Hier war die Feder eines sehr ernüchterten Menschen am Werk. Gesellschaft ist hier kein vielschichtiges Miteinander (mehr), sondern ein Geflecht aus materiellen und monetären Transaktionen von Akteur*innen, die nur noch nach unten treten, weil sie in ihrer Misere an keinen Ausweg durch Schläge nach oben mehr glauben. Der Mensch scheint überall, wo er aufschlägt und Gesellschaft organisiert, nicht anders zu können, als autoritäre Machtsysteme zu konstruieren und das mit einer angeblichen moralischen Überlegenheit zu verargumentieren, die letztlich jedoch nur Überheblichkeit ist.
★★★★☆
FR/SE, R: Robert Bresson, D: Anne Wiazemsky, Walter Green, François Lafarge, Jean-Claude Guilbert, Philippe Asselin, Pierre Klossowski, Nathalie Joyaut, Marie-Claire Fremont, Jean-Joël Barbier, Trailer, Wikipedia
Mir gefällt die Progression, die in den Kämpfen zu erkennen ist. Wie sich die Figuren zunächst von roher Gewalt bestimmt, fast schon unbeholfen durch ihre Choreografie holpern, weil man eben nicht jeden Tag um Leben und Tod kämpft, der Überlebensinstinkt aber schließlich die Kontrolle übernimmt. Wie dann mit der Erfahrung die Fähigkeit kommt, Wut und Kraft zu kanalisieren und nicht zu „verschwenden“.
Und ich muss sagen, dass Dev Patel das alles ganz schmissig in Szene setzt. Wer sich bei seinem allerersten Langfilm für Action dieses Kalibers entscheidet, darf sich von mir aus auch gerne ein paar Kniffe bei anderen Genregrößen abschauen. Dass Patel sehr viel von Matthew Vaughns KINGSMAN-Reihe, Quentin Tarantinos KILL BILL und die von Chad Stahelski inszenierte JOHN WICK-Reihe in MONKEY MAN steckt, ist offensichtlich*. Bei JOHN WICK macht der Film selbst nicht mal einen Hehl daraus und kommentiert die Parallelen selbstironisch.
Nur findet Dev Patel weitestgehend keine eigene Sprache, sondern durchmischt lediglich diese Versatzstücke. Vor MONKEY MAN hat Patel zwei Kurzfilme – beide keine Action – inszeniert. Von meinem Gefühl her hätte MONKEY MAN wunderbar als sein dritter Kurzfilm, in dem er sich auch in diesem Genre ausprobiert und eine eigene Handschrift entwickelt, funktioniert.
Ebenfalls nicht unbedingt gut angefühlt hat sich die gewissermaßen paternalistische Haltung des Films und seiner Hauptfigur gegenüber der Hijra-Community. „Na gut, dann räche ich die eben auch noch mit“, ist die sinngemäße Entwicklung von Patels Protagonist. Dass die Hijras das jedoch auch aus eigener Kraft gekonnt hätten, zeigt der Film sogar. Aber der Schritt zur Selbstkritik oder der Kritik am eigenen Protagonisten wird nicht gegangen.
*Dass auch diese Genrevertreter auf den Schultern anderer Giganten stehen, ist auch klar. Aber sie scheinen mir nicht nur zu kopieren.
★★½☆☆
CA/SG/US, R: Dev Patel, D: Dev Patel, Sikandar Kher, Pitobash, Adithi Kalkunte, Makrand Deshpande, Ashwini Kalsekar, Vipin Sharma, Sobhita Dhulipala, Sharlto Copley, Trailer, Wikipedia
Ich bin total verzaubert davon, wie dieser Film seinen magischen Realismus nicht nur mit den Sujets, sondern auch der Ästhetik der Romantik verschränkt.
Der Film befreit seine Figuren von den Zwängen ihrer Leben, löst an sie gestellte Erwartungen auf und ermöglicht ihnen damit eine für sie völlig neue und ironischerweise gleichzeitig völlig natürliche Art und Weise, sich selbst, ihre Umgebung und andere Menschen wahrzunehmen, Empfindungen nicht mehr durch den abschwächenden Filter einer immer unempathischer werdenden Welt machen zu müssen – ohne die erdrückende Last von Karriere, Brot und Spiele (aka Fußball-WM) sowie den alles zerfressenden Kapitalismus.
