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Filmkritik

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Gesehen: Arlington Road (1999) - Kollektive Ignoranz

Der GAU ist nicht die Eskalation, sondern die Umstände, die sie ermöglichen

Gesehen: Arlington Road (1999) - Kollektive Ignoranz
Bild: Filmjuwelen

Adäquat inszenierter Verschwörungsthriller, der kaum an Dringlichkeit verloren hat, und ein so folgerichtiges wie konsequentes Ende nimmt. Spannend ist, dass der Film die Paranoia letztlich nicht über die eigentliche Verschwörung einzieht, sondern über die kollektive Ignoranz ihr gegenüber.

Damals™ wie heute richtig, im Film wie in der Realität: Alle notwendigen Werkzeuge, alle akademischen, gesellschaftlichen und exekutiven Strukturen, um Kontrolle über diese Form der Zersetzung zu erlangen und Eskalation zu verhindern.

Aber in dem Wissen darum ist eben auch der Glaube daran angelegt, dass aufgrund der Vorbereitung und Bereitschaft eben nichts passieren könne. Aus Leichtfertigkeit wird Blindheit, aus Blindheit wird Ignoranz, die Ignoranz führt zum GAU.

Treffend ist auch, wie der Film erkennt, dass es nicht zwingend einzelne Gewalttaten sind, die für den flächendeckenden Terror sorgen, sondern das (mediale) Narrativ, das drumherum weitergesponnen wird.

★★★½☆

Der Film steht (auch in der OV) noch bis zum 03. Februar 2026 kostenlos in der ARD-Mediathek.

Filme in der ARD: Arlington Road - hier anschauen
Spielfilm USA 1999 Oliver Lang hat eine Frau und drei Kinder, ein Haus und einen Minivan, also alles, was einen Durchschnittsamerikaner ausmacht. Und dennoch: Etwas scheint mit dieser Familie nicht zu stimmen. Das denkt sich jedenfalls der Nachbar Michael Faraday. Faradays Recherchen ergeben: Lang ist wegen eines Bombenattentats schon einmal rechtskräftig verurteilt worden und hat seinen Namen erst vor einigen Jahren angenommen. Mit Tim Robbins, Jeff Bridges, Joan Cusack, Spencer Treat Clark u.a. | Regie: Mark Pellington
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Gesehen: Z (1969) - Gespannte Verwaltung

Costa-Gavras macht Bürokratie spannend und spielt Puzzle mit der Wahrheit

Gesehen: Z (1969) - Gespannte Verwaltung
Bild: Filmjuwelen

Mit welchem Rhythmus und welcher Lässigkeit hier eine Reihe von Verwaltungsakten, also die bürokratische Seite des Autoritarismus, inszeniert wird, ist ein ambitioniertes und verführerisches Kunststück, das mich an Melville, Dassin oder auch Lumet erinnert.

Costa-Gavras bricht die Wahrheit – oder das, was gemeinhin als Wahrheit begriffen wird – Stück für Stück in immer kleinere Fragmente auf, und lässt sie von den politischen Akteuren seiner Erzählung immer wieder neu zusammensetzen. Die innere Logik und Plausibilität dieser neuen Puzzlebilder spielen dabei immer kleinere Rollen.

Denn je weiter die Lage eskaliert, je verrohter die Mittel werden, desto egaler wird die formulierte Herleitung. Es geht nur noch darum, Widerspruch gegen die neukonstruierte Wahrheit im Keim zu ersticken, komplexes Denken auszurotten und Vertrauen in die individuelle Wahrnehmung fundamental zu erschüttern.

Costa-Gavras vermag es, enorme Spannung aus spröden Verwaltungsakten zu ziehen. So unterstreicht er auch das brüchige Fundament, auf dem jede Form staatlicher Unterdrückung letztlich steht. Es sind nämlich die vielen kleinen und noch mehr großen Lügen, die geplant, umgesetzt und dann immer im Hinterkopf behalten werden müssen. Es sind die unendlich vielen notwendigen Mitwisser*innen, die es dafür braucht, die auf Linie gebracht, gehalten und in Schach gezwungen werden müssen.

★★★★½

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Gesehen: Castration Movie Anthology ii. The Best of Both Worlds (2025) - Gratwanderung im Affekt

MACH, DASS ES AUFHÖRT!

Gesehen: Castration Movie Anthology ii. The Best of Both Worlds (2025) - Gratwanderung im Affekt
Bild: Louise Weard

Das hat sich für mich sehr danach angefühlt, als ob sich dieser Teil nun mit aller Kraft gegen eine intellektualisierte Rezeption zu wehren versucht – so sehr ist dieser Film auf Überwältigung und sensorische Überreizung ausgelegt.

Natürlich lassen sich die porträtierten Anordnungen auch auf einer rein abstrakten Ebene auseinanderdröseln und bearbeiten. Aber was hier, zumindest bei mir, auf der Ebene des reinen Affekts passiert ist, war enorm und hat formal ähnliches Kino wie das von Gaspar Noé (mit LUX ÆTERNA und CLIMAX) fast schon alt aussehen lassen.

Der Film wagt die permanente Gratwanderung zwischen Solidarität und Isolation, zwischen Unterdrückung und Entfaltung, zwischen Inklusion und Tribalismus.

