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Filmkritik

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Gesehen: Kes (1969)

Gesehen: Kes (1969)
David Bradley mit Falke // © MGM

Es scheint redundant, erst den Namen Ken Loach zu nennen und dann trotzdem noch zu erwähnen, wie nuanciert hier die Zusammenhänge zwischen ökonomischer Ungleichheit, den Folgen fehlender politischer Teilhabe, autoritärer Schulbildung sowie weggebrochener öffentlicher Räume des Zusammenkommens außerhalb der eigenen vier Wände und in Flammen aufgegangener berufliche Perspektiven inszeniert werden. Aber dennoch: Irre, wie nuanciert und organisch das alles ineinandergreift.

All das führt zu einer radikalen Entsolidarisierung nicht nur innerhalb einer Gesellschaft, sondern sogar innerhalb individueller Familiengefüge. Das dadurch entstehende Vakuum wird direkt vom autoritären Geist gefüllt. Bereits einfach nur als Kind zu existieren, ist in den Augen dieser Geister schon ein nicht zu akzeptierender Zustand. Diese Kinder haben im Gegensatz zu denen noch die Möglichkeit einer Zukunft und sind deshalb mit aus Neid entwachsener, größtmöglicher Aggression und Repression zu behandeln.

Doch wenn diesen Kindern auch nur der Hauch einer Chance gewährt wird, nach etwas streben, sich in etwas finden, in etwas aufgehen zu können, dann besteht noch Hoffnung für die Welt – selbst für eine Welt, in der die Schiedsrichter:innen selbst Teil einer der Mannschaften sind, deren Wettbewerb sie eigentlich überwachsen sollen. (Eine wirklich großartige Metapher, die Ken Loach hier im Schulsport und dem tyrannischen Lehrer findet.)

★★★★☆

🇬🇧, R: Ken Loach, D: David Bradley, Freddie Fletcher, Lynne Perrie, Colin Welland, Brian Glover, Bob Bowes, Trailer, Wikipedia

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Gesehen: Here (2024)

Gesehen: Here (2024)
Tom Hanks und Robin Wright, digital verjüngt (c) DCM Film Distribution

So langsam komme ich mir vor wie ein alter Mann, der eine Wolke anschreit, aber ich verstehe diese Obsession mit vermeintlichem technologischen Fortschritt einfach nicht. Die digital verjüngten Köpfe von Tom Hanks und Robin Wright auf jüngeren Körpern zu sehen, lässt uns nicht nur völlig unnötig durch das Uncanny Valley waten, es fügt dem gesamten Film auch rein gar nichts hinzu.

Die digital verjüngten Hanks und Wright sind letztlich Ausdruck eines Filmemachers, der bereits aufgegeben hat, bevor er es überhaupt probiert hat. Der (zumindest unbewusst) keinerlei Vertrauen in sein Publikum zu haben scheint. Kein Vertrauen, dass sich sein Publikum emotional auf seine (adaptierte) Geschichte einlassen kann. Denn dafür braucht es keine digital verjüngten Gesichter.

Ich bin wirklich der letzte Mensch, der sich gegen neue Technologien sperrt. Aber hier verkommt sie einfach zum Selbstzweck und stellt sich so dem in den Weg, was HERE eigentlich erzählen möchte.

Vielleicht erscheint mir der Film deshalb insgesamt auch überraschend ambitionslos für das, was er versucht zu verhandeln. Für mich ist HERE eine elegant verwobene Aneinanderreihung vieler rührender, schöner, trauriger, aber letztlich auch oft banaler Momente. Hier fordert einfach sehr wenig heraus.

Eine Ausnahme: Die starre und folglich verengte Perspektive des Films zwingt, sich mit dem Verhältnis von Innen und Außen auseinanderzusetzen. Denn etwa Sklaverei, Vietnamkrieg oder der 11. September 2001 spielen entweder gar keine Rolle oder sie werden kurz angerissen und sofort wieder fallengelassen.

