Neben all den offensichtlichen Problemen dieses Films stößt mir, glaube ich, am sauersten auf, wie feige und arrogant er ist. Schlamm in alle Richtungen werfen, ist leicht – völlig egal, auf wie viel fruchtbaren Boden er dabei fallen mag. Aber bei all dem vulgären Getöse sollte nie übersehen werden, dass hier Schuld immer nur die anderen haben: die Schauspieler:innen, die Produzent:innen, die Setmitarbeiter:innen, das Publikum und die Sender. Dass es in diesem Film auch der Regisseur ist, ist – auch mit Cameo von Oskar Roehler selbst – keine Selbstironie und schon gar keine Selbstkritik, sondern der feige Fuß in der Hintertür.
★☆☆☆☆
DE, R: Oskar Roehler, D: Oliver Masucci, Bella Dayne, Götz Otto, Anne Ratte-Polle, Elie Kaempfen, Trailer, Wikipedia
„Boys will be boys", das hatte wohl auch schon Agatha Christie oft genug gehört und Billy Wilder hat genau dieses Sujet zu Recht in seiner Verfilmung derart vordergründig erhalten.
Wie hier ohne mit der Wimper zu zucken einem Mann beigesprungen wird, der zu keiner Sekunde glaubwürdig von sich sagen kann, eine Frau ihres Geldes wegen nicht ermordet zu haben. Wie eine Frau mit Hochgenuss vor Gericht zerlegt wird, während dem armen des Mordes beschuldigten Mann die harten Fragen erspart werden, weil er ja sowieso schon so unter Stress steht.
Das sind Konstellationen, nach denen wir selbst 100(!) Jahre nach Erscheinen von Agatha Christies Kurzgeschichte nicht sonderlich lange suchen müssen, weil sie nach wie vor Alltag sind. Dieses System kann nur kippen, wenn die mächtige Seite die strukturelle Fehlstellung erkennt, als auszugleichende Ungerechtigkeit begreift und aktiv wird.
★★★★☆
US, R: Billy Wilder, D: Tyrone Power, Marlene Dietrich, Charles Laughton, Trailer, Wikipedia
Wie formen mediale Bilder unsere Wahrnehmung der Realität? Denn ein Bild scheint nie gänzlich vertrauenswürdig oder frei von Manipulation zu sein. Ein Bild konstruiert Wahrheiten, die nicht immer objektiv sind.
Es geht um unsere morbide Faszination mit Gewalt und der Medialisierung des Todes. Und um die Erotik des Abgründigen.
Guadagnino wirft viele Bilder an die Wand, von denen am Ende jedoch zu wenige hängen bleiben. Der fehlende Fokus sollte hier am Ende nicht mit einem künstlerischen Aufbrechen der Motive verwechselt werden.
★★★☆☆
IT, R: Luca Guadagnino, D: Tilda Swinton, Fabrizia Sacchi, Andrew Tiernan, Claudio Gioè, Paolo Briguglia, Michelle Hunziker, Jhelisa, Laura Betti, Trailer, Wikipedia
Dieser Versuch, Bram Stokers Welt bis in unsere Zeit weiterzudrehen, scheitert, weil die dafür eingesetzten Mittel aus der Zeit gefallen sind. Würde sich Dracula heute nicht viel mehr auf die Seite der Großkonzerne schlagen?
Heute würde der Graf nicht den einen dicken Immobiliendeal einfädeln, sondern einen Straßenzug nach dem anderen schlucken, die Mieter*innen in den dortigen Häusern bis auf den letzten Tropfen aussaugen und sie schließlich zwecks Luxussanierung des Wohnungsbestands wie nasse Säcke auf die Straße werfen.
Ob genau mit diesem Beispiel ein besserer Film aus RENFIELD geworden wäre, weiß ich auch nicht. Was ich damit jedoch ausdrücken möchte: Dem Drehbuch fehlt die Umsicht für aktuelle Befindlichkeiten. Eine mit dem organisierten Verbrechen unter einer Decke steckende Polizei ist sicherlich nicht (mehr) das größte Problem – weder der Polizei noch gesamtgesellschaftlich betrachtet.
Was mich einfach nur noch unfassbar ermüdet: Jeder schmissige Action-Streifen muss auf Biegen und Brechen mit dem Choreografiebuch von JOHN WICK in der Kamerahand inszeniert werden. Kein Hauch einer Variation, kein Versuch, eine eigene Handschrift zu entwickeln, einfach nur durch und durch fade Bilder. Große Teile des Humors obendrauf auch noch auf einem „Haha, heute ist auch alles Trauma, oder?" aufzubauen, ist reaktionärer Unsinn.
