Skip to Content

André Pitz

Leipzig, Germany

journalist by trade, cinephile at heart

1355 posts

Posts by André Pitz

Kinotagebuch: Pfau – Bin ich echt? (2024)

Kinotagebuch: Pfau – Bin ich echt? (2024)

Ruben Östlunds THE SQUARE meets Richard Linklaters HIT MAN und damit ein ganz okayer Film. Wo PFAU hingegen wirklich glänzt, ist, wenn man ihn mit dem richtigen Publikum schaut. Denn dem hält der Film durchaus den Spiegel vor.

Bei mir im Kino war das so: Viele große Lacher bekamen im Kern tieftraurige Momente. Protagonist Matthias ist ein Mensch, der an dem zugrunde geht, was alle anderen auf ihn projizieren wollen. Jemand, der an abstrusen Erwartungshaltungen in die Brüche geht. Er ist kein kümmerlicher Mensch ohne Seele, er ist ein Mensch mit verkümmerter Seele, die andere rücksichtslos herabgestutzt haben.

Ebenfalls mit großen Lachern bedacht wurden Menschen, die unterm Strich einfach ihr Ding machen – ob das nun Nacktqigong ist oder seinen mit Ölfarbe übergossenen Körper mit Chorbegleitung auf einer Bühne an eine Leinwand zu schmeißen.

Diese Momente habe keine Pointe. Sie zwingen das Publikum aber – so jedenfalls meine Unterstellung – in Verlegenheitsgelächter. Diese Momente, so albern sie auch wirken mögen, provozieren Gelächter als Bewältigungsmechanismus – die Bewältigung des Umstands, dass die eigene Welt so klein ist, dass bereits Nacktqigong schon fast hinter der Grenze des Vorstellbaren liegt.

★★★½☆

🇦🇹/🇩🇪, R: Bernhard Wenger, D: Albrecht Schuch, Julia Franz Richter, Anton Noori, Theresa Frostad Eggesbø, Salka Weber, Maria Hofstätter, Branko Samarovski, Trailer, Wikipedia

Pfau - Bin ich echt? - Stream: Jetzt Film online anschauen
Finde heraus, wie und wo du “Pfau - Bin ich echt?” heute auf Netflix, Prime Video & Co. sehen kannst – einschließlich kostenloser Streams.

Per Mail kommentieren oder auf Bluesky antworten.

Gelesen: „Daisy Jones & the Six" (2019) von Taylor Jenkins Reid

Gelesen: „Daisy Jones & the Six" (2019) von Taylor Jenkins Reid
Verlag und Cover: Ullstein

In erster Linie wollte ich dieses Buch lesen, nachdem ich davon mitbekommen hatte, für welchen Aufbau sich Taylor Jenkins Reid entschieden hat. Mich hat das formale Experiment einfach interessiert – auch, weil es mich an Cameron Crowes fantastischen Film ALMOST FAMOUS erinnert hat.

Doch das Ergebnis war für mich eine halbe textästhetische und strukturelle Katastrophe. Denn das Buch trifft extrem schnell auf die gleichen Probleme wie etwa Dokumentarfilme, die auf sehr viele Talking Heads setzen. Denn werden dort nicht regelmäßig via Bauchbinde Namen und Funktionen der sprechenden Personen wiederholt, lassen diese sich irgendwann nicht mehr richtig verorten und alles verschwimmt zu einer komischen, diffusen Masse. Der ist zwar immer noch zu folgen, aber es fällt zunehmend schwerer, Nuancen auszumachen. Wer eine längere Lesepause einlegt, hat direkt verloren.

Dennoch machen Tempo und Takt der Geschichte Spaß – zumindest eine Zeit lang. Denn auch der Mechanismus hinter diesem Rhythmus ist leicht zu durchschauen und läuft sich deshalb in seiner permanenten Wiederholung relativ schnell tot. Figur A sehr klar eine Situation beschreiben zu lassen, nur um sie direkt im Anschluss von Figur B unterlaufen zulassen, ist erst lustig, dann zum Schmunzeln und schließlich überstrapaziert und ermüdend.

