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Filmkritik

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Gesehen: The Unburdening (1983) - Waldflucht

Zwischen Feinsinn und Groschenromanästhetik

Gesehen: The Unburdening (1983) - Waldflucht
Bild: Marcel Schüpbach

Den Haushalt lückenlos schmeißen, für die Familie da sein und die Kinder erziehen, aber gleichzeitig immer auf Abruf sein müssen. Den Acker umpflügen, aber gleichzeitig makellos für den Mann aussehen müssen.

Natürlich klinkt es deshalb irgendwann aus. Natürlich ist dann die Flucht in den Wald die einzig sinnvolle Option. Denn dort ist Raum für das eigene Begehren, die eigene Lust, die eigenen Bedürfnisse, Wünsche und Träume. Dort ist ein selbstbestimmtes Leben möglich.

Der Film lässt sich jedoch dazu hinreißen, das stellenweise in arg verkitschte Motive, in eine Groschenromanästhetik zu verpacken, was den ganzen Feinsinn irritierend aufbricht.

★★★½☆

Der Regisseur Marcel Schüpbach hat den Film in voller Länge auf Vimeo veröffentlicht.

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Gesehen: Wake Up Dead Man (2025) - Adé, Poirot!

Rian Johnson lässt Überholtes hinter sich und kehrt gleichzeitig zu alter Form zurück

Gesehen: Wake Up Dead Man (2025) - Adé, Poirot!
Bild: Netflix

Tight geschrieben, tolles Tempo, guter Rhythmus, und damit nach dem für mich nur schwer zu ertragenden GLASS ONION eine fulminante Rückkehr zu alter, aber auch ein Ankommen bei neuer Form.

Jede Szene, jeder Satz folgt hier einer klaren Absicht. Damit meine ich jedoch nicht, dass der Film zu transparent wäre, sondern dass das Drehbuch auf absurde Nebelkerzen verzichtet. Dass hier nicht wild mit Punchlines um sich geworfen wird, sondern der Humor in skurrilen Momenten liegt.

Die Sujets müssen nicht großartig ergründet werden – im Gegenteil, sie liegen ziemlich offen auf der Hand, werden teilweise regelrecht ausbuchstabiert und auf dem Silbertablett serviert. Hätte das vielleicht etwas allegorischer verpackt werden können? Sicherlich, aber letztlich haben sich im Kulturkampf auch die Institutionen davon verabschiedet, ihre Absichten metaphorisch zu verschleiern. Es wird wortwörtlich von der Kanzel gepredigt.

Sinnbildlicher scheint dann aber eine Art von True-Crime-Kritik durch. Denn der Film entzieht Benoit Blanc seinen theatralischen Poirot-Moment, sein Ausbreiten der blutigen Tat in all ihren Facetten. Er lässt stattdessen ein Opfer – was nicht ausschließt, dass das Opfer auch Täterin sein kann – der Verhältnisse sprechen, die in einem Mord gipfelten.

★★★★☆

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Gesehen: Jay Kelly (2025) - Anschlussunfähig

Für wen will Noah Baumbach überhaupt Geschichten erzählen?

Gesehen: Jay Kelly (2025) - Anschlussunfähig
Bild: Netflix

Das ist an Banalität und Abgehobenheit wirklich nur schwer zu überbieten. Natürlich ist der hier feilgebotene emotionale Kern unterm Strich zusammengesetzt aus ganz universellen menschlichen Emotionen, Bedürfnissen, Wünschen und Träumen. Aber das wäscht die Hände des Protagonisten noch lange nicht in Reinheit.

Der Film will (von mir sehr vereinfacht formuliert) sagen: „Künstler*innen sind auch nur Menschen wie du und ich." Doch über die Lippen bekommt er nur ein „Stars sind Menschen wie du und ich." Das Problem: Das ist natürlich falsch. Diese Haltung, dieses Verkennen der eigenen Privilegien bzw. der des Protagonisten verunmöglicht schließlich die eigene Erzählung, für die es ehrliche Anschlussfähigkeit braucht.

Der Film fühlt sich an wie ein nostalgisch verklärtes Spätwerk. Wie eine Abgesang auf eine Zeit, in der Macht niemals hinterfragt und zur Rechenschaft gezogen wurde. Jedoch denken die Macher*innen keineswegs an Ruhestand. Der Film will sich in Einfühlsamkeit üben, hinterlässt jedoch nur einen ziemlich verbitterten Nachgeschmack.

★★☆☆☆

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Gesehen: Assault on Precinct 13 (1976) - Fast Romero

„Night of the Living Dead" lässt im besten Sinne grüßen

Gesehen: Assault on Precinct 13 (1976) - Fast Romero
Bild: Capelight Pictures

Das trägt ja fast schon Züge von George A. Romero, dieses ausstatterisch total zurückgefahrene, dadurch aber nicht weniger dichte Spannungskino, das im Vorbeigehen Gesellschaft mitverhandelt.

