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Filmkritik

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Gesehen: Les Rendez-vous d'Anna (1978)

Gesehen: Les Rendez-vous d'Anna (1978)
Foto: Fondation Chantal Akerman, Paradise Films, Unité Trois, ZDF, Hélène Films

Ein bemerkenswert vielschichtiges Porträt von Zerrissenheit, das Chantal Akerman hier zeichnet.

Es ist einerseits die Zerrissenheit durch die gesellschaftlich konstruierte und erwartete Rolle der Frau. Du bist zu alt, musst endlich sesshaft werden, eher gestern als morgen heiraten, viele Kinder kriegen und den Haushalt schmeißen – und dir dabei natürlich deine jugendliche Dynamik und Spontanität bewahren.

Andererseits ist da ihre vom gesellschaftlichen Kontext losgelöste, innere Zerrissenheit. Anna ist eine Frau, die unter gar keinen Umständen dem Stillstand verfallen will. Denn der Stillstand, das Feststecken bedeutet den Tod. Wenn sie zu lange an einem Ort bleibt, zieht sich die Schlinge der Dunkelheit um sie immer enger zusammen. Also ist sie auf der Flucht. Auf der Flucht vor der Enge. Auf der Flucht vor denjenigen, die sie festketten und in eine Schublade stecken wollen.

Wer jedoch ausschließlich damit beschäftigt ist, nach dem nächsten Fluchtweg zu spähen, der verliert sich irgendwann zwingend selbst aus dem Blick. Anne weiß deshalb zwar ganz genau, was sie nicht will, aber eben nicht, was sie sich für sich selbst wünscht.

Geschuldet sind diese Umstände dem einfachen Umstand, eine Frau in einer Männerwelt zu sein.

★★★★☆

🇧🇪/🇫🇷/🇩🇪, R: Chantal Akerman, D: Aurore Clément, Helmut Griem, Magali Noël, Hanns Zischler, Jean-Pierre Cassel, Lea Massari, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Fondation Chantal Akerman, Paradise Films, Unité Trois, ZDF, Hélène Films

Der Film steht noch bis zum 23. April 2025 in der Arte-Mediathek:

Annas Begegnungen - Film in voller Länge | ARTE
In dieser Charakterstudie porträtiert Chantal Akerman die Filmemacherin Anna, die durch Europa reist, um ihren neuen Film zu promoten. Mit jeder Begegnung, die sie auf ihrem Weg macht, wird ihre emotionale Unnahbarkeit deutlicher. Von vertrauten Fremden in Deutschland bis zur Familie in Belgien enthüllt jede Interaktion, wie isoliert Anna wirklich ist.
Annas Begegnungen - Stream: Jetzt Film online anschauen
Finde heraus, wie und wo du “Annas Begegnungen” heute auf Netflix, Prime Video & Co. sehen kannst – einschließlich kostenloser Streams.
A ★★★★ review of The Meetings of Anna (1978)
Ein bemerkenswert vielschichtiges Porträt von Zerrissenheit, das Chantal Akerman hier zeichnet. Es ist einerseits die Zerrissenheit durch die gesellschaftlich konstruierte und erwartete Rolle der Frau. Du bist zu alt, musst endlich sesshaft werden, eher gestern als morgen heiraten, viele Kinder kriegen und den Haushalt schmeißen – und dir dabei natürlich deine jugendliche Dynamik und Spontanität bewahren. Andererseits ist da ihre vom gesellschaftlichen Kontext losgelöste, innere Zerrissenheit. Anna ist eine Frau, die unter gar keinen Umständen dem Stillstand verfallen will. Denn der Stillstand, das Feststecken bedeutet den Tod. Wenn sie zu lange an einem Ort bleibt, zieht sich die Schlinge der

Gesehen: Vanya on 42nd Street (1994)

Gesehen: Vanya on 42nd Street (1994)
Wallace Shawn als Vanya und Julianne Moore als Yelena // © Mayfair Entertainment International, Film4 Productions, The Vanya Company

Das Theater als einer der letzten Orte, an dem wirklich noch Gesellschaft verhandelt werden kann. Ein Ort, der hier ganz konkret völlig heruntergekommen ist, als Spiegel des Raums, in dem Gesellschaft stattfindet. Fundament und Fassade scheinen noch stabil zu sein, der ganze Rest ist jedoch entweder verrottet oder der Entkernung zum Opfer gefallen.

