„Who knows about the future? Perhaps only the dead…“ Mit diesen, zugegebenermaßen schon ziemlich kalenderspruchartigen, aber dennoch eindrücklichen Sätzen schließt der Film. Die ganzen Anspielungen auf das sogenannte Dritte Reich lassen eigentlich keinen anderen Schluss zu.
Aber meine Güte, das ist alles so lieblos zusammengedengelt. Ein weiteres Mal diese Welt neu zu erfinden, ist schon mutig. Aber wirklich Muse, sie auch zu unterfüttern, ist nicht übrig geblieben. Die einzelnen Elemente werden hier einfach on the go zusammengeklebt, aber kohärent ist das nur selten. Letztlich dient vieles nur alles Mittel zu Zweck, um ein paar Actionsequenzen zu rechtfertigen. Drängende Fragen werden einfach umschifft für das große Krachbumm.
Kein würdiger Abschluss.
★★☆☆☆
US, R: J. Lee Thompson, D: Roddy McDowall, Natalie Trundy, Austin Stoker, Severn Darden, Claude Akins, Paul Williams, Trailer, Wikipedia
Ich finde schon, dass diesem Film ein gewisses Fieber innewohnt. Der Zusammenbruch der DDR legt frei, was das SED-Regime mit aller Macht vertuschen und verschweigen wollte, die Baseballschlägerjahre brechen an. Und es wird klar, dass die rechtsextremen Strukturen nicht auf absolut unfruchtbarem Boden doch noch irgendwie gewachsen sind, sondern dass Xenophobie und Rassismus ein gesamtgesellschaftliches Problem sind.
Gleichzeitig liegt nicht nur die DDR als Staat, sondern auch die Existenzen von Menschen und Familien in Trümmern. Mütter wachen auf und sind plötzlich mit ihren Kindern alleine, die Väter sind in Nacht und Nebel in den Westen abgehauen. Es gibt keine sichere ökonomische Perspektive, die Menschen verlassen in Scharen das leckgeschlagene Schiff.
Wer das Glück hat, im richtigen Alter zu sein, hat gleichzeitig die Chance, seine komplette Identität im wildwestartigen Rausch der Nachwendejahre neu zu schreiben. Nur gelingt es dabei nicht jedem – mal aus Unvermögen, mal auf Druck von außen –, positive Formulierungen zu finden.
Dass Andreas Dresen mitunter ziemlich tief in die inszenatorische Klischeekiste greift? Schwamm drüber. Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu sein, dass keine Club-Szene ohne desorientierendes Strobo-Licht und Schnitte im selben Rhythmus auskommen darf. Aber diese Handvoll Vignetten fühlen sich einfach sehr wahrhaftig an – was sicherlich auch Verdienst der stabilen Romanvorlage von Clemens Meyer und sowieso von Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase ist.
★★★½☆
FR/DE, R: Andreas Dresen, D: Merlin Rose, Julius Nitschkoff, Joel Basman, Marcel Heupermann, Frederic Haselon, Ruby O. Fee, Trailer, Wikipedia
Dass dieser Film wunderschön fotografiert ist, steht wohl außer Frage. Die durch die Klarheit der Bilder mögliche Kontrastarbeit, die hier in Verbindung mit Umgebungsgeräuschen und Score vollzogen wird, ist wirklich bemerkenswert. So spiegelt die Form auch die Weltbilder und Werte, die hier aufeinander krachen und Widersprüche erzeugen.
Es geht um die vermeintlich kosmopolitischen Städter*innen, die von oben herab auf die Landbevölkerung blicken und ihnen letztlich nur abschätzig begegnen, gleichzeitig aber genau diese Welt abseits der urbanen Betonhölle romantisieren und als Sehnsuchtsort stilisieren – und zwar so sehr, dass sie daraus wieder Kapital schlagen wollen, womit sie letztlich aber genau das aufs Land holen, vor dem sie eigentlich flüchten wollen.
Wie Ryūsuke Hamaguchi hier mit dem Konzept des Gleichgewichts zwischen Natur und Mensch umgeht, lässt sich vielleicht als etwas naiv, kitschig und/oder esoterisch beschreiben. Aber letztlich wird so auch die Komplexität der Organisation menschlichen Lebens auf diesem Planeten sichtbar. Denn dieses eremitenhafte Leben der Menschen auf dem Land ist letztlich auch nur möglich, weil es woanders großindustrielle Zentren gibt, von denen wiederum auch Infrastruktur auf dem vermeintlich so sehr von den Zwängen des kapitalistischen Wirtschaftens unabhängigen Land abhängig ist.
Am Ende bleibt die Frage, ob ein Gleichgewicht mit dem Menschen in der einen Waagschale überhaupt möglich ist. Meine Meinung und auch Lesart der letzten Momente des Films ist: nein. Alles andere ist Illusion.
