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Filmkritik

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Gesehen: Jeder schreibt für sich allein (2023)

Gesehen: Jeder schreibt für sich allein (2023)
Anatol Regnier // (c) Piffl Medien

Formal hat mich das einfach nicht gepackt. Es scheint, als ob Dominik Graf und Felix von Boehm versuchen, sich Ken Burns zu nähern, aber nur Powerpoint unter Windows 95 schaffen. Zu unfilmisch, statisch, zu ungelenk, zu spröde ist das alles und schiebt sich deshalb leider zu oft störend vor den Inhalt.

Davon abgesehen gelingen Graf und Boehm zusammen mit Anatol Regnier auf Basis dessen Buchs eine immens aufwendige Aufdröselung der deutschen Literaturgeschichte, deren Verflechtungen mit dem Naziregime und der ewigen Frage nach der Trennung von Werk und Autor*in.

Irgendwann während des Films habe ich mir notiert: „Der Autor lässt sich vom Werk trennen, aber nicht das Werk vom Autor." Damit versuche ich auszudrücken: Es gibt vor dem Dritten Reich geschaffene, große und als solche zu bewertende Literatur, deren Schöpfer*innen überzeugte Nazis wurden. Aber nach dem Fall des dritten Reichs veröffentliche Werke, verfasst von zuvor offenbar linientreuen Autor*innen, werden diesen (Schand-)Fleck auf und zwischen ihren Zeilen niemals loswerden.

Dass in der Geschichte dann plötzlich in Schriftform ausgerechnet die spätere RAF-Terroristin Gudrun Ensslin auftaucht und dabei erstaunlich warme Worte für den nazinahen Autoren und sozusagen ihren zeitweisen Schwiegervater Will Vesper findet, war ein irres Detail. Wikipedia: „Im Zuge dessen bezeichnete sie den für seine dem Nationalsozialismus nahen Werke und Hitler-Oden berüchtigten Will Vesper unter anderem als ‚liebenswertesten, unterhaltendsten und geistreichsten Dichter, den Deutschland in diesem Jahrhundert besessen hat'."

🇩🇪, R: Dominik Graf, Trailer

Der Film steht noch bis zum 16. Februar 2026 in der Arte-Mediathek:

Jeder schreibt für sich allein - Schriftsteller im Nationalsozialismus - Die ganze Doku | ARTE
Angeregt von Anatol Regniers gleichnamigen Buch (2020), ist der Dokumentarfilm ein faszinierendes Essay – eine Spurensuche mit ungewissem Ausgang. Welche inneren und äußeren Widersprüche provozierte das Leben und Arbeiten unter dem nationalsozialistischen Regime? Wie ging die kommende Generation mit den Taten und Positionierungen der Mütter und Väter um?
Jeder schreibt für sich allein - Stream: Online anschauen
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Kinotagebuch: Pfau – Bin ich echt? (2024)

Kinotagebuch: Pfau – Bin ich echt? (2024)

Ruben Östlunds THE SQUARE meets Richard Linklaters HIT MAN und damit ein ganz okayer Film. Wo PFAU hingegen wirklich glänzt, ist, wenn man ihn mit dem richtigen Publikum schaut. Denn dem hält der Film durchaus den Spiegel vor.

Bei mir im Kino war das so: Viele große Lacher bekamen im Kern tieftraurige Momente. Protagonist Matthias ist ein Mensch, der an dem zugrunde geht, was alle anderen auf ihn projizieren wollen. Jemand, der an abstrusen Erwartungshaltungen in die Brüche geht. Er ist kein kümmerlicher Mensch ohne Seele, er ist ein Mensch mit verkümmerter Seele, die andere rücksichtslos herabgestutzt haben.

Ebenfalls mit großen Lachern bedacht wurden Menschen, die unterm Strich einfach ihr Ding machen – ob das nun Nacktqigong ist oder seinen mit Ölfarbe übergossenen Körper mit Chorbegleitung auf einer Bühne an eine Leinwand zu schmeißen.

Diese Momente habe keine Pointe. Sie zwingen das Publikum aber – so jedenfalls meine Unterstellung – in Verlegenheitsgelächter. Diese Momente, so albern sie auch wirken mögen, provozieren Gelächter als Bewältigungsmechanismus – die Bewältigung des Umstands, dass die eigene Welt so klein ist, dass bereits Nacktqigong schon fast hinter der Grenze des Vorstellbaren liegt.