Das illustriert, wie monumental persönliche und familiäre Probleme erscheinen können und unterstreicht gleichermaßen die unfassbare Ignoranz gegenüber Mitmenschen, die an den Tag gelegt werden kann. Doch wenn dieser Prozess nie wirklich innerhalb des Films verhandelt wird, sondern ausschließlich auf dem Publikum und für die Zeit nach dem Abspann abgeladen wird, dann erscheint mir das fast etwas feige – als ob sich Robert Zemeckis und Eric Roth nicht mal zu einer Minimalaussage hinreißen lassen wollen.

Für mich ist das ein Film ganz im Zeichen des von Tom Hanks' Figur überstrapazierte Spruchs: „Time flies..." Ja, okay, die Zeit rinnt uns allen durch die Finger. Und jetzt?

★½☆☆☆

🇺🇸/🇨🇦, R: Robert Zemeckis, D: Tom Hanks, Robin Wright, Paul Bettany, Kelly Reilly, Trailer, Wikipedia

Here - Stream: Jetzt Film online finden und anschauen
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Gesehen: A Different Man (2024)

Gesehen: A Different Man (2024)
Renate Reinsve, Sebastian Stan und Adam Pearson // (c) Universal Pictures International Germany

Edward leidet nicht unter seiner Krankheit, er leidet unter den abschätzigen Blicken und den Reaktionen der Menschen auf seine Krankheit. Von der empfundenen Norm abzuweichen, wird als Zustand begriffen, der ausgerottet werden muss – um welchen Preis und mit welchen Mitteln auch immer.

Es ist ein Film über einen Menschen, der kaum noch er selbst sein kann, weil er immer der ist, der in den von allen anderen aufgezogenen Schubladen wohnt und es dort allen genehm machen muss, um so wenig Reibungsfläche wie möglich zu bieten. Edward ist nur noch eine verbrauchte Hülle. Doch was bringt schon eine neue Hülle, wenn es gar nichts mehr zu verhüllen gibt, wenn alles von innen so zerfressen wurde und lediglich ätherischer Schmerz und Leere übrig sind?

Nicht immer gelingt Aaron Schimberg der notwendige Balanceakt. Er gleitet dann doch immer mal wieder ab in das Erzählen ÜBER Menschen mit Neurofibromatose. Dennoch hält er sich größtenteils daran, den Blick auf Menschen mit einer derartigen Erkrankung zu hinterfragen – was in letzter Konsequenz auch ein Hinterfragen seiner selbst und von uns als Publikum ist.

P.S.: Irgendwie kamen mir große Teile des Films vor wie eine Episode von Seinfeld, nur inszeniert von David Cronenberg.

★★★½☆

🇺🇸, R: Aaron Schimberg, D: Sebastian Stan, Adam Pearson, Renate Reinsve, Trailer, Wikipedia

A Different Man - Stream: Jetzt Film online anschauen
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Meine Hoffnungen und Tipps für die Oscars 2025

Meine Hoffnungen und Tipps für die Oscars 2025
(c) James A. Molnar / Unsplash

Kurz und bündig: Hier sind meine (oftmals auf blind getätigten) Tipps (blau) und meine Wunschsieger:innen (grün) in den Kategorien, in den ich mir eine halbwegs fundierte Meinung bilden konnte, für die Oscars 2025.

Gesehen: Mein Ende. Dein Anfang. (2019)

Gesehen: Mein Ende. Dein Anfang. (2019)
(c) Telepool, 24 Bilder

Viele Motive und Sujets dieses Films erscheinen mir doch ziemlich verbraucht – jedenfalls in dieser Form. Dieser Bruch mit unserem Laienverständnis von Raum und Zeit über eine Liebe, die unerwartete Bahnen sucht, an den seltsamsten Orten Wurzeln schlägt und anderes aus zunächst unerfindlichen Gründen hinter sich lässt berührt ohne Frage. Aber es berührt dann eben auch schon zum Xten Mal.

Dennoch hat mich der Film auf eine gewisse Art und Weise in seinen Bann gezogen. Der Grund: Das unvergleichliche Casting der noch unvergleichlicheren Simone Bär. Was dort zwischen Saskia Rosendahl, Edin Hasanović und Julius Feldmeier passiert, ist so subtil wie faszinierend. Zwischen ihnen steht etwas Unausgesprochenes in der Luft, das für uns als Publikum vielleicht nicht in jedem Moment greifbar, dafür umso mehr spürbar sein mag.

