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Filmkritik

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Gesehen: Stella. Ein Leben. (2023)

Gesehen: Stella. Ein Leben. (2023)
(c) Majestic Film

Ich bin mir nicht sicher, was dieser Film inszenatorisch versucht, aber immerhin versucht er irgendwas und lässt sich nicht komplett von Schuss, Gegenschuss, Halbtotale von den drei apokalyptischen Reitern des deutschen Historienschinkens vereinnahmen. Die Gleichung geht am Ende nur leider trotzdem nicht auf und so bleibt eine sehr komische Melange aus unkonventionellen Blenden und keinem Zweck dienender Farbspielerei übrig.

Ansonsten veranstaltet der Film mit seiner Protagonistin eine Art historischen Domino Day – ehe man sich versieht, ist bereits ein Großteil der Steine umgerissen worden und man hat gar nicht gesehen, was den ersten Stein überhaupt so richtig ins Wanken gebracht hat.

Stella fällt eine (folgenschwerere) Entscheidung nach der anderen. Aber der Film scheitert so wie die überlebenden Jüd*innen daran, einen Blick in Stellas Psyche zu erhaschen, den in ihr aufgebrochenen Abgrund zu umreißen und so nach den Grenzen ihres Gewissens suchen zu können.

Die Art und Weise, wie der Film diese Geschichte erzählt, erscheint mir fast schon wertlos. Es ist besonders bitter, diesen Film mit zunehmend unverhohlener an die Oberfläche durchdrückendem Antisemitismus in der Folge des 07. Oktober 2023 im Hinterkopf zu sehen. Denn vor diesem krassen Kontrast wird glasklar, dass hier vielleicht nicht die richtigen Menschen gefunden wurden, um gerade diese Geschichte mit dem nötigen Einfühlungsvermögen zu erzählen.

An die wirklich komplexen Fragen traut sich der Film einfach nicht heran. Aber genau damit steht und fällt dieser Stoff nun mal.

★½☆☆☆

AT/DE/CH, R: Kilian Riedhof, D: Paula Beer, Jannis Niewöhner, Katja Riemann, Joel Basman, Damien Hardung, Gerdy Zint, Trailer, Wikipedia
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Gesehen: Tomorrow Never Dies (1997)

Gesehen: Tomorrow Never Dies (1997)
(c) Eon Productions / MGM

Dass das natürlich weiterhin sexistischer Quatsch ist, der vor lauter Klischees regelrecht trieft, ist fast schon nicht weiter erwähnenswert. Aber komplett faul ist der Film dann auch wieder nicht. Denn er registriert in dieser Zeit in den Jahren nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs, dass die bisher bipolare Welt eine Neuordnung erfährt und was einst so vermeintlich klar abzustecken war, nach und nach zersetzt wird.

Klar, Westen und Osten gibt es immer noch. Aber hier geht es um eine dritte Macht, die durch reine Konzentration von Kapital entsteht und dann missbraucht wird. Eigentlich ist es ein abschreckendes Beispiel dafür, was passiert, wenn zentrale KommunikationsTechnologien praktisch unreguliert bleiben in die Hände von rechtsradikalen Milliardären fallen. Elon Musk. Ich meine Elon Musk.

Zum Abgewöhnen bleibt weiterhin das ganz grundlegende Sujet der ganzen Reihe: Demokratisch gewählte Regierungen sind unfähig und müssen deshalb immer wieder von einem Geheimdienst gerettet werden, der jedoch kaum einer funktionierenden demokratischen und schon gar keiner transparenten Kontrolle unterliegt. Coole Agent*innengeschichten ließen sich auch ohne ein Abkulten dieses Weltbildes erzählen. Aber das muss man dann auch wollen.

★★½☆☆

GB/US, R: Roger Spottiswoode, D: Pierce Brosnan, Jonathan Pryce, Michelle Yeoh, Teri Hatcher, Joe Don Baker, Judi Dench, Ricky Jay, Desmond Llewelyn, Götz Otto, Samantha Bond, Trailer, Wikipedia
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Kinotagebuch: The Room Next Door (2024)

Kinotagebuch: The Room Next Door (2024)

Zugegeben, es hat ein bisschen gedauert, bis mir klar geworden ist, dass hier beim Dialogbuch gar nichts schiefgelaufen ist. Denn vieles fühlt sich nach dem Vorlesen von groben Outlines von Szenen und Unterhaltungen an, in denen die Figurenbewegung und Inhalt klar und mit groben Strichen skizziert werden.

