Sozialistischer Realismus trifft auf realen Sozialismus: Köpfe, die nicht mit dem Diskutieren aufhören können und sich permanent um sich selbst statt um die Sache drehen. Auf Ästhetik fixierte Köpfe, die sich wegen Begrifflichkeiten in die Haare kriegen, obwohl sie dasselbe Ziel verfolgen. Köpfe, die sich in inneren Grabenkämpfen und damit das Ziel aus den Augen verlieren. Köpfe, die ohne Ende gegen die Bürokrat:innen des unterdrückenden Staates anschwadronieren und dabei unbemerkt selbst ein fast noch undurchschaubareres Regelwerk für einen von ihnen entworfenen Staat aufstellen. Köpfe, die in ihren eigenen Zwängen gefangen und zu Kontrollmonstern verkommen sind. lol.
★★★½☆
🇨🇱, R: Raúl Ruiz, Valeria Sarmiento, D: Nemesio Antúnez, Marcial Edwards, Javier Maldonado, Jaime Vadell, Percy Matas, Waldo Rojas, Juan Carlos Moraga, Trailer, Foto: Poetastros, Athar Medios
Nachdem ich beide MÄDCHEN IN UNIFORM (1931 und 1958) gesehen habe, hatte ich nicht unbedingt unglaublich frischen Wind in dieser doch sehr ähnlichen, zwischen den Mädchen erschienenen Anordnung erwartet. Aber OLIVIA war doch anders.
Dieser Film muss lesbische Liebe keine Minute lang verhandeln, denn dass sie existiert und das auch darf, wird erst gar nicht zur Debatte gestellt.
Es geht viel mehr um die verschiedenen Formen des Begehrens, um Macht und um deren Gefälle, das unweigerlich zwischen der begehrenden und der begehrten Person entsteht.
Ein fruchtbarer Boden für das Autoritäre und Faschistoide. Der Anfang vom Ende.
★★★★☆
🇫🇷, R: Jacqueline Audry, D: Edwige Feuillère, Simone Simon, Marie-Claire Olivia, Yvonne de Bray, Suzanne Dehelly, Marina de Berg, Lesly Meynard, Rina Rhéty, Trailer, Wikipedia, Foto: Memnon Films, Les Films de la Pléiade, Filmsonor
Dem Text folgend ergeben Schnitt und Reihenfolge der Sequenzen ein kein streng chronologisches Bild, sondern eine davon losgelöste Erzählung.
Sinngemäß: Ein Auto biegt an einer Kreuzung ab, der Gegenschuss stammt bereits aus einem komplett anderen Film und doch erweckt der Ablauf den Anschein, eine zusammengehörende Geschichte zu erzählen.
So kann Thom Anderson auch wie wild hin und her durch die Jahrzehnte springen, ohne seinen narrativen Faden zu verlieren.
Interessant ist auch einfach zu sehen, wie sich Los Angeles im Film von einem nihilistischen angehauchten „Art imitates Life, imitates art, imitates life"-Kreislauf hin entwickelt zu einer viel konkreter politisch lesbaren, selbstreferenziellen Ästhetik, mit der etwa rassistische Stadtplanung untersucht wird.
Vor gut fünf Monaten habe ich das dänische Original gesehen und deshalb komme ich nicht umhin, die Parallelen zu ziehen und miteinander zu vergleichen.
Das Original lebt von einer zunehmend entrückten Figurenzeichnung, die erst mit vielen kleinen irritierenden Momenten vorbereitet wird, bis sie sich in Transgressionen überschlägt. Diese Entwicklung geht dem Remake etwas ab. James McAvoys Figur reitet eine von Beginn an kaum in ihrer Höhe variierende Prollwelle. Dadurch verpuffen viele Momente, im Original noch zur Irritation angelegte Momente, im Nichts, weil sie sich nicht ausreichend abheben.
Immerhin: Das Remake versucht etwas Neues und durch das Original bestehende Elemente für sich neu zu deuten. Trotzdem fehlt es dem daraus entstehenden Horror einfach an Intensität. Wo die Taten im Original in genau dem richtigen Maße unerklärt blieben, präsentiert James Watkins seine Entscheidungen regelrecht auf einem Silbertablett.
So verkommt die 2024er-Version zu stumpfem Backwoods-Horror, der sich letztlich vom rechten Kulturkampf vor sich hertreiben lässt und in jede von dessen Fallen tappt.
Ein bisschen musste ich an James Watkins' EDEN LAKE (2008) denken. Dazu schrieb ich unter anderem:
Der Film lässt ökonomische Perspektivlosigkeit, Eskapismus im Drogenrausch, eine weit geöffnete soziale Schere, fehlende soziale Auffangmechanismen, Gentrifizierung und Abdrängung an den Rand der Gesellschaft aufeinanderkrachen und bietet mit dem zentralen Konflikt einen horrormäßig überzeichneten Ausblick auf den bevorstehenden Bruch im gesellschaftlichen Gefüge. Diese Komplexität lässt sich jedoch wirklich nur finden, wenn man permanent in Metaphern denkt und damit aufhört, sich mit dem tatsächlich Gezeigten auseinanderzusetzen.