Doch es bleibt der einzige Ort, an dem Menschen unterschiedlichster Herkunft, verschiedenster Hintergründe, mit vielleicht sogar gegensätzlichen Werten zusammenkommen können. Und es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als in und mit den Trümmern zu arbeiten, etwas daraus aufzubauen.

Manche spielen dabei eine Rolle und geben vor, etwas zu sein, das sie nicht sind. Andere arbeiten bewusst mit ihrem tatsächlichen Kern, zeigen sich verletzlich. Und dann wird darum gerungen, ob und wie es zusammen weitergehen kann, ob dieser Raum, dieses Haus, diese Welt noch zu retten ist.

Titel und Location machen kein großes Geheimnis darum, dass es hier vordergründig um die USA gehen mag. Dass im letzten Akt schließlich eine Figur mit seiner Pistole um sich schießend verzweifelt durchs Haus rennt, passt also auch wie die Faust aufs Auge. Doch besonders aus heutiger Sicht wird klar, dass diese Verarbeitung von Tschechows Theater universellere, zeitlosere Qualitäten hat.

Wenn ich meinen ersten Gedanken zu VANYA ON 42ND STREET bis zum Schluss denke, stimmt mich das irgendwie traurig. Es ist Louis Malles letzter Film und es scheint stellenweise, als ob er sich hier selbst fragt, ob Film wirklich das richtige Medium für sein künstlerisches schaffen war.

★★★★☆

🇺🇸/🇬🇧, R: Louis Malle, D: Wallace Shawn, Julianne Moore, Larry Pine, Brooke Smith, George Gaynes, Lynn Cohen, Phoebe Brand, Jerry Mayer, Andre Gregory, Madhur Jaffrey, Trailer, Wikipedia, Foto: Mayfair Entertainment International, Film4 Productions, The Vanya Company

Der Film steht noch bis zum 14. März 2025 in der Arte-Mediathek:

Vanya - 42. Straße - Film in voller Länge | ARTE
Verkehrte Theaterwelt: „Vanya - 42. Straße“ zeigt eine Probe in einem heruntergekommenen Theater, dem New Amsterdam in der 42. Straße in New York. Das Ensemble probt Tschechows Stück „Onkel Wanja“, ohne Kulissen und Kostüme, scheinbar ohne Publikum ... - Komödie von Louis Malle.
Vanja auf der 42. Straße - Stream: Jetzt online anschauen
Wie und wo du “Vanja auf der 42. Straße” online auf Netflix und Prime Video ansehen kannst – einschließlich kostenloser Optionen.

Gesehen: Madonnen (2007)

Gesehen: Madonnen (2007)
Sandra Hüller als Rita // © Filmgalerie 451

Dieser Film hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Eigentlich hätte Marie Speths Werk den Titel tragen müssen, den Sandra Wollner 13 Jahre später für ihren Film nutzte: THE TROUBLE WITH BEING BORN. Es gibt kaum einen Satz, der all das mit nur so wenigen Worten beschreibt. Der die unglaubliche Ungerechtigkeit beim Ziehen aus dem Lostopf der Lebenswege so präzise beschreibt. Kein Kind der Welt kann sich aussuchen, in welche Umstände es hineingeboren wird.

Auch Sandra Hüllers Rita konnte das nicht. Sie kennt kein funktionierendes Familienleben, geschweige denn ihren eigenen Vater und offenbar auch keine sicheren ökonomischen wie sozialen Umstände.

Ihren Kindern will sie nun ein Fundament bieten. Doch sie befindet sich längst auf einem selbstzerstörerischen Weg hinein in eine Sackgasse. Sie glaubt, ihre reine Anwesenheit schafft Sicherheit. Weil sie die Abwesenheit von Menschen und Dingen für sie die Wurzel aller Unsicherheit ist. Aber sie hat nie gelernt, wie man für sich einsteht, Sicherheit erkämpft, kultiviert und anderen bietet. Rita strebt nach einem unerreichbaren Ideal, das in ihrer zerfressenen Psyche herumwabert.

Sie probiert es einfach immer und immer wieder. Brute Force. Sie versteht nicht, warum einfach nichts besser wird und weiß gleichzeitig, dass ihr Handeln alles schlimmer macht. Weil sie es nie anders gelernt hat. Weil ihr nie jemand eine Hand gereicht hat. Deshalb kann sie einfach nicht raus aus ihrer Haut. Und darin ist die unendlich tiefe Traurigkeit dieser Geschichte begründet.

