Als Dokumentarfilm ist das alles leider durch und durch fürchterlich. THE TRUTH VS. ALEX JONES ist praktisch nicht zu unterscheiden von dieser einen Ecke, in der Youtuber:innen ihre Inhalte als Dokumentation bezeichnen, aber dann letztlich nie mehr als ein „Was bisher geschah und bereits berichtet wurde" liefern.
Dan Reed liefert hier kaum mehr als eine auch ohne ihn gründlich dokumentierte Timeline of Events, was per Definition nur an der Oberfläche kratzen kann.
Wo sind die Medienwissenschaftler:innen, die Psycholog:innen, die Verschwörungsexpert:innen? Aber der Film hat kein Interesse daran, die Mechanismen, denen sich Alex Jones und seine Truppe bedienen, zu erklären.
Grauenhaft ist auch die gesamte Ästhetik des Films, die Verhochglanzung des Banalen, was ein inhaltliches Gewicht vorgaukeln soll, das einfach nicht gegeben ist. (Wichtig: Ich spreche hier nicht vom emotionalen Gewicht!)
Wie blind die Macher:innen dieser Doku sind, zeigt eine bereits früh im Film zu Wort kommende Frau – eine Frau mit Reinigungsbusiness, die ein Buch geschrieben hat, in dem sie den Amoklauf an der Sandy-Hook-Grundschule leugnet und ihre angebliche Expertise mit „I'm watching a lot of true crime" begründet.
DAS ist die Geschichte – eine Geschichte über mediale Mechanismen, Social Media, zu lasche Regulierung und den Dunning-Kruger-Effekt. Aber noch ein paar absurde Infowars-Schnipsel und die astronomische Schadensersatzsumme zu zeigen, knallt halt mehr.
🇺🇸, R: Dan Reed, Trailer, Wikipedia, Foto: Amos Pictures, HBO Documentary Films
Diese affektiert-infantile Art, wie sich Julio Torres selbst erzwungen komisch inszeniert – unter anderem darin, wie er wortwörtlich durch die Welt läuft – finde ich unglaublich ermüdend.
Gefallen hat mir hingegen, wie sich Julio Torres mit seinem Film zur Kunst verhält: Künstler:in zu sein bzw. Kunst zu schaffen, das ist aus einer Position der Überprivilegiertheit, aus größtmöglicher Sicherheit heraus nur schwer möglich. Ein bisschen Gegenwind, eine kleine Steigung beim Rollen des Steins, etwas weniger Bodenhaftung beim Waten durch den Schlamm braucht es mindestens.
Kunst ist letztlich auch ein Prozess des Überwindens und dabei Infragestellens. Es gibt keine Kunst ohne Widerstände. Alles andere ist lediglich Ästhetik.
Was zunächst anklingt, aber dann auch nur halbgar mitgeschleift wird, ist die Auseinandersetzung mit einer Gesellschaft, die sehenden Auges den Planeten abfackelt und sich in die Tasche lügt, dass die technische Lösung des Problems bereits hinter der nächsten Ecke bereitsteht.
(Die deutsche Perspektive wäre: eine FDP, die irgendwas von tEcHnOlOgIeOfFeNhEiT predigt, weil uns in naher Zukunft schon irgendwas einfallen wird, innerhalb kürzester Zeit das gesamte Kohlenstoffdioxid aus der Atmosphäre zu ziehen. CDU und SPD, die nach Sondierungsgesprächen nun (03/2025) in Koalitionsverhandlungen treten wollen und anscheinend Kernfusion als in Kürze in großem Maßstab mögliche Art der Energiegewinnung betrachten.)
Wer das als Lösung anbieten möchte, lügt nach Strich und Faden. Denn der Gleichung fehlt noch der zweite Teil zur Lösung und das ist kein Geheimnis. Auch Julio Torres zeigt am Ende, dass kaum eine Technologie der alleinige Heilsbringer ist, wenn die Menschen selbst nicht zu Veränderungen bereit sind. Aber eben alles ziemlich halbgar.
★★½☆☆
🇺🇸, R: Julio Torres, D: Julio Torres, Tilda Swinton, RZA, Isabella Rossellini, Catalina Saavedra, James Scully, Laith Nakli, Spike Einbinder, Logan J. Alarcon-Poucel, Greta Lee, Larry Owens, Kelly McCormack, Trailer, Wikipedia, Foto: Universal Pictures International Germany
Die finale Wendung untermauert die Scheinheiligkeit der katholischen Kirche: lieber lebenslang lügen, manipulieren und vertuschen als tatsächlich nach den so widerlich selbstgerecht vor sich hergetragenen Werten zu leben. Die Machtstruktur muss um jeden Preis erhalten werden. Irrtümer und Fehler sind nicht vorgesehen, denn das Gefüge wird offenbar als perfekt betrachtet.