So lässt sich auch seine Version von SPEAK NO EVIL betrachten.
★★½☆☆
🇺🇸, R: James Watkins, D: James McAvoy, Mackenzie Davis, Scoot McNairy, Aisling Franciosi, Alix West Lefler, Dan Hough, Kris Hitchen, Motaz Malhees, Jakob Højlev Jørgensen, Trailer, Wikipedia, Foto: Universal Pictures International Germany
Was Anna Roller wirklich gut einfängt, ist das erdrückende Gefühl der Freiheit. Diese Dichotomie von dem Befreiungsschlag nach zwölf oder 13 Jahren Schule und jetzt erst so richtig beginnendem Erwartungsdruck.
Denn die Erzählung, dass mit dem Abitur in der Tasche die Welt offen steht und sich die eigene Zukunft eigenmächtig gestalten lässt, fällt schnell in sich zusammen. Denn statt ehrlicher Neugier dafür, was diese nun angeblich freien jungen Menschen nun vorhaben, wird eigentlich erwartet, einen wasserdichten Plan für die kommenden Jahrzehnte vorgelegt zu bekommen.
Unter diesen Umständen ist der Mensch frei – frei, um zu versagen und zu erkennen, dass man eben plötzlich ganz alleine in seinem Boot sitzt.
Dieses Sujet lädt Anna Roller mit einer Handvoll biblischer Motive auf, die erst verlockend und dann irritierend sind.
„Hast du Angst vor Schlangen?", fragt die während des Roadtrips aufgegabelte Zoe, bevor sie den jungen Frauen ihre Entdeckung präsentiert: ein Dorf, aus dem alle Menschen scheinbar von einer Sekunde auf die anderen verschwunden sind. Ein Ort, eingefroren in der Zeit, ohne drohende Konsequenzen und Grenzen des Handelns. Es ist die Wiederkehr des Sündenfalls.
All das jedoch am Ende „in den Armen" Gottes zusammenlaufen zu lassen und dort wieder Zuversicht aufkeimen zu lassen, ist eine abtörnend wilde Entscheidung.
So bleibt der Film doch recht blass und irgendwie auch komisch inkonsequent.
★★½☆☆
🇩🇪/🇫🇷, R: Anna Roller, D: Luna Jordan, Noemi Nicolaisen, Katharina Stark, Sara Giannelli, Trailer, Wikipedia, Foto: Mubi
Nicht nur eine bloße Antwort auf andere Berlinfilme, die um die Wendezeit herum spielen, sondern ein vollumfänglicher Gegenentwurf zu den Herr Lehmanns, die durch die Berlins in den Paralleluniversen zu Pia Frankenbergs schlurfen. Denn wer in diesem Berlin – entweder kurz vor oder kurz nach der Wende – auf Sinnsuche gehen darf, sind vor allem Männer. Sie dürfen sich ziellos durch die Straßen, in die Arme des Zufalls und vielleicht auch des Glücks treiben lassen.
Aber was tun die Frauen? Den Männern verfallen, ihre Herzen von Männern gebrochen bekommen, zur Randnotiz in den Lebensgeschichten der Herr Lehmanns verkommen – und schließlich sich zu Hause um Kinder kümmern, in toxischen Beziehungen feststecken und eingetrichtert bekommen, Erwartungen an ihre Rolle als Frau und an ihr Aussehen gerecht werden zu müssen.
Die Realität dieser Frauen erkennt Pia Frankenberg an, gibt diesen Frauen eine Plattform und eine Gelegenheit, aus dem Stillstand auszubrechen, ein Momentum zu entwickeln, sich einer Dynamik hinzugeben, die mehr aus einer Intuition statt einer intellektuellen Entscheidung heraus entsteht – trotz der Ketten, die sie weiterhin mit sich schleppen.
★★★★☆
🇩🇪, R: Pia Frankenberg, D: Lisa Kreuzer, Gabi Herz, Christiane Carstens, Ernst Stötzner, Michael Altmann, Leonard Lansink, Trailer, Letterboxd, Foto: Filmgalerie 451
„Heute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag, habe ich mir einfach mal überlegt, welche Möglichkeiten und Privilegien Männer haben, die ich für uns auch gern hätte“, schreibt Jasmin Schreiber. Man(n) liest und scrollt sehr lange.
Privilegien, die ich als Frau auch gern hätte — JASMIN SCHREIBERHeute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag,
Die heutigen Dailies unter anderem mit: Robyn, Hank Green und Alice Rohrwacher
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