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Filmkritik

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Gesehen: Germany, Year Zero (1948) - Zerbrochene Zeit

Angesichts der unmittelbaren zeitlichen Nähe zum Kriegsende ein überaus beachtlicher Film.

Gesehen: Germany, Year Zero (1948) - Zerbrochene Zeit
Foto: Studiocanal

Wie schon Rossellinis drei Jahre zuvor erschienener ROME, OPEN CITY (1945) ist auch das hier ein extrem beachtlicher Film angesichts der unmittelbaren zeitlichen Nähe zum Kriegsende – aber auch angesichts der unbequemen Wahrheiten, die hier gnadenlos auf den Tisch gelegt werden.

Die politische Führungsriege der Nazis mag entmachtet oder tot gewesen sein, aber was geschieht mit einem ganzen Volk aus Täter*innen? Die gesamte Gesellschaft ist derart von menschenverachtender Ideologie durchsetzt, dass Kinder wortwörtlich ihre Väter töten müssen, um diesen Zustand zu überwinden.

In ROME, OPEN CITY kann sich Rossellini noch zu einem vergleichsweise hoffnungsvollen Ende mit den zukunftsgerichteten Blicken der Kinder durchringen. Doch hier, im verdorbenen Herzen Deutschlands, scheint das aussichtslos. Hier ist die Zeit nicht nur zu einem Stillstand gekommen, sie ist irreparabel zerbrochen. Es kann kein Zurück, aber vor allem auch kein Vor mehr geben.

Vielleicht muss wirklich alles restlos planiert werden, damit etwas Neues, von alldem Losgelöstes entstehen kann. Mit ein paar scheinheilig herumopfernden Überbleibseln wird das nicht möglich sein.

★★★★☆

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Gesehen: Eismayer (2022) - Pol Dancing

Der Film spielt mit der Verschränkung zweier gegenüberliegender Pole, ist sich aber leider nicht zu Schade für öden Kitsch.

Gesehen: Eismayer (2022) - Pol Dancing
Foto: Salzgeber

Gar nicht gefallen hat mir, dass sich der Film echt nicht zu schade für total verkitschte Momente ist. Dass er so arg um Versöhnlichkeit bemüht und darauf aus ist, zum Ende wirklich jegliche Reibung aufzulösen.

Wirklich gut hat mir dann wiederum gefallen, wie der Film den Weg dieser beiden Figuren und ihre Rolle im System Militär zeichnet. Eismayer flüchtet sich in die toxisch-maskuline Machtstruktur des Heers, deren Ziel Deindividualisierung ist. In dieser Struktur kann er sich verstecken.

Der Rekrut Falak hingegen will sich diesen Strukturen nicht unterordnen. Damit meine ich nicht unbedingt eine Aufmüpfigkeit gegenüber Vorgesetzten oder ein generelles Ablehnen des Militärs. Vielmehr weigert er sich, sich als Individuum aufzugeben und in der Kompanie aufgehen zu lassen.

Von diesen entgegenstehenden Polen aus, laufen Eismayer und Falak unterbewusst aufeinander zu, verharren kurz an der Kreuzung ihrer Wege und entfernen sich dann wieder voneinander – bis der Kitsch die Schleife doch noch zusammenbindet.

★★★☆☆

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Gesehen: Resident Evil: The Final Chapter (2016) - Konservativ gegen die Wand

Der Film hat einen einzigen produktiven Aspekt, den man sich schon mit sehr viel Anstrengung und maximalem Wohlwollen erarbeiten muss.

Gesehen: Resident Evil: The Final Chapter (2016) - Konservativ gegen die Wand
Foto: Constantin Film

Der interessanteste Aspekt, den ich diesem Film mit endlos vielen zugedrückten Augen gerade so noch zugestehen würde, ist, dass letztlich ein Bild dafür gefunden wird, dass der Konservatismus die Welt vor die Wand fährt.

Hier wird vermeintlicher Fortschritt unter dem Deckmantel der eigentlich ja für Erneuerung stehenden Jugend propagiert, während die unter diesem Deckmantel agierende Strippenzieherin den Kampf gegen ihren körperlichen Verfall schon vor Ewigkeiten verloren hat. Diese Art der Elendsverwaltung ohne Rücksicht auf gesamtgesellschaftliche Auswirkungen ist ein klares Merkmal des gegenwärtigen Konservatismus'.

Aber diesen Aspekt muss man sich schon mit sehr viel Anstrengung und maximalem Wohlwollen erarbeiten. Denn sonst ist dieser Film nicht viel mehr als das Zusammenklatschen einzelner Versatzstücke der vorangegangenen Filme und ein letzter, verzweifelter Versuch, die gesamte Reihe noch einmal rückwirkend emotional aufzuladen. Das ist jedoch ein billiger und leicht zu durchschauender Taschenspielertrick, der keine einzige Sekunde des Gesamtwerks aufzuwerten vermag.

½☆☆☆☆

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Gesehen: In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod (1974) - Nüchtern bis ernüchternd

Zeit ist ein flacher Kreis. Alexander Kluge und Edgar Reitz erzählen in ihrem Film von 1974 deshalb auch von heute.

Gesehen: In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod (1974) - Nüchtern bis ernüchternd
Foto: Edition Filmmuseum

Von nüchtern bis ernüchtert sezieren Kluge und Reitz, was von der Aufbruchstimmung der 1960er Jahre übrig geblieben ist: nicht viel. Staatliche Repression nimmt zu, wirtschaftliche, politische sowie gesellschaftliche Probleme werden bewusst ignoriert oder gar verschärft und die patriarchal strukturierte Gesellschaft mit ihren bestehenden Machtverhältnissen ist (auch in den Köpfen) alles andere als überwunden.

Der Film erzählt damit in Kombination mit seinem Titel auch viel über unsere Gegenwart. Heruntergebrochen geht es damals wie heute um die Verschiebung des Overton-Fensters. Es geht nicht um eine „natürliche" Gegenbewegung zu liberaleren Strömungen, um einen breiten gesellschaftlichen Diskurs, sondern um ein Verschieben der sogenannten Mitte nach rechts, um Sicherung von politischen wie gesellschaftlichen Vormachtstellungen.

★★★½☆

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Gesehen: The Lovers on the Bridge (1991) - Die ewige Brücke

Leos Carax inszeniert eine außergewöhnliche Liebe – eine mit unendlich vielen kleinen und auch unkonventionellen Gesten.

Gesehen: The Lovers on the Bridge (1991) - Die ewige Brücke
Foto: Les Films Christian Fechner, Films A2

Zwei Menschen kommen nicht mehr klar – mit der Welt, den anderen Menschen, der Gesellschaft, Paris und sich selbst. Zu tief sitzen Kränkungen, Verletzungen, Scham, Schuld und Angst. Doch all das lässt sich auf der Brücke, die während Bauarbeiten für Mensch und Verkehr gesperrt ist, ausblenden – inklusive sich selbst durch Fusel und Schlafmittel.

Die Tragik des Films besteht darin, dass es trotzdem kein Entkommen gibt. Die Welt mit all ihren Zwängen und Bedrohungen drängt immer wieder hinein in die scheinbare Abgeschiedenheit der Brücke. Eine Flucht vor sich selbst ist unmöglich, egal, wie sehr und mit welchen Mitteln man es versucht.

Da verschweigt der Protagonist seiner langsam erblindenden Liebe eine möglicherweise augenlichtrettende Operation. Denn wenn sie wieder „normal" sehen könnte, würde sie ja vielleicht erkennen, dass dieses Leben auf der Brücke niemals mehr als eine Flucht sein kann.

Es ist eine außergewöhnliche Liebe, die Leos Carax hier inszeniert – eine mit unendlich vielen kleinen und auch unkonventionellen Gesten. Es ist etwa sowohl skurril als auch wunderschön, wie er sie in ihrer ersten Nacht auf der Brücke auf seinem Platz schlafen lässt und für sie die Sicherung der Brückenbeleuchtung herausschraubt, damit sie nicht vom Licht wachgehalten wird.

Doch die Realität holt jeden Traum ein. Dennoch wird den beiden immer die Brücke bleiben – nicht als tatsächlicher Ort, denn nach Abschluss der Bauarbeiten wird auch der wieder von Paris und den Menschen übernommen, sondern als innerer Zufluchtsort.

★★★★½

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Resident Evil: Retribution (2012) - Arbeit als Purgatorium

Paul W. S. Anderson stößt – ob nun absichtlich oder nicht – tatsächlich die Tür zu einer allegorischen Abhandlung über die moderne Arbeitswelt auf.

Resident Evil: Retribution (2012) - Arbeit als Purgatorium
Foto: Constantin Film Verleih

Dass ich das jemals sagen und schreiben würde, hätte ich auch nicht mehr gedacht: Das war gar nicht so schlecht. Denn RESIDENT EVIL: RETRIBUTION ist aus dem richtigen Blickwinkel letztlich eine allegorische Abhandlung über die moderne Arbeitswelt.

Schnell schmeißt uns der Film ein „Was bisher geschah" zu den vorangegangenen vier Filmen vor die Füße. Aber eigentlich ist es total egal, was da überhaupt passiert ist. Niemand erwartet, dass du dich daran erinnern kannst, dir das auch mithilfe dieser kurzen Montage merkst und schon gar nicht, dass du daraus irgendwelche Schlüsse für das bevorstehende Geschehen ziehst.

Warum aus der Vergangenheit lernen und aufwändig gemachte Fehler analysieren, wenn man unendlich viele Ressourcen hat, die blind auf das Problem geschmissen werden können, bis es gelöst ist?

Wie in dieser Arbeit als Mensch, als kleines Zahnrad im großen, turbokapitalistischen Getriebe noch Sinn finden, geschweige denn suchen? Alles ist egal. Keine Tat hat Veränderung zur Folge – weder zum Guten noch zum Schlechten. Nichts ändert sich. Alles steht still und rauscht gleichzeitig dennoch in einem Affenzahn an einem vorbei. Wer verschleißt, wird aussortiert. Es ist das sich in einer albtraumhaften Endlosschleife wiederholende Anrennen gegen eine Mauer, um die herum längst ein Weg gefunden wurde, der jedoch weniger Profit verspricht.

Arbeit in diesem Sinne ist ein Purgatorium.

★★☆☆☆

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