U.S. GO HOME hat dafür gesorgt, dass sich vor meinem geistigen Auge eine Kontinuitätslinie von der Nouvelle Vague bis zu Steve McQueensLOVERS ROCK (2020) aus dessen Filmreihe Small Axe aufgetan hat. Claire Denis inszeniert hier mit der Unerschrockenheit des französischen Kinos der 1960er und geht inhaltlich Hand in Hand mit Godard, indem sie ähnliche politische Diskurse nicht nur im Subtext austrägt, sondern sie furchtlos an der Oberfläche verhandelt.
Dafür wählt sie, wie Steve McQueen in LOVERS ROCK, eine Party als Debattenfeld, auf dem es dann um das Politische zwischen Mann und Frau, um Geschlechterrollen, um Machtverhältnisse, um Moralvorstellungen und Sex geht. Die Jugend ist politisch und will nicht nur Gegenstand der Debatten sein, sondern den Diskurs aktiv mitgestalten – gerade, wenn politisch einiges in Bewegung ist wie hier kurz nach der Gründung der Europäischen Union.
Ich habe den letzten Akt jedoch als pessimistischen Blick auf Frankreich und/oder Europa gelesen. Denn man kann noch so reflektiert durchs Leben gehen, immer mit einem sehr akademischen Blick die Welt wahrnehmen und kluge Vorstellungen für eine künftige Gesellschaft formulieren. Aber wenn man dabei nicht merkt, dass man sich schon längst im Auto des imperialistischen Kapitalismus durch die Gegend kutschieren lässt.
★★★★☆
FR, R: Claire Denis, D: Alice Houri, Jessica Tharaud, Grégoire Colin, Martine Gautier, Vincent Gallo, Trailer, Wikipedia
(c) Diaphana Films, WTFilms, Atelier de Production, ARTE France Cinéma
Quentin Dupieux verführt mich immer wieder mit seiner Verheiratung von Nihilismus und dem Absurden. Er schafft es dabei immer wieder, nicht nur der Weirdness wegen weird zu sein, sondern darüber auch immer wieder kluge Diagnosen zu stellen.
Hier sind es zwei Menschen, die letztlich Vasallen des Marktes sind. Er muss sich von früh bis spät durch Aktenberge wälzen, mit seinem fragwürdigen Chef Umgang finden und sich von Kunden beschimpfen lassen. Sie hingegen meint, für sich einen Weg heraus aus diesem finsteren Tal gefunden zu haben. Sie sieht eine große Chance darin, aus einer wortwörtlichen Verjüngungs-„Kur“ Kapital zu schlagen. Immerhin sind es ja die jungen, faltenlosen Frauen, nach denen der Markt verlangt.
Dupieux beobachtet hier jedoch schlau, dass diese Kriterien des Marktes mehr oder weniger dem Karotten-Prinzip folgen. Erfolg und Wohlstand werden allen in Aussicht gestellt, die diesen – bei Frauen dann oft ästhetischen – Kriterien entsprechen können. Doch die Karotte wird weiterhin außer Reichweite hängen bleiben. Die Genügsamkeit des Marktes ist ein Trugschluss.
Der Twist dieses Films ist eine DER popkulturellen Säulen meiner Alterskohorte. Lange war ich davon überzeugt, dass mir der Film nichts mehr geben könne, weil ich schon um dieses Element Bescheid wusste. Deshalb habe ich ihn bis heute nie gesehen. Doch nun hat es mich doch gejuckt und natürlich auch gereizt zu sehen, ob der Film auch über den Twist hinaus funktioniert. Denn das kann man nicht unbedingt von allen Shyamalans behaupten.
Ich denke: THE SIXTH SENSE hat doch mehr zu sagen als Haley Joel Osments legendäre Dialogzeile. Es geht um Zugehörigkeit und darum, als Mensch gesehen und akzeptiert zu werden. Es ist letztlich die klassische Frage „Wenn ein Baum im Wald umfällt und niemand da ist, um es zu hören, macht er dann ein Geräusch?“, die Shyamalan in eine Spukgeschichte gießt. Denn lebt ein Mensch wirklich, wenn er von niemandem wahrgenommen wird, wenn alle durch ihn durchsehen? Und diese Frage stellt sich über die Figuren von Haley Joel Osment und Bruce Willis hinaus, etwa auch bei der Figur von Toni Collette („Look at my face!“ <3).
Wer mit dem Wissen um den Twist in diesen Film geht, merkt aber auch schnell, wie grobschlächtig diese Anordnung zusammengedängelt wurde – irgendwo zwischen vermutlich komplett vorhersehbar und hanebüchen an den Haaren herbeigezogen. Shyamalan dramaturgischer Kniff ist letztlich kaum mehr als ein Tischfeuerwerk.
★★★☆☆
US, R: M. Night Shyamalan, D: Haley Joel Osment, Bruce Willis, Toni Collette, Olivia Williams, Trailer, Wikipedia
„Heute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag, habe ich mir einfach mal überlegt, welche Möglichkeiten und Privilegien Männer haben, die ich für uns auch gern hätte“, schreibt Jasmin Schreiber. Man(n) liest und scrollt sehr lange.
Privilegien, die ich als Frau auch gern hätte — JASMIN SCHREIBERHeute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag,
Die heutigen Dailies unter anderem mit: Robyn, Hank Green und Alice Rohrwacher
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