry (2023) - Almodóvar auf Georgisch

Ein Film über die Welt, in der Frauen leben

Gesehen: Blackbird Blackbird Blackberry (2023) - Almodóvar auf Georgisch
Foto: Alva Film, Takes Film

Ein Film über Ansprüche, Erwartungen, Urteile und Verurteilungen. Ein Film über Frauen. Und ein Film über die Welt, in der sie leben.

Die Protagonistin hadert in dieser Welt mit der Freiheit, die sie bisher zu genießen glaubte. Einerseits ist ihr ein komplett unabhängiges Leben gelungen, in dem sie sich gesellschaftlichen und patriarchalen Konventionen verweigerte.

Andererseits ist dieser kompromisslose Lebensentwurf für sie paradoxerweise zu einer Art Gefängnis geworden. Isoliert von echten Freund*innenschaften auf Augenhöhe, Familie und der Liebe muss sie erkennen, dass Freiheit nicht zwingend im Alleingang vollzogen werden muss.

Denn die eigenen Höhen und Tiefen mit anderen Menschen teilen, mit ihnen lachen und weinen zu können, schränkt nicht die eigene Autonomie ein, sondern macht das Herz leichter – vor Freude oder dank der Gewissheit von Solidarität in schweren Momenten.

Mir gefällt, wie Elene Naveriani diese und die anderen Frauen konsequent vor der Kulisse intensiver, zumeist warmer Farben inszeniert. Das erinnert daran, wie Pedro Almodóvar Frauen und Mütter in Szene setzt.

★★★½☆

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Gesehen: Shoah: Four Sisters (2017) - Mehr als Zusatz

Wenn Unterbrechungen zum Wagnis werden

Gesehen: Shoah: Four Sisters (2017) - Mehr als Zusatz
Foto: Synecdoche, Arte

Das ist nicht einfach Zusatzmaterial zu SHOAH. Denn die Kuratierungsentscheidung sorgt hier noch einmal für eine anders gewichtete Perspektive. Unvergleichlich bleibt Claude Lanzmanns gnadenloser Interviewstil, mit dem er sich über das Nachbohren bei vermeintlichen Nichtigkeiten Zugang zu seinen Gesprächspartnerinnen verschafft und sie dann weitestgehend reden lässt. Denn jede Nachfrage, jede Unterbrechung wäre ein Wagnis, könnte den Fluss brechen und so Teile dieser so wichtigen Zeitzeugnisse unausgesprochen lassen.

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Gesehen: Watcher (2022) - Demontierte Autonomie

Der wahre Horror liegt in der glaubhaften Abstreitbarkeit begraben

Gesehen: Watcher (2022) - Demontierte Autonomie
Foto: Universal Pictures

Was passiert hinter den Türen zu den Wohnungen der anderen, im Verborgenen? Gewalt gegen Frauen, die so perfide orchestriert ist, dass den eigentlichen Akt praktisch niemand sehen kann und immer glaubhafte Abstreitbarkeit gewährleistet ist. Wer Verdacht schöpft oder als Opfer nach Hilfe ruft, kann kurzerhand als verrückt erklärt werden.

WATCHER lässt auch uns irgendwann an unserer Wahrnehmung und unseren Verdächten zweifeln und lässt so, genau wie für seine Protagonistin, eine immer intensivere Paranoia aufziehen.

Lange, bevor der Film seine physische Dimension entfaltet, bekommen wir bereits das breite Instrumentarium psychischer Gewalt vorgeführt. Die Protagonistin wird durch ihr sprachliches Unvermögen ausgegrenzt und isoliert. Nicht mehr sie selbst, sondern ihr Gegenüber, sogar ihr Partner entscheidet darüber, was für ihre Ohren wichtig ist und was nicht. Die Autonomie der Protagonistin wird Stück für Stück demontiert.

Der letzte im Film geworfene Blick gilt nicht der Kamera, sondern uns. Es ist eine Aufforderung, hinzuschauen, den Blick zu erwidern, solidarisch zu sein.

★★★½☆

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Gesehen: Caught Stealing (2025) - Soderbergh-Imitat

Schleifen bindet hier leider nur ungelenke Exposition

Gesehen: Caught Stealing (2025) - Soderbergh-Imitat
Foto: Sony Pictures Entertainment Deutschland

Ich würde nicht so weit gehen und sagen, dass sich das nach einem Steven-Soderbergh-Film anfühlt. Es ist eher Darren Aronofsky, der versucht, Soderbergh zu imitieren.

Das hat alles schon ein ganz schmissiges Tempo und produziert einigermaßen schrullige Figuren. Viele Schleifen kann das Drehbuch aber leider nur mit ungelenker Exposition binden. Dazu kommt, dass die Figuren zwar angenehm weird, aber dennoch total schwammig gezeichnet sind. Woraus hier Motivation und Charakterzüge entspringen, ist viel zu grob angelegt.

Der Film reißt mich so zwar mit, lässt mich gleichzeitig aber auch total kalt.

★★★☆☆

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Kinotagebuch: Alpha (2025) - Unsicherheit hat Tradition

Es ist dann doch etwas mehr, als „nur" eine tonnenschwere AIDS- und Corona-Metapher

Kinotagebuch: Alpha (2025) - Unsicherheit hat Tradition
Foto: Plaion Pictures, Studiocanal

Ich vertrete dann wohl das, was man eine Mindermeinung nennt. Natürlich lässt sich das rein als tonnenschwere AIDS- und auch als Corona-Metapher begreifen. Das war auch zuerst mein Zugang. Aber irgendwann habe ich unterbewusst begonnen, das Geschehen viel mehr erst mal als das zu begreifen, was es ist.

Es geht um Menschen, die aufgrund ihrer konkreten, vermuteten oder behaupteten Andersartigkeit markiert, stigmatisiert und ausgegrenzt werden – also um eine gewissermaßen universelle Erfahrung, um universelle Ängste. Das rekurriert wiederum stark auf die bisher in der Filmografie Julia Ducournaus zentralen Themen.

Es geht um ein Kind, das sein ganzes bisheriges Leben lang kein wirkliches Sicherheitsgefühl erfahren hat, dem kein Raum für Verletzlichkeit eingeräumt wird. Und im Verlauf des Films wird klar: Das hat Familientradition.

Ein Verlust ist etwas, das vergessen und nicht verarbeitet werden muss. Da lassen sich dann wieder produktivere Bezüge zu AIDS-Epidemie und Corona-Pandemie herstellen. Es gab Millionen von Toten, aber – jedenfalls bei Corona – keinen Raum für die Würdigung dieser Verluste, ob der blind-eifrigen Rückkehr zu „Normalität" keine Möglichkeit der angemessenen (gesamtgesellschaftlichen) Trauer.

Eine Welt voller unverarbeiteter, ignorierter und unterdrückter Traumata, in die wir unsere Kinder entlassen...

★★★★☆

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