Gleichzeitig fühlt es sich ziemlich eklig an, dass dafür dieser aus Spoilergründen hier nicht näher benannte Kniff aus dem Hut gezaubert wird. Wenn die Existenz eines Menschen fast ausschließlich als eine Art Strafe für andere inszeniert wird, ist das entmenschlichend und nicht sonderlich viel besser als das, was eigentlich kritisiert werden soll.
Letztlich würde ich aus meiner privilegierten Situation heraus sagen, dass der Film extrem viel Fläche bietet, an der man sich sehr gut und sehr produktiv reiben und sich dabei trotzdem zusammen hinter einer gemeinsamen Kritik an der katholischen Kirche versammeln kann.
Parallel scheint mir der Stoff jedoch auch ein billiger Versuch, Teile der katholischen Kirche reinzuwaschen und sogar das Oberhaupt dieser moralisch und politisch völlig erstarrten Struktur, als heimlichen Progressiven in Szene zu rücken. Für die Opfer der Kirche muss das ein Schlag ins Gesicht sein. Aber es verdeutlicht gleichzeitig das Predigen von Wasser und Saufen von Wein.
Gefallen hat mir diese cleane, sterile, klinisch-strenge und mechanische Bildsprache, die mich sehr an Danny Boyles STEVE JOBS erinnert hat. Die eigentliche Spannung entsteht nicht zwingend aus den Gedanken und gesprochenen Worten einer Figur heraus, sondern ergibt sich aus Geometrie und Geografie.
Ralph Fiennes liefert ein faszinierendes Spiel ab. Zunächst wirkt es, als ob er sich mit aller Gewalt dem Overacting verschrieben hat. Er geht mit einer in einem Affenzahn eskalierenden Emotion in Szenen, bremst sich dann aber genau vor dem Kipppunkt zur Lächerlichkeit ab. Er zeigt die Unsteuerbarkeit von Emotionen und gleichermaßen eine strenge Kontrolle und Unterdrückung von Gefühlen. Denn in dieser katholischen Kirche sind Gefühle eine Schwäche, weil sie Risse in die Machtstruktur treiben.
Für meinen Geschmack hätte der Film jedoch durchaus radikaler im Benennen der Subjekte sein dürfen und müssen. Diesem hypothetischen Herumwabern können sich die Angesprochenen leicht entziehen. Dabei gibt es hier keinerlei Pietät zu wahren. Denn von Pietät hat sich die katholische Kirche längst verabschiedet – oder sie war niemals dort.
★★★½☆
🇬🇧/🇺🇸, R: Edward Berger, D: Ralph Fiennes, Stanley Tucci, John Lithgow, Isabella Rossellini, Lucian Msamati, Carlos Diehz, Sergio Castellitto, Brían F. O’Byrne, Merab Ninidze, Thomas Loibl, Jacek Koman, Trailer, Wikipedia, Foto: Leonine Studios Spielfilm
All das ist mehr grobe Outline als wirklich ausgearbeiteter Film, der seine einfache Hülle mit einer aus seinen Figuren heraus entstehenden Spannung zu füllen weiß. Es ist eine Wiederholung längst totgeglaubter Bilder. Dabei ließe sich mit den Sujets, die gleichzeitig total aus der Zeit gefallen und drängender wie schon lange nicht mehr sind, sicherlich ein interessantes Spannungsfeld bilden.
Stattdessen wird die nicht ganz triviale politische Gemengelage derart verengt, dass am Gerippe des Films fast kein Fleisch mehr hängt, um das sich die Austronaut:innen dann auch noch weitestgehend uninspiriert prügeln dürfen.
I.S.S. ist die Idee eines modernen Actionthrillers mit politischen Untertönen – jedoch bereits im fünften Durchlauf des Wiederkäuens.
★½☆☆☆
🇺🇸, R: Gabriela Cowperthwaite, D: Ariana DeBose, Chris Messina, John Gallagher Jr., Masha Mashkova, Costa Ronin, Pilou Asbæk, Trailer, Wikipedia, Foto: Universal Pictures International Germany
Der einzige Grift, den diese drei Menschen wirklich beherrschen, wie kein:e Zweite:r, ist der Grift sich selbst gegenüber. Die drei machen sich vor, ihr Leben im Griff zu haben, am Steuer zu sitzen, die Kontrolle über all ihr Handeln zu haben. Daran halten sie sich fest, weil es keine Alternative gibt.
