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Feuilleton & Firlefanz

Posts on page 22

Gesehen: Die Unbeugsamen (2021) - Existenz als Reaktion

Nicht nur bemüht sich der Film nicht einmal formal interessante Wege zu gehen, er wird auch den Frauen in seinem Zentrum keineswegs gerecht.

Gesehen: Die Unbeugsamen (2021) - Existenz als Reaktion
Foto: Majestic Film, Annette Etges

Dass das formal alles total uninteressant, spröde und den offensichtlichen Motiven von den Abgeordnetenreihen bis zum Bundesadler nachgeifernd ist, ist kaum der Rede wert. Denn die viel größere Schwäche, das große Versagen des Films ist, wie sehr er sich auf die wirklich billigsten Allgemeinplätze zurückzieht.

Ja, es ist absolut unter aller Sau, wie (diese) Frauen behandelt wurden – innerhalb der eigenen Parteien, fraktionsübergreifend, medial und gesellschaftlich. Ja, es ist wichtig, auch das differenziert aufzuarbeiten. Ja, das macht der Film gut. Aber an diesem Punkt endet die Arbeit des Films schon wieder.

Mehr als anderthalb Stunden lang werden diese Frauen auf exakt zwei Arten porträtiert: durch eine männliche Linse und in Reaktion auf unverhohlenen Sexismus. Aber was haben diese Frauen konkret bewegt? Was ist deren politisches Vermächtnis abseits von bloßen Parteiämtern? Das sind Fragen, die maximal mit Halbsätzen beantwortet werden.

All diese Zeitzeuginnen noch vor die Kamera bekommen zu können und sie dann aber fast nur davon erzählen zu lassen, dass patriarchale Arschlöcher patriarchale Arschlochdinge getan haben, ist an Ironie gar nicht so leicht zu überbieten.

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Gesehen: The Woman in the Yard (2025) - Dem Diskurs hinterher

Der Film verkennt leider, dass bestimmte metaphorische Konstruktionen mittlerweile zu einer Art Klischee verkommen sind.

Gesehen: The Woman in the Yard (2025) - Dem Diskurs hinterher
Foto: Universal Pictures International Germany

Diese Anordnung des höllenartigen Kreislaufs, diese Verdammung dazu, immer und immer wieder die eigenen Verfehlungen zu durchleben, das hat mir schon gefallen. Denn wie das hier geschieht, ist das schon sehr nah dran an den Mustern realer psychischer Krisensituationen. Ganz nett untermauert wird das dann mit Ideen wie der des Schattens der „Woman in the Yard", der durch „Berührung" Gegenstände und Menschen im physischen Sinne manipulieren kann – wie eben der eigene Kopf, die eigene erkrankte Psyche, die die eigene Wahrnehmung der Welt kapert und verzerrt.

Doch diese Gesamtkonstruktion ist dann wiederum die einzige Idee des Films: die Schreckgestalt als Metapher für verdrängte Traumata und psychische Erkrankungen. Vor 15 Jahren wäre das vielleicht noch innovativ gewesen. Heute ist genau das fast schon zum Klischee verkommen.

Metaphern wie diese sind maximal noch Ausgangspunkt, aber längst nicht mehr Ziel. Sie gaukeln nur noch psychologische Tiefe vor, weil Kunst und Gesellschaft im Diskurs längst fortgeschritten sind. Sie sind durchgespielt. Ausschließlich auf sie zurückzugreifen, ist im Grundsatz nobel, aber ambitionslos.

★★½☆☆

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Feature: Antipsychiatrie und das Kuckucksnest

Feature: Antipsychiatrie und das Kuckucksnest
Foto: Sam Moghadam / Unsplash

Schönes Feature von Michael und Luis Kilian Marek über die Antipsychiatrie-Bewegung und die Reformen der psychiatrischen Medizin, aufgehängt an Miloš Formans ONE FLEW OVER THE CUCKOO’S NEST, zu hören bei den Zeitfragen im Deutschlandfunk Kultur.

Lobotomie als Symbol psychiatrischer Kontrolle: Der Filmklassiker „Einer flog über das Kuckucksnest“ machte diese Praxis sichtbar und prägte das Bild der Psychiatrie. Die Antipsychiatriebewegung forderte offene Kliniken und Therapie statt Zwang.
Psychiatrie im Film: „Einer flog über das Kuckucksnest“ und die Kritik an Zwangsmaßnahmen
Lobotomie als Symbol psychiatrischer Kontrolle: Formans Film „Einer flog über das Kuckucksnest“ prägte das Bild von Zwang und Antipsychiatrie.

Gesehen: Sing Sing (2023) - Unantastbare Würde

Der Film vermeidet und unterläuft konsequent verkitschte Stereotype mit einer unglaublichen Wärme.