★½☆☆☆
US, R: Chris McKay, D: Nicholas Hoult, Nicolas Cage, Awkwafina, Ben Schwartz, Shohreh Aghdashloo, Trailer, Wikipedia
(Ich habe die Romanvorlage nicht gelesen und mein einziges Hintergrundwissen ist, dass sie existiert. Deshalb sehe ich zwar die vielen Kritikpunkte an Luca Guadagninos Interpretation, habe aber für mich einen davon losgelösten Zugang zum Film gefunden.)
Eine faszinierend gute Erfahrung ist dieser Stil- und Motivmix aus Terry Gilliams FEAR AND LOATHING IN LAS VEGAS, Francis Ford Coppolas APOCALYPSE NOW und David Lynchs Twin Peaks.
William Lee ist eine Figur, die sich nüchtern nie richtig in diese Welt einfügen kann. Erst Alkohol und Opiate verschaffen ihm vermeintliche Klarheit über sich und seine Rolle und bringen ihn weit genug von der Realität weg, die nach ihm unvertrauten Regeln zu laufen scheint.
Der Trip ins Herz des Dschungels soll ihm das ihm so fremde Regelwerk aufschließen, erweist sich jedoch als Abstieg in den Wahnsinn. Es ist die Suche nach Klarheit, aber eine Reise ohne Ziel. Ewiges Fegefeuer, das sich erst auftut und gleichzeitig schon immer loderte.
Dann die sich selbst verzehrende Schlange an einem Ort, der weder nach unseren Regeln von Raum noch nach denen von Zeit zu existieren scheint. An dem Anfang und Ende gleichermaßen sind, Erlösung und Verdammnis zusammenkommen.
Was alle das zusammenbindet, ist das Spiel mit den Farben, das ich gefühlt bei Guadagnino zuletzt bei CALL ME BY YOUR NAME in dieser Intensität gesehen habe – etwa mit den zahlreichen Violett-Abstufungen, die den herannahenden Fiebertraum bereits früh ankündigen, oder den krass gesättigten Rottönen des Stundenhotels, die mich gedanklich unweigerlich in die Black Lodge aus Twin Peaks versetzt haben.
Nirvanas Come as You Are slaps. Wir sollten weiterhin täglich den Gebetsteppich gen David Fincher ausrollen, weil er Trent Reznor und Atticus Ross zum Film-Scoring überredet hat. Daniel Craig und Lesley Manville sind fucking Stars.
★★★★½
IT/US, R: Luca Guadagnino, D: Daniel Craig, Drew Starkey, Lesley Manville, Jason Schwartzman, Trailer, Wikipedia
Viel Zeit nimmt sich Matthias Glasner, um dieses Bild vom Umgang mit dem Tod im Kontext unserer Zeit – geprägt von sich verändernden Vorstellungen von Familiengeflechten und zunehmender Enttabuisierung psychischer Erkrankungen – zu zeichnen. Und die braucht es, um sich nicht ungewollt in grobschlächtigen Schuldzuweisungen und/oder moralisierenden Predigten zu ergehen.
Am Ende mag das eine Frage des Geschmacks und der Erwartungshaltung sein. Aber wie sehr dieser Film auf die Psyche seiner Figuren bedacht ist und das der einzige Einfallswinkel dieser Betrachtung zu sein scheint, dass es lediglich Innenwelt und kaum Außenwelt in diesem Geflecht zu geben scheint, keine wirkliche Wechselwirkung zwischen diesen Sphären zu bestehen scheint, sondern im Außen nur aus dem Inneren heraus provozierte Bewegungen entstehen.
Und am Ende erscheint mir persönlich die Erkenntnis, dass erst der Tod das Leben zum Leben macht, in dieser Form jedoch einigermaßen banal.
Außerdem hat dieser Film auch nichts an meiner Haltung zu Lars Eidingers Schauspiel geändert. Das funktioniert nämlich erstklassig im Theater, ist aber vor einer Kamera ziemlich konstant eine mittelschwere Katastrophe.
★★★☆☆
DE, R: Matthias Glasner, D: Lars Eidinger, Corinna Harfouch, Lilith Stangenberg, Ronald Zehrfeld, Robert Gwisdek, Hans-Uwe Bauer, Anna Bederke, Saskia Rosendahl, Trailer, Wikipedia
„Heute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag, habe ich mir einfach mal überlegt, welche Möglichkeiten und Privilegien Männer haben, die ich für uns auch gern hätte“, schreibt Jasmin Schreiber. Man(n) liest und scrollt sehr lange.
Privilegien, die ich als Frau auch gern hätte — JASMIN SCHREIBERHeute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag,
Die heutigen Dailies unter anderem mit: Robyn, Hank Green und Alice Rohrwacher
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