Das Ende mit seinen super unangenehmen How I Met Your Mother-Vibes macht es auch nicht besser. Ein sonderlich großer Fan bin ich also nicht.

★★½☆☆


Zwei coole Ausschnitte:

Die Ehe bereue ich, aber nicht das Kleid.
Jetzt lebe ich in Tarzana, in Kalifornien, in einem riesigen Haus umgeben von Einkaufszentren, meine Kinder besuchen das College, und niemand möchte mehr mein Autogramm auf seinen Titten haben. Hin und wieder bittet Lisa mich darum, aber nur aus Nettigkeit.
🇺🇸, ISBN: 978-3-8437-2219-3, Verlag, Wikipedia

Per Mail kommentieren oder auf Bluesky antworten.

Gesehen: Grand Theft Hamlet (2024)

Gesehen: Grand Theft Hamlet (2024)
(c) Mubi

Aus unendlich vielen Gründen ist das ein ganz besonderes Zeitdokument und interessant. Für mich spannend zu sehen war diese Welt von GTA Online, die mit den Versprechen lockt, jede*r sein und alles tun zu können. Und doch entscheiden sich die Menschen dazu, zu sein und zu tun was sie bereits kennen. Das mag viel über die Macht der Komfortzone, aber noch viel mehr über die Macht von Kunst im Allgemeinen und Shakespeare im Speziellen. Kunst transzendiert Zeit und Medien und hat die universelle Kraft, Gemeinschaft um sich herum zu erzeugen – wenn nötig auch im virtuellen Raum oder gar dem Nichts heraus.

Kunst ist wie der Löwenzahn, der immer einen Weg findet und durch den Beton bricht.

Gleichzeitig offenbart GRAND THEFT HAMLET auch die Schattenseiten gesellschaftlichen Miteinanders. Und damit meine ich nicht die Trollerei im Spiel, sondern vor allem ein Moment, der angesichts des gesamten Dokuments schnell zur Randnotiz verkommt: Teil das Hamlet-Casts ist eine trans Frau, die davon erzählt, wie sie kürzlich erst ihr Coming-out hatte und immer noch nur an Orten wie diesen zwanglos sie selbst sein kann.

Was nach GRAND THEFT HAMLET und dem Ende der Lockdowns mit allen Beteiligten geschah, lässt der Film offen. Was ich glaube: Jede*r kehrte zurück in sein altes Leben. Doch für manche Menschen wie die trans Frau ist das nicht so einfach. Für sie bleibt GTA Online weiterhin ein Safe Space, den sie außerhalb des Spiels nicht so leicht findet.

Das sagt etwas über Solidarität, die leichter proklamiert als gelebt ist. Das spiegelt sich auch in den Momenten, in denen das Privatleben der beiden Protagonisten in die Spielwelt drängt und sie dazu zwingt, sich einer Realität zu stellen, vor der sie glaubten in GTA zu flüchten.

🇬🇧/🇺🇸, R: Sam Crane, Pinny Grylls, D: Sam Crane, Pinny Grylls, Jen Cohn, Tilly Steele, Dipo Ola, Mark Oosterveen, Gareth Turkington, Lizzie Wofford, Sam Forster, Jeremiah O’Connor, Trailer, Wikipedia

Grand Theft Hamlet - Stream: Jetzt Film online anschauen
Finde heraus, wie und wo du “Grand Theft Hamlet” heute auf Netflix, Prime Video & Co. sehen kannst – einschließlich kostenloser Streams.

Per Mail kommentieren oder auf Bluesky antworten.

Ist Anora eine neorealistische Disney-Prinzessin?

