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Medien & Politik

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Wie der deutsche Journalismus in die Trumpismusfalle tappt

Wie der deutsche Journalismus in die Trumpismusfalle tappt
© Christian Lue / Unsplash

Seit einigen Woche höre ich nun eigentlich weitestgehend zufrieden Anne Wills wöchentlichen Politikpodcast. Denn der profitiert von der Ruhe, dem verfügbaren Raum, den bereichernden Gäst:innen und einem ehrlichen Erkenntnisinteresse. Man könnte sagen: Politik mit Anne Will ist die Gegenthese zu ihrer einstigen Talkshow im Ersten.

Dennoch lässt sich auch in diesem Format beobachten, welches Unvermögen deutsche Journalist:innen an den Tag legen, wenn es um die Analyse von Trump in den USA und trumpartige Moves in der deutschen Politik geht.

Im Gespräch mit der Politikwissenschaftlerin Cathryn Clüver Ashbrook etwa, war es mehr als deutlich: Hier wird noch in Grenzen gedacht, in denen Trump und sein Umfeld längst nicht mehr operieren. Welchen Wert hat eine Analyse, die verkennt, dass dort jemand sitzt, der im Zweifelsfall auf Gerichtsentscheidungen und Rechtsauslegungen müde lächelnd nur „I know and I don't care. What are you gonna do about it?" antwortet – und dann wirklich niemand etwas tut. Das ist derzeit im Lager der völlig hilflosen US-Demokraten sehr gut zu beobachten, aber eben auch bei eigentlich schlagkräftigen Medien wie der New York Times, die offenbar nicht anders können, als dem Staatsstreich unter Trump mit Sanewashing zu begegnen und die Dinge nicht als das zu benennen, was sie sind.

Anflüge dessen gab es auch im deutschen Politikjournalismus wahrscheinlich schon immer. Offensichtlicher ist das im Umgang mit der AfD geworden. Wer das offenbar recht aufmerksam beobachtet hat und nun für sich und den eigenen Machtanspruch benutzt: die Union aus CDU und CSU mit Friedrich Merz und seinen Lakai:innen an der Speerspitze.

Wie das dann aussieht – oder in diesem Fall: anhört –, demonstriert Alisha Mendgen, Hauptstadtkorrespondentin des Redaktionsnetzwerks Deutschland, nun bei Anne Will im Podcast, was mir hier als Beispiel dienen soll:

Anne Will: Hat die Union, hat Friedrich Merz die Wähler belogen?

Alisha Mendgen: Sie hat die Wähler getäuscht, würde ich sagen. Also Lüge ist ein sehr großes Wort. Damit tue ich mich schwer, weil man will die Demokratie auch nicht verächtlich machen. Aber sie hat schon etwas behauptet, wo sie wusste, so kann es eigentlich nicht laufen. (Zur Stelle im Podcast springen.)

Keine drei Minuten später:

Alisha Mendgen: Und wenn ich auch sage, er hat was behauptet, wo er wusste, dass das nicht stimmt, ist das ja eigentlich eine Lüge, muss man sagen. Ich möchte nur immer nicht so gerne die, die sowas ständig behaupten von den demokratischen Parteien, also AfD, dann irgendwie unterstützen.

Was bei Friedrich Merz glaube ich hinzukommt und bei der Union insgesamt: Die sind im ganzen Wahlkampf ja einer Versuchung erlegen, Dinge zu versprechen, wo sie wussten, das kommt nicht.
(Zur Stelle im Podcast springen.)

Wo genau liegt jetzt das Problem, eine Lüge als eine Lüge zu bezeichnen – ob sie nun aus einer demokratischen Partei zu hören ist oder nicht? Als Journalist:in hat man nicht die Aufgabe, eine demokratische Partei vor den Angriffen einer undemokratischen, sondern die Demokratie an sich zu schützen. Auch Alisha Mendgen betont, wie wichtig es ist, demokratisches Gebahren nicht erodieren zu lassen. Dazu gehört jedoch nun mal, die Mächtigen (Demokraten) zur Rechenschaft zu ziehen.

Ich bin müde und etwas fassungslos, dass so wenig aus den Fehlern anderer Medien gelernt wird.

