Ich finde, es nimmt schon fast herzogsche Qualitäten an, wie diese Menschen immer mehr eiinem zum Wahn gewordenen Wunsch verfallen und daran verkümmern. Wie die Vorstellung von Geld und Reichtum als Lösung aller Probleme regelrecht Regression in den Köpfen dieser Männer triggert. Wie sie wie kleine Kinder durch den Wald hüpfen, regelrecht Überfall spielen, bis sie irgendwann nur noch ein Schatten ihrer selbst sind und geistgleich durch die dichtstehenden Bäume schleichen. Wie sie viel zu spät erkennen, dass nicht Geld per se für die soziale Ungleichheit verantwortlich ist und daran zugrunde gehen.
Völlig bizarr ist es für mich zudem, Volker Schlöndorff, Margarethe von Trotta und sogar in einer kleinen Rolle Rainer Werner Fassbinder in Verbindung mit diesen Orten zu sehen. Denn in einem wurde ich geboren, in einem anderen bin ich bis zum Ende meiner frühen Kindheit aufgewachsen.
★★★½☆
DE, R: Volker Schlöndorff, D: Georg Lehn, Karl-Josef Cramer, Margarethe von Trotta, Walter Buschhoff, Rainer Werner Fassbinder, Reinhard Hauff, Wolfgang Bächler, Karl-Heinz Merz, Joe Hembus, Karl Renar, Harald Müller, Maria Donnerstag, Angelika Hillebrecht, Harry Owen, Wilhelm Grasshoff, Eva Pampuch, Trailer, Wikipedia
John Hurt als John Merrick in David Lynchs „The Elephant Man" // (c) Studicanal, Arthaus
Schon während des Films musste ich vor allem über unseren Drang als Menschen, uns gegenseitig in Schubladen zu stecken, nachdenken. Das wird oft verwechselt mit dem Streben nach Wissen, danach, das Unbekannte zu ergründen. Denn unterm Strich geht es den Menschen um Kontrolle und nicht um Empathie.
Kaum jemand möchte den als „Elephant Man" entmenschlichten John Merrick wirklich verstehen, sonderlich letztlich für eigene Zwecke benutzen oder gar ausbeuten – der sich als Johns „Besitzer" gerierende Anbieter einer sogenannten Freakshow auf jeden Fall, Arzt Frederick Treves mindestens aus medizinischem Interesse und die Schauspielerin Madge Kendal, um sich als sensible und weltoffene Künstlerin zu inszenieren. John Merrick wird nicht aus den Fängen seines „Besitzers" gerettet, sondern einfach andernorts zur Schau gestellt.
Das ist für mich der todtraurige Kern des Films oder jedenfalls der Teil, über den ich einfach nicht aufhören konnte, nachzudenken.
Gewissermaßen ist das auch eine Reflexion von David Lynchs Haltung zum Verhältnis zwischen seiner Kunst und dem Publikum. Unzählige Male, über Jahrzehnte hinweg hat sich Lynch geweigert, seine Kunst zu erklären. Die Kunst sollte immer für sich selbst sprechen. Dennoch wurden immer und immer wieder Erklärungen eingefordert – weil niemand wusste, in welche Schublade Lynch gesteckt werden könnte.
★★★★☆
US, R: David Lynch, D: John Hurt, Anthony Hopkins, Anne Bancroft, John Gielgud, Trailer, Wikipedia
Dustin Hoffman und Tom Cruise in „Rain Man" // (c) MGM Home Entertainment, Twentieth Century Fox Home Entertainment
Zwischen dem Kapitalismus und der Figur von Tom Cruise lassen sich schon einige Parallelen ziehen. Er geht mit seinem Bruder um, wie mit einem Arbeitshund. Er schreit ihn immer und immer wieder an in der ignoranten Hoffnung, sein Anliegen dadurch begreiflicher zu machen. Jeder tatsächliche Versuch, seinem Bruder auf Augenhöhe zu begegnen, ist durch Profitmaximierung motiviert. Ebenbürtig – und eigentlich nicht mal das – ist nur, wer ihm Geld in die Tasche schaufeln kann. Der Wert eines Menschen bemisst sich hier nur an seiner Wirtschaftskraft.
Schwierig sind natürlich das klischierte Spiel Dustin Hoffmans, das bei der Beschreibung einer Autismus-Spektrum-Störung unterkomplexe Drehbuch und die generelle Weigerung, tiefer in die Psyche der Figuren einzutauchen, da das dem Hollywood-Ende im Wege stehen würde.
★★★☆☆
US, R: Barry Levinson, D: Tom Cruise, Dustin Hoffman, Valeria Golino, Gerald R. Molen, Trailer, Wikipedia
Monique Gabrielle in „Emmanuelle 5" // (c) AS Productions, Sofima
Das gehört wirklich zum Bizarrsten, was ich bisher gesehen habe. Irgendwie will dieser Film Cannes und die Filme, für die Cannes steht, der Prüderie und der Scheinheiligkeit überführen.
Nur bleibt er bis zur letzten Sekunde jeglichen Beweis schuldig und bietet obendrauf selbst nichts Eigenes an – nicht einmal mit einer gewissen Verve inszenierte Sexszenen, sondern selbst die sind eine Aneinanderreihung von starren, ewig gleichen Bildern, die sich schneller Abnutzen als die Darsteller:innen einen Höhepunkt vortäuschen können.
