Von Jean-Luc Godard über Agnès Varda bis François Truffaut und vielleicht auch Jean-Pierre Melville – hier stecken wirklich die Titan:innen des französischen Kinos drin – und zwar nicht nur mit ihrer Bildsprache, sondern natürlich auch ihren Themen.
Liebe, Freundschaft, das Verhältnis zwischen Mann und Frau und die Rolle des Menschen im Kapitalismus, die kaum mit dem Streben nach Erfahrungen und dem Schöpfungsdrang vereinbar scheint – all das steckt in diesem Kurzfilm.
Aber die Frage ist doch, wie viel Louis Garrel eigentlich in dieser knappen Dreiviertelstunde steckt. Denn den großen Namen derart nachzueifern, hinterlässt einen sehr eitlen Nachgeschmack. Bevor man behauptet, mit seinen offensichtlichen Vorbildern mithalten zu können, sollte man sicherstellen, dass man wirklich etwas zu sagen hat. Was das hier sein soll, kann Garrel mit seinem Kurzfilm bis zum Schluss jedoch nicht wirklich beantworten.
🇫🇷, R: Louis Garrel, D: Arthur Igual, Léa Seydoux, Albert Igual, Sylvain Creuzevault, Lolita Chammah, Laurent Laffargue, Gilbert Beugniot, Trailer, Letterboxd, Foto: Les films du clan
Der Kurzfilm steht noch bis zum 01. Juni 2025 in der Arte-Mediathek:
François Ozon benutzt hier mit Rohmersche Mitteln das große Besteck, um uns erst zu ver- und dann hineinzuführen in den Abgrund dieser zutiefst verstörenden Geschichte, in der der Protagonist Alexis eigentlich nur eine Nebenrolle spielt. Denn als David in sein Leben tritt, überlagert der sehr schnell einfach alles.
David ist Täter und Opfer zugleich. Er hat den Tod seines Vaters bisher nicht überwunden und verarbeitet, konnte vermutlich offenliegende Konflikte vor dessen Tod nicht mehr lösen. Seine Psyche reagiert darauf mit totaler Abstumpfung. Um sich selbst bzw. überhaupt etwas zu spüren, bleibt David zunehmend nur die Ekstase – auf dem Motorrad, auf der Achterbahn, mit dem Segelboot bei herannahendem Gewitter auf offenem Meer.
Das macht David zu einem regelrechten Drogenjunkie. Und was passiert mit Menschen im Umfeld von Suchtkranken? Sie werden unweigerlich mit in den Abgrund gerissen, weil sie glauben, helfen und das Gegenüber noch aus dem Abgrund ziehen zu können.
David saugt Alexis emotional aus, bis fast nur noch eine leere Hülle übrig ist. Er lovebombt ihn, überwältigt ihn vorsätzlich, um ihn dann auf der Suche nach dem nächsten ekstatischen Hit eiskalt unter sich zu begraben.
Faszinierend war für mich, wie Alexis seinen Namen benutzt, um mit allem umzugehen. Je nach Situation und Gegenüber ist er mal Alexis, mal Alex – als ob er so zwei voneinander getrennte Persönlichkeiten schafft und/oder dissoziiert.
Gerne hätte ich noch mehr über Alexis erfahren. Bestimmte Aspekte in der Beziehung zu seinen Eltern und deren Weltbild werden immer wieder angedeutet und lassen eine vielschichtige Gemengelage hinsichtlich Moral, Toleranz und Akzeptanz vermuten. Aber es bleibt eben nur bei Andeutungen, alles wabert nur vage im Hintergrund herum und drängt nie wirklich hinein in diese Welt.
GOLD ist kein Western, in dem die Figuren an den lebensfeindlichen Bedingungen an der Frontier, gnadenlosen Outlaws oder am Gesetz scheitern. Sie scheitern an sich selbst – ihrer Hybris, ihrer ununterdrückbaren Gier, ihrem Eitel, Egoismus und ihrer Herabsetzung alles Fremden. Sie wissen, wozu sie fähig sind, projizieren das auf ihre Umgebung und sind deshalb nie wirklich dazu fähig, Vertrauen in irgendwas und irgendjemanden zu fassen. Der Weg aus diesem inneren Fegefeuer ist die Liebe. Aber wie soll die in so einer Welt gedeihen?
★★★½☆
🇩🇪/🇨🇦, R: Thomas Arslan, D: Nina Hoss, Lars Rudolph, Uwe Bohm, Marko Mandić, Peter Kurth, Wolfgang Packhäuser, Rosa Enskat, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Piffl Medien
Das ist fundamental existenzialistisches Kino, das die Frage danach verhandelt, was für ein Mensch man eigentlich sein will. Hier werden die wirklich großen Fragen gestellt – die nach Natur und Vernunftbegabung des Menschen sowie nach Entstehung, Rolle und Macht der Kunst in einer durch und durch unwirtlichen Welt bzw. Gesellschaft.