Es sind nicht mehr nur Penisraketen – Barbara Peveling denkt über Ideologien im Weltraum nach

Es sind nicht mehr nur Penisraketen – Barbara Peveling denkt über Ideologien im Weltraum nach
© NASA / Unsplash

Barbara Peveling hat für 54books ein tolles Essay geschrieben, in dem sie über den Weltraum bestimmende Geschichten nachdenkt. Star Trek, Star Wars und Marvelgedöns sind es jedenfalls nicht. Denn die Konflikte in diesen Universen sind so viel weiter weg von denen, die zur Sekunde den Raum um unseren Planeten herum bestimmen und Einfluss auf uns nehmen.

[...]Elon Musk geht davon aus, dass in der Zukunft von Menschen gegründete Zivilisation aus dem All den Menschen auf der Erde zu Hilfe kommen werden. Auf diese Ideologie menschlicher Evolution begründen sich die Aktivitäten seines Unternehmens Space X. Das Narrativ eines den Weltraum erobernden Major Tom hat also direkt die Ambitionen des reichsten Mannes der Welt geprägt[...]. Er hat aus den Science-Fiction-Erzählungen eine Ideologie gemacht. Ideologien stehen von jeher am Anfang menschlicher Aktivitäten. Ob wir die Monumente von Stonehenge, die Kriege der Azteken oder die Vertreibung der Kachin-Minderheiten in Burma betrachten, es sind meist ideologische Überzeugungen, die Menschen zum Handeln bringen.

Ideologien können auch Entwicklungen verhindern und andere ermöglichen, indem zum Beispiel bestimmte Führungsmodelle abgelehnt werden.

Ob es privaten Unternehmen überhaupt erlaubt sein sollte, den Weltraum für sich zu beanspruchen? Auf jeden Fall ist es nicht nur höchst problematisch, kritische Infrastruktur in private Hände zu geben, es kostet wortwörtlich Menschenleben.

Der nächste internationale Krieg, heißt es, wird nicht mehr auf der Erde stattfinden, sondern damit beginnen, dass die eine Seite die Satelliten der anderen zerstört. Und auch hier hat Elon Musk bereits eine Generalprobe veranstaltet. Nachdem er der Ukraine erst seinen Satelliten Starlink zur strategischen Unterstützung angeboten hatte, befahl er später wieder, diese für den Zeitraum eines Drohnen-Manövers der Ukraine auszusetzen. Er habe Sorge, erklärte er, der russische Präsident könnte als Reaktion Atomwaffen einsetzen. Mittlerweile wird darüber spekuliert, ob Musk seine Satelliten heute nicht der Gegenseite, also Russland im Ukrainekrieg zur Verfügung stellt.

Als großer Fan von Star Trek, mit dem ich aufgewachsen bin, schmerzt es sehr, das Weltall immer weniger als utopischen Raum wahrzunehmen, weil jetzt auch die ganzen Broligarchen diesen Space disrupten wollen und den hoffnungsvollen Blick in die Zukunft versperren. Jeff Bezos' Penisrakete war ja noch lustig. Aber Musks Starlink-Satellitennetzwerk ist ein geostrategisch relevantes Werkzeug in der Hand eines Rechtsextremisten.

Über die Utopie nachzudenken ist schwer, wenn die Dystopie bereits praktisch an die Tür klopft.

Krieg der Sterne 2.0 - Ideologien erobern den Weltraum - 54books
von Barbara Peveling Die Erzählungen von Kämpfen im Kosmos faszinieren die Menschheit schon lange. Bisher schienen sie in weiter Ferne, das täuscht aber.…

Der peinliche Fühlifühli-Journalismus des Hollywood Reporters

Der peinliche Fühlifühli-Journalismus des Hollywood Reporters
© Vincentas Liskauskas / Unsplash

Beim Hollywood Reporter ist derzeit ein, wie soll ich sagen, interessantes Stück zum Thema „alte" Filme und deren Fehlen in den Katalogen von Netflix und Co. zu lesen. Autor Benjamin Svetkey scheint das Herz immerhin am rechten Fleck zu haben.

How Streaming Is Making Us All Cinema-Illiterate
The oldest title available on Netflix last month was 1973’s ‘The Sting.’ Where does that leave the next generation of film lovers?
The great promise of streaming, of course, was supposed to be a world in which every movie ever made would be immediately viewable at the touch of a button. [...] And yet, as it turns out, the streaming revolution has been something of a disaster for classic movies. It has, in fact, been slowly and methodically wiping the collective culture’s memory of anything made before … well, 1973 seems about right.

Seine Kritik richtet sich hier völlig zu Recht an die großen Streaming-Anbieter – nur um dann den kurzsichtigsten Take, den ich je dazu gelesen habe, nachzuschieben.

