Ich bin wirklich großer Fan von Star Trek und konnte mich selbst als Verehrer von The Next Generation erstaunlich leicht mit Discovery anfreunden. Die ersten beiden Staffeln von Picard können in meinen Augen jedoch leider gar nichts – nicht einmal durch die Brille der Nostalgie gesehen. Die nun angelaufene dritte und auch letzte Staffel werde ich trotzdem schauen – weil ich einfach nichts unabgeschlossen loslassen kann und weil mich dann eben doch noch die Nostalgie gekriegt hat. Denn dass es eine kleine TNG-Reunion gibt, ist ja schon längst kein Spoiler mehr. Das hat sich alleine schon für die PR-Maschinerie gelohnt, in der die alten Hasen wie hier Michael Dorn Worf, Jonathan Frakes aka William Riker und LeVar Burton aka Gerodi La Forge zusammen mit Picard-Showrunner Terry Matalas ins Plaudern kommen.
Feuilleton & Firlefanz
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Die Tiktok-Leidenschaft eines 78 Jahre alten Filmemachers
Filme & Serien
Ich bin ja sowieso begeisterter Hörer des Filmmagazins Vollbild auf Deutschlandradio Kultur. Aber das kommt nicht so oft vor: Die erste Ausgabe dieses Jahres ist nun schon gut einen Monat alt und ich kann immer noch nicht aufhören, über diesen einen Beitrag nachzudenken. Genau genommen über das Interview von Patrick Wellinski mit dem zu diesem Zeitpunkt 78 Jahre alten Schweizer Filmemacher Clemens Klopfenstein. Der ist durch die Zusammenarbeit mit einem aus Jemen Geflüchteten an Tiktok geraten – und ist begeistert. Alte Filme, neues (Bild-)Format, aus ihrem einstigen Kontext herausgelöste Szenen – das klingt für viele Purist*innen sicherlich wie der Untergang des Abendlandes. Aber nicht für Clemens Klopfenstein. Er sieht darin sogar die Zukunft des Erzählens. Das (ab 04:15 min) und mehr:

Und wenn man genauer darüber nachdenkt, dann überrascht es eigentlich gar nicht mehr so arg. Denn wer sich mit dem Kino der Nouvelle Vague und von Jean-Luc Godard verbunden fühlt, der sollte eigentlich auch auf TikTok zahlreiche Anknüpfungspunkte finden. Denn etwa die etwas holprig anumetende Machart oder der ruppige Schnittstil sind Dinge, die Filme/Videos aus beiden Ecken rein formal eint. Und Godard selbst saß gegen Ende seines Schaffens auch nur noch im Schnittraum und hat dem gefröhnt, was Plattformen wie Tiktok zu so tollen kreativen Spielplätzen werden lässt: Remixkultur.
Langer Blogpost, kurzer Sinn: Diese Begeisterung für Neues aufrecht zu erhalten, ist super inspirierend. Clemens Klopfensteins Experimente auf Tiktok laufen hier.
Rocky III (1982) - Onkel Toms Hütte
Filmkritik
Es überrascht mich kaum, dass Teil 3 nun endgültig im krassen Klamauk angekommen ist. Rocky am Höhepunkt seines sportlichen Erfolges so unbeholfen auf Biegen und Brechen nochmal zum Underdog konstruieren zu wollen, ist hanebüchener Quatsch.
Und es ist außerdem schon krass, wie unverhohlen rassistisch dieser Film ist – mit Mr. T als „wildem“ Schwarzen, der von Stallone gebändigt bzw. in die Schranken gewiesen werden muss. Und daneben steht Carl Weathers und macht einen auf Onkel Tom.
★½☆☆☆
Gesehen: Rocky (1976) - American Nightmare
FilmkritikAus der große Traum...
Der American Dream war schon immer eine Geschichte von (Selbst-)Ausbeutung und zelebriertem Machismo. Und auch eine rassistische Erzählung. Und davon, dass Armut krank macht. Da bleibt verständlicherweise wohl einfach keine Kraft mehr für Mimik über. Youknowwhatimean.
★★★☆☆
Den Film streamen:

Die Kritik auf Letterboxd:

Gesehen: Guillermo del Toro's Pinocchio (2022)
Filmkritik
Was soll ich sagen? Der unbändigen kreativen Energie und diesem Dickschädel von Guillermo del Toro kann ich einfach nur größten Respekt zollen. Er hätte die ganze Nummer viel einfacher haben können, aber es musste eben Stop-Motion sein. Alleine durch diesen Kraftakt kriegt mich GUILLERMO DEL TORO’S PINOCCHIO zugegebenermaßen eigentlich schon. Durch so etwas bin ich ziemlich leicht zu begeistern und es sieht halt auch einfach richtig toll aus.
Dabei hätte der ganze Film trotz des schier grenzenlosen Stilwillens auch gehörig in die Hose gehen können. Denn nur weil del Toro in EL LABERINTO DEL FAUNO schon einmal erfolgreich faschismuskritische mit märchenartigen Elementen zusammengebracht hat, ist das noch lange keine Garantie für eine Wiederholung des Erfolgs. Doch es geht auch in PINOCCHIO noch einmal auf – und zwar, weil sich der Film nicht nur auf altbekannten Bildern im schmucken neuen Gewand ausruht, sondern auch gegenwärtige politische Beobachtungen eine Rolle spielen.
Eine besondere Rolle in GUILLERMO DEL TORO’S PINOCCHIO spielt die enge Verbandelung von (katholischer) Kirche und dem Faschismus, die Ähnlichkeit beider Systeme und wie sie voneinander profitierten. Die Bewertung eines Lebens – ist Pinocchio nun ein Lebewesen oder nicht? – erinnert einerseits an die Eugenik der Nazis und andererseits an die menschenfeindlichen Auswüchse evangelikaler Rechter, die sich wie die Kirche im Film die Entscheidungshoheit über den Lebensbegriff anmaßen.
Del Toro richtet den Blick durch die Pinocchio-Brille außerdem auf den Kapitalismus. Denn auch Pinocchio wird in ein System „geboren“, in dem er in den Augen anderer erst etwas Wert ist, wenn er selbst in ausreichendem Maße wertschöpfend agiert – also dem Zirkusmann als sensationelle lebende Puppe immer mehr Geld in die Kasse spült oder dem Faschisten den wortwörtlich unsterblichen Soldaten im Kampf um Blut und Boden mimt. Pinocchio wird also standrechtlich durch die kapitalistische Mangel gezogen, bis letztlich kaum mehr als eine leere Hülle übrig bleibt.
Wenig übrig bleibt auch, wenn es mit dem Insektensterben im Speziellen und dem Artensterben im weiteren Sinne so weitergeht. Auch dazu hat GUILLERMO DEL TORO’S PINOCCHIO etwas zu sagen. Pinocchio als Lebewesen aus Holz wird ohne Erbarmen ausgebeutet. Davon können unsere hölzernen Freunde, etwa besonders im Amazonas-Regenwald, ein Lied singen. Von der Klimakatastrophe erzählt der Film also auch – und zwar ohne wachsende Nase.
Selbstverständlich muss dabei die Rolle des Menschen – hier in Form von Geppetto – kritisch beäugt werden. Denn der bringt Pinocchio wie Frankenstein sein Monster ungefragt und ungeachtet der Konsequenzen in die Welt – und zerstört dabei Sebastian J. Crickets Lebensraum.
Trotzt klarer Haltung gibt sich der Film nicht mit einfachen schwarz-weißen Denkmustern zufrieden. Er arbeitet mit einem vielschichtigen Schuldbegriff und kann am Ende doch die Liebe siegen lassen. Hach.
★★★★½

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Gesehen: Selena Gomez: My Mind & Me (2022) - PR mit Seelenstriptease
Filmkritik
Wie schon mit Apples BILLIE EILISH: THE WORLD’S A LITTLE BLURRY habe ich mich auch mit SELENA GOMEZ: MY MIND & ME sehr schwer getan. Einerseits halte ich es für extrem wichtig, über psychische Erkrankungen zu sprechen, sie sichtbar zu machen und so zur Entstigmatisierung beizutragen. Und wenn Gomez das tut, wenn man als Zuschauer*in in ihren Abgrund blicken kann, dann ist das sehr direkt, ungeschönt und ehrlich.
Die filmischen Zwischentöne hingegen irritieren mich über alle Maßen und zertrümmern das mit fast schon schonungsloser Offenheit aufgebaute Kartenhaus. Denn wenn die ehrlichen Momente gebrochen werden von durch Gomez selbst eingelesenen und möglichst tiefgreifend klingenden Tagebuchzitaten, während sie sich im Hintergrund fast schon lasziv in der Badewanne räkelt, dann ist das kein Stilmittel, sondern ein Werbeclip. Das hat nichts mit einem Einblick in Selena Gomez’ Seele, sondern nur mit der Zementierung eines sorgfältig zurechtgelegten Images zu tun. Denn der Film ist immer noch von Interscope – ihrem Label – mitproduziert worden.