★★★½☆

🇦🇹/🇩🇪, R: Bernhard Wenger, D: Albrecht Schuch, Julia Franz Richter, Anton Noori, Theresa Frostad Eggesbø, Salka Weber, Maria Hofstätter, Branko Samarovski, Trailer, Wikipedia

Pfau - Bin ich echt? - Stream: Jetzt Film online anschauen
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Gesehen: Grand Theft Hamlet (2024)

Gesehen: Grand Theft Hamlet (2024)
(c) Mubi

Aus unendlich vielen Gründen ist das ein ganz besonderes Zeitdokument und interessant. Für mich spannend zu sehen war diese Welt von GTA Online, die mit den Versprechen lockt, jede*r sein und alles tun zu können. Und doch entscheiden sich die Menschen dazu, zu sein und zu tun was sie bereits kennen. Das mag viel über die Macht der Komfortzone, aber noch viel mehr über die Macht von Kunst im Allgemeinen und Shakespeare im Speziellen. Kunst transzendiert Zeit und Medien und hat die universelle Kraft, Gemeinschaft um sich herum zu erzeugen – wenn nötig auch im virtuellen Raum oder gar dem Nichts heraus.

Kunst ist wie der Löwenzahn, der immer einen Weg findet und durch den Beton bricht.

Gleichzeitig offenbart GRAND THEFT HAMLET auch die Schattenseiten gesellschaftlichen Miteinanders. Und damit meine ich nicht die Trollerei im Spiel, sondern vor allem ein Moment, der angesichts des gesamten Dokuments schnell zur Randnotiz verkommt: Teil das Hamlet-Casts ist eine trans Frau, die davon erzählt, wie sie kürzlich erst ihr Coming-out hatte und immer noch nur an Orten wie diesen zwanglos sie selbst sein kann.

Was nach GRAND THEFT HAMLET und dem Ende der Lockdowns mit allen Beteiligten geschah, lässt der Film offen. Was ich glaube: Jede*r kehrte zurück in sein altes Leben. Doch für manche Menschen wie die trans Frau ist das nicht so einfach. Für sie bleibt GTA Online weiterhin ein Safe Space, den sie außerhalb des Spiels nicht so leicht findet.

Das sagt etwas über Solidarität, die leichter proklamiert als gelebt ist. Das spiegelt sich auch in den Momenten, in denen das Privatleben der beiden Protagonisten in die Spielwelt drängt und sie dazu zwingt, sich einer Realität zu stellen, vor der sie glaubten in GTA zu flüchten.

🇬🇧/🇺🇸, R: Sam Crane, Pinny Grylls, D: Sam Crane, Pinny Grylls, Jen Cohn, Tilly Steele, Dipo Ola, Mark Oosterveen, Gareth Turkington, Lizzie Wofford, Sam Forster, Jeremiah O’Connor, Trailer, Wikipedia

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Gesehen: Coma (2022)

Gesehen: Coma (2022)
Ninon François und Louise Labèque // (c) My New Picture, Les films du Bélier, Remembers, Best Friend Forever

Hätte ich mich am ersten Eindruck aufgehängt, hätte ich wenig Freude mit diesem Film gehabt. Denn als reine Kritik an irgendwelchem Influencer*innentum, True Crime, den zunehmend verschwimmenden Grenzen zwischen parasozialen und „echten" Bindungen und was weiß ich noch was wäre mir das viel zu einfach und auch einfältig gewesen.

Aber ich finde, dass unter dieser Oberfläche noch viel mehr steckt – nämlich etwas, das ich derzeit vor allem bei den Filmen von Jane Schoenbrun fühle. Es geht um die Entfremdung von der Welt und seiner Existenz darin. Das Suchen nach Heimat, das Finden von Gemeinschaft und Vertrauten. Genau das findet so oft im digitalen Raum statt, weil es in der „echten" Welt mitunter nach wie vor (lebens)gefährlich ist, von der angenommenen Norm abzuweichen.

Genau da liegt das Spannungsfeld, in das sich Bonelle hier hineinbegibt – mit rein virtuellen Räumen und Lebenswelten, geformt durch das Begehren, die Wünsche und Träume der darin wandelnden Menschen, auf der einen Seite und die Welt vor der eigenen Haustür, in der es Faktoren gibt, die das objektiv schlechter machen.

Dieser metaphysische Hauch gefällt mir und darin liegt auch die Stärke dieses Films.

