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Gesellschaft

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Ein paar Worte zu Friedrich Merz' Rede zur Wiederherstellung der Synagoge an der Reichenbachstraße

Ich finde es beschämend, dass der Bundeskanzler ausgerechnet diesen bedeutsamen Moment an diesem bedeutsamen Ort genutzt hat, um noch mehr straff rechter Politik den Weg zu bereiten.

Ein paar Worte zu Friedrich Merz' Rede zur Wiederherstellung der Synagoge an der Reichenbachstraße
Foto: Catalin Pop / Unsplash

In München ist die Wiederherstellung der Synagoge an der Reichenbachstraße gefeiert worden. Auch Friedrich Merz hat in seiner Funktion als Bundeskanzler an den Feierlichkeiten teilgenommen und eine Rede gehalten.

München feiert Wiederherstellung der Reichenbachsynagoge
Die Synagoge an der Reichenbachstraße ist das einzige jüdische Münchner Gotteshaus, das die NS-Zeit überstanden hat. 2011 fasste Rachel Salamander den Plan, sie vor dem Verfall zu retten. Das ist ihr nun gelungen.

(ab 00:40:05 bis 00:57:35)

Danach schwappte wieder einiges an scharf formulierter Aufregung durch meine Bluesky-Timeline – aber auch Respekt. Also habe ich mir die Rede auch mal in Gänze angeschaut. Ich schreibe das wirklich ohne Schaum vorm Mund und in aller gebotenen Ruhe, weil es mir wichtig und es mehr als nur ein schnell vorbeiziehendes Aufregerthema ist:

In mehreren Momenten ring Merz mit den Tränen. Ich glaube, er war in diesen Momenten ehrlich angefasst und hat auch aus dem Herzen gesprochen. Ich glaube nicht, dass er das schauspielen konnte oder wollte.

Deshalb glaube ich aber auch, dass es ausdrücklich kein politischer Kalkül war, ausgerechnet in diesem Moment nicht nur die Mär vom importierten Antisemitismus wieder aus dem Hut zu zaubern, sondern sie auch noch als einzigen Grund für Antisemitismus in Deutschland anzuführen. Das scheint wirklich seine tiefste Überzeugung zu sein.

Ich finde es beschämend, dass der Bundeskanzler ausgerechnet diesen bedeutsamen Moment an diesem bedeutsamen Ort genutzt hat, um noch mehr straff rechter Politik den Weg zu bereiten. Dass weder ihm noch seinem Umfeld diese bittere Ironie bewusst ist, finde ich ganz ehrlich erschreckend.

Youtube und der Tod der Medienkompetenz

Jetzt mal ernsthaft: Was ist überhaupt Medienkompetenz?

Youtube und der Tod der Medienkompetenz
Foto: Matt Palmer / Unsplash

Zoe Bee hat ein umfassendes Video gemacht, in dem sie versucht, sich dem Begriff der Medienkompetenz zu nähern. Super spannend, weil was ist überhaupt Medienkompetenz? Darauf hat jede*r eine andere Antwort – inklusive der Wissenschaft.

Media literacy is dead. ...or so I thought. Come with me as I recount how I spent months of my life trying to understand media literacy, along with lots of help from my friends. It's a big one.

Mal davon abgesehen, dass ich ein dezidiertes Schulfach „Medienkompetenz" schon immer als nicht zielführend betrachtet habe, erscheinen mir die Rufe danach nun nur noch platter. Außerdem: Ist fehlende Medienkompetenz überhaupt das Problem oder nur ein Symptom?

Was ich dahingehend permanent um mich herum beobachte: Wer einen immer größeren Teil seines Medienkonsums von aktiv auf passiv – also nicht mehr gezielt, sondern nur noch algorithmisch vorgesetzt – umstellt, verliert schnell Referenzrahmen und Kontext, in den er*sie Medien kritisch setzen kann.

Vielleicht ist bewusster Konsum also viel wichtiger, weil die Kompetenz letztlich ein Nebenprodukt dessen ist. (Soziolog*innen, Psycholog*innen und Medienwissenschaftler*innen haben dazu sicherlich viel klügere Dinge zu sagen. Aber die Gedanken kamen mir erst mal, als ich das Video geschaut hatte.)

„Attraktiv für autoritäre Populisten": Christoph Safferling über die turbulente Geschichte des Strafrechts

Immer wieder nachträglich beängstigend, auf was für einem dünnen Fundament die Bundesrepublik eigentlich gegründet wurde.

„Attraktiv für autoritäre Populisten": Christoph Safferling über die turbulente Geschichte des Strafrechts
Foto: Benjamin Cheng / Unsplash

Im auch für Nicht-Jurist*innen wie mich immer wieder bereichernden Verfassungsblog schreibt Straf- und Völkerrechtler Christoph Safferling ausführlich über die Entwicklung des deutschen Strafrechts nach den Nazis.