Ist Anora eine neorealistische Disney-Prinzessin?
Mikey Madison als Ani in Sean Bakers „Anora" // (c) Universal Pictures International

Letztlich ist der Titel dieses Videos nur ein Türöffner mit aktuellem Bezug, um über Sean Bakers Grenzgänge zu reflektieren. Baker selbst sieht sich in der Tradition des Italienischen Neorealismus, andere sehen in seinem filmischen Schaffen ausbeuterischen Milieukitsch. Seine Filmenden werden oftmals kontrovers diskutiert, zuletzt auch bei seinem Cannes-Gewinner ANORA. Aber das überschattet manchmal die geleistete Vorarbeit an der Figur. Und die hat sich Borey Deschanel hier noch mal genauer angeschaut – auch im Kontext von Bakers vorheriger Filmografie.


Per Mail kommentieren oder auf Bluesky antworten.

Gesehen: Coma (2022)

Gesehen: Coma (2022)
Ninon François und Louise Labèque // (c) My New Picture, Les films du Bélier, Remembers, Best Friend Forever

Hätte ich mich am ersten Eindruck aufgehängt, hätte ich wenig Freude mit diesem Film gehabt. Denn als reine Kritik an irgendwelchem Influencer*innentum, True Crime, den zunehmend verschwimmenden Grenzen zwischen parasozialen und „echten" Bindungen und was weiß ich noch was wäre mir das viel zu einfach und auch einfältig gewesen.

Aber ich finde, dass unter dieser Oberfläche noch viel mehr steckt – nämlich etwas, das ich derzeit vor allem bei den Filmen von Jane Schoenbrun fühle. Es geht um die Entfremdung von der Welt und seiner Existenz darin. Das Suchen nach Heimat, das Finden von Gemeinschaft und Vertrauten. Genau das findet so oft im digitalen Raum statt, weil es in der „echten" Welt mitunter nach wie vor (lebens)gefährlich ist, von der angenommenen Norm abzuweichen.

Genau da liegt das Spannungsfeld, in das sich Bonelle hier hineinbegibt – mit rein virtuellen Räumen und Lebenswelten, geformt durch das Begehren, die Wünsche und Träume der darin wandelnden Menschen, auf der einen Seite und die Welt vor der eigenen Haustür, in der es Faktoren gibt, die das objektiv schlechter machen.

Dieser metaphysische Hauch gefällt mir und darin liegt auch die Stärke dieses Films.

★★★★☆

🇫🇷, R: Bertrand Bonello, D: Julia Faure, Louise Labèque, Ninon François, Adilé David, Mathilde Riu, Violette Guillon, Léa Jousset, Trailer, Wikipedia

Coma - Stream: Jetzt Film online finden und anschauen
Finde heraus, wie und wo du “Coma” heute auf Netflix, Prime Video, Disney+ & Co. online sehen kannst – einschließlich 4K und kostenloser Optionen.

Per Mail kommentieren oder auf Bluesky antworten.

(Hi)storytelling: „Schon wieder – Der Aufstieg von NSDAP/AfD"

(Hi)storytelling: „Schon wieder – Der Aufstieg von NSDAP/AfD"
Screenshot: datajournal.org

Eigentlich bin ich froh, dass Scrollytelling als Format schon längst überholt scheint. Klar, das einst immer wieder hervorgehobene „Snow Fall" der New York Times war schon beeindruckend. Aber das ist 13 Jahre her und wirklich hängengeblieben sind nur wenige dieser Projekte. In einer Welt, in der News vorrangig auf dem Smartphone konsumiert werden, sind solche Brecher auch einfach nicht praktikabel.

Dass es auch simpel und umso eindrücklicher geht, zeigt „Schon wieder – Der Aufstieg von NSDAP/AfD" von Michael Kreil. Das Projekt zeigt historische Parallelen auf, analysiert das gegenwärtige politische Geschehen, versucht Schlüsse für eine mögliche Zukunft zu sehen und ist dabei auch irgendwie interaktive Medienkunst – und das nur mit ein bisschen CSS.

0:00
/0:09

Time is a flat circle.

(Inspiration für die Headline kommt von Jonathan Horstmann; Screenshot: datajournal.org)