Natürlich ist es nicht die Küche, die der wahre Hexenkessel ist, sondern der Kapitalismus. Wenn das versprochene Produkt nur mit (Selbst-)Ausbeutung, zulasten persönlicher Beziehungen und regelmäßiger Grenzüberschreitung zu liefern ist und diese Mechanismen dazu noch glorifiziert, aber auch erwartet werden, dann können wir die Bude hier echt zumachen. Lediglich Christian Lindner und seine Zirkusgenoss*innen würden darin kein Problem sehen und mit debil grinsenden Clownsgesichtern den Laden krachend vor die Wand fahren.
BOILING POINT fährt für dieses Bild natürlich den perfekten Sturm auf, der ist der „echten“ Welt eher unwahrscheinlich scheint. Aber es ist dennoch unglaublich wahrhaftig gespielt und sehr nahbar inszeniert. Wahrscheinlich hätte es den One-Shot nichtmal gebraucht, um diesen tragischen Abend und die absolute Hochspannung einzufangen.
★★★★☆
GB, R: Philip Barantini, D: Stephen Graham, Vinette Robinson, Alice May Feetham, Jason Flemyng, Trailer, Wikipedia
Erstmal finde ich, dass wir alle vor David Fincher auf die Knie fallen sollten, weil er es geschafft hat, Trent Reznor (und Atticus Ross) zu überreden, es doch noch einmal mit FilmMusik zu versuchen. Was die beiden hier abgeliefert haben, macht praktisch den halben Film aus. Es war für mich unmöglich, mich nicht von der Energie des treibenden Scores anstecken zu lassen.
Aber ich glaube, dass es auch an ein paar inszenatorischen (vielleicht gar nicht bewusst gewählten) Kniffen lag, die im Zusammenspiel mit dem elektrisierenden Synth-Pop ungefähr alle meine Gaming-Knöpfe gedrückt haben. Jedes Match, jede Unterhaltung, jeder Streit, jeder Blick ist in Szene gesetzt wie ein irgendwann unweigerlich stattfindender Bosskampf: mit bedeutungsschwangeren Blicken, einer strengen Kamerachoreografie, viel Zeitlupe, vor Schweiß triefende Körper, die einer Waffe gleich eingesetzt werden, die überdrehte Intensität, mit der auf alle Sinne eingedroschen wird und so weiter und so fort.
Ansonsten ist Guadagninos Blick auf Begehren abseits heteronormativer Strukturen absolut gelungen. Er hat hier außerdem einen der wenigen Filme geschaffen, in denen zwei Männer ihrer Freundschaft auch durch eine herzliche physische Nähe und Verspieltheit Ausdruck verliehen, ohne dabei (permanent) sexuelle Orientierungen, sehr wohl aber gesellschaftlich konstruierte Erwartungen an Männerfreundschaften™ infrage zu stellen. Das war einfach eine sehr erfrischende Note.
Nur mit interessanten neuen Perspektiven kann Guadagnino hier nach meinem Dafürhalten nicht aufwarten. Er betritt nicht wirklich neues Terrain, sondern wandelt auf bereits befestigten Wegen, macht das aber mit einem herausragenden Selbstbewusstsein und einer ganz eigenen Eleganz. Dazu ist der Film absolut horny und trägt das mit erfrischendem Stolz vor sich her.
★★★½☆
IT/US, R: Luca Guadagnino, D: Zendaya, Josh O'Connor, Mike Faist, Trailer, Wikipedia
Der ganze Vibe, die zeitweilige Dekonstruktion von Ort, Raum und Zeit hat mich im allerbesten Sinne oft an Angela Schanelecs MUSIC (2023) erinnert. Von dieser fantastischen Entrückheit habe ich mich gerne in Beschlag nehmen lassen – genauso wie von dem Sujet des Menschen, der irgendwo, irgendwann und irgendwie seinen Platz im Leben verloren hat, der mit dem Verlust zweier großer Lieben leben muss, der dem ewigen Fegefeuer gleich für immer mit diesem Ort verbunden sein wird, obwohl es dort nichts mehr gibt, dem er sich verbunden fühlen kann.
Davon abgesehen habe ich auch viel über das Erstarken des italienischen Postfaschismus nachdenken müssen. Der offensichtlichste Anhaltspunkt dafür war natürlich die von Alba Rohrwacher gespielte Figur, die wahrscheinlich nicht komplett zufallslos Meloni-blonde Haare hat. Sie beutet ohne mit der Wimper zu zucken die ökonomisch und gesellschaftlich sowieso schon Benachteiligten aus und verscherbelt wortwörtlich ohne jeden Respekt und jede Achtung die Vermächtnisse der italienischen Geschichte.
Das Bild der instrumentalisierten Grabräuber*innen, die den Ausverkauf der (zivilisatorischen) Errungenschaften ihrer Vorfahr*innen betreiben bzw. ökonomische Zwänge keine Alternative zulassen, passt natürlich auch auf die Bestrebungen der Faschistinnen und Postfaschist*innen. Die Nähe zum industriellen Großkapital, das ob sicherer Profite liebend gerne mit Menschenfeind*innen anbandelt und das moderne Äquivalent zu Brot und Spielen finanziert, sowieso.
Das ist alles eigentlich ziemlich finster. Aber Alice Rohrwacher lässt sich ihren Glauben an eine bessere Zukunft, an die Möglichkeit der Utopie nicht verbieten. Dafür trägt sie mit der – zugegebenermaßen nicht unbedingt subtil „Italia“ getauften Figur – Sorge, die sich letztlich in einem verwaisten Bahnhofsgebäude, das „der Öffentlichkeit, allen“ gehört zusammen mit anderen Frauen und ihren bzw. deren Kindern ein eigenes kleines Paradies aufbaut.