Die Spannung erwächst hier nicht in erster Linie durch die tödliche Gefahr an sich, sondern vor allem dadurch, wie die einzelnen Figuren zueinander angeordnet und dazu gezwungen werden, ihre bisherigen Rollen zu überwinden oder zu unterlaufen.

Da ist der Cop, der den Kriminellen immer noch wie einen Menschen und nicht wie ein Tier behandelt. Da ist der Kriminelle, der letztlich mit dem Cop herumkumpelt. Da ist die Frau, die getreu dem Motto „Aus den Augen, aus dem Sinn" jegliche Gefahr leugnet und schließlich mit ihrem Leben bezahlen muss. Menschenwürde, Polizeigewalt, Corona-Pandemie – all das steckt damit neben dem Aufbrechen einer vermeintlich heilen Vorstadtwelt auch in diesem Film.

★★★½☆

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Gesehen: Joker: Folie à Deux (2024) - Ohne Angebot

Beleidigte Leberwürste machen keine guten Regisseure

Gesehen: Joker: Folie à Deux (2024) - Ohne Angebot
Bild: Warner Bors. Home Entertainment

Es ist dann doch erstaunlich, wie wenig dieser Film zu bieten hat oder überhaupt erst versucht, anzubieten. Mehr als zwei Stunden lang ist Todd Phillips weitestgehend damit beschäftigt, darüber zu schwadronieren, wie er JOKER eigentlich gemeint hat und warum andere Lesarten nicht zulässig sind.

Erst einmal ist es ziemlich vermessen, als Künstler die Deutungshoheit ausschließlich für sich zu beanspruchen und das Publikum zu entmündigen. Dass Todd Phillips ein Problem damit hat, dass JOKER durch Incel-Kreise kooptiert wurde, ist verständlich. Er stellt sich in FOLIE À DEUX nur nie die Frage, warum und wie das passiert ist. Ob das eigene Werk vielleicht doch zu anschlussfähig war und das vor lauter selbstgefälliger Naivität einfach ignoriert wurde.

Stattdessen wird hier einfach didaktisch die eigene behauptete weiße Weste durchgeorgelt, ohne die Figuren und diese Welt produktiv weiterzuerzählen bzw. auf den Prüfstand zu stellen.

Nur zwei Punkte möchte ich dem Film zugestehen:

  1. Der Bombenanschlag auf das Gericht funktioniert innerhalb des JOKER-Universums wunderbar als allegorische Übersetzung der Zersetzung von Gesellschaft und demokratischen Institutionen auf die Leinwand/den Bildschirm.
  2. Das Abfeiern der moralisch unstrittig verwerflichen Taten des Jokers von Teilen der Gesellschaft in der Filmwelt resoniert besonders heute, nachdem etwa Luigi Mangione einen Krankenversicherungs-CEO erschossen hat und auch der rechtsextreme Charlie Kirk getötet wurde – und das aus verschiedensten Gründen und Kreisen heraus nicht flächendeckend verurteilt wurde. Die soziale Ungerechtigkeit, die ökonomische Ungleichheit und die zunehmende Polarisierung von Politik und Gesellschaft ziehen immer schlimmere Folgen nach sich.

★★☆☆☆

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Gesehen: Harvest (2024) - Wer erntet was?

Der Mensch als Ware in einer unmenschlichen Verwertungslogik

Gesehen: Harvest (2024) - Wer erntet was?
Bild: Mubi

Eigentlich führt die Frage danach, was denn hier überhaupt von wem geerntet wird, zu einer recht fruchtbaren (hehe) Anordnung. Die Menschen ernten das Feld, der Lehensherr erst die Früchte der Ernte, dann die Lehensmänner und -frauen selbst. Der Mensch selbst wird zur Ware innerhalb einer unmenschlichen Verwertungslogik. Also auch wie im Kapitalismus.

Doch der Film lässt sich vom Kapitalismus nichts diktieren. Vielmehr zeigt er interessante charakterliche Dynamiken, indem sich die Menschen in der Filmwelt regelrecht darum bemühen, mit ihrem Handeln dieser unmenschlichen Welt zu entsprechen, dabei aber immer wieder von der eigenen durchbrechenden Empathie gestört werden.

Und inmitten dieser unwirtlichen Umgebung hat es ein Mann nicht nur geschafft, zu überleben, sondern aus freien Stücken wirkliche Wurzeln zu schlagen, halbwegs zufrieden zu sein und nicht den kruden Erwartungen zu entsprechen – bis ein Kartograf in die Siedlung kommt, der mit seiner Dokumentation der Umgebung die Grenzen im Kopf des Mannes aufsprengt, jedoch vermeintlich auch die Grenzen zur Siedlung durchlässiger macht und Unruhe einlädt.

Ich kenne die Romanvorlage nicht, aber der Film macht auf mich den Eindruck, sich extrem viel vorzunehmen und sich damit auch etwas zu überheben. Es fehlt an vielen Stellen der Fokus, um Strukturen und Dynamiken besser verstehen und herausarbeiten zu können. Am Ende fehlt es an hinreichender Kontur.

★★★☆☆

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