★★★★½

🇨🇭/🇧🇪/🇩🇪, R: Marie Speth, D: Sandra Hüller, Luisa Sappelt, Coleman Swinton, Susanne Lothar, Gerti Drassl, Olivier Gourmet, Isabella Soupart, Jérémie Segard, Peter Moltzen, Trailer, Wikipedia, Foto: Filmgalerie 451

Madonnen - Stream: Jetzt Film online finden und anschauen
Finde heraus, wie und wo du “Madonnen” heute auf Netflix, Prime Video, Disney+ & Co. online sehen kannst – einschließlich 4K und kostenloser Optionen.

Gesehen: Wicked (2024)

Gesehen: Wicked (2024)
Cynthia Erivo als Elphaba und Ariana Grande als Galinda // © Universal Pictures International Germany

Der Film ist super wirr und es ist extrem anstrengend zu ordnen, wonach hier alles ausgeholt, geschlagen und gegriffen wird – was aber nicht unbedingt schlecht ist. Denn viele Themen sind recht klug verwoben. Klug heißt hier nicht unbedingt subtil, aber man muss sich eben auch immer wieder bewusst werden, dass Musicals und arthousige Nuancierung nicht unbedingt Hand in Hand gehen und das auch gar nicht das Ansinnen ist. Deshalb gibt es den Rassismusdiskurs eben durchgehend dick aufgetragen.

Was sonst noch auf dem Brot landet, wie meine Gedanken zu THE WIZARD OF OZ, als Liste:

  • Hier wird auch miterzählt, wie problematisch es ist, nach der Maxime „Also ich sehe ja keine Hautfarbe" zu leben, weil das genau gar nichts an den Verhältnissen ändert.
  • Wie im WIZARD läuft hier ein zumindest bisexueller Subplot ab. Denn was Elphaba und Galinda in der ersten Nacht im gemeinsamen Penne-Zimmer an körperlichen Reaktionen durchlaufen, hat nicht unbedingt viel mit der von ihnen diagnostizierten, füreinander empfundenen Ablehnung zu tun. Darauf angespielt wird immer und immer wieder.
  • Ich bin eigentlich kein Fan davon, wenn ein Sequel versucht, bekannte Figuren umzuschreiben. In der Regel trägt das nichts zur Tiefe der Figuren bei, sondern wirft alles für einen billigen Effekt sinnlos über den Haufen. Hier geht die Nummer aber auf, denn letztlich verleiht sie insbesondere dem Zauberer mehr sinnvollen Kontext. Es wird klarer: Eigentlich ist er wie europäischer ein Kolonialherr, der Oz annektiert und die Indigenen unter anderem mit Feuerwasser gefügig bzw. von ihm abhängig macht.
  • Der Zauberer ist ein lupenreiner Faschist, der an seiner Idealvorstellung eines Reichs schraubt und mit Mengele-Experimenten an Affen sowie der Ausgrenzung der Tiere seine Herrschaft über alles Lebende zu behaupten versucht.
  • Der Film verschiebt vor dieser Kulisse die Perspektive auf viele bekannte Figuren des Universums und nutzt das, um davon zu erzählen, wie Gesellschaften in den Faschismus kippen und darin auch gar kein Problem sehen.
  • Das Entschwinden des Zauberers zurück in seine Welt im letzten Akt von THE WIZARD OF OZ ist nun als Warnung zu verstehen: Der Faschismus kehrt zurück in unsere Welt und wir sind nicht dafür gewappnet.
  • Der Kulissenaufwand ist auch hier absurd, trifft jedoch leider auf eine nur selten in dessen Dienste arbeitende Cinematography, die trotzdem die Hälfte wie Greenscreen aussehen lässt.

★★★☆☆

🇺🇸, R: John M. Chu, D: Cynthia Erivo, Ariana Grande, Jeff Goldblum, Michelle Yeoh, Jonathan Bailey, Ethan Slater, Marissa Bode, Peter Dinklage, Andy Nyman, Trailer, Wikipedia, Foto: Universal Pictures International Germany

Wicked - Stream: Jetzt Film online finden und anschauen
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Gesehen: The Truth vs. Alex Jones (2024)

Gesehen: The Truth vs. Alex Jones (2024)
© Amos Pictures, HBO Documentary Films

Als Dokumentarfilm ist das alles leider durch und durch fürchterlich. THE TRUTH VS. ALEX JONES ist praktisch nicht zu unterscheiden von dieser einen Ecke, in der Youtuber:innen ihre Inhalte als Dokumentation bezeichnen, aber dann letztlich nie mehr als ein „Was bisher geschah und bereits berichtet wurde" liefern.

