Mikhaël Hers lässt dem Schmerz Raum, verengt jedoch unnötig den Wahrnehmungskorridor
Foto: MFA Film
Der 13. November 2015 steckt diesem Film noch tief in den Knochen und das ist auch absolut verständlich. Mikhaël Hers beschäftigt sich durch die Augen seiner Figuren mit den schier unendlich großen Aufgaben in den Nachwehen eines kaum zu greifenden Bruchs: Sollte um einen Neuanfang gerungen werden oder steht das der Heilung im Weg, für die durch den Schmerz gegangen werden muss?
Hers lässt allen Wegen, auf denen sich Trauer und Heilung in Wellen Bahn brechen, gebührend Raum. Trotzdem muss ich sagen, dass mir das alles einen Hauch zu manipulativ inszeniert ist. Erst der Auftakt in einer fast schon rohmerschen Leichtigkeit, die schließlich durch den schlimmstmöglichen Schrecken gebrochen wird, begleitet von einem sehr klaren Wechsel im Color-Grading hin zu deutlich kühlerer Farbtemperatur, die schließlich im Verlauf des Films in langsam ansteigender Frequenz wieder mit wärmeren Tönen untersetzt wird.
Das ist ganz nett, aber letztlich auch sehr transparent und ein bisschen aufgesetzt – und auch manipulativ, denn so wird dem Publikum kaum genug Raum für eigene Gefühle gelassen, alles scheint klar vorgezeichnet und vielleicht sogar vorgeschrieben.
★★★½☆
🇫🇷, R: Mikhaël Hers, D: Vincent Lacoste, Isaure Multrier, Stacy Martin, Ophélia Kolb, Marianne Basler, Jonathan Cohen, Greta Scacchi, Claire Tran, Nabiha Akkari, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: MFA Film
Dekonstruiert Psychoanalyse, entlarvt patriarchale Strukturen und strengt übermäßig an
Foto: Universal Pictures Germany
Der Film macht keinen Hehl aus dem, was wir heute wissen: Die Psychoanalyse ist sehr viel näher an der Philosophie als an Psychiatrie und Psychologie. Außerdem produziert Cronenbergs Anordnung klar die Erkenntnis, dass auch die Psychoanalyse ihre Ableitungen ausgehend von eigenen patriarchalen Vorstellungen getätigt und soziale Konstrukte als naturgegeben wahrgenommen hat.
Das macht A DANGEROUS METHOD wiederum auch zu einem Film über Macht und Kontrolle, die Psychoanalyse zu einem Instrument, mit dem Frauen kontrolliert, geformt und geführt werden und die patriarchale Gesellschaftsordnung erhalten wird. Männer zehren parasitär von der von Frauen verrichteten Arbeit – sei es fachlicher Natur oder Care-Arbeit.
Unterm Strich war der Film also durchaus interessant, aber leider auch ein ziemlich krampfhaftes Erlebnis. Denn thematisch erreicht der Film durchaus ein vielschichtiges Niveau. Nur den Figuren fehlt es letztlich an psychologischer Tiefe, was versucht wird, durch möglichst intensives Spiel zu kompensieren – was jedoch durchweg angestrengt und praktisch nie natürlich wirkt.
★★★☆☆
🇨🇭/🇬🇧/🇩🇪, R: David Cronenberg, D: Keira Knightley, Viggo Mortensen, Michael Fassbender, Sarah Gadon, Vincent Cassel, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Universal Pictures Germany
Claire Denis spielt mit einer zentralen begrifflichen Doppeldeutigkeit.
Foto: Arena Films, France 2 Cinéma
Claire Denis fängt schon ganz gut das Gefühl ein, nicht von der Stelle zu kommen, gefangen zu sein, stecken zu bleiben, in Geiselhaft seiner eigenen Entscheidungen zu sein, in seinem eigenen Leben zu versauern.
Das zentrale Thema ist die Doppeldeutigkeit von Perspektivlosigkeit. Einerseits beschreibt sie einen hoffnungslosen Blick in die Zukunft, andererseits einen Mangel an Perspektive auf das eigene Leben, einen Mangel an Selbstvergewisserung.
Ich bin nur nicht der allergrößte Fan davon, all das in diese Verkehrsinfarkt-Metapher einzubetten. Das ist mir irgendwie zu platt.
★★★½☆
🇫🇷, R: Claire Denis, D: Valérie Lemercier, Vincent Lindon, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Arena Films, France 2 Cinéma
Dem Biopic gelingt ein guter Kniff, der aber nicht über eine ermüdend durchschnittliche Erzählung hinwegtäuschen kann.
Foto: Splendid Film
Super interessant war, dass hier ausgehend von Edvard Munch in seinen letzten Tagen unter den Lebenden nicht ausschließlich durch den Rückspiegel erzählt, sondern von diesem Punkt auch ein Blick in die Zukunft – unsere Gegenwart – geworfen wurde. Das löst Munchs Themen hier etwas von seiner Person. Der Film sagt somit auch etwas Universelles aus – nicht nur über die Natur von Künstler*innen, sondern auch über die Natur des Menschen generell.
Es kann unglaublich schmerzhaft sein, sich selbst zu zeigen, sein Innerstes nach außen zu kehren. Denn was ist, wenn da, ganz tief in dir drin, wirklich nicht mehr als Schmerz ist? Was ist, wenn dann niemand diesen Schmerz erkennt, ernst nimmt, und man dann ganz alleine mit seinem unendlichen Schmerz zurückbleiben muss? Edvard Munch scheint dagegen angemalt zu haben. Er hat seine Kunstwerke bis zuletzt um sich geschart, um mit und in ihnen seinen Schmerz zu teilen.
