Die vermeintliche Einfältigkeit ist hier bewusstes Werkzeug.
Foto: Good Deed Entertainment
Es wäre extrem leicht, dem Film eine gewisse Einfältigkeit vorzuwerfen. Denn er bleibt hinsichtlich der Strukturen dieser religiösen Sekte ziemlich blind oder gar desinteressiert. Ihm geht ein bisschen der systemische Blick ab. Das ist bei genauerer Betrachtung jedoch kein Makel, sondern absolut notwendig, um uns als Publikum auf Augenhöhe der Protagonistin zu holen.
Wer hat schon einen Blick für die großen Zusammenhänge, die ineinandergreifenden Systeme auf diesem Planeten, wenn man noch nicht mal ansatzweise weiß, wer man eigentlich selbst ist? Während die eigenen Gefühle eine noch nie dagewesene Intensität erreichen? Die Ungerechtigkeit spüren: ja. Die Ungerechtigkeit in einem komplexeren Kontext setzen: später. Aber der Schmerz bleibt immer echt.
★★★½☆
🇨🇦/🇺🇸, R: Sarah Watts, Mark Slutsky, D: Anwen O’Driscoll, June Laporte, Liane Balaban, Antoine Yared, Hasani Freeman, Deragh Campbell, Tim Campbell, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Good Deed Entertainment
Ich werde niemals nicht davon gerührt sein, wie Agnès Varda über ihren verstorbenen Ehemann Jacques Demy spricht.
Foto: Ciné-Tamaris
So eine Retrospektive in eigenen Worten, eigenen Bildern und selbst orchestrierten Arrangements aller Elemente, das hat schon was – eben, weil es sehr persönlich, dadurch anders emotional ist und noch einmal ganz anders berühren kann. Auch die Unzuverlässigkeit in der Erzählung durch Erinnerungsfehler, die in der Retrospektive vielleicht sogar nie stattgefundene Realitäten konstruieren können, finde ich total spannend.
Ähnlich produktiv war es für mich, darüber nachzudenken, in welchem Verhältnis dieser Film zu seinem eigenen Medium steht. Dass Film ein inhärent nostalgisches Medium ist, weil er – unabhängig vom Gegenstand seiner Erzählung – immer nur bereits Vergangenes abbilden kann. Für mich ist das ein sehr bittersüßer Gedanke.
Außerdem werde ich niemals nicht davon gerührt sein, wie Agnès Varda über ihren verstorbenen Ehemann Jacques Demy spricht – wie sie augenblicklich von immenser Trauer und erfüllendem Glück gleichzeitig überwältigt zu werden scheint. Das ist auch für mich von außen so schön und so schmerzlich zugleich.
Beeindruckende zehn Stunden, in denen wir als Publikum niemals aus der Verantwortung entlassen werden, in Dilemmas schmoren müssen und mit unserer eigenen Abgründigkeit konfrontiert werden
Lange habe ich mich nicht an den DEKALOG von Krzysztof Kieślowski herangewagt, obwohl ich seine Drei-Farben-Trilogie in höchsten Ehren halte. Doch jetzt kann ich behaupten, auch diesen zehnteiligen Zyklus in selbigen Ehren zu halten.
Der aktuell in der Wikipedia formulierte Einstieg erschien mir vorher recht schwülstig und vielleicht sogar überzogen.
Bei Kieślowski ja eigentlich eine Kritik an fundamentalistischen Denkstrukturen. Denn: Wo ist dein Gott, wenn das unsagbare geschieht? Wo war dein Laplacescher Dämon, als sich plötzlich doch der Boden unter den Füßen auftat?
In seinem Streben nach einfachen Lösungen für komplexe Probleme manövriert sich der Mensch in (moralische) Sackgassen. Das Denken in Absoluten, das Verlangen nach lückenlosen Erklärungen, das Träumen von einer dogmatischen Welt und das Herbeisehnen einer einfachen Existenz in einer immer komplexeren Welt sind nachvollziehbar menschlich, fatalistisch und selbstzerstörerisch zugleich.