Why would viewers today bother to search Apple TV+ or Google Play for a classic film like, say, The African Queen, when their Netflix home screens are already beckoning them with original offerings like Kinda Pregnant and La Dolce Villa? Of course, there’s every reason they should watch John Huston’s 1952 adventure story — not the least of which is Bogart and Katharine Hepburn’s bristly onscreen chemistry — but most won’t. They’ll watch Amy Schumer strap on a fake belly bump instead. Because there isn’t a Late, Late Show making them watch the good movie.

Svetkey schreibt es selbst und verpasst es, auch nur einen einzigen produktiven Schluss daraus zu ziehen. „Because there isn’t a Late, Late Show making them watch the good movie." Das ist natürlich unglaublicher Quatsch. Es ist richtig, dass es eben nicht mehr die Late Late Show ist. Dafür bespielen andere Tastemaker:innen das Feld. Wer an Film(geschichte) interessiert ist, wird ohne Aufwand fündig werden.

Wer hingegen schon damals™ etwas nur geschaut hat, wenn Tom Snyder oder Craig Kilborn es gesagt haben, war höchstwahrscheinlich auch schon damals™ passive:r Zuschauer:in, gar nicht explizit an „guten" Inhalten interessiert und damit auch nicht „besser" als alle, die sich heute vom Netflix-Algorithmus ihren Filmkonsum diktieren lassen.

Einen „guten Klassiker" einfach gedankenlos wegzukonsumieren ist in meinen Augen nicht sonderlich weit davon entfernt, die nächste Folge Love is Blind zu ballern, weil es groß auf der Netflix-Home ist.

Ich finde es befremdlich, ein so kritisches Thema für Kultur, Gesellschaft und Industrie mit so viel unbelegtem Fühlifühli aus dem Bauch heraus abzuarbeiten. Es ist unfassbar belanglos und egal, was Humphrey Bogarts Sohn Stephen dazu meint. Der findet in diesem Artikel sowieso nur statt, um seinen neuen Dokumentarfilm zu bewerben. Wo sind die handfesten Statistiken, die Anfragen an die Streaming-Dienste, die Einschätzungen von Filmhistoriker:innen und anderen Wissenschaftler:innen?

Peinlich.

Spielejournalismus in Deutschland – Eine Bestandsaufnahme

Spielejournalismus in Deutschland – Eine Bestandsaufnahme
(c) Sigmund / Unsplash

Ich höre immer mal wieder gerne bei Dom Schott rein, wenn er Gäst:innen aus dem Spielejournalismus – also tatsächlichem Journalismus, der die Branche kritisch hinterfragt – vor dem Mikrofon hat. Das ist besonders derzeit aus bitteren Gründen ziemlich spannend. Denn nicht nur in der Techbranche allgemein herrscht radikaler Kahlschlag, sondern auch bei den Entwicklungsstudios und in der Folge auch im Spielejournalismus.

In der Reihe „OK COOL trifft" waren jüngst zwei Menschen bei Dom zu Gast, die genau mit diesem Spannungsfeld umgehen (müssen).

Pascal Wagner war bis vor Kurzem noch festangestellter Redakteur bei Gamesmarkt und dann wurde auch an seiner Stelle die Axt angesetzt. Im Podcast spricht er nicht nur über seinen spannenden Werdegang zwischen Wissenschaft und Journalismus, sondern auch über die derzeit schwierige Lage des deutschsprachigen Spielejournalismus.

Sebastian Tyzak kennen manche vielleicht aus dem Game Two-Kosmos. Nun hat er zusammen mit Martin Dietrich für das ZDF-Dokuformat „Die Spur" einen Beitrag zu Cybergrooming im besonders bei Kindern sehr beliebten Spiel Roblox gemacht. Davon ausgehend spricht er über die Aufwände investigativer Arbeit beim Thema Games und wie schwer es trotz der gesellschaftlichen Verbreitung von Videospielen nach wie vor ist, derlei Themen in den verschiedensten Redaktionen platzieren zu können.

(Hi)storytelling: „Schon wieder – Der Aufstieg von NSDAP/AfD"

(Hi)storytelling: „Schon wieder – Der Aufstieg von NSDAP/AfD"
Screenshot: datajournal.org

Eigentlich bin ich froh, dass Scrollytelling als Format schon längst überholt scheint. Klar, das einst immer wieder hervorgehobene „Snow Fall" der New York Times war schon beeindruckend. Aber das ist 13 Jahre her und wirklich hängengeblieben sind nur wenige dieser Projekte. In einer Welt, in der News vorrangig auf dem Smartphone konsumiert werden, sind solche Brecher auch einfach nicht praktikabel.