ABER: Leider kann das alles nicht darüber hinwegtäuschen, dass MUNCH unterm Strich trotzdem ein durch und durch gewöhnliches Biopic ist. Das ist eine Konstruktion, die mich unendlich nervt und ermüdet, weil sie so billig und abgegriffen ist.
Sie fußt darauf, dass das Wesen dieses/eines Menschen ausschließlich durch wenige Schlüsselmomente, die monolithisch auf der Zeitleiste ihres Lebens thronen, bestimmt wird. Einzelnen Momenten wird so eine unglaubliche, regelrecht schicksalhafte Macht eingeräumt, der Mensch zur Tatenlosigkeit verdammt. Aber ein Mensch lebt nun mal nicht nur von Zeltstange zu Zeltstange, sondern vor allem im Alltag und nach eigenem Willen. Dort können ganz grundlegende Sorgen, Wünsche, Sehnsüchte und Träume gedeihen oder gar wuchern. Der Mensch manifestiert sich im Alltag. Diesen Menschen, diesen Edvard Munch sehen wir hier nie.
★★½☆☆
🇳🇴, R: Henrik Martin Dahlsbakken, D: Alfred Ekker Strande, Mattis Herman Nyquist, Ola G. Furuseth, Anne Krigsvoll, Ida Elise Broch, Jesper Christensen, Thea Lambrechts Vaulen, Dennis Storhøi, Lisa Carlehed, Trailer, Letterboxd, Foto: Splendid Film
Alejandro González Iñárritus Spielfilmdebüt krankt bereits an den vor allem in seinen späteren Werken zutage tretenden Manierismen.
Foto: Studiocanal
Diese radikale Handkamera, die nicht nur sehr nah an den Figuren ist, sondern sich ihnen regelrecht aufdrängt und kurz davor ist, selbst ins Geschehen einzugreifen, ist schon spannend. Sie macht uns zu einem Teil der Szene, zu einer überwachenden Instanz, die mit scharfem Auge regelrecht darauf lauert, dass die Figuren einen Fehler machen – denn dass und nicht ob sie Fehler machen werden, scheint gesetzt.
Aber genau daran ist auch ein bisschen mein Problem mit diesem Film festzumachen. Alejandro González Iñárritu nimmt sich so enorm wichtig, dass es mich ermüdet. Diese Struktur mit den drei mehr oder weniger miteinander in Verbindung stehenden Geschichten ist total aufgeblasen und gaukelt eine Vielschichtigkeit vor, die Geschehen und Figuren tatsächlich nie erreichen. Iñárritu wird Opfer seines eigenen Formfetisches.
★★★☆☆
🇲🇽, R: Alejandro González Iñárritu, D: Emilio Echevarría, Gael García Bernal, Vanessa Bauche, Goya Toledo, Álvaro Guerrero, Marco Pérez, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Studiocanal
Wer Pina Bausch persönlich in seinem Film hat, hat schon gewonnen.
Foto: Studiocanal
Sie wirken sensibel, empathisch und fürsorglich, doch Pedro Almodóvar legt Stück für Stück frei, wie diese beiden Typen im Dienste der hegemonialen Männlichkeit stehen.
Beiden geht es um das Vereinnahmen, um das Besitzen einer Frau, die wie ein Sammelgegenstand behandelt wird. Die beiden glauben, Anspruch auf eine Frau, ihren Körper und eine Beziehung mit ihr zu haben – und sind parallel gänzlich unfähig, eine Beziehung auf Augenhöhe zu führen.
Almodóvar inszeniert die Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beißt. Der eine Mann tritt ab, der andere nimmt seinen Platz ein – sowohl im übertragenen Sinne als auch direkt räumlich betrachtet.
Die poetischen Motive sind immer mit der Frau verbunden, gehen von ihr aus oder rücken sie ins Zentrum – sei es die Torera, die in ihrem prunkvollen Gewand einen präzisen wie eleganten Tanz mit dem Stier und damit dem Tod vollführt; oder die Ballerina, die ihrem Körper mit chirurgischer Präzision statueske Qualitäten inmitten anmutiger Bewegung verleiht.
Die Männer können das nicht begreifen und in Anbetracht dessen nur vor unverstandener Rührung weinen. Doch damit setzen sie die Frauen herab, machen aus der Künstlerin ein Kunstwerk, das man vielleicht nicht verstehen, aber wenigstens besitzen und damit kontrollieren kann.
Youtube hat mir einen Channel vorgesetzt, auf dem jemand unter anderem über Filme spricht und Formel-1-Rennen recappt – im ASMR-Stil. Und ich weiß ja auch nicht 🤷♂️
Calm Skateboard ASMRThis channel is for ASMR purposes, featuring videos that contain whsipering, and soft speaking, designed to help people relax, and sleep. ASMR (Autonomous
Aktuell (noch) vor der Paywall: Ronen Steinke von der Süddeutschen Zeitung spricht im Podcast mit Christina Clemm. Clemm berät aktuell Collien Fernandes, aber der ist nur mittelbar Thema der Folge, die sich in allererster Linie um das System dreht, in dem Fälle wie eben jener (immer wieder) passieren.
Christina Clemm
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