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Filmkritik

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Gesehen: Scarlet (2022) - Nach dem Krieg ist vor dem Krieg

Es wäre ein Leichtes gewesen, im Trauma zu waten. Aber auf diesen Zynismus lässt sich Pietro Marcello erst gar nicht ein.

Gesehen: Scarlet (2022) - Nach dem Krieg ist vor dem Krieg
Foto: Piffl Medien

Ein bemerkenswert schöner, ruhiger, sinnlicher und damit auch irgendwie unerwarteter Film, der einen tiefen Glauben an die Kraft des Menschen hat, das Schlechte in der Welt überwinden zu können.

Es wäre ein Leichtes gewesen, diesen physisch und psychisch vom Krieg gezeichneten Mann als ein absolutes Wrack zu zeichnen, der in einer Suppe aus realer PTBS und Selbstmitleid schmorend auch das Leben seiner Tochter vor die Wand fahren lässt.

Aber davon lässt sich Peitro Marcello erst gar nicht „verführen". Stattdessen sind seine Protagonist*innen zu jeder Zeit mehr als nur ihr Trauma, ihr entbehrungsreiches Leben, ihr Unglück und ihr Verlust. Aber er vergisst genau diese Facetten auch nie.

Er lässt alles mit in seine komplexe Figurenzeichnung einfließen, mit der er auch klischierte Darstellungen und Stereotype unterläuft. Denn seine Figuren sind Ausdruck dessen, dass man sich immer dazu entscheiden kann, seiner Tochter ein guter Vater zu sein, unschuldige Menschen nicht für die eigene Lebenssituation verantwortlich zu machen und für sich als Mensch einzustehen – auch, um selbst heilen zu können.

Für sich selbst einzustehen, seine Werte weiterzugeben, mindert die Chancen für nachkommende Generationen, von gleichen oder gar selben Strudeln erfasst und ebenfalls in den Abgrund gerissen zu werden.

In diesem Film steckt unendlich viel Hoffnung und gleichzeitig auch eine so bittersüße Traurigkeit, denn wir wissen, dass die Grauen des Zweiten Weltkrieges schon knapp hinter dem Horizont liegen.

★★★★☆

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Gesehen: Maria (2024) - Barocke Konsequenz

Pablo Larraín schafft mit MARIA das, was bei SPENCER noch nicht ganz aufgegangen ist.

Gesehen: Maria (2024) - Barocke Konsequenz
Foto: Studiocanal

Bei JACKIE war es das Gegenüberstellen von Öffentlichem und Privatem, durch das Pablo Larraín eine unglaublich interessante Spannung erzeugt hat. Bei SPENCER war mein Eindruck, dass diese Anordnung noch um das Innere ergänzt werden sollte, das aber nach meinem Dafürhalten nicht konsequent genug war und deshalb nie wirklich aufgegangen ist. Aber hier, in MARIA, da ist diese Konsequenz plötzlich am Start.

Dieses Selbstbewusstsein, mit dem hier diese Bilder einen unglaublichen Barock vor sich hertragen, das damit einhergehende Göttliche, das so unterstrichene Divenhafte, das ist extrem verführerisch. Das Öffentliche, das Private und das Innere ringen in dieser Umgebung permanent darum, wer für den Moment die Kontrolle über den Menschen Maria Callas erlangen kann.

Letztlich zersetzt und zerreißt es diesen Menschen so irgendwann von innen heraus – weil die Grenzen zwischen dem Öffentlichen, dem Privaten und dem Inneren nicht nur zunehmend durchlässig, sondern schließlich gänzlich aufgelöst werden. Deshalb bleibt Pablo Larraíns Maria Callas keine andere Wahl, als auch vor sich selbst ein Bild zu konstruieren, das eigentlich der öffentlichen Wahrnehmung dient. Sie muss sich selbst an der Nase herumführen, um sich überhaupt noch irgendwie selbst wahrzunehmen – wenn auch völlig verklärt.

Zusammen mit der barocken Opulenz und dem Rausch der Bilder hat mich das stellenweise auch sehr an Terrence Malick erinnert. Denn bei ihm wie auch hier bei Larraín sind es kluge, empathische, präzise und schwungvoll elegante Kamerabewegungen, die diesen inneren Zuständen einen bildästhetischen Ausdruck verleihen.

★★★★☆

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Gesehen: Die Unbeugsamen (2021) - Existenz als Reaktion

Nicht nur bemüht sich der Film nicht einmal formal interessante Wege zu gehen, er wird auch den Frauen in seinem Zentrum keineswegs gerecht.

Gesehen: Die Unbeugsamen (2021) - Existenz als Reaktion
Foto: Majestic Film, Annette Etges

Dass das formal alles total uninteressant, spröde und den offensichtlichen Motiven von den Abgeordnetenreihen bis zum Bundesadler nachgeifernd ist, ist kaum der Rede wert. Denn die viel größere Schwäche, das große Versagen des Films ist, wie sehr er sich auf die wirklich billigsten Allgemeinplätze zurückzieht.

Ja, es ist absolut unter aller Sau, wie (diese) Frauen behandelt wurden – innerhalb der eigenen Parteien, fraktionsübergreifend, medial und gesellschaftlich. Ja, es ist wichtig, auch das differenziert aufzuarbeiten. Ja, das macht der Film gut. Aber an diesem Punkt endet die Arbeit des Films schon wieder.