Dass es auch simpel und umso eindrücklicher geht, zeigt „Schon wieder – Der Aufstieg von NSDAP/AfD" von Michael Kreil. Das Projekt zeigt historische Parallelen auf, analysiert das gegenwärtige politische Geschehen, versucht Schlüsse für eine mögliche Zukunft zu sehen und ist dabei auch irgendwie interaktive Medienkunst – und das nur mit ein bisschen CSS.

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Time is a flat circle.

(Inspiration für die Headline kommt von Jonathan Horstmann; Screenshot: datajournal.org)

Posten, obwohl das Haus in Flammen steht

Posten, obwohl das Haus in Flammen steht
(c) Stephen Radford / Unsplash

Was in den USA gerade unter Trump und mehr oder weniger Elon Musk passiert, macht fassungslos. Ich spare mir die vielen einleitenden und erklärenden Worte, möchte aber auf die Kolleg*innen von Wired hinweisen, die einen fantastischen Job abliefern und in dieser Sache gerade so ziemlich jedes andere US-Medium vorführen.

Ich komme mir komisch dabei vor, diese Katastrophe mit weitreichenden Folgen für das (Über-)Leben von unzähligen Menschen einfach zu ignorieren. Andererseits: Was kann ich auf diesem Blog mit vergleichsweise keiner Reichweite schon zur Gemengelage beitragen?

Jason Kottke, den ich seit Jahren täglich lese, treibt das auch um. Diese Woche schrieb er unter anderem:

As you might have noticed (and if my inbox is any indication, you have), I have pivoted to posting almost exclusively about the coup happening in the United States right now. My focus will be on this crisis for the foreseeable future. I don’t yet know to what extent other things will make it back into the mix. I still very much believe that we need art and beauty and laughter and distraction and all of that, but I also believe very strongly that this situation is too important and potentially dangerous to ignore.

Klar, Jason hat zwar eine enorme Reichweite, aber natürlich nicht die einer Wired oder New York Times. Letztlich geht es hier aber auch darum zu tun, was sich richtig anfühlt.

Für mich fühlt es sich nun richtig an, mit dem Finger hierauf zu zeigen: Donald Trump ernennt sich selbst zum Vorsitzenden des Kuratoriums des John F. Kennedy Centers for the Performing Arts und schmeißt gleichzeitig mehrere Mitglieder raus.

At my direction, we are going to make the Kennedy Center in Washington D.C., GREAT AGAIN,” he wrote. “I have decided to immediately terminate multiple individuals from the Board of Trustees, including the Chairman, who do not share our Vision for a Golden Age in Arts and Culture. We will soon announce a new Board, with an amazing Chairman, DONALD J. TRUMP! (Indiewire)

Das ist nicht nur ein bisschen faschistoid, das ist Faschismus 101.

Back in his first term, Trump declined to attend the Kennedy Center Honors ceremony in 2017 after some honorees were critical of him. The honorees included Carmen de Lavallade, Gloria Estefan, LL Cool J, Norman Lear, and Lionel Richie.

Die beleidigte Leberwurst zu spielen, ist das eine. Kunst und Kultur zu „verstaatlichen", um sie nach eigenen Vorstellungen zu einem Instrument der Propaganda umzubauen, das andere.

Zurück zu Jason Kottkes Coup-Coverage – oder besser: zu dem, was der ebenfalls geschätzte Andy Baio dazu sagt:

it's hard to keep posting fun creative projects while your country is being gutted, but I'll keep going until I can't anymore

Vielleicht mache ich mir etwas vor, wenn ich jetzt sage, dass auch ich das hier bei mir im Blog versuche. Vielleicht sage ich das, weil es sich gut anhört und die Lage in Deutschland (noch) nicht so ist. Aber es fühlt sich richtig an, auch weiter über die inspirierenden Dinge zu schreiben – auch, wenn diese Inspiration einen dunklen Ursprung hat und es sich irgendwie auch so anfühlt, wie Berit Glanz schreibt.

Wie sich die Gleichzeitigkeit von Alltag und aufziehendem Faschismus angefühlt haben muss, kann ich erst jetzt richtig nachvollziehen. Man sitzt irgendwie geschockt vor Nachrichten, muss dann aber auch Geld verdienen und die Geschirrspülmaschine ausräumen.

Berit Glanz (@beritmiriam.bsky.social) 2025-02-05T08:58:10.574Z

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