★★★★☆
FR/IT/CH, R: Alice Rohrwacher, D: Josh O'Connor, Carol Duarte, Alba Rohrwacher, Isabella Rossellini, Vincenzo Nemolato, Trailer, Wikipedia
Das ist einer dieser Filme, die ich einfach zum Niederknien toll finde. Alleine Alain Delon in der Hauptrolle, der er eine Unantastbarkeit irgendwo zwischen purer Arroganz und verführerischer Unwiderstehlichkeit verleiht, macht LE SAMOURAÏ zu einem Meisterwerk.
Obendrein gelingt Jean-Pierre Melville hier eine spannende und zugleich äußerst kluge Auseinandersetzung mit Einsamkeit, Vereinsamung und Anonymität in der Großstadt – ein Ort, durch den sich der Protagonist mit seinem perfekt geschnittenen Trenchcoat und überaus stilsichern Hut bewegt wie ein Hai durch sein Jagdrevier. Dort sollte er mit seinem Outfit eigentlich heraussTechen, aber die ökonomische Oberschicht, in deren Welt der Protagonist eindringt, nimmt ihn kaum wahr, ist nur mit sich selbst und dem Zur-Schau-Stellen des eigenen Reichtums beschäftigt.
Wer ihn jedoch wahrnimmt, sind die „einfachen“ Arbeiter*innen im Dienste der Oberschicht. Als er das merkt, sich gesehen fühlt, beginnt er Nähe zuzulassen und geht Verletzungsrisiken (emotionaler und körperlicher Natur) ein. Seine Unantastbarkeit schwindet – immer mit der Staatsgewalt im Nacken, die mit repressiven Methoden die Interessen einer autokratisch anmutenden Gruppe durchzuprügeln versucht. Vor dem Gesetz sind (theoretisch) alle gleich, vor der Exekutive jedoch nur bedingt und manchmal abhängig vom Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt.
★★★★½
🇫🇷/🇮🇹, R: Jean-Pierre Melville, D: Alain Delon, François Périer, Nathalie Delon, Cathy Rosier, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: WME Home Entertainment
Ich weiß gar nicht so recht, wo Aronofsky mit diesem Film hinwollte. Das alles ist so erwartbar, so bieder inszeniert und irgendwie auch feige. Denn er verhält sich mit seiner Interpretation zu genau gar nichts, er scheint ohne eigenen Kommentar abzubilden. Und dann bleibt am Ende eben stehen, dass manche Menschen das Leben nicht verdient haben und deren Ermordung damit kein Problem darstellt, dass die hanebüchene Erbsünde verschiedene Gräueltaten rechtfertigt und so weiter und so fort. Dazu baut Aronofsky in keiner Art und Weise eine kritische Distanz auf oder lässt überhaupt so etwas wie eine Wertung durchscheinen.
Die einzigen interessanten Aspekte scheinen mir bei der Visualisierung von vorgetragenen Geschichten zutage zu treten, bei Form und Inhalt tatsächlich in eine Art Dialog zu treten scheinen.
★½☆☆☆
Was ich eigentlich schreiben wollte...
Noah übelster Versager. Wenn er wirklich von jedem Lebewesen ein Paar verfrachtet hat, wo sind dann die Steingolems heute, frage ich!
US, R: Darren Aronofsky, D: Russell Crowe, Jennifer Connelly, Ray Winstone, Anthony Hopkins, Emma Watson, Logan Lerman, Douglas Booth, Nick Nolte, Mark Margolis, Kevin Durand, Trailer, Wikipedia
In Wien ist Gustav Klimts „Bildnis Fräulein Lieser“ für 30 Millionen Euro unter den Auktionshammer gekommen. „[…]eines der letzten Werke des 1918 verstorbenen Jugendstilmalers, das er 1917 begonnen und unvollendet zurückgelassen hatte. Der Forschung bekannt war das unsignierte „Bildnis Fräulein Lieser“ nur von Schwarzweiß-Fotografien“, schreibt Ursula Scheer in der FAZ.
Ich finde das unerhört. Von den Nazis ausgeraubte Jüd*innen bzw. deren Erb*innen gehören entschädigt. Das ist die Aufgabe des Staates. Und derart bedeutende Kunst gehört dann in die Hände der Öffentlichkeit/Wissenschaft und nicht in private. 30 Millionen Euro... so viel Spielgeld sollte niemand besitzen dürfen.
Börsenverein-Vorsitzender Sebastian Guggolz zu Weimer in der ersten Reihe: „Ich bin stolz auf die Buchbranche, weil wir Ihren fragwürdigen autokratischer Gestus nicht akzeptieren“.
— Alexander Moritz (@dermonologist.bsky.social) 2026-03-18T18:38:15.923Z
Um es auch noch mal hier festgehalten zu haben: BKM Wolfram Weimer (parteilos) hat beim Festakt zur Eröffnung
„Heute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag, habe ich mir einfach mal überlegt, welche Möglichkeiten und Privilegien Männer haben, die ich für uns auch gern hätte“, schreibt Jasmin Schreiber. Man(n) liest und scrollt sehr lange.
Privilegien, die ich als Frau auch gern hätte — JASMIN SCHREIBERHeute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag,
Die heutigen Dailies unter anderem mit: Taylor Swift, klugen Werbeverboten und Claude Chabrol
Recommendations
Shelfd
Keine Zeit für schlechte Streams. Bei Shelfd findet ihr jede Woche handverlesene Empfehlungen und Kolumnen – von echten Menschen, nicht vom Algorithmus.