Aber weil sich das konsequent durch den gesamten Film zieht und Pedro Almodóvar nun auch kein Anfänger ist, muss die Frage gestellt werden: Ist das Absicht und gar keine Unfähigkeit? Ich jedenfalls glaube schon.

Die Sprache ist zentrales Mittel innerhalb dieser Versuchsanordnung, mit der Almodóvar versucht herauszufinden, was die Menschen untereinander und mit dem Konzept des Lebens verbindet. Ist es die Sprache?

So wie ich den Film gelesen habe: Nein, ist es nicht. Denn Almodóvar hat aus den Dialogen jegliche Seele gepresst, bis nur noch reine Mechanik, deskriptive Wortketten und somit das vermeintliche Wesentliche übrig geblieben sind. Und damit scheitern die Figuren daran, sich ihrer Beziehung zueinander und zum Leben zu vergewissern.

Was ist also der Kitt? Das vermag der Film nicht zu sagen. Und ich finde, das muss er auch nicht. Kunst ist uns keine Antworten schuldig, denn die Antworten können wir nur in uns selbst finden. (Wow, das war jetzt kitschig.)

Letztlich ist es schon interessant zu sehen, wie hier in der Regel als schlechtes Handwerk wahrgenommene Elemente eingesetzt werden, um viel tiefergehende Gedankengänge anzustoßen.

★★★½☆

ES, R: Pedro Almodóvar, D: Julianne Moore, Tilda Swinton, John Turturro, Alex Høgh Andersen, Esther-Rose McGregor, Melina Matthews, Juan Diego Botto, Alessandro Nivola, Trailer, Wikipedia
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Kinotagebuch: Riefenstahl (2024)

Kinotagebuch: Riefenstahl (2024)

Es wirkt, als ob Leni Riefenstahl aus der Zwischenhölle heraus gegen diesen Film anargumentiert. Denn es ist wirklich eine Art Dialog mit dem Nachlass Riefenstahls, den Andres Veiel hier anstrebt. Ohne Effekthascherei und komplett in sich ruhend lässt der Film die vergangene Leni Riefenstahl immer und immer wieder voller Selbstbewusstsein auflaufen. Veiel widerlegt Stück für Stück die von Riefenstahl um sich herum gesponnene Legende.

Es mag daran liegen, dass ich am Tag vorher GOLDHAMMER gesehen habe. Aber je tiefer sich die Archiv-Riefenstahl in ihren Bau aus Widersprüchen gräbt, desto überzeugter war ich davon: Wäre die Filmemacherin in unserer Zeit aufgewachsen, wäre sie Influencerin bzw. „Content"-Creatorin. Klar, eine mit unbestreitbarem Talent und Gespür für Ästhetik wie nur wenige andere, aber dennoch.

Am Ende bleibt ein Bild von Riefenstahl als Opportunistin mit bewusst selektiver Realitätswahrnehmung, die um jeden Preis rezipiert werden will – letztlich egal womit. Das zeigt sich auch darin, dass sie immer und immer wieder Interviews gibt – wohl wissend, dass sie auf ihre Rolle im Nazi-Regime angesprochen werden wird. Aber zu groß ist die Versuchung des Rampenlichts, zu gut die Gelegenheit, sich selbst und ein ganzes Täter*innenvolk als eigentliche, unwissende Opfer zu inszenieren.

(Eine ganz besondere Form des Ekels löst das für diesen Dokumentarfilm restaurierte historische Filmmaterial aus. Hitler in makellosem 4K und auf 24 Vollbilder die Sekunde interpoliert in die Kamera lächeln zu sehen, ist eine sehr komische Erfahrung.)

DE, R: Andres Veiel, Trailer, Wikipedia
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Gesehen: Goldhammer (2023)

Gesehen: Goldhammer (2023)
(c) Glotzenoff / André Krummel

Wenn dein Beruf und deine Berufung sind, um jeden Preis, egal vom wem und durch welche Mittel auch immer rezipiert zu werden, dann bist du Geisel der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie im Plattformkapitalismus.

Pablo Ben-Yakov und André Krummel treiben diese Beobachtung mit ihrem Film auf die Spitze – und zwar so sehr, dass ich GOLDHAMMER eher nicht als Dokumentarfilm, sondern als Medienkunst bezeichnen würde.

Denn hier wird offen mit dem eventuellen Überschreiten der Genregrenzen kokettiert – und zwar so sehr, dass ich zu zweifeln begonnen habe, ob Marcel Goldhammer überhaupt eine existierende Person ist. Die Grenze zwischen dem Dokumentarischen und dem Inszenierten ist hier so hauchdünn, dass kaum ein Blatt dazwischen passt.

Was ist echt? Was haben Ben-Yakov und Krummel inszeniert? Wie viel Kontrolle haben die beiden bewusst ihrem Protagonisten gegeben, um Misstrauen in die eigenen Bilder zu säen? Jedenfalls wird hier die Ambiguitätstoleranz des Publikums bewusst an ihre Grenzen getrieben

GOLDHAMMER zersetzt unsere Beziehung zu Bildern und vermeintlich authentischen Menschen von innen auf äußerst produktive Art und Weise.

DE, R: Pablo Ben-Yakov, André Krummel, Trailer
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Kinotagebuch: Anora (2024)

Kinotagebuch: Anora (2024)

Und die Moral von der Geschicht'? Milliardäre verbieten!

Sean Baker entzaubert den Cinderella-„Mythos" auf seine Art, die sich nicht auf den bereits ausgetretenen Wegen bewegt. Es geht hier nicht um zwei Figuren, die allen Widrigkeiten zum Trotz die Ketten ihrer bisherigen Leben sprengen, um miteinander sein zu können. Es geht um Macht als unweigerliche Konsequenz aus Geld. Wer Fuck-You-Money hat, wird sich folgerichtig irgendwann entsprechend verhalten. Ab einem gewissen Betrag wird das Konto zu einem Schwarzen Loch, dessen Hunger weder Licht noch Macht entkommen können.

Sean Baker hat sich auch hier die große Empathie gegenüber seinen Figuren bewahrt. Er begegnet ihm, von seinen Eltern kaum als Mensch behandelt und doch eisern in deren Griff, voller Mitgefühl und zieht ihn doch für sein Verhalten zur Verantwortung. Denn wieder jeder andere Mensch ist in letzter Konsequenz nur er für sein Handeln verantwortlich.

Sie als Sexarbeiterin wird wie von Sean Baker gewohnt niemals von oben herab behandelt und nicht als Opfer gezeichnet, das „gerettet" werden muss. Gleichzeitig ignoriert Baker jedoch auch nicht den ökonomischen Druck, unter dem sie zu stehen scheint, und deutet auch eine traumatische Erfahrung aus der Vergangenheit an. Diese nicht klar zu benennen, ist genau die richtige Entscheidung. Denn so wird diese Figur nicht durch ihr Trauma definiert und darauf reduziert. Sie bekommt die Chance, in unseren Augen ein vollwertiger Mensch zu bleiben.

Darüber hinaus wünsche ich mir von Sean Baker so langsam mal etwas mehr ästhetische Variation. Seine bewährten Tracking-Shots mit leicht fischäugigen Objektiven laufen Gefahr, in absoluter Formelhaftigkeit zu enden. Gleichzeitig kann ich mir Bakers Filme aber nur schwer ohne vorstellen. Denn diese Shots sorgen nämlich auch für eine sich sehr organisch anfühlende Leichtigkeit der Bilder, für etwas Unmittelbares, ohne gleich Found-Footage zu sein.

Unbestreitbar gut bleibt Sean Bakers Casting. Einerseits setzt er auf Schauspieler:innen mit noch kleinen Filmografien und bietet ihnen die Möglichkeit, sich ihrer selbst und ihres Images zu ermächtigen, bevor das andere für sie tun. Nach HYTTI NRO 6 auch Yura Borisov und nach LEVIATHAN auch Aleksey Serebryakov wieder auf einem neuen Spielfeld mit internationaler Beachtung zu sehen, hat mich sehr gefreut.

Und der Soundtrack ist absolut killer.

★★★★☆

US, R: Sean Baker, D: Mikey Madison, Mark Eidelstein, Karren Karagulian, Yura Borisov, Vache Tovmasyan, Trailer, Wikipedia
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