★★★★☆

🇫🇷, R: Bertrand Bonello, D: Julia Faure, Louise Labèque, Ninon François, Adilé David, Mathilde Riu, Violette Guillon, Léa Jousset, Trailer, Wikipedia

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Gesehen: The Here After (2015)

Gesehen: The Here After (2015)
Ulrik Munther als John // (c) Zentropa International Sweden, Eurimages, Film i Väst, Lava Films, Svenska Filminstitutet, Cinéma Defacto

Wie hier die Spannung erst aufgebaut und nahezu dann den ganzen Film über nicht wirklich gelöst, sondern vor allem vor sich hin geschwiegen wird, hat mich total an Ruben Östlunds FORCE MAJEURE erinnert. Bei Östlund und auch hier bei Magnus von Horn sind es dysfunktionale Gemeinschaften, die mit einer plötzlichen Unwucht nicht umgehen können – teils aus eigenem Unvermögen, teils aus vorgelebtem Verhalten ihrer Eltern heraus.

Die Regeln, nach denen diese Gemeinschaft organisiert ist, sehen eine derartige Unwucht nicht vor. Es wird ignoriert, verdrängt, totgeschwiegen und dazu Verantwortung feige anderen Institutionen in die Schuhe geschoben. Treibende Kräfte sind auffällig oft die Väter, deren Söhne und wiederum deren Söhne.

Der Film tut, was seine Figuren tun: dem Elefanten im Raum mit Schweigen begegnen. Denn jeder Erklärungsversuch, jedes Lösungsangebot zum Scheitern verurteilt ist. Zu komplex ist diese Mischung aus Schuld, Hilf- und Hoffnungslosigkeit sowie dem Kampf darum, endlich wieder einen Horizont in der Ferne entdecken zu können.

Nur ein Mensch, der nicht als Teil dieser dysfunktionalen Gemeinschaft aufgewachsen ist, scheint für einen Moment die verkrusteten Muster aufbrechen zu können. Doch die alten Zahnräder kennen einfach keinen anderen Modus Operandi und zermahlen diesen Menschen kurzerhand zwischen ihren völlig abgestumpften Zähnen.

★★★½☆

🇫🇷/🇵🇱/🇸🇪, R: Magnus von Horn, D: Ulrik Munther, Loa Ek, Mats Blomgren, Ellen Jelinek, Felix Göransson, Stefan Cronwall, Wiesław Komasa, Inger Nilsson, Jan-Erik Olsson, Pia Edlund, Rasmus Lindgren, Trailer, Wikipedia

Nachbeben - Stream: Jetzt Film online finden und anschauen
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Gesehen: Youth Without Youth (2007)

Gesehen: Youth Without Youth (2007)
Tim Roth und Alexandra Maria Lara // (c) ‎Sony Pictures Home Entertainment

Ich verstehe schon diese Obsession mit dem Gedanken einer Verjüngung des Körpers, um wieder mit dem gefühlten geistigen Alter auf ein Level zu kommen. Das Gefühl, noch so viel Dinge sagen zu wollen, aber aufgrund seines Alters nicht mehr mithalten zu können oder ernst genommen zu werden. Und die Frage, ob man der Welt genug zurückgegeben, ehrlich geliebt hat.

Gleichzeitig ist es mit dem Wissen um die Vorwürfe nach den Dreharbeiten zu MEGALOPOLIS im Hinterkopf schon ein bisschen creepy. Immerhin wird hier eine Figur inszeniert, die relativ offensichtlich Parallelen zu Coppola aufweist. Diese Figur lässt er 30 Jahre jünger werden, was natürlich umgehend dazu führt, dass ihn die Krankenschwestern nicht nur umgarnen, sondern auch körperlich werden. Dass ihm eine für die Nazis spionierende Prostituierte zu Füßen liegt. Die, die dieser Figur all das implizit verwehren wollen, sind wortwörtliche Nazis.

Das spricht letztlich Bände über Coppolas Selbstverständnis, seine Sicht auf die Welt und viele unreflektierte Privilegien. Coppola fragt mit diesem Film nicht, ob er ausreichend gute Kunst in die Welt gesetzt hat, sondern warum niemand sein Werk kritiklos hinnimmt.

★½☆☆☆

🇺🇸/🇷🇴/🇫🇷/🇮🇹/🇩🇪, R: Francis Ford Coppola, D: Tim Roth, Alexandra Maria Lara, Bruno Ganz, André Hennicke, Marcel Iureș, Adrian Pintea, Florin Piersic Jr., Alexandra Pirici, Trailer, Wikipedia

Jugend ohne Jugend - Stream: Jetzt Film online anschauen
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