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Feuilleton & Firlefanz

Posts on page 231

Montagslinks - 15. Mai 2023

Vice ist insolvent und wenn nicht noch ein Wunder geschieht und sich ein richtiger Käufer für den ganzen Bums finden lässt, wird die Bude an ein Gläubigerkonsortium verscherbelt, wie Sara Fischer für Axios aufgeschrieben hat. Auch wenn ich die Arbeit von Vice oft nur (zu besten Zeiten auf jeden Fall zu Unrecht) als Stunt-Journalismus begriffen und deshalb aus schaulustigem Interesse und zuletzt gar nicht mehr gelesen, geschaut und gehört habe, ist das eine ganz schön bittere Nummer. Für mich schlägt das in eine ähnliche Kerbe wie das Aus von Buzzfeed News. Der gute™ Journalismus beider Outlets hat bei Nicht-Mediennerds enorm unter dem Ruf der Dachmarke gelitten. Dabei haben beide Häuser sogar Pulitzer-Preise gewonnen.

Vice Media files for Chapter 11 bankruptcy (axios.com)


Jürgen Bischoff hat für die taz analysiert, an welchen Stellen die jüngste Reform des Medienstaatsvertrages mit Ansage gegen die Wand fährt. Die Politik gibt einen Teil der Verantwortung an Rundfunkräte ab (gut), die selbst wiederum für diese umfassende Entscheidungsmacht gar nicht gewappnet sind (schlecht) und aufgrund fehlender Klarheit an manchen Stellen (Tagesschau24, Phoenix, KiKa) anscheinend handlungsunfähig sind (noch viel schlechter).

Kritik an Medienstaatsvertrags-Reform: Werden ZDF Neo und KiKa überleben?
Mit der Medienstaatsvertrags-Reform schiebt die Politik ihre Verantwortung auf die Rundfunkräte – doch die sind ohnehin schon überfordert.

Gelesen: „Der Mauersegler“ (2021) von Jasmin Schreiber

Gelesen: „Der Mauersegler“ (2021) von Jasmin Schreiber
Verlag und Cover: Eichborn

Insgesamt hat mich Der Mauersegler nicht so sehr gepackt wie Jasmin Schreibers Vorgänger- und Debütroman Marianengraben(€). Dafür ist dieses Buch formal spürbar komplexer angelegt und arbeitet – völlig egal, ob nun bewusst oder unbewusst – smart mit Abschnittsweise eingestreuten Rückblenden. Die tauchen schließlich immer seltener auf, bis kein Platz mehr für verklärte Vergangenheit ist und sich das schmerzliche Hier und Jetzt endgültig Bahn bricht. Und obwohl alle Puzzleteile vorher schon bereitliegen, tut das Zusammenfügen zum Schluss noch einmal besonders weh. Jasmin Schreiber gelingt es ohne auch nur einen einzigen überzogen deskriptiven Satz, sich dem Verdrängen, dem Katastrophisieren, dem Zusammenbruch während eines depressionsartigen Zustandes zu nähern und macht gleichzeitig eine wohlige Umarmung voller Hoffnung möglich, ohne kitschig zu werden.

★★★½☆

ISBN: 9783751709477, Wikipedia

Kinotagebuch: Beau is Afraid (2023) - Jodorowsky's Disappointment Boulevard

Kinotagebuch: Beau is Afraid (2023) - Jodorowsky's Disappointment Boulevard
Joaquin Phoenix als Beau // © Leonine Studios Spielfilm

Wie begegnet man einer Welt, in der Satire an der Realität scheitert und Katastrophe zum Dauerzustand geworden ist? Selbstgefällig im (eigenen) Leid suhlend, I guess 🤷‍♂️

(Mein Titelvorschlag ist: JODOROWSKY’S DISAPPOINTMENT BOULEVARD)

★★½☆☆

🇫🇮/🇺🇸, R: Ari Aster, D: Joaquin Phoenix, Patti LuPone, Amy Ryan, Nathan Lane, Kylie Rogers, Denis Ménochet, Parker Posey, Zoe Lister-Jones, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Leonine Studios Spielfilm