Am laufenden Band werden Momente produziert (und provoziert), in denen ich einfach schreien wollte – aus Zustimmung, aus Ablehnung oder alleine aus dem Wunsch heraus, dass dieser Albtraum endlich enden möge. Dass es endlich wieder ruhig werde. Dass sich alles füge. Und damit sind wir bzw. war ich schon wieder sehr nah dran an der Protagonistin.

★★★★½

Der Film lässt sich samt dem Nachfolger für einen wirklich sehr schmalen kanadischen Dollar direkt bei Macherin Louise Weard via Gumroad kaufen.

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Gesehen: Soldaten des Lichts (2025) - Gefügig bis aufs letzte Gramm

Die Hybris, sich auch noch bereitwillig beim Grift filmen zu lassen...

Gesehen: Soldaten des Lichts (2025) - Gefügig bis aufs letzte  Gramm
Bild: ZDF, Julian Vogel

Es sind nicht die Strukturen, die Manipulationen, die abstrusen Verschwörungsideologien und die menschenfeindlichen Weltbilder. Es ist die absolute Schamlosigkeit dieser Gestalten, die der Film besonders gut herausstellt.

Eine der letzten Texttafeln vor den Credits sollte eigentlich kaum überraschen. Und dennoch ist sie ein derartiger gnadenloser Schlag in die Magengrube, der unmissverständlich klarstellt, dass es hier um mehr als ein paar Exzentriker*innen geht, die im Innenhof eines heruntergekommenen Guts Königreich spielen.

Es geht um das systematische Herabwirtschaften von hilfebedürftigen Menschen – psychisch, physisch, wortwörtlich wirtschaftlich. Es ist ein Gefügigmachen mit dem Ziel, einen absolut wehrlosen Menschen bis auf das letzte Gramm Körpergewicht, auf den letzten Moment geistiger Gesundheit und bis auf den letzten Cent ausnehmen zu können, sich skrupellos zu bereichern.

Diese Täter*innen wissen, was sie tun – und lassen sich dabei bereitwillig durch Dritte filmen. Das ist der ultimative Ausdruck der Schamlosigkeit – und der Arroganz in dem Wissen, dass ihnen trotzdem bereitwillig aus der Hand gefressen wird.

Der Film steht noch bis zum 26. Dezember 2026 kostenlos beim ZDF in der Mediathek.

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Gesehen: Castration Movie Anthology i. Traps (2024) - Anschmiegendes Rauschen

Ein beeindruckendes Werk über Raumnahme in jeglicher Ausprägung

Gesehen: Castration Movie Anthology i. Traps (2024) - Anschmiegendes Rauschen
Bild: Louise Weard

Dieser Film gehört mit zu den eindrucksvollsten Beweisen, dass die Form des Ausdrucks fast keine Rolle spielt, wenn man eine starke Geschichte zu erzählen hat, etwas zum Ausdruck bringen will und das auch in einer klaren eigenen Stimme vermag. Und dennoch ist die Form hier keineswegs egal, sondern sie und der Inhalt bedingen einander.

Es ist das Rauschen des DV-Bildes und das Rauschen des durchlaufenden Bandes, das sich permanent über die Tonspur legt und an die Figuren schmiegt. Es ist der daraus entstehende sensorische Rausch, der die Erfahrungswelt der Figuren spiegelt.

Figuren, die virtuelle Räume nutzen, um bestehende zu erweitern, zu ergänzen oder überhaupt erst Räume zu schaffen, die in der echten Welt (noch) gar nicht existieren. Figuren, die in diesen virtuellen Räumen eine eigene Kommunikationsästhetik entwickeln, die wie hier auf einem Grat zwischen Digitalem und Analogem balanciert. Die gleichzeitig kalt, fremd und dennoch nostalgisch vertraut wirkt. Figuren, die ohne diese selbstgeschaffenen Räume aus unterschiedlichsten Gründen keine hätten.

Das sind Räume, in denen sich Geschichten voller Hoffnungslosigkeit, über Vereinzelung, Ausgrenzung, Stigmatisierung, Versagens- und Existenzängste, Einsamkeit, die Sehnsucht nach Liebe und Träume entfalten, resonieren und auch außer Kontrolle geraten können. Und in diese Räume begibt sich Louise Weard konsequent hinein.

★★★★☆

Der Film lässt sich samt dem Nachfolger für einen wirklich sehr schmalen kanadischen Dollar direkt bei Macherin Louise Weard via Gumroad kaufen.

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Gesehen: The Believer (2001) - Projektionen

Hinter all den Störgefühlen verbirgt sich schon etwas Produktives...

Gesehen: The Believer (2001) - Projektionen
Bild: Capelight Pictures

Streicht gut die Elemente der Projektion und des Selbsthasses, der Agitation und der Manipulation inmitten dieses Zwischenmilieus zwischen Fußsoldat*innen, intellektueller Führung und finanziell Fördernden heraus. Und die Konsequenzen der Zerstörung individueller Erfahrungen und Perspektiven zugunsten einer kollektiven Fantasie.

Aus deutscher Sicht und mit dem Hintergrund deutscher Schulbildung ist es natürlich besonders schwer und irritierend, das hier aufgemachte Spannungsfeld auszuhalten, ohne Vorwürfe von Relativierung und Effekthascherei auszupacken. Aber ich glaube schon, dass sich hinter diesem Störgefühl etwas Produktives verbirgt.

★★★☆☆

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