Wie viel Potenzial des Guten hier einfach im Nichts verpufft, ist deprimierend.
Foto: Mit Blick auf die Zärtlichkeit
Ein trauriges und bedrückendes Zeugnis dessen, wie diffus und verengt die Zukunft plötzlich scheint, wenn man die Vorbilder aus der Gleichung nimmt oder sie gar nicht erst existieren. Natürlich spielen auch noch sozioökonomische Faktoren eine entscheidende Rolle für die Entwicklung von jungen Männern wie diejenigen, mit denen Alice Diop hier spricht. Wie viel Potenzial des Guten hier einfach im Nichts verpufft, ist deprimierend.
Denn dieses Potenzial ist zweifelsohne vorhanden. Diops kurzes Eintauchen in diese Welt zeigt, dass diese jungen Männer sich sehr wohl artikulieren können und dass sie Zugang zu ihren (nicht sonderlich guten) Gefühlen, also sich selbst haben. Aber es wird eben auch klar, dass sie keinen wirklichen Umgang damit haben, weil ihnen der von niemandem so richtig beigebracht oder vorgelebt wurde.
Ich würde das nicht direkt als fruchtbaren Boden für Misogynie, Homo- und Transphobie sowie ein generell toxisch-männliches Rollenverständnis bezeichnen. Aber es begünstigt diese Entwicklung schon, weil es unter diesen Umständen extrem schwer ist, das notwendige Maß an Reflexion und Introspektion an den Tag zu legen. Denn da ist kaum jemand, der ihnen regelmäßig mal den Spiegel vorhält.
🇫🇷, R: Alice Diop, Trailer, Letterboxd, Foto: Agence du court métrage
Der Dokumentarfilm steht noch bis zum 01. Juni 2025 in der Arte-Mediathek:
Der Kreativriege ist hier einfach gar nichts mehr eingefallen.
Am beeindruckendsten ist, wie hilflos dieser Film ist. Der Kreativriege ist hier einfach gar nichts mehr eingefallen. Nicht einmal mehr Exkremente sind übrig geblieben, die man an die Wand werfen könnte. So wird auf dem brüchigsten aller möglichen Fundamente versucht, doch noch irgendwie einen möglichst dramatischen Bogen zu spannen. Natürlich fällt dieser Versuch in Windeseile in sich zusammen – kein ironischer Spruch und kein Needledrop dieser Welt können dieses Kind noch aus dem Brunnen retten. Deadpool und die Guardians haben in dieser Hinsicht eh schon nur noch verbrannte Erde hinterlassen.
★☆☆☆☆
🇺🇸, R: Kelly Marcel, D: Tom Hardy, Chiwetel Ejiofor, Juno Temple, Stephen Graham, Peggy Lu, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Sony Pictures Entertainment Deutschland
Entpuppt sich überraschend als Medien- und Technologiekritik
Foto: Immer Gute Filme, Mubi, Yabayay Media, Antipode Films
Für Menschen, die sich ab und an mal mit der Welt auseinandersetzen, in der sie leben, ist nichts von dem, was hier zu sehen ist, etwas Neues – auch nicht unbedingt die Drastik mancher Szenen, wenngleich sie natürlich trotzdem extrem nahegehen.
Ein palästinensischer Mann wird niedergeschossen und ist danach querschnittsgelähmt, weil er verhindern wollte, dass israelische Soldaten seinen Generator zerstören. Ein israelischer Siedler schießt im Streit mit seinem Maschinengewehr einem anderen Palästinenser in den Bauch und verletzt ihn dabei tödlich – vor den Augen untätig dabeistehender israelischer Soldaten.
Unter Anerkennung zweier maßgeblicher Umstände – des Selbstverteidigungsrechts Israels und der völkerrechtswidrigen Besatzung des Westjordanlandes durch Israel – muss man gedanklich trotzdem keine großen Verrenkungen machen, um zu erkennen, welches Unrecht hier der palästinensischen Zivilbevölkerung widerfährt.
Was hier dokumentiert wird, ist viel mehr als „nur" der seit Jahrzehnten vorherrschende Alltag im Nahostkonflikt. Vielmehr werden implizit das Versagen der internationalen Gemeinschaft und die falschen Versprechen der großen Technologiekonzerne sichtbar. Über und aus palästinensischen Gebieten wird so viel gefilmt, gepostet, gestreamt, geschrieben, getwittert, gebloggt wie noch nie zuvor. Aber es juckt einfach nicht, die Bilder rauschen so schnell an uns vorbei, wie sie ins Netz gelangt sind – oder sie erreichen uns erst gar nicht, weil sie nicht durch die Mauern des algorithmischen Gefängnisses dringen können. Hinter denen ist irgendwie jede:r ein bisschen gefangen, der:die nicht chronisch online ist und sich deshalb durch Kenntnis der Mechanismen ihrer Wirkung entziehen kann.
„Jede:r kann Sender:in werden!", war und ist eines der zentralen Versprechen des modernen Internets. Das Kleingedruckte: „Das heißt aber noch lange nicht, dass jede:r die gleiche Plattform bekommt oder überhaupt empfangen werden will."
Vom Titel ausgehend habe ich diesen Film vor allem als Appell ans Kino verstanden – als Aufforderung, sich wieder offensiver mit grundlegenden Themen und den großen Fragen des menschlichen Zusammenlebens auseinanderzusetzen, sich der Liebe zu widmen.
Denn auch die Liebe ist politisch und schmerzhaft sowieso. Manchmal blüht die Liebe genau dort auf, wo sie gar keinen fruchtbaren Boden hat, auf dem sie langfristig überleben könnte. Sie ist im selben Moment dem Tode geweiht, in dem sie aufkeimt. Manchmal kann man nicht ohneeinander, aber erst recht nicht miteinander sein.
Die Frage, ob man sich von dieser Welt und den Erwartungen anderer lösen muss, um wirklich frei sein, ehrlich einander lieben zu können, ist so drastisch und bitter wie berechtigt. Hong Sang-soo stellt sie eben nur etwas provozierend, vielleicht sogar in transgressiver Absicht.
★★★★☆
🇰🇷/🇫🇷, R: Hong Sang-soo, D: Kim Sang-kyung, Lee Ki-woo, Uhm Ji-won, Lee Kyung-jin, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: mk2 Films
Von Jean-Luc Godard über Agnès Varda bis François Truffaut und vielleicht auch Jean-Pierre Melville – hier stecken wirklich die Titan:innen des französischen Kinos drin – und zwar nicht nur mit ihrer Bildsprache, sondern natürlich auch ihren Themen.
Liebe, Freundschaft, das Verhältnis zwischen Mann und Frau und die Rolle des Menschen im Kapitalismus, die kaum mit dem Streben nach Erfahrungen und dem Schöpfungsdrang vereinbar scheint – all das steckt in diesem Kurzfilm.
Aber die Frage ist doch, wie viel Louis Garrel eigentlich in dieser knappen Dreiviertelstunde steckt. Denn den großen Namen derart nachzueifern, hinterlässt einen sehr eitlen Nachgeschmack. Bevor man behauptet, mit seinen offensichtlichen Vorbildern mithalten zu können, sollte man sicherstellen, dass man wirklich etwas zu sagen hat. Was das hier sein soll, kann Garrel mit seinem Kurzfilm bis zum Schluss jedoch nicht wirklich beantworten.
🇫🇷, R: Louis Garrel, D: Arthur Igual, Léa Seydoux, Albert Igual, Sylvain Creuzevault, Lolita Chammah, Laurent Laffargue, Gilbert Beugniot, Trailer, Letterboxd, Foto: Les films du clan
Der Kurzfilm steht noch bis zum 01. Juni 2025 in der Arte-Mediathek:
François Ozon benutzt hier mit Rohmersche Mitteln das große Besteck, um uns erst zu ver- und dann hineinzuführen in den Abgrund dieser zutiefst verstörenden Geschichte, in der der Protagonist Alexis eigentlich nur eine Nebenrolle spielt. Denn als David in sein Leben tritt, überlagert der sehr schnell einfach alles.
David ist Täter und Opfer zugleich. Er hat den Tod seines Vaters bisher nicht überwunden und verarbeitet, konnte vermutlich offenliegende Konflikte vor dessen Tod nicht mehr lösen. Seine Psyche reagiert darauf mit totaler Abstumpfung. Um sich selbst bzw. überhaupt etwas zu spüren, bleibt David zunehmend nur die Ekstase – auf dem Motorrad, auf der Achterbahn, mit dem Segelboot bei herannahendem Gewitter auf offenem Meer.
Das macht David zu einem regelrechten Drogenjunkie. Und was passiert mit Menschen im Umfeld von Suchtkranken? Sie werden unweigerlich mit in den Abgrund gerissen, weil sie glauben, helfen und das Gegenüber noch aus dem Abgrund ziehen zu können.
David saugt Alexis emotional aus, bis fast nur noch eine leere Hülle übrig ist. Er lovebombt ihn, überwältigt ihn vorsätzlich, um ihn dann auf der Suche nach dem nächsten ekstatischen Hit eiskalt unter sich zu begraben.
Faszinierend war für mich, wie Alexis seinen Namen benutzt, um mit allem umzugehen. Je nach Situation und Gegenüber ist er mal Alexis, mal Alex – als ob er so zwei voneinander getrennte Persönlichkeiten schafft und/oder dissoziiert.
Gerne hätte ich noch mehr über Alexis erfahren. Bestimmte Aspekte in der Beziehung zu seinen Eltern und deren Weltbild werden immer wieder angedeutet und lassen eine vielschichtige Gemengelage hinsichtlich Moral, Toleranz und Akzeptanz vermuten. Aber es bleibt eben nur bei Andeutungen, alles wabert nur vage im Hintergrund herum und drängt nie wirklich hinein in diese Welt.
Die heutigen Dailies unter anderem mit: „Twin Peaks“ für umme, Spielepodcasts und roten Linien
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