Beau Is Afraid - Stream: Jetzt Film online anschauen
Finde heraus, wie und wo du “Beau Is Afraid” heute auf Netflix, Prime Video & Co. sehen kannst – einschließlich kostenloser Streams.
A ★★½ review of Beau Is Afraid (2023)
Wie begegnet man einer Welt, in der Satire an der Realität scheitert und Katastrophe zum Dauerzustand geworden ist? Selbstgefällig im (eigenen) Leid suhlend, I guess 🤷‍♂️ (Mein Titelvorschlag ist: JODOROWSKY’S DISAPPOINTMENT BOULEVWARD)

Lewis Waller: Being Outside Changes How You Think

In der Natur unterwegs zu sein, hat nicht nur großen Einfluss darauf, wie wir uns fühlen, sondern auch wie wir denken. Dieses Video hat viel mehr an meiner Perspektive verrückt als der drölfzigste Mensch auf Tiktok, der mir etwas von seinem stupid mental health walk erzählt. Das liegt einerseits an Lewis Wallers Tiefenentspannung und andererseits an seiner Art, dem vermeintlich bereits Bekannten noch einmal eine neue Tiefe zu verleihen.

Gelesen: „Noch wach? (2023) von Benjamin von Stuckrad-Barre

Gelesen: „Noch wach? (2023) von Benjamin von Stuckrad-Barre
Cover: Kiepenheuer & Witsch, Foto: Stefan Schäfer, Lich unter CC BY-SA 4.0
📚
372 Seiten, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, ISBN 978-3-462-00467-0

Es gab Zeiten, da war ich ein richtiger Fan von Benjamin von Stuckrad-Barre, ohne jemals auch nur eine Zeile von ihm gelesen zu haben. Von Stuckrad Late Night / Stuckrad-Barre habe ich mir alles angeschaut, was ich in die Finger kriegen konnte. Warum, kann ich heute gar nicht mehr sagen. Ich erinnere es schlicht nicht mehr. Auch nicht, was ich von Auch Deutsche unter den Opfern. hielt, was ich im Zuge meines spätjugendlichen Fantums dann gelesen habe. Entsprechend befangen-unbefangen bin ich also an seinen lange erwarteten neuen Roman Noch wach? herangegangen, den ich als Mediennerd wahrscheinlich so oder so verschlungen hätte. Zurückgelassen hat er mich dann etwas ratlos, wenn nicht gar zwiegespalten.

Denn einerseits hat Stuckrad-Barre hier einfach solide und schmissig geschriebene Popcorn-Literatur abgeliefert, die sich sehr gut weglesen lässt und dabei die so wichtige Verhandlungsmasse in lockere Unterhaltung kleidet. Wer jedoch wie ich Mediennerd ist, die Feeds mehrerer Branchendienste abonniert hat und den ein oder anderen Medienpodcast hört, wird in Noch wach? jedoch schnell eine Auflistung bereits ausführlich dokumentierter Umstände und wenig mehr sehen. Denn Stuckrad-Barre kann in Interviews noch so oft unterstreichen, dass er hier in erster Linie einen Roman geschrieben hat. Aber den trotzdem über der Geschichte schwebenden Ex-Chefredakteur und den einst freundschaftlich so verbundenen Verlagschef wird er natürlich trotzdem nicht los. Denn die Deutungshoheit über sein Werk hat nur das Publikum. Und dem wird hier eben viel von der Seitenlinie aus erzählt.

Stuckrad-Barres Protagonist ist ausgemachter Stillstand. Er weiß zu Beginn der Geschichte bereits, was warum das Problem ist, muss nicht von A nach B gehen, sondern kann die Übung aus dem Stand heraus absolvieren und muss eigentlich kaum etwas ergründen. Was davon übrig bleibt, ist eine zu Recht in die Brüche gegangene Männerfreundschaft™ und damit eher wenig von wirklichem Belang. Und wenn das der Kommentar auf unseren gesellschaftlichen Umgang mit #MeToo sein soll, dann ist er vielleicht zutreffend, aber mit 384 Seiten im Hardcover doch etwas künstlich aufgeblasen 🤷‍♂️

★★★☆☆