Die Welt, in der sich die Menschen zunehmend ins Private zurückziehen, findet zwingend eine Entsolidarisierung, Entfremdung voneinander und Vereinsamung statt. Gemeinschaft ist etwas, das simuliert wird und immer weniger tatsächlich existiert. Und wer sich ins falsche Leben zurückgezogen hat, wird irgendwann feststecken, weil der Weg zurück in die solidarischen Arme einer Gemeinschaft längst versperrt ist.
Hier wird auf transgressive Art und Weise der Familienbegriff auf die Probe gestellt. Wo verlaufen dessen Grenzen? Welche Faktoren bestimmen, wer zu einer Familie wird, wer Familie ist und wer aufhört, Familie zu sein? Und welche Rolle spielt darin die Moral?
Die Nummer IV lässt mich nun zum ersten Mal innerhalb der Reihe ohne klaren Gedanken zurück. Vielmehr wirkt es so, als ob Kieślowski eine Bombe in den Raum wirft, verschwindet und uns als Publikum mit der Explosion und dem anschließenden Chaos zurücklässt.
Ein kurzer Satz zu EIN KURZER FILM ÜBER DAS TÖTEN: Krzysztof Kieslowski ringt hier eindrücklich mit der Natur des Menschen, dessen Trieben, Recht und Gerechtigkeit. (Und ich mit der Vignettierung.)
Wahrscheinlich hat mir das dabei geholfen, meinen Blick nun für weitere Aspekte zu weiten und andere Themen auf mich wirken zu lassen.
Jedenfalls ging mir jetzt die starke Vignettierung viel weniger auf den Geist, weil sie mich nun ein wenig an die Verengung der Perspektive hat denken lassen, die jeder Mensch automatisch vornimmt, wenn er etwas in den Blick nimmt. Eine Entscheidung, etwas bestimmtes wahrzunehmen ist gleichzeitig auch immer eine Entscheidung, andere Dinge nicht wahrzunehmen. Ein Teil der Welt wird immer ausgeblendet.
Außerdem ist mir jetzt viel mehr der symbolische Einsatz der Farbe Rot aufgefallen. Da ist die junge Lieferantin, die mit ihrer roten Jacke im grau-braunen Einheitsbrei der heruntergekommenen Sozialsiedlung total hervorsticht. Da ist das Mädchen – ebenfalls mit roter Jacke –, das durch das Fenster des Cafés dabei zu sehen ist, wie es herzlich lacht wie niemand sonst im Film.
Diese Verknüpfung der Farbe Rot mit Sehnsucht, Hoffnung und Wehmut ist später popkulturell etwa auch in SCHINDLER'S LIST oder THE MATRIX verhaftet.
Die längere Schnittfassung, A SHORT FILM ABOUT LOVE, kannte ich schon:
Ein zynisches und vielleicht auch gerade deswegen so tolles voyeuristisches Machtspiel über Begierde, Verführung, Sex, Sehnsucht, Liebe, Hoffnung und Träume. Krzysztof Kieślowski setzt das Kaninchen vor die Schlange und nimmt Wetten an.
Der Fernsehfassung fehlt es eindeutig etwas an Raum zum Atmen. Die Anordnung fühlt sich so viel forcierter und behaupteter an.
Trotzdem hat sich für mich noch mal eine Facette hervorgetan, die ich zumindest beim letzten Mal nicht schriftlich festgehalten habe: Hier geht es natürlich auch um Geschlechterrollen und -verhältnisse.
Wie wird man Mutter – qua Blut oder qua Handeln entsprechend einer Mutter? Oder gibt es hier am Ende gar keine eindeutige Antwort?
Letztlich geht es hier doch um die Absolutheit von Regeln, Normen und Erwartungen. Über das endgültige Verwehren von Chancen, Rehabilitation und dem Übernehmen von Verantwortung im Widerspruch zu einer Welt, in der Ethik und Moral eigentlich permanent neu verhandelt werden bzw. werden müssen.
Auch im siebten Kapitel des Dekalogs bleibt es beeindruckend, wie viel hier auf einem derart engen Raum zusammenkommt, ohne dass ein Schleudertrauma produziert wird. Stattdessen entfaltet sich sie Figurenanordnung vor uns wie das Fraktal einer Mandelbrot-Menge mit immer neuen Details in immer neuen Schichten hinter immer neuen Ecken.
Ein verzwacktes Was-wäre-wenn-Spiel in Kombination mit Rückschaufehlern und gewissermaßen auch einem Präventionsparadox. Kieślowski zelebriert den Zustand des Unauflösbaren, aber auch das Anerkennen des Menschseins des jeweiligen Gegenübers. Denn darin liegt die zukunftsgerichtete Hoffnung.
Und ich habe den Eindruck, dass sich das auch im Color-Grading dieser Episode spiegelt. Zum ersten Mal im Dekalog hatte ich das Gefühl, mich nicht in einer grauen und folglich ausweglos elenden Welt wiederzufinden. Hier sind die Farben viel gesättigter, intensiver, klarer und breit gefächerter als bisher.
Ein gelungenes Venn-Diagramm aus Liebe, Eifersucht und Obsession. Und die Erzählung von einem Mann, der alle drei Teilmengen als ein und dasselbe begreift. Der emotionale Gewalt anwendet, der manipuliert und seine Frau in eine psychische Abhängigkeit treibt. Das ist keine Liebe, sondern Versklavung.
Einem Leben nachzutrauern, das einem angeblich vorenthalten wurde, ist vergiftete Trauer. Es ist keine Trauer nach dem Tod eines Menschen, sondern die Wut darüber, dass angebliche Ansprüche verwehrt wurden.
Aus dieser Wut wird schließlich Neid – Neid auf die Version seiner selbst, die vielleicht hätte sein können. Dieser Neid verunmöglicht es, mit der Vergangenheit Frieden zu schließen, im Moment zu leben oder sich selbstwirksam eine Zukunft vorzustellen.
Verdauen oder verdaut werden, das ist hier die Frage!
Foto: Alamode Filmverleih
Mišel Matičević spielt einen Menschen, der als Reaktion auf gemachte Erfahrungen nicht unbedingt blind geworden ist für den Kontext, in dem er lebt, sondern ihn aus Selbstschutz und einer Art Selbstverteidigungsreflex ausblendet – bewusst und unbewusst.
Daraus entwächst eine Paranoia inmitten eines Umfelds, in dem Matičevićs Figur die Wände aus allen denkbaren Richtungen immer näher kommen sieht – auch, weil er zunehmend davon überzeugt ist, mit seiner bloßen Existenz andere zu provozieren und herauszufordern.
Genial damit Hand in Hand geht die Szenerie, gehen die schier endlosen, verzweigten, tristen, trostlosen, labyrinthartigen (und offensichtlich unklimatisierten) Gänge dieses Pharma-Komplexes, die sich zunehmend albtraumhafter anfühlen – oder sogar wie die Eingeweide eines viel größeren Monstrums, in denen sich die Menschen ihrem Schicksal ergeben durch die Windungen drängen lassen.
Doch bei aller Bildstärke verstolpert sich der Film an anderer Stelle auch. Der Versuch, den uns zuvor aufgezeigten Erfahrungshorizont noch einmal aufzubrechen, verfolgt das Ziel, die Komplexität der Welt aufzuzeigen und sich einer Erzählung ohne Zwischentöne zu verweigern. Doch auf diesem engen Raum, der schließlich noch zur Verfügung steht, nimmt das fast schon relativierende Züge hinsichtlich Diskriminierungs- und Mobbingerfahrungen an.
Das ist besonders schade, weil ich nicht den Eindruck habe, dass der Film darauf hinaus möchte. Aber der Effekt hat sich für mich nun mal eingestellt.
Agnès Varda navigiert fast schon mühelos die unglaublich vielen verschiedenen Routen und Ausfahrten, die genommen werden können.
Foto: Ciné-Tamaris
Ein beeindruckend vielschichtiges, nuanciertes, umfassendes und folglich komplexes Bild vom Kampf der Frau. Varda beschäftigt sich sehr viel mit Privilegien und was sie für das Einfordern von Selbstbestimmung bedeuten. Denn das muss man sich wortwörtlich leisten können. Wie kann ein Kampf mit der notwendigen Energie geführt werden, wenn die Care-Arbeit trotzdem komplett an dir hängenbleibt, weil dein Mann (emotional) abwesend ist?
An dieser Stelle wird nicht nur die Frage nach der Solidarität unter den Frauen gestellt, sondern auf die gesamte Gesellschaft ausgeweitet. Nur wenn wir alle begreifen, dass sich bestimmte Zustände für diskriminierte Menschen nur dann ändern, wenn sich mehr als nur diese Menschen aktiv dafür einsetzen, können diese Verhältnisse nachhaltig zum Besseren verschoben werden.
Dieser Komplex hat unglaublich viele verschiedene Routen und Ausfahrten, die genommen werden können. Doch Agnès Varda scheint das fast schon mühelos zu gelingen – dazu noch in einer fast epischen Erhöhung, ohne dabei die Bodenhaftung zu verlieren.
★★★★☆
🇧🇪/🇫🇷/🇻🇪, R: Agnès Varda, D: Thérèse Liotard, Valérie Mairesse, Robert Dadiès, Mona Mairesse, Francis Lemaire, François Courbin, Salomé Wimille, Dominique Ducros, Ali Rafie, Jean Van Der Swalnen, Gilette Barbier, Isabelle Eduards, Frédéric Boyot, Laurent Plagne, Élise Beltrame, Laetitia Rojas, Rosalie Varda, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Ciné-Tamaris
Der Horror liegt nicht in der Isolation, sondern darin, dass aus dieser jederzeit ausgebrochen werden kann.
Foto: NSM Records
Die größte Schwäche des Films ist sicherlich, wie plump diese Versuchsanordnung vorbereitet wird – mit total halbgaren, irritierend ungelenken und lächerlich dahinbehaupteten Erklärungen. Letztlich glaube ich, dass es das nicht nur gar nicht gebraucht hätte, sondern dass der Film ohne diese Ausführungen wahrscheinlich sogar noch effektiver geworden wäre. Aber am Ende ist das auch nur ein uninteressantes „Was wäre wenn?" von mir.
Was ich jedenfalls davon abgesehen in SHIVERS angelegt gesehen habe, hat mich auch ein bisschen an den wahrscheinlich zufälligerweise im selben Jahr wie der Film erschienenen Roman High-Rise von J. G. Ballard bzw. Ben Wheatlsys spätere Verfilmung dessen (2025) denken lassen. (Wikipedia sagt, ich bin damit nicht alleine.)
Hier wurde ein Ort für eine Oberschicht geschaffen, der kein Bedürfnis unbedient lässt und erst gar nicht den Wunsch aufkommen lässt, ihn zu verlassen. Doch diese Isolation vom Rest der Gesellschaft führt zu einem immer radikaleren Ablösen (des Geistes) von jeglicher Realität und sich gegenseitig beschleunigenden Dynamiken – was bei Cronenberg eben auch Ausdruck in einer sexuellen Transgression findet.
Der Horror liegt nicht darin, was innerhalb dieses Wohnkomplexes für die Oberschicht passiert, sondern darin, dass dieser Horror jederzeit nach außen getragen werden kann und wir keinerlei Kontrolle darüber haben. Innerhalb dieser Mauern wird ein Monstrum herangezüchtet, das schließlich auf die Welt losgelassen wird – ein zeitloser Gedanke, der derzeit wohl vor allem in Sachen KI wieder auf fruchtbaren Boden fällt.
Außerdem gibt es im Film eine Zeile, die sehr eindrücklich das weitere Schaffen von Cronenberg voraussagt: „Even dying is an act of eroticism."
★★★☆☆
🇨🇦, R: David Cronenberg, D: Paul Hampton, Joe Silver, Lynn Lowry, Allan Kolman, Susan Petrie, Barbara Steele, Ronald Mlodzik, Barry Baldaro, Camil Ducharme, Hanna Poznanska, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: NSM Records
Die heutigen Dailies unter anderem mit: „Twin Peaks“ für umme, Spielepodcasts und roten Linien
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