Simone Bär hat diesen Film gerettet.

★★½☆☆

🇩🇪, R: Mariko Minoguchi, D: Saskia Rosendahl, Edin Hasanović, Julius Feldmeier, Emanuela von Frankenberg, Hanns Zischler, Leonard Kunz, Michelle Barthel, Trailer, Wikipedia

Der Film stehet noch bis zum 24. März 2025 in der ARD-Mediathek:

Film: Mein Ende. Dein Anfang. - hier anschauen
Der Film beginnt mit seinem Ende. Bei einem Banküberfall wird Aron erschossen, weil er seine Freundin Nora beschützen will. Aus einer Kette von Zufällen, einer ungeplanten Begegnung, einer Verabredung zum Essen, dem Mangel an Bargeld, entspringt das Schicksal in seiner ganzen Tragik.
Mein Ende. Dein Anfang. - Stream: Jetzt online anschauen
Wie und wo du “Mein Ende. Dein Anfang.” online auf Netflix & anderen Anbietern ansehen kannst – einschließlich kostenloser Streams.

Gesehen: Sad Jokes (2024)

Gesehen: Sad Jokes (2024)
Regisseur, Autor und Hauptdarsteller Fabian Stumm in „Sad Jokes" // (c) Postofilm, Salzgeber

Auf jeden Fall ist SAD JOKES der lustigste Film, den ich in jüngster Zeit und vielleicht auch einer der lustigsten bzw. humorvollsten, die ich je gesehen habe. Ich finde es genial, wie Fabian Stumm einen geschützten Raum inszeniert, in dem gelacht werden kann – und zwar ohne plattes Herbeikonstruieren filigran zurechtgelegter Pointen, vielleicht mit Setup, aber immer ohne Punchline.

Humor ist etwas, das tiefer geht als die Blaupause eines Jokes.

Es ist ausgerechnet die vielleicht am radikalsten überzeichnete Szene des gesamten Films, in der die tatsächliche Wahrheit versteckt ist. Es ist die Premierenfeier eines Films des Protagonisten. Dort unterhalten sich Menschen affektiert über den eben gesehenen, augenscheinlich tieftraurigen Film. Niemand hat dort einen Zugang zu seinem Innenleben. Was zählt, ist, was andere an der Oberfläche erkennen können. Schnell ließe es sich als Worthülse abtun, wenn das Publikum auf der Premierenfeier davon spricht, wie „universell" die Geschichte doch sei.

Doch das ist die wichtigste Wahrheit des gesamten Films. Universell ist nicht der Witz, wahrscheinlich auch nicht der Humor. Universell ist der Schmerz. Die finsteren Momente unserer Leben, die Verluste, die gebrochenen Herzen und die tiefen Täler, die es zu durchlaufen gilt. Universell ist aber auch das Wissen, dass das kein Dauerzustand sein muss, wenn man bereit ist, Hilfe anzunehmen. In diesem Wissen und den damit bald absurd scheinenden Momenten steckt das Herz des Humors. Wer es findet, wird wieder lachen – über sich selbst und dem Leben ins Gesicht.

P.S.: Der Metagag, für den Fabian Stumm den ihm doch sehr ähnlich sehenden Sebastian Schipper in eine kurze Szene holt, hat mich schon gekriegt 😅 Können wir wirklich sicher sein, dass Stumm und Schipper nicht dieselbe Person sind? Hat man die beiden schon mal zusammen in einem Raum gesehen? Nun, ja, haben wir jetzt 😄

★★★★½

🇩🇪, R: Fabian Stumm, D: Fabian Stumm, Haley Louise Jones, Jonas Dassler, Ulrica Flach, Justus Meyer, Godehard Giese, Marie-Lou Sellem, Anne Haug, Knut Berger, Hildegard Schroedter, Trailer, Wikipedia

Sad Jokes - Stream: Jetzt Film online finden und anschauen
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