Gesehen: Sing Sing (2023) - Unantastbare Würde
Foto: Weltkino Filmverleih

Wie der Film konsequent total verkitschte Stereotype vermeidet und mitunter sogar unterläuft, hat mir gefallen. Die Kamera begegnet diesen Figuren mit unglaublich viel Wärme – auch formal, bedingt durch das Drehen mit analogem Film und das Color Grading.

Der Film bleibt durchgehend den Menschen zugewandt und lässt Taten, die verbüßt sind oder gerade verbüßt werden, niemals zu deren Wesenskern werden. Er beharrt darauf, dass die Würde des Menschen unantastbar ist und es nur auf dieser Grundlage ein Fortbestehen der Menschlichkeit in der Welt geben kann.

Doch darüber hinaus wird hier nach sehr wenig gegriffen. Es werden sehr ausdrucksstarke Schauspieler in den sinngemäßen Obsthain gestellt, wo sie dann die am tiefsten hängenden Früchte pflücken dürfen. Klar, der Erntesack füllt sich dadurch beachtlich schnell. Aber wirklich gearbeitet wurde dafür nicht. Übersetzt: Der Film ist auch ein Blender, der keine besondere (psychologische) Tiefe erreicht und etwas Größeres, als er eigentlich zu leisten vermag, vor sich herträgt.

★★★½☆

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Gesehen: Im toten Winkel (2023) - Autoritäres Vexierspiel

Lockt auf eine falsche Fährte und lässt dann gelungen Stück für Stück Zeit und Raum auseinandersplittern.

Gesehen: Im toten Winkel (2023) - Autoritäres Vexierspiel
Foto: missingFILMs

Ein wirklich großartig gelungenes Vexierspiel, das uns zu Beginn auf eine gänzlich falsche Fährte lockt und dann Stück für Stück Zeit und Raum auseinandersplittern lässt – durch den erratischen Schnitt, springende Blickwinkel und ein permanentes Vor- und Zurückbewegen durch die Zeit. Nie können wir uns absolut sicher sein, an welchem Punkt wir selbst uns im Geschehen befinden, welche Figur zu welcher Zeit was hinter sich hat, was ihnen noch bevorsteht, was sie wissen und noch nicht wissen können.

Es ist ein Abbild der zersetzenden Wirkung autoritärer Methoden. Erst wird der Glaube der Figuren an ihre eigene Wahrnehmung gebrochen, dann zieht Paranoia in jeden noch so kleinen Lebensbereich ein, und zack, schon ist die gesamte Energie eines Menschen gebunden und kann nicht mehr dazu eingesetzt werden, die Systemfrage zu stellen.

Diese Mechanismen, diese damit einhergehende Allgegenwärtigkeit des Überwachungsstaates durch den imaginierten Freund eines Mädchens zu versinnbildlichen und gewissermaßen auch eine Gespenstergeschichte daraus zu machen, hat mich einfach total abgeholt.

Das zweischneidige Motiv des unsichtbaren Freundes – für manche besorgniserregende Alarmglocke einer belasteten Psyche, für andere spielerischer Teil des Erwachsenwerdens – steht wirklich klug für die ständige Unsicherheit, die sich durch den Film zieht.

★★★★☆

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Gesehen: Germany, Year Zero (1948) - Zerbrochene Zeit

Angesichts der unmittelbaren zeitlichen Nähe zum Kriegsende ein überaus beachtlicher Film.

Gesehen: Germany, Year Zero (1948) - Zerbrochene Zeit
Foto: Studiocanal

Wie schon Rossellinis drei Jahre zuvor erschienener ROME, OPEN CITY (1945) ist auch das hier ein extrem beachtlicher Film angesichts der unmittelbaren zeitlichen Nähe zum Kriegsende – aber auch angesichts der unbequemen Wahrheiten, die hier gnadenlos auf den Tisch gelegt werden.

Die politische Führungsriege der Nazis mag entmachtet oder tot gewesen sein, aber was geschieht mit einem ganzen Volk aus Täter*innen? Die gesamte Gesellschaft ist derart von menschenverachtender Ideologie durchsetzt, dass Kinder wortwörtlich ihre Väter töten müssen, um diesen Zustand zu überwinden.

In ROME, OPEN CITY kann sich Rossellini noch zu einem vergleichsweise hoffnungsvollen Ende mit den zukunftsgerichteten Blicken der Kinder durchringen. Doch hier, im verdorbenen Herzen Deutschlands, scheint das aussichtslos. Hier ist die Zeit nicht nur zu einem Stillstand gekommen, sie ist irreparabel zerbrochen. Es kann kein Zurück, aber vor allem auch kein Vor mehr geben.

Vielleicht muss wirklich alles restlos planiert werden, damit etwas Neues, von alldem Losgelöstes entstehen kann. Mit ein paar scheinheilig herumopfernden Überbleibseln wird das nicht möglich sein.

★★★★☆

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