Dieser Film ist ein derart katastrophal geschnittenes Stück Elend, das komplett taktlos ein wirres Szenengeballer abfeuert, dass mir jedes weitere Wort fehlt...
½☆☆☆☆
FR, R: Walerian Borowczyk, D: Monique Gabrielle, Crofton Hardester, Dana Burns Westburg, Yaseen Khan, Bryan Shane, Trailer, Wikipedia
Helena Bonham Carter und Michael Keaton in „Live from Baghdad" // (c) HBO
In den Momenten, in denen die inneren Abläufe und grundlegenden Mechanismen des 24-Stunden-News-Cycles an die Oberfläche treten, neigt der Film zu übermäßiger Didaktik und traut seinem Publikum offenbar nicht zu, aus den Bildern eigene Schlüsse zu ziehen.
Doch diese Momente des Erklärfernsehens sollen nicht überschatten, dass der Film durchaus gelungen und akribisch die grundlegenden Probleme eines Rund-um-die-Uhr-Mediums mit journalistischem Inhalt nachgeht. Hier scheint durch, dass das noch junge CNN schon früh verloren schien.
Denn der Film beginnt nicht, wie man vielleicht erwarten könnte, mit einem Haufen von idealistischen Journalist:innen, die schließlich am ökonomischen Druck und dem auferlegten Zwang zur Gewinnmaximierung zerbrechen. Es ist genau andersherum. Zunächst geht es diesen Journalist:innen nur um Quote und die folgerichtig klingelnde Kasse beim Sender. Erst später finden sie zu journalistischen Idealen (zurück), aber da ist die Karre CNN schon unrettbar mit Vollgas auf Kurs gegen die Wand.
Verstärkt wirkt dieser Kurs auch dadurch, dass niemand die gesellschaftlichen Folgen dieses orchestrierten, permanent feuernden und zunehmend eskalierenden Nachrichtenzirkus abgewogen hat – mutmaßlich sogar mit Vorsatz.
Wenn ich heute durch meine deutsche Brille auf CNN oder das verachtenswerte Fox News schaue, wird mir ob der Aufmachung dieses sehr meinungsgetriebenen Programms schwarz vor Augen. Aber es ist die logische Konsequenz dessen, was LIVE FROM BAGHDAD hier in seinen Anfängen beschreibt.
★★★☆☆
US, R: Mick Jackson, D: Michael Keaton, Helena Bonham Carter, Joshua Leonard, Lili Taylor, David Suchet, Bruce McGill, Michael Murphy, Robert Wisdom, Paul Guilfoyle, Clark Gregg, Hamish Linklater, John Carroll Lynch, Michael Cudlitz, Pamela Sinha, Trailer, Wikipedia
Maggie Gyllenhaal in „Secretary" // (c) Tiberius Film
Das ist in seinem Rahmen durchaus eine ernstzunehmende Betrachtung von BDSM-Beziehungen und den darin herrschenden Machtstrukturen. Denn dass ein substanzieller Teil dieser Macht tatsächlich beim unterwürfigen Teil der Beziehung liegt, ist ein Punkt, der in auf Breitenwirkung abzielenden Produktionen gerne unter den Tisch fallen gelassen wird.
Klischees sind eben der Weg des geringsten Widerstands. Aber hier wird klar herausgearbeitet, dass der dominante Part seine Bedürfnisse nur befriedigen darf, wenn der unterwürfige Part dem zustimmt. Mit dieser Zustimmung steht und fällt die Beziehung, also ist dort auch die Macht zu verorten.
Davon abgesehen fühlt sich die Geschichte auch so gut an, weil sie einen Menschen zeigt, der eine neue Haut findet, in sie hinein wächst, darin gesehen, akzeptiert und umarmt wird. Damit bietet sich der Film auch als Metapher auf ganz andere Lebensrealitäten an.
Was zum Glück „nur" die Rahmung des Films ist und recht schnell praktisch keine Rolle mehr spielt: Die Gleichsetzung von selbstverletzendem mit masochistischem Verhalten zu Beginn ist natürlich hochproblematisch, weil sich daraus letztlich nur zwei Lesarten ergeben: Entweder verharmlost dieses Motiv psychische Erkrankungen oder es zeichnet Subs in BDSM-Beziehungen aufgrund ihrer sexuellen Vorlieben als psychisch krank.
★★★☆☆
US, R: Steven Shainberg, D: Maggie Gyllenhaal, James Spader, Jeremy Davies, Lesley Ann Warren, Stephen McHattie, Patrick Bauchau, Jessica Tuck, Amy Locane, Trailer, Wikipedia
Youtube hat mir einen Channel vorgesetzt, auf dem jemand unter anderem über Filme spricht und Formel-1-Rennen recappt – im ASMR-Stil. Und ich weiß ja auch nicht 🤷♂️
Calm Skateboard ASMRThis channel is for ASMR purposes, featuring videos that contain whsipering, and soft speaking, designed to help people relax, and sleep. ASMR (Autonomous
Aktuell (noch) vor der Paywall: Ronen Steinke von der Süddeutschen Zeitung spricht im Podcast mit Christina Clemm. Clemm berät aktuell Collien Fernandes, aber der ist nur mittelbar Thema der Folge, die sich in allererster Linie um das System dreht, in dem Fälle wie eben jener (immer wieder) passieren.
Christina Clemm
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