Spannend finde ich außerdem, wie der Film mit sich selbst bzw. über den gezeigten Film im Film mit der eigenen Kunstform in Dialog tritt und darüber zur Debatte stellt, ob die Kunst zu diesem Selbstfindungsprozess beitragen kann oder ihn verunmöglicht, weil ihr „Eingreifen“ bereits eine neue Realität konstruiert, die bereits einen Schritt von den Menschen entfernt ist.
★★★★☆
GE, R: Alexandre Koberidze, D: Ani Karseladse, Giorgi Botschorischwili, Oliko Barbakadse, Giorgi Ambroladse, Wachtang Pantschulidse, Sofio Tschanischwili, Irina Tschelidse, David Koberidse, Sofio Scharaschidse, Trailer, Wikipedia
Die Lange Nacht ist gerade absolut on a roll. Jüngst widmete sich das wohl ausgeruhteste Format Radiodeutschlands dem vor 100 Jahren geborenen James Baldwin, mit dem ich mich bisher viel zu wenig beschäftigt habe – genau genommen ist bei mir über Raoul Pecks oscarprämiertes filmisches Essay I AM NOT YOUR NEGRO (2016), das auf dem von Baldwin nie vollendeten Manuskript Remember This House basiert, und ein bisschen Wikipedia nicht so viel passiert.
Umso spannender war deshalb diese Lange Nacht für mich, die ihn gewissermaßen als Wandler zwischen den Welten beschreibt, der nicht nur in verschiedenen Genres und Medien Ausdruck gesucht und gefunden hat, sondern auch ein messerscharfer Beobachter dieser Welten war. Der bereits abseits der bipolaren Betrachtungsweise über Geschlecht als fluides Etwas nachgedacht und Gender als soziales Konstrukt gesehen hat. Der sich in seiner Selbstbeschreibung als „Zeuge“ als Mittler zwischen verschiedenen Strömungen innerhalb der Schwarzen Community gesehen hat, von Bürgerrechtsbewegung bis Nation of Islam mit Menschen gesprochen und gestritten hat.
Ein interessanter Vortrag am Freiburg Institute for Advanced Studies von Amrei Bahr mit anschließender Diskussion über die Rolle der Wissenschaft, politischen Einfluss, die Grenze zum Aktivismus und prekäre Arbeits- bzw. Forschungsbedingungen.
Aus der Videobeschreibung:
Ukraine oder die Eskalation des Gaza-Konflikts stehen Zeichen einer Verschärfung gesellschaftlicher Konflikte. Oft wird in diesem Zusammenhang über eine Bedrohung der Demokratie gesprochen. Von Hochschulen wird von einigen gefordert, in gesellschaftlichen Konflikten Haltung zu zeigen. Gleichzeitig geraten Forscher:innen unter Druck, die in Konflikten Position beziehen, wie die "Fördergeld-Affäre" um die Forschungs- und Bildungsministerin Bettina-Stark Watzinger im Frühjahr 2024 gezeigt hat.
Eigentlich ein unnötiger Film, denn hier wird praktisch nichts diesem Universum hinzugefügt. Es gibt keine weiteren Details, die diese Welt zu einer vielschichtigeren, abgerundeteren machen würden. Stattdessen werden altbekannte Mechaniken wiederholt. Das macht er nicht unbedingt schlecht, es ist schon ein ganz okayer Action-Horror-Thriller, der dazu auch durch seine wahnsinnig blassen Figuren keinen wirklichen Eindruck hinterlassen kann.
★★½☆☆
US, R: Michael Sarnoski, D: Lupita Nyong’o, Joseph Quinn, Alex Wolff, Djimon Hounsou, Trailer, Wikipedia
„Heute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag, habe ich mir einfach mal überlegt, welche Möglichkeiten und Privilegien Männer haben, die ich für uns auch gern hätte“, schreibt Jasmin Schreiber. Man(n) liest und scrollt sehr lange.
Privilegien, die ich als Frau auch gern hätte — JASMIN SCHREIBERHeute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag,
Die heutigen Dailies unter anderem mit: Robyn, Hank Green und Alice Rohrwacher
Recommendations
Shelfd
Keine Zeit für schlechte Streams. Bei Shelfd findet ihr jede Woche handverlesene Empfehlungen und Kolumnen – von echten Menschen, nicht vom Algorithmus.