Spätsommer 1951, Bonn: Das Bundesjustizministerium legt dem Bundestag seinen Entwurf für ein neues Staatsschutzstrafrecht vor, formuliert von Juristen, die einst für das NS-Regime arbeiteten. Der Kalte Krieg liefert den Anlass, die alten Konzepte zurückzuholen. Schon damals zeigt sich, wie im Namen der Sicherheit Strafgesetze gezielt genutzt werden können, um politische Gegner zu delegitimieren und die Kontrolle über gesellschaftliche Entwicklungen zu sichern.

Der gesamte Text führt noch einmal aus rechtsgeschichtlicher Sicht vor Augen, auf was für einem dünnen Fundament die Bundesrepublik eigentlich gegründet wurde. In meinem Fach würde man sagen: Das war ganz schön mit der heißen Nadel gestrickt. Auch „hemdsärmelig" ist ein Wort, das mir dazu einfallen würde.

Aber nur, weil wir damals™ offenbar ein paar Kugeln entgangen sind, heißt das nicht, dass wir über den Berg sind. Ganz im Gegenteil, es ist so wichtig wie schon sehr lange nicht mehr, sich gegen autoritäre Strömungen in Gesellschaft und Politik aufzulehnen und für demokratische Prinzipien einzustehen.

Der politische Meinungsaustausch darf nicht vorschnell unter strafrechtlichen Generalverdacht gestellt werden. Wie schnell Strafrecht ideologisiert und zu politischen Zwecken missbraucht werden kann, zeigt der Blick in unsere eigene Nachkriegsgeschichte und die Auswüchse der Kommunistenverfolgung.

Strafrecht bleibt ein scharfes Schwert und schon die Drohung mit seinen Mitteln schüchtert ein. Es ist gerade deshalb attraktiv für autoritäre Populisten zur Absicherung von Macht. Demokratie aber lebt von Vielfalt, Argumenten und Überzeugungen. Der Ruf nach dem Strafrecht muss, bei aller berechtigter Sorge um die Sicherheit, immer ultima ratio bleiben.
Wer schützt wen vor wem?
Die Geschichte des Staatsschutzstrafrechts in der Bundesrepublik ist geprägt von NS-Kontinuitäten, politischer Instrumentalisierung und antikommunistischer Paranoia im Kalten Krieg. Juristen mit NS-Vergangenheit formten 1951 ein Strafrecht, das autoritäre Denkmuster fortschrieb und zur Verfolgung politischer Gegner nutzbar machte. Trotz Reformen ab 1968 bleibt der Staatsschutz ein sensibles Instrument, das stets zwischen legitimer Sicherheitsvorsorge und Machtmissbrauch balancieren muss. Die Lehre aus der Geschichte: Strafrecht darf in einer Demokratie nur ultima ratio sein – und muss vor allem die Freiheitsrechte der Bürger schützen.

„Zwischen sozialistischem Ideal und Lostdeutschland“: Alexander Estis über seine Erfahrungen als Dresdner Stadtschreiber

Frei nach Douglas Adams: „This has made a lot of people very angry and been widely regarded as a bad move."

„Zwischen sozialistischem Ideal und Lostdeutschland“: Alexander Estis über seine Erfahrungen als Dresdner Stadtschreiber
Foto: Vasily Malygin / Unsplash

Alexander Estis ist dieses Jahr Stadtschreiber von Dresden. Frei nach Douglas Adams: „This has made a lot of people very angry and been widely regarded as a bad move." In der FAZ schreibt Estis:

Ich bin derzeit Dresdner Stadtschreiber. Aber was mir dort in den Sozialen Medien an Äußerungen über mich begegnet, lässt mich nicht nur an der eigenen Identität zweifeln.

In einem sehr klugen Text, der vorher mal als Vortrag bei der Sommernacht der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gehalten wurde, beschreibt Estis die widersprüchliche Ideologie und die zahlreichen Idiosynkrasien, die in Sachsen offenkundig sind und einem – jedenfalls im Fall von Estis – auch ungefragt um die Ohren gehauen werden.

So zeigt sich mir der deutsche Osten in einer Dialektik zwischen Verherrlichung und Verdammung, zwischen sozialistischem Ideal und „Lostdeutschland“, zwischen Stasi-Angst und Ostalgie, Diktaturabwehr und Autoritarismusnähe, fremdverursachter Nichtzugehörigkeit und selbst­gewählter Distanz. Darin erkenne ich ein wenig auch meine Erfahrung wieder: Die eigene Identität als Fremdzuschreibung. Identität scheint mir insofern fast schon etwas zu sein, das man nicht setzt oder summiert, sondern umgekehrt subtrahiert. Ich bin Nichtrusse, Nichtdeutscher, Nichtschweizer sowieso.
Willkommen in Lostdeutschland

(Geschenklink)

Müssen das wirklich JETZT die Gerichte klären?