Ist in dieser Welt überhaupt Platz für das Schöne, das Feinsinnige, das Bewegende? Wird Kunst erst zur Kunst und ein Mensch erst zum Menschen durch das Anarbeiten gegen diesen ungastlichen Ort? Es ist die Frage danach, ob es das Gute überhaupt ohne das Böse bzw. Schlechte geben kann.
Kann ich als Mensch, als Individuum überhaupt etwas bewegen auf diesem Planeten, auf diesem Kontinent, in diesem Land, vor meiner Haustür, in meiner WG oder das grundlegend in mir selbst?
Es ist nicht leicht, angesichts dieser Fülle von übermächtigen, von regelrecht überlebensgroßen Fragen keine Ohnmacht zu verspüren. Die scheinbare Beiläufigkeit, wie hier Existenzielles in zahlreichen alltäglichen Situationen verhandelt wird, hat gleichzeitig etwas Bedrohliches und Beruhigendes oder gar Tröstendes an sich.
Dieser Gegensatz des Hochkomplexen im vermeintlich Einfachen ist Ausdruck des unglaublichen Potenzials, das uns als Menschen und unsere Welt durchdringt. Der Weltschmerz entsteht dann, wenn man sieht, was die Menschheit mit diesem Potenzial anfängt.
★★★★☆
🇫🇷/🇩🇪/🇸🇪/🇹🇷, R: Nuri Bilge Ceylan, D: Deniz Celiloğlu, Merve Dizdar, Musab Ekici, Ece Bağcı, Erdem Şenocak, Münir Can Cindoruk, Onur Berk Arslanoğlu, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: eksystent distribution
Der Film stehe noch bis zum 16. Juni 2025 in der Arte-Mediathek:
Ein Schlag in die Magengrube schmerzt auch, wenn man ihn kommen sieht.
Foto: Alamode Film
Ein Film über die unbändige Kraft bedingungsloser Solidarität und Menschlichkeit, über den unfassbar dünnen Firnis der Zivilisation, den Verlust der Unschuld und die Ohnmacht gegenüber des Erwachsenwerdens und der Zeit, über den nostalgischen Rückblick auf die eigene Kindheit und die Melancholie angesichts der Menschen, die einmal waren.
Ein Film, dessen Ausgang so unausweichlich wie durch unser Wissen der Geschichte erwartbar ist und sich dennoch wie ein Schlag in die Magengrube anfühlt. Denn diese Grauen werden niemals ihr Gewicht verlieren.
Durch das Wissen, dass sich der Film aus den Erinnerungen Louis Malles an seine eigene Kindheit speist, ist es auch ein Film über die Notwendigkeit und die Mammutaufgabe, durch den eigenen Schmerz zu gehen – und wie schwer das selbst 40 Jahre nach den Erlebnissen sein kann.
★★★★☆
🇫🇷/🇩🇪, R: Louis Malle, D: Gaspard Manesse, Raphael Fejtö, Francine Racette, Stanislas Carré de Malberg, Philippe Morier-Genoud, François Berléand, François Négret, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Alamode Film
Es stellt sich schon die Frage, was überhaupt das Ziel dieses Films ist.
Foto: SWR, Hendrik Heiden
Das Allerbitterste ist es zu sehen, wie Lilith Stangenberg sich hier einen absoluten Wolf spielt und völlig verzweifelt gegen die blanke Bedeutungslosigkeit dieses Dokudramas ankämpft.
Diese absolut zerfaserte Inszenierung beweist wenig bis gar kein Gespür für das, was sie versucht – nämlich eine Art Kammerspiel zu sein, sich zur vielschichtigen Charakterstudie aufzuschwingen und irgendwie auch cooles mit Protagonist:innen, die wie die nächste Karte im Autoquartett eingeführt werden, zu sein.
Es stellt sich schon die Frage, was überhaupt das Ziel dieses Films ist, wonach das alles strebt. Denn hier wird weder eine einzige neue Erkenntnis zutage gefördert noch ein gelungener dramatischer Bogen gespannt.
★☆☆☆☆
🇩🇪, R: Niki Stein, D: Lilith Stangenberg, Henning Flüsloh, Tatiana Nekrasov, Moritz Führmann, Heino Ferch, Rafael Stachowiak, Trailer, Letterboxd, Foto: SWR, Hendrik Heiden
Der Film steht noch bis zum 16. Mai 2026 in der ARD-Mediathek:
Youtube hat mir einen Channel vorgesetzt, auf dem jemand unter anderem über Filme spricht und Formel-1-Rennen recappt – im ASMR-Stil. Und ich weiß ja auch nicht 🤷♂️
Calm Skateboard ASMRThis channel is for ASMR purposes, featuring videos that contain whsipering, and soft speaking, designed to help people relax, and sleep. ASMR (Autonomous
Aktuell (noch) vor der Paywall: Ronen Steinke von der Süddeutschen Zeitung spricht im Podcast mit Christina Clemm. Clemm berät aktuell Collien Fernandes, aber der ist nur mittelbar Thema der Folge, die sich in allererster Linie um das System dreht, in dem Fälle wie eben jener (immer wieder) passieren.
Christina Clemm
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