Letztlich ist der Grift wie eine Drogensucht: Nur, weil du dir die Spritze selbst in die Vene setzt, hast du noch lange keine Kontrolle. Im Gegenteil, die Droge hat längst dein Ruder in der Hand. Die wiederum tanzt sozusagen nach den Pfeifen der Dealer:innen und die im Rückschluss nach den Pfeifen der Kartelle.
Cui bono? Den Grifter:innen selbst jedenfalls nicht. Wer griftet, wird ausgebeutet. Wer griften lässt, hat die Kontrolle.
Damit ist THE GRIFTERS eine tieftraurige Geschichte über Menschen, die einfach nicht (mehr) aus ihrer Haut können und sich dessen wahrscheinlich schon lange nicht mehr auch nur ansatzweise bewusst sind.
Der Film ist zwar konsequent und finster, zerfasert nur leider an vielen Ecken und versucht diese Fransen schließlich mit Schlagfertigkeit und aufspielender Coolness unter den Teppich zu kehren.
★★★☆☆
🇨🇦/🇺🇸, R: Stephen Frears, D: John Cusack, Anjelica Huston, Annette Bening, Trailer, Wikipedia, Foto: ARD Degeto 2025
Der Film steht noch bis zum 01. April 2025 in der Arte-Mediathek:
Dieser unfassbare Kulissenaufwand, die endlos vielen Statist:innen, die genialen und vor allem die Zeit überdauerten Spezialeffekte, dieser Reichtum an Metaphern, das ist schon abgefahren.
Vielen werde ich damit sicherlich nichts Neues erzählen, aber ich kannte vorher weder das Buch noch habe ich mich anderweitig belesen und zähle jetzt einfach mal auf, was mir alles aufgefallen ist:
Wie der Film Rollenbilder dekonstruiert, der eisenharte Tin Man selbstverständlich auch ein Herz haben darf, der immer mit großem Mut in Verbindung gebrachte Löwe natürlich auch mal Angst haben darf und die Vogelscheuche bisexuell as fuck ist. „Of course, people do go both ways!"
Die Yellow Brick Lane, also gewissermaßen die mit Gold oder Geld gepflasterte Straße führt zur Emerald City, wo ein völlig entrückter Typ in seinem Elfenbeinturm wohnt. Kapitalismus, ich hör die trapsen.
Und Elon Musk bzw. Donald Trump, dir hör’ ich auch trapsen. Denn als „Wizard of Oz" hat Professor Marvel Emerald City unterjocht oder zumindest kolonialisiert und zieht dort in seiner Zentrale eine ziemlich exzentrische wie egozentrische Show ab. Dabei ist er außerdem besessen von Oberflächlichkeiten – nicht nur, was seine Erscheinung betrifft, sondern auch: die Flavor-Flav-Style-Uhr für den Tin Man, Stolen Valor für den Löwen und der Ehrendoktortitel für die Vogelscheuche. Was zählt, ist, was an der Oberfläche glänzt. Natürlich waren Musk und Trump 1939 noch nicht mal Quark im Schaufenster, aber ich wollte den Bezug herstellen, um die meiner Meinung nach extrem zeitlosen Qualitäten der Bilder zu unterstreichen.
Dazu eine Prise Faschismus von fliegenden Affen in SS-ähnlichen Uniformen.
Und weil's knallt: Die Wicked Witch of the West hext die Truppe um Dorothy in den Schlaf – natürlich nur gänzlich zufällig auf einem Blumenfeld, das nur Schlafmohn sein kann. Aber dann zaubert Glinda Schnee herbei und alle sind wieder hellwach. Noch Fragen?
★★★★½
🇺🇸, R: Victor Fleming, D: Judy Garland, Frank Morgan, Ray Bolger, Bert Lahr, Jack Haley, Billie Burke, Margaret Hamilton, Charley Grapewin, Clara Blandick, Trailer, Wikipedia, Foto: Warner Bros. Home Entertainment, MGM
„Heute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag, habe ich mir einfach mal überlegt, welche Möglichkeiten und Privilegien Männer haben, die ich für uns auch gern hätte“, schreibt Jasmin Schreiber. Man(n) liest und scrollt sehr lange.
Privilegien, die ich als Frau auch gern hätte — JASMIN SCHREIBERHeute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag,
Die heutigen Dailies unter anderem mit: Robyn, Hank Green und Alice Rohrwacher
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