Rechtsphilosoph Christoph Möllers spricht an, was im Grundrauschen der tagesaktuellen Politik(-Berichterstattung) unterzugehen scheint.

Müssen das wirklich JETZT die Gerichte klären?
Rechtsphilosoph Christoph Möllers bei einer Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung 2018 (Foto: Stephan Röhl via Heinrich-Böll-Stiftung unter CC BY-SA 2.0)

Schönes Gespräch bei Lesart im Deutschlandfunk Kultur mit dem Rechtsphilosophen Christoph Möllers über die (politische) Macht von Gerichten.

Rechtsphilosoph Christoph Möllers: Wie viel politische Macht haben Gerichte?

Der Kern des Gesprächs scheint mir tatsächlich im Grundrauschen der tagesaktuellen Politik(-Berichterstattung) sehr oft unterzugehen. Wie oft werfen Parteifunktionäre direkt das scharfe Schwert des Rechtsweges in den Raum, ohne sich um eine tatsächlich politische Lösung, die dann mitunter auch diplomatisches Geschick abverlangt, zu kümmern? Es scheint mir immer öfter vorzukommen. Aber ist das gewissermaßen nicht auch ein geworfenes Handtuch im demokratischen Ring?

„Das müssen jetzt die Gerichte entscheiden", sollte letztlich doch am Ende jeder demokratischen Bemühung stehen. Stattdessen scheint es immer mehr als Abkürzung zu einem gewünschten Ergebnis begriffen zu werden. Doch darin liegt eine extreme Gefahr – nämlich dass Gerichte fälschlicherweise zunehmend als politische Akteure wahrgenommen werden und das Vertrauen in den demokratischen Prozess immer weiter abnimmt, weil es immer weniger gibt, was öffentlich und zivilisiert ausdebattiert wird.

(via Philipp Hölzing)

„Tech Bro Topia" ist der Podcast, der „Die Peter Thiel Story" gerne wäre

Außerdem hat der Podcast Banafshe Hourmazdi...

„Tech Bro Topia" ist der Podcast, der „Die Peter Thiel Story" gerne wäre
Bild: Deutschlandradio, Uta Oettel

Den nicht ganze so gelungenen Podcast Die Peter Thiel Story hatte ich vergangenes Wochenende schon mal im Programm. Denn der hat noch viel größere Probleme, als das der Titel eigentlich komplett durchgekoppelt gehört 😉 Den Podcast für den Deutschlandfunk produziert hat die externe Bude Plotprodukt.

Inhouse ist hingegen der Sechsteiler Tech Bro Topia entstanden, den ich mir nun auch angehört habe. Und was soll ich sagen? Das ist genau der Podcast, der Die Peter Thiel Story gerne sein würde: angemessen klar und scharf in der Sprache, ausgewogen, aber ohne False Balance und nicht um Verständnis, sondern um Verstehen bemüht. (Ich glaube auch nicht, dass Die Peter Thiel Story tatsächlich auf Verständnis aus ist. Aber die Wahl der Gesprächspartner*innen und fragwürdige Formulierungen könnten diesen Eindruck erwecken.)

„Tech Bro Topia“ setzt sich unter anderem mit den Denkmustern von Elon Musk, J.D. Vance und den Einflüssen des Risikokapitalgebers Marc Andreessen und des neo-reaktionären Vordenkers Curtis Yarvin auseinander. Das Deutschlandfunk-Rechercheteam hat dafür über Monate die Strukturen und historischen Bezüge der „Tech Bros“ untersucht und mit hochrangigen Gesprächsgästen aus dem In- und Ausland gesprochen. Zu Wort kommen Christian Angermayer, Tech-Milliardär und Freund von Peter Thiel mit enger Verbindung zur Trump-Familie, genauso wie Max More, Vordenker des Transhumanismus, und einige der wichtigsten Autoren, Forscherinnen und Praktiker.

(Für die Fans: Host ist Banafshe Hourmazdi of FUTUR DREI-Fame.)

Podcast “Tech Bro Topia” (1/6)
Sommer 2025: Die USA vollziehen den Schwenk zum Autoritarismus. Mittendrin die Tech-Bros aus dem Silicon Valley.
„Tech Bro Topia“
Sechsteiliger Podcast über die Ideologen und Tech-Milliardäre im Silicon Valley.