Dan Reed liefert hier kaum mehr als eine auch ohne ihn gründlich dokumentierte Timeline of Events, was per Definition nur an der Oberfläche kratzen kann.

Wo sind die Medienwissenschaftler:innen, die Psycholog:innen, die Verschwörungsexpert:innen? Aber der Film hat kein Interesse daran, die Mechanismen, denen sich Alex Jones und seine Truppe bedienen, zu erklären.

Grauenhaft ist auch die gesamte Ästhetik des Films, die Verhochglanzung des Banalen, was ein inhaltliches Gewicht vorgaukeln soll, das einfach nicht gegeben ist. (Wichtig: Ich spreche hier nicht vom emotionalen Gewicht!)

Wie blind die Macher:innen dieser Doku sind, zeigt eine bereits früh im Film zu Wort kommende Frau – eine Frau mit Reinigungsbusiness, die ein Buch geschrieben hat, in dem sie den Amoklauf an der Sandy-Hook-Grundschule leugnet und ihre angebliche Expertise mit „I'm watching a lot of true crime" begründet.

DAS ist die Geschichte – eine Geschichte über mediale Mechanismen, Social Media, zu lasche Regulierung und den Dunning-Kruger-Effekt. Aber noch ein paar absurde Infowars-Schnipsel und die astronomische Schadensersatzsumme zu zeigen, knallt halt mehr.

🇺🇸, R: Dan Reed, Trailer, Wikipedia, Foto: Amos Pictures, HBO Documentary Films

The Truth vs. Alex Jones - Stream: Jetzt online anschauen
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Gesehen: Problemista (2023)

Gesehen: Problemista (2023)
Tilda Swinton und Julio Torres // © Universal Pictures International Germany

Diese affektiert-infantile Art, wie sich Julio Torres selbst erzwungen komisch inszeniert – unter anderem darin, wie er wortwörtlich durch die Welt läuft – finde ich unglaublich ermüdend.

Gefallen hat mir hingegen, wie sich Julio Torres mit seinem Film zur Kunst verhält: Künstler:in zu sein bzw. Kunst zu schaffen, das ist aus einer Position der Überprivilegiertheit, aus größtmöglicher Sicherheit heraus nur schwer möglich. Ein bisschen Gegenwind, eine kleine Steigung beim Rollen des Steins, etwas weniger Bodenhaftung beim Waten durch den Schlamm braucht es mindestens.

Kunst ist letztlich auch ein Prozess des Überwindens und dabei Infragestellens. Es gibt keine Kunst ohne Widerstände. Alles andere ist lediglich Ästhetik.

Was zunächst anklingt, aber dann auch nur halbgar mitgeschleift wird, ist die Auseinandersetzung mit einer Gesellschaft, die sehenden Auges den Planeten abfackelt und sich in die Tasche lügt, dass die technische Lösung des Problems bereits hinter der nächsten Ecke bereitsteht.

(Die deutsche Perspektive wäre: eine FDP, die irgendwas von tEcHnOlOgIeOfFeNhEiT predigt, weil uns in naher Zukunft schon irgendwas einfallen wird, innerhalb kürzester Zeit das gesamte Kohlenstoffdioxid aus der Atmosphäre zu ziehen. CDU und SPD, die nach Sondierungsgesprächen nun (03/2025) in Koalitionsverhandlungen treten wollen und anscheinend Kernfusion als in Kürze in großem Maßstab mögliche Art der Energiegewinnung betrachten.)

Wer das als Lösung anbieten möchte, lügt nach Strich und Faden. Denn der Gleichung fehlt noch der zweite Teil zur Lösung und das ist kein Geheimnis. Auch Julio Torres zeigt am Ende, dass kaum eine Technologie der alleinige Heilsbringer ist, wenn die Menschen selbst nicht zu Veränderungen bereit sind. Aber eben alles ziemlich halbgar.

★★½☆☆

🇺🇸, R: Julio Torres, D: Julio Torres, Tilda Swinton, RZA, Isabella Rossellini, Catalina Saavedra, James Scully, Laith Nakli, Spike Einbinder, Logan J. Alarcon-Poucel, Greta Lee, Larry Owens, Kelly McCormack, Trailer, Wikipedia, Foto: Universal Pictures International Germany

Problemista - Stream: Jetzt Film online finden und anschauen
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