Jetzt fühlt sich THE SUBSTANCE für mich wie ein Prequel an. Denn hier ist es bereits in der gesellschaftlichen Breite angekommen und anerkannt, sich alle zwölf Stunden für einen halben Tag lang ein anderes, als schöner empfundenes Aussehen verpassen zu können. Daraus ergeben sich ganz neue Fallstricke – etwa die Freilegung eines tief im Bewusstsein verankerten, monokulturellen Verständnisses von Schönheit und einer immer uniformer, stumpfer, klinischer werdenden Ästhetik des öffentlichen Raums.
FR, R: Coralie Fargeat, D: Vincent Colombe, Aurélien Muller, Vanessa Hessler, Aurélia Poirier, Samuel Trépanier, Wikipedia
(c) Les Films de la Boétie, Alexandra Produzioni Cinematografiche
Eine auf den letzten Metern doch noch gelungen zusammengeschnürte Erzählung von Begehren, Erotik, Liebe, Hass, Zwang, Kontrolle, Macht und deren Missbrauch sowie der provozierenden Gleichzeitigkeit, in der all diese Emotionen und Zustände existieren. Wo verlaufen die Grenzen? Gibt es überhaupt Grenzen oder ist alles eine große Grauzone? Diese Ambiguitäten, dieses Verweigern jeglicher Schubladen spiegelt Chabrol auch in der Sexualität seiner Figuren, dekonstruiert dabei Geschlechterrollen und lässt bürgerliche Kleingeistigkeit auflaufen. Es ist ein wahrer Zirkus – sowohl im artistischen als auch im römischen Sinne.
★★★½☆
FR/IT, R: Claude Chabrol, D: Stéphane Audran, Jacqueline Sassard, Jean-Louis Trintignant, Henri Attal, Dominique Zardi, Trailer, Wikipedia
Das Auftragskiller-Schema quasi zu invertieren und jemanden zu zeigen, der zwar genauso im Schatten arbeitet, jedoch Kugeln aus Menschen herausholt, das ist schon eine ziemlich coole Idee. So erscheinen bekannte Konstellationen in neuem Licht, was neue Spannungsfelder eröffnet und frische Reibungsflächen entstehen lässt.
Oft kam mir bei der lakonischen Abgeklärtheit der Figuren, der Kühle, Ruhe und dem langsamen Tempo des Films tatsächlich der Gedanke an Thomas Arslans IM SCHATTEN. Doch hier reicht das Selbstbewusstsein letztlich nicht aus, vollends darin aufzugehen. Zu viele halbgare emotionale Köder wirft der Film aus, die nach dem Anbeißen dann einfach zu wenig liefern.
★★★☆☆
DE, R: Denis Moschitto, Daniel Rakete Siegel, D: Denis Moschitto, Aenne Schwarz, Fahri Yardım, Anke Engelke, Sandro Di Stefano, Trailer, Wikipedia
Mit David Leitch ist der Film natürlich in den besten Händen, denn er huldigt hier ohne jeglichen Zynismus seiner ursprünglichen Zunft und persifliert das Filmbusiness mit einem sympathischen Augenzwinkern. Bemerkenswert ist für mich außerdem, dass hier die digitale Reproduktion ganzer Körper vor der Kamera nicht nur eine Rolle spielt, sondern sehr zeitgeistig einen zentralen Plot Point daraus konstruiert.
Nur davon abgesehen scheint der Weg, den dieser Film beschreitet, bereits ab der ersten Sekunde klar zu sein. Er erfüllt alle Mindestanforderungen an einen massentauglichen Film, der unter dem Deckmantel einer angestaubten IP einfach ein paar Übercharismaten vor der Kamera für eine gute Zeit zusammenschiebt. Aber genau das ist doch auch das Problem. Was hier passiert, ist einfach super transparent, ohne Vision, ohne Wagnis, konventionell und abgegriffen.
Am Ende lächelt man müde und hat im exakt selben Moment den halben Film schon wieder vergessen.
★★½☆☆
US, R: David Leitch, D: Ryan Gosling, Emily Blunt, Aaron Taylor-Johnson, Hannah Waddingham, Teresa Palmer, Stephanie Hsu, Winston Duke, Trailer, Wikipedia
Die größte Stärke dieses Films ist auch gleichzeitig seine größte Schwäche. Das Tempo, mit denen hier Schockmomente geschaffen werden und mit dem dann von einem dieser Momente zum nächsten weitergehastet wird, das erzeugt einen körperlich unangenehmen Malstrom, von dem die Figuren in einen Höllenkreis nach dem anderen hinabgerissen werden.
Es ist jedoch auch genau dieses Tempo, das kaum Raum bietet, viele interessante Angstmomente wirklich entwickeln zu können. Der Film verlässt sich auf die reinen Schockeffekte, zum Nachdenken über deren Auslöser bleibt keine Zeit und so ist der Film an einer in ihren Fundamenten hier auf jeden Fall existenten Ebene des Horrors vorbei inszeniert, was sich auch wieder nach verpulvertem Potenzial anfühlt.
Das Ende nimmt dann regelrecht Shakespearesche Qualitäten an. Hell is empty, And all the devils are here.
★★★☆☆
US, R: John Erick Dowdle, D: Perdita Weeks, Ben Feldman, Edwin Hodge, François Civil, Marion Lambert, Ali Marhyar, Cosme Castro, Trailer, Wikipedia
Ich mag doch alberne Filme mit schrulligen Figuren, tollen Schauspielerinnen und dem Herz am richtigen Fleck. Dennoch war das hier total mittelmäßig. Viele Gründe dafür sind struktureller Natur, der Film ist äußerst repetitiv in seinen Motiven, Figurenanordnungen und im Humor.
Allen voran Olivia Coleman, Jessie Buckley und Anjana Vasan sind es, die den Film immer wieder zurück auf den Boden holen. Gerade Coleman spielt hier äußerst filigran und schafft es mit nuanciertem Mienenspiel nahezu wortlos, den für mich interessantesten Part der Geschichte freizulegen: den schamlosen Masochismus innerhalb katholisch geprägter Institutionen. Der Erlöser™ hat gelitten. Wenn wir also auch leiden, sind wir dem Erlöser™ zum Greifen nahe. Und wie finden wir das? Richtig geil, wir könnten uns bis zum Jüngsten Gericht darin suhlen!
Doch dann bombardiert der Film dieses spannende Fundament mit völlig kruden Momenten. Wenn Anjana Vasans Figur als einzige Polizistin im Revier immer wieder zu vermeintlich niederen Aufgaben verdonnert und wiederholt von ihrem männlichen Vorgesetzten darauf hingewiesen wird, dass es ja immer noch eine Hierarchie gebe, dann ist das erst mal Ausdruck der patriarchalen Machtverhältnisse. Diese auszusprechen, ist noch kein Gag. Denn dafür bedarf es üblicherweise eines Bruchs mit Erwartungen. Den liefert der Film jedoch nur in den wenigsten Momenten. Deshalb hat es sich für mich sehr oft so angefühlt, als ob hier nicht über die misogynen Arschlöcher, sondern mit ihnen gelacht wird.
„Heute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag, habe ich mir einfach mal überlegt, welche Möglichkeiten und Privilegien Männer haben, die ich für uns auch gern hätte“, schreibt Jasmin Schreiber. Man(n) liest und scrollt sehr lange.
Privilegien, die ich als Frau auch gern hätte — JASMIN SCHREIBERHeute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag,
Die heutigen Dailies unter anderem mit: Robyn, Hank Green und Alice Rohrwacher
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