Mehr als anderthalb Stunden lang werden diese Frauen auf exakt zwei Arten porträtiert: durch eine männliche Linse und in Reaktion auf unverhohlenen Sexismus. Aber was haben diese Frauen konkret bewegt? Was ist deren politisches Vermächtnis abseits von bloßen Parteiämtern? Das sind Fragen, die maximal mit Halbsätzen beantwortet werden.

All diese Zeitzeuginnen noch vor die Kamera bekommen zu können und sie dann aber fast nur davon erzählen zu lassen, dass patriarchale Arschlöcher patriarchale Arschlochdinge getan haben, ist an Ironie gar nicht so leicht zu überbieten.

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Gesehen: The Woman in the Yard (2025) - Dem Diskurs hinterher

Der Film verkennt leider, dass bestimmte metaphorische Konstruktionen mittlerweile zu einer Art Klischee verkommen sind.

Gesehen: The Woman in the Yard (2025) - Dem Diskurs hinterher
Foto: Universal Pictures International Germany

Diese Anordnung des höllenartigen Kreislaufs, diese Verdammung dazu, immer und immer wieder die eigenen Verfehlungen zu durchleben, das hat mir schon gefallen. Denn wie das hier geschieht, ist das schon sehr nah dran an den Mustern realer psychischer Krisensituationen. Ganz nett untermauert wird das dann mit Ideen wie der des Schattens der „Woman in the Yard", der durch „Berührung" Gegenstände und Menschen im physischen Sinne manipulieren kann – wie eben der eigene Kopf, die eigene erkrankte Psyche, die die eigene Wahrnehmung der Welt kapert und verzerrt.

Doch diese Gesamtkonstruktion ist dann wiederum die einzige Idee des Films: die Schreckgestalt als Metapher für verdrängte Traumata und psychische Erkrankungen. Vor 15 Jahren wäre das vielleicht noch innovativ gewesen. Heute ist genau das fast schon zum Klischee verkommen.

Metaphern wie diese sind maximal noch Ausgangspunkt, aber längst nicht mehr Ziel. Sie gaukeln nur noch psychologische Tiefe vor, weil Kunst und Gesellschaft im Diskurs längst fortgeschritten sind. Sie sind durchgespielt. Ausschließlich auf sie zurückzugreifen, ist im Grundsatz nobel, aber ambitionslos.

★★½☆☆

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Gesehen: Sing Sing (2023) - Unantastbare Würde

Der Film vermeidet und unterläuft konsequent verkitschte Stereotype mit einer unglaublichen Wärme.

Gesehen: Sing Sing (2023) - Unantastbare Würde
Foto: Weltkino Filmverleih

Wie der Film konsequent total verkitschte Stereotype vermeidet und mitunter sogar unterläuft, hat mir gefallen. Die Kamera begegnet diesen Figuren mit unglaublich viel Wärme – auch formal, bedingt durch das Drehen mit analogem Film und das Color Grading.

Der Film bleibt durchgehend den Menschen zugewandt und lässt Taten, die verbüßt sind oder gerade verbüßt werden, niemals zu deren Wesenskern werden. Er beharrt darauf, dass die Würde des Menschen unantastbar ist und es nur auf dieser Grundlage ein Fortbestehen der Menschlichkeit in der Welt geben kann.

Doch darüber hinaus wird hier nach sehr wenig gegriffen. Es werden sehr ausdrucksstarke Schauspieler in den sinngemäßen Obsthain gestellt, wo sie dann die am tiefsten hängenden Früchte pflücken dürfen. Klar, der Erntesack füllt sich dadurch beachtlich schnell. Aber wirklich gearbeitet wurde dafür nicht. Übersetzt: Der Film ist auch ein Blender, der keine besondere (psychologische) Tiefe erreicht und etwas Größeres, als er eigentlich zu leisten vermag, vor sich herträgt.

★★★½☆

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Gesehen: Im toten Winkel (2023) - Autoritäres Vexierspiel

Lockt auf eine falsche Fährte und lässt dann gelungen Stück für Stück Zeit und Raum auseinandersplittern.

Gesehen: Im toten Winkel (2023) - Autoritäres Vexierspiel
Foto: missingFILMs

Ein wirklich großartig gelungenes Vexierspiel, das uns zu Beginn auf eine gänzlich falsche Fährte lockt und dann Stück für Stück Zeit und Raum auseinandersplittern lässt – durch den erratischen Schnitt, springende Blickwinkel und ein permanentes Vor- und Zurückbewegen durch die Zeit. Nie können wir uns absolut sicher sein, an welchem Punkt wir selbst uns im Geschehen befinden, welche Figur zu welcher Zeit was hinter sich hat, was ihnen noch bevorsteht, was sie wissen und noch nicht wissen können.

Es ist ein Abbild der zersetzenden Wirkung autoritärer Methoden. Erst wird der Glaube der Figuren an ihre eigene Wahrnehmung gebrochen, dann zieht Paranoia in jeden noch so kleinen Lebensbereich ein, und zack, schon ist die gesamte Energie eines Menschen gebunden und kann nicht mehr dazu eingesetzt werden, die Systemfrage zu stellen.

Diese Mechanismen, diese damit einhergehende Allgegenwärtigkeit des Überwachungsstaates durch den imaginierten Freund eines Mädchens zu versinnbildlichen und gewissermaßen auch eine Gespenstergeschichte daraus zu machen, hat mich einfach total abgeholt.

Das zweischneidige Motiv des unsichtbaren Freundes – für manche besorgniserregende Alarmglocke einer belasteten Psyche, für andere spielerischer Teil des Erwachsenwerdens – steht wirklich klug für die ständige Unsicherheit, die sich